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Nicht-Mädchen – keep your rape culture out of my uterus

Nicht-Mädchen – keep your rape culture out of my uterus published on Keine Kommentare zu Nicht-Mädchen – keep your rape culture out of my uterus

von Chiara Fabri

erst

Vergangenen Freitag bekamen wir einen Blogtext von Yuri geschickt. Sie frug uns, ob wir ihn über Feminismus im Pott verbreiten wollen. Meine Aufgabe war nun, den Text zu lesen und eine erste Einschätzung zu machen, ob der vorliegende Text in das Konzept von Feminismus im Pott passen kann und, ob es über facebook geteilt werden kann – manchmal entscheiden wir uns dagegen, weil der Text oder das Video oder das Bild zu stark triggert oder zuviel Hass enthält und wir über die bloße FacebookSeite keinen guten oder halbwegs geschützten Kontext herstellen können. Bei solchem Material lohnte sich z.B. ein Blogtext zu schreiben.

Ich las also den Text. Er ist tatsächlich sehr heftig und geht an die Substanz. Als ich an die Stelle kam, in der steht, „Freispruch“, schlossen sich affektiv meine Augen. Sie wollten nicht weitersehen. Sie wollten mich schützen. Einige Sekunden gab ich nach. Dann las ich weiter. Ein nächster Schlag war, dass der freigesprochene Täter noch die Möglichkeit erhielt, das letzte Wort in der Sache zu erhalten und diese nutzte, noch ein weiteres Mal dem Opfer weh zu tun vor aller Ohren zu sagen: „Beiß mich das nächste Mal, damit ich wirklich weiß, dass du es nicht willst.“

Der Text ist wichtig und ich schrieb der Autorin, wie wir den Text an die Leser*innenschaft weiterleiten können, wir sprachen uns ab.

dann

Dann wollte ich noch schnell schmutzige Wäsche in den Keller bringen, um sobald zu meinen Eltern zu fahren. Ich bemerkte, dass mich der Text noch eine Weile beschäftigen wird. Das machen andere manchmal auch. Eine Herausforderung bei Feminismus im Pott ist, dass es Tage gibt, an denen mensch sich den gesamten Tag mit schlechten Nachrichten und Hass befasst.

Ich sammelte die Wäsche zusammen, entschied, was dringender gewaschen werden müsste als anderes. Ich ging die Treppen hinab, ich ging in den Waschkellerraum. Ich legte die Wäsche in die Maschine, schüttete ein klein wenig Waschmittel in die Maschine. Stellte das Program ein und stützte mich mit den Händen auf die Waschmaschine und versuchte mich zusammenzureißen. Denn während ich all dies tat, soviele Mädchen und Frauen, so viele. Immer und überall. Und Freispruch. Und Vorwürfe zur Lüge. Schweigen. Das sich winden der Gesellschaft und der Gesetzgeber*innen, endlich eine rechtliche Grundlage zu schaffen, die sexualisierte Gewalt tatsächlich verurteilt. Ich versuchte, mich nicht in eine Reihe mit Yuri zu stellen, ich versuchte, dem Drang, über all das nachzudenken, nicht nachzugeben. Doch in meinem Ohr klangen wieder die Worte und der Ton des Berliner Staatsanwaltes, der mir mit einem an Sandwich denkender Gleichgültigkeit mitteilte, dass man die Drogen in meinem Blut nicht festgestellt hat und ich doch einfach nur betrunken gewesen sei, was die Bewusstlosigkeit ausgelöst haben wird, wie der Labormensch vermutet. Die Klage wird fallengelassen. Ich sehe mich wieder an meinem Tisch sitzen mit dem Hörer am Ohr, nicht wissend, was ich diesem Menschen entgegnen sollte. Und wissend, mein Fall ist zu klein. Es war ja vermeintlich nur Körperverletzung, die sich in meinem Blut aufgelöst hat. Meine Angstzustände sind gerichtlich nicht wertvoll vorlegbar. Ich versuchte – mich auf der Waschmaschine abgestützt – der Frage wieder einmal auszuweichen, ob ich hätte mehr tun sollen, kämpfen sollen. Wieder kam der Nachmittag in den Sinn, in dem ich mit einem Mann im Studierendenwohnheim taktisch umgehen musste, um seine libidinöse Ungehaltenheit, die er an mir befriedigen wollte, nicht in physische Gewalt an mir anzufachen. Nichts wäre passiert, hätte ich ihn angezeigt oder anzeigen müssen. Warum gehen sie auch mit, warum machen sie auch mit, warum haben sie sich nicht gewehrt, warum haben sie ihn angelogen, warum haben sie eine Rolle gespielt, hat ihnen das vielleicht Spaß gemacht? Nichts hätte ich gewonnen. Ich hätte ihn vielleicht vor aller Theaterbesucher*innen anschreien sollen, mich in Frieden zu lassen, als er sich zu unserer Premiere als Journalist ausgab und ein Interview mit mir wollte. Ich fluche heute noch, dass ich sein Spiel stattdessen mitspielte, um keine Schwäche zu zeigen. Ließ mich bedrängen und musste das Interview schließlich abbrechen – immerhin das habe ich gekonnt. Sovieles weiteres, was mir bereits geschehen ist und ich mache weiter, weil ich es irgendwie kann. Sovieles, das Freundinnen und Schwestern geschehen ist und sie machen weiter, weil sie es irgendwie können

Beispiele allein auf unserem Blog

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und die vielen noch ungeschriebenen.

Ich bin froh, dass wir es können. Die vielen Frauen vor mir, die vielen Frauen hinter mir. Ich hatte eine solche Wut in mir, ich konnte gerade nichts machen, nicht handeln. Alles gut, Chiara, gehe hoch und mach weiter, mach weiter mit. In kleinen Schritten, werden wir gewinnen. Also wollte ich wieder in die Wohnung. Nicht einknicken.

Und dann. Ich richte mich endlich wieder auf, packte die Wäschetasche und mit Blick zur Tür und mit aller tiefer Ehrlichkeit in meinem Kopf bildete sich der Wunsch in mir und schoss dieser mir in den Unterleib, in dem seit einigen Monaten ein Kind wächst: Hoffentlich bekomme ich kein Mädchen.

dann

Ich ging die Treppen hinauf. Plötzlich war es leise in meinem Kopf. Was habe ich da gesagt? Was ist da gerade passiert? Was denke ich denn da nur?

Ich beginne im Treppenhaus zu weinen. Ich meinte es so ernst. Ich kann sie nicht beschützen. Sie wird denselben Weg gehen, den wir alle gegangen sind. Sie wird erleben, was wir erlebt haben, sie wird den Schmerz haben, den wir haben. Wenn es gut geht, dann nur den, den ich erfahren habe. Vielleicht wird es sie etwas milder treffen, wie es mich milder getroffen hat. Vielleicht wird es sie schlimmer treffen, vielleicht wird es sie sehr schlimm treffen. Wie auch immer, es wird sie treffen. Ich möchte das nicht. Und in meiner Angst um mein Kind, habe ich etwas sehr schreckliches getan, dass ich wieder zu weinen beginne, wo ich hier aufschreibe. Ich habe mir das Geschlecht meines Kindes gewünscht. Ich habe mir ein Nicht-Mädchen gewünscht. Ich. Gerade ich. In meinem Wunsch, das Kind beschützen zu können, habe ich dem Kind gewünscht, kein Mädchen zu werden. Und damit verleugnet. Und bin damit in die Knie gegangen.

Ich bin in meiner Wohnung. Ich denke nicht mehr. Ich habe nur noch Schuld. Ich habe Schwierigkeiten zu atmen. Ich spüre ein Stechen im Becken. Ich weine und schreie. Begebe mich zum Sofa und schreie weiter ins Kissen, damit die Nachbarn sich keine Sorgen machen.

Dann der alte Trick. Leise vor sich her sagen, dass alles gut ist. Ich werde ruhiger.

Ich denke an den Text, an die Arbeit bei Feminismus im Pott, an ein diffuses und zugleich konkretes „wir, an die Leser*innen, die sich in dem Text wiederfinden und Mut fassen, an sich zu glauben und sich selbst zu glauben. Ich muss zu meinen Eltern, ich versuche zu verdrängen und später noch einmal nachzuspüren, was ich da getan habe.

danach

Am nächsten Morgen nach dem Aufwachen fragt mich mein Partner erneut, was mich bedrückt. Vor dem Einschlafen konnte ich eine Antwort abwenden. Ich erzähle ihm. Ich schäme mich. Ich weine wieder. Er nimmt mich in den Arm: „Ich bringe dir den Laptop, gehe Brötchen kaufen und du schreibst das nieder. Das ist wichtig. Teile das mit anderen.

Ich liebe.

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