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Zwanzig Jahre später

Zwanzig Jahre später published on 2 Kommentare zu Zwanzig Jahre später

von VJ Ane

Ich glaub ich war drei oder vier Jahre alt, damals, und so ganz verstand ich das noch nicht, was meine Mutter mir da erzählt. Sie saß mit mir an unserem großen Küchentisch und hatte vor sich ein Bilderbuch. Drauf stand in großen Buchstaben „Mein Körper gehört mir.“

Meine Mutter schaute sich mit mir das Buch zusammen an und eines, was sie mir dann ganz eindringlich sagte war „Mit deinem Gefühl hast du meistens recht. Hör darauf. Wenn du Angst hast, dann darfst du Angst haben. Wenn du dich unwohl fühlst, dann darfst du dich unwohl fühlen.“ Sie machte mir klar, dass ich nicht auf andere, sondern erstmal auf mich hören sollte. Und noch etwas war ihr wichtig: „Wenn du in einer Situation bist, in der du genau das fühlst, dann geh da raus. Wenn du das nicht kannst, dann suche dir Hilfe. Sprich jemanden an, dass er dir hilft. Schau am besten nach jemanden, der dir ähnlich ist.“ Sie meinte damit z.B. Eltern, die auch Kinder hatten.

Ich würde mich selbst nicht als schüchtern, auf den Mund gefallen oder zurückhaltend beschreiben. Ich bin selbstbewusst und strahle dies eigentlich auch aus. Ich bin kein Model, sondern ganz durchschnittlich. Eine normale Studentin um die zwanzig.

Letztes Jahr machte ich mein Praktikum in einer größeren Stadt. Ich war erst seit zwei Wochen dort und um genau ein bisschen an den Modelmaßen zu arbeiten, entschied ich mich dazu öfters mal schwimmen zu gehen. In Sportklamotten machte ich mich also auf den Weg zum Schwimmbad, was so um die 5 Haltestellen von meiner WG entfernt war. Von der Haltestelle selbst musste ich noch ein bisschen laufen. Im Schwimmbad angekommen streifte ich meinen schlichten Badeanzug über und zog ein paar Bahnen. Nach einiger Zeit drehte ich mich zur Seite, am Arm wurde ich gestreift. Ein Mann mittleren Alters schwamm an mir vorbei. „Ach, das passiert ja mal“, dachte ich noch und konzentrierte mich wieder auf mein eigenes Bahnen zählen. Doch ich fühlte mich nach einiger Zeit unwohl, ich kann gar nicht sagen warum, aber ich hatte einfach das Gefühl, dass ich beobachtet werde. „Nein, stell dich nicht so an, der arme Kerl, was unterstellst du da“, ging es mir durch den Kopf. Und doch nach weiteren fünf Minuten, nachdem ich wieder zwei Mal gestreift wurde, nahm ich mir den ersten Rat meiner Mutter zu Herzen und begab mich aus der Situation; nach nur 20 Minuten schwimmen verließ ich das Becken und ging zu den Umkleiden. Nur um dann beim Rückblicken festzustellen, dass auch der Herr, welcher noch nach mir gekommen war, das Becken verließ.

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Source: via pixabay by xing419

Ich saß jetzt also in der Kabine und starrte auf mein Handy. Gemischte Gefühle, „übertrieb ich“, „hatte ich recht“, „vielleicht passiert mir was“, „vielleicht bilde ich mir das nur ein und tu ihm Unrecht“, „vielleicht hat er nur was vergessen“. Ich versuchte eine Lösung zu finden, es gab aber niemanden, den ich kannte, der mir hätte helfen können. Ich war quasi allein in einer großen Stadt, meine Eltern, mein Freund waren zwei Stunden entfernt und meine WG-Mitbewohner, die kannte ich noch nicht gut und wusste auch nicht, ob jemand daheim war. Zudem wurde es langsam dunkel und ich hatte noch den Fußweg bis zur U-Bahn Haltestelle vor mir. Eine zwanzigjährige Studentin saß also dort, die sich hilflos fühlte. Und das war ein Gefühl, das wusste ich, was ich definitiv nicht wollte.

Da war es auf einmal, beim Suchen einer Lösung hatte mein Gehirn wohl die Erinnerung wieder ausgekramt. Auf einmal hatte ich kein schlechtes Gewissen mehr, ich hörte es noch wie damals „Du musst dich nicht für deine Gefühle schämen, hör darauf und suche dir Hilfe“. Ich musst fast schmunzeln als ich an das Bilderbuch und meine Mutter dachte, aber genau das tat ich. In der Kabine schaute ich mich um – „Such dir jemanden der dir ähnlich ist…“ – und sprach dann eine junge Frau in meinem Alter an. Anstatt es vielleicht zu belächeln, blickte sie mich ernst an und sagte, dass wir jetzt gemeinsam mal schauen würden und wir auch zusammen zum Bahnhof laufen könnten. Einen Moment musste ich warten, da sie sich noch die Haare föhnte und dann verließen wir zusammen die Kabine. Mit meiner Grübelei und dem Warten waren also schon um die zwanzig Minuten vergangen. Anna, wie sie sich mir vorstellte, ließ sich von mir den Herren beschreiben und ging vorne einmal schauen.

Als sie zurückkam blickte sie ernst drein, „ja der steht in der Eingangshalle“. Da ich immer noch Angst hatte jemanden fälschlich zu beschuldigen, wartete sie weitere 5 Minuten geduldig mit mir. Doch auch nach der Zeit und einer zunehmend sich leerenden Wartehalle schien der Herr sich nicht bewegen zu wollen.

Wir sprachen daraufhin den Bademeister an. Er war in unserem Alter und schaute uns etwas verdutzt an „Seid ihr euch sicher?“. Ich erklärte ihm es in aller Ruhe, meine Situation, das ich niemanden beschuldigen wollte, aber das ich quasi allein hier in der neuen Stadt wäre. Und dabei dachte ich gleichzeitig „Warum muss ich mich hier jetzt eigentlich rechtfertigen? Muss erst was passieren, damit man ein Recht hat sich unwohl zu fühlen“. Der Bademeister schaute dann mit uns von seinem Platz aus auf die Monitore der Wartehalle und nach einiger Zeit „Boah, ganz ehrlich, da würd ich mich auch nicht wohl fühlen, der ist ja immer noch da. Das geht ja gar nicht und schaut immer wieder rüber.“

So machte ich mich auf den Weg mit zwei Leuten neben mir, ich fühlte mich nicht mehr hilflos, nein und auch nicht mehr unwohl jetzt. Wir gingen zusammen auf den Herrn in der Halle zu, welcher nun selbst etwas unwohl dreinschaute und schon Richtung seiner Tasche ging. Doch zum Reden kam ich dann zunächst gar nicht, der junge Bademeister fragte ihn, ob er auf jemanden wartete oder in Begleitung da war. Nach unzusammenhängenden Erklärungsversuchen seinerseits und des Verneinens einer Begleitung, sagte ich dann auch etwas: Dass ich mich egal was sein Grund gewesen sein mag durch sein Verhalten gestört und belästigt gefühlt habe und das ich dies nicht so tolerieren möchte. Ich erklärte ihm genau wie ich mich gefühlt habe und warum. Nach weiteren Gestammel, ergriff dieser dann auch ganz schnell seine Tasche, murmelte eine Entschuldigung und verschwand.

Der Bademeister entschuldigte sich dann sogar auch noch bei mir, dass er es nicht sofort ernst genommen hätte und meinte noch, von jetzt an würde er da mehr ein Auge drauf haben. Anna brachte mich dann trotzdem noch zum Bahnhof.

Am Abend rief ich dann meine Mutter an und fragte sie, ob sie das Buch noch hätte und wir es nochmal zusammen anschauen könnten, das wäre ja doch ganz hilfreich auch noch nach zwanzig Jahren.

Ich möchte mit dieser Erfahrung, die ich ganz persönlich gemacht habe, nichts verallgemeinern. Ich weiß bis heute auch nicht, warum sich der Herr so verhalten hat, vielleicht gab es ja einen harmlosen Grund. Und ich will auch nicht sagen, dass das nur Frauen mit Männern passieren kann. Aber ich weiß genau, wie ich mich gefühlt habe. Und es gibt keinen Grund, warum ein anderer Mensch mich in so eine Lage – bewusst oder unbewusst – bringen sollte. Es ist wichtig dazu zu stehen wie man sich fühlt, es ist wichtig auch noch mit zwanzig, mit dreißig und wenn man viel älter ist zu verstehen, dass man sich immer helfen lassen darf und ich glaube es ist genauso wichtig, andere offen darauf anzusprechen – wie man sich fühlt durch sie und ihr Verhalten – und so dafür zu sorgen, dass der oder die nächste sich nicht genauso fühlen muss. Und auch ich bin jetzt wie der Bademeister ein bisschen wachsamer und helfe, wenn ich Situationen erkenne in der sich jemand unwohl fühlt.

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Falls auch ihr euch mal in solchen Situationen befinden solltet und dann allein abends/nachts Heim müsst und keiner da ist um unmittelbar zu helfen, dann gibt es ein tolles Angebot, das „Heimwegtelefon“ >> „Für mehr Sicherheit soll die Telefonhotline „Heimwegtelefon“ sorgen. Freiwillige sitzen hier an der Leitung, um diejenigen nach Hause zu begleiten, die nachts alleine auf der Straße sind. Zu Beginn des Telefonats teilt der Anrufer mit, wo er sich befindet und was sein Ziel ist. Dann folgt ein nettes Gespräch, das die Laufzeit verkürzt. In regelmäßigen Abständen wird der aktuelle Standort in Erfahrung gebracht.“ 

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