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When MAM explained things to me

When MAM explained things to me published on 2 Kommentare zu When MAM explained things to me

 

Emilia Marty

Letztens wurde ich verbal überfallen. Ich möchte das gar nicht groß einleiten, keinen Spannungsbogen aufbauen, der euch langsam dahin führt, dass ihr euch in mich hineinfühlt, den Kontext versteht, aus dem heraus ich mich so elendig gefühlt habe, und der euch dann berechtigen könnte zu urteilen: „Ja, aber in einem anderen Kontext…“ oder „Na, das war bestimmt nicht so gemeint, der hat vielleicht halt nur eine komische Art sich auszudrücken“. Es gibt sicher Situationen, in denen es berechtigt ist, dem Sprecher gewisse Aussagen zu verzeihen. Diese war keine solche Situation.

Was ist passiert?

Ich hätte schon viel eher die Kommunikation mit diesem unangenehmen Menschen abbrechen sollen, und erst recht hätte ich sie abbrechen sollen, als folgender Satz fiel:

„Du sprichst sehr schön. Ich habe überhaupt nicht zugehört was du gesagt hast, aber du hast eine schöne Art zu sprechen. Sprich einfach weiter, ich bin ein guter Zuhörer.“

„Worüber soll ich denn sprechen, wenn du eh nicht zuhörst? Ich will nicht sprechen.“

„Egal, irgendwas, sprich einfach.“

Nein, das ist nicht romantisch. Vor allem, und jetzt kommt doch ein bisschen Kontext, wenn es sich um ein Treffen unter Mitarbeiter*innen handelt, das zu keinem Zeitpunkt vor einem romantischen Hintergrund stand. Aber auch vor einem romantischen Hintergrund ist das eine Aussage, die mich wütend machen würde. Aber erst im zweiten Moment wurde ich wütend. Im ersten Moment hat mich die Aussage ganz kleinlaut gemacht. Sie verschlug mir buchstäblich die Sprache. Und zwar nicht, weil ich in dem Moment verstanden hätte, dass ich es prinzipiell schon lieber habe, wenn man dem Inhalt lauscht, wenn ich spreche, sondern weil ich zu scheißfreundlich bin. Statt die unangenehme Situation in diesem Moment abzubrechen, habe ich versucht, mein und sein Gesicht zu wahren, freundlich zu bleiben, die Situation zu deeskalieren. Was im Grunde nichts anderes bedeutete, als meine Verletztheit herunter zu schlucken und sogar zu überlegen, wie ich das Gespräch trotzdem am Laufen halten kann, damit sich mein Gegenüber nicht aufgrund des zwangsläufig entstandenen Schweigens unwohl fühlt. Denn ich will ja eine super Konversationskünstlerin sein. Immer schön alle bei der Stange halten und gemocht werden. Bloß nicht anecke4501_1n und wenn, dann nur so, dass es noch cool ist und man gerade dafür gemocht wird.

Aber mal im Ernst: In welchem Moment hat mein Gegenüber sich gefragt, ob ich mich gerade noch wohl fühle? Wie er die Situation deeskalieren kann? Wie er mich aus der Zootier-Ecke wieder in die Welt der respektvoll zu behandelnden Individuen holen kann?

Euch ist das natürlich klar, ihm nicht: In keinem Moment hat er das nötig gehabt, sich sowas zu fragen, denn er ist ja älter und hat Frauen vermutlich eh nie als gleichwertige Wesen betrachtet.

Es soll hier aber nicht weiter um ihn gehen. Es geht um mich und um die Anderen. Eigentlich sind es zwei Geschichten. Die erste handelt vom Erkennen der eigenen Grenzen und wie einem ungebetene Gäste unfreiwillig dabei helfen. Die Zweite handelt vom Überwinden des Wunsches, von allen verstanden zu werden, also dem vielbeschworenen „Harmoniebedürfnis“, zu dem angeblich so viele Frauen erzogen werden.

Vom passiven zum aktiven Schweigen

Seit der ersten Minute habe ich mich bei dem neuen Mitarbeiter(ich nenne ihn folgend MAM – misogyner alter Mann), der für ein paar Monate in unser Büro gekommen ist, unwohl gefühlt. Nicht unwohl genug, um sofort abzublocken. Ich habe über die ersten Anzeichen hinweg gesehen, dass MAM regelmäßig Grenzen des guten Anstands überschreitet. Man kann es ja auch keck finden, wenn MAM nicht um den heißen Brei herumredet, sondern direkt sagt, was er von mir will (in dem Fall: ein gebrauchtes Fahrrad sowie allerhand Insider-Informationen). Man kann es aber auch als dreist bezeichnen, wenn MAM Hilfestellungen einfordert, als würden sie ihm zustehen, statt sie höflich und bescheiden zu erfragen. Ich habe festgestellt, dass ich zu letzteren „mans“ gehöre. Das muss man ja auch erst einmal für sich feststellen, oder? Da nützt es auch nichts, wenn mir beim Erzählen dieser Geschichteandere Leute sagen, „Ach, das ist doch eigentlich ganz sympathisch, direkt zur Sache zu kommen statt um den heißen Brei herumzureden“. Mir ist das nicht sympathisch – und das ist OK so.

MAM hatte sich aber gerade erst aufgewärmt. Die Erniedrigungen fingen damit erst an. Ungefragt wurden mein Alter, mein Karrierestand, meine Art zu arbeiten und meine Zukunftsplanung als mangelhaft abgeurteilt und ein Plan erstellt, wie ich die Karriereleiter zu erklimmen habe. Natürlich in Zusammenarbeit mit dem MAM und seinen Connections, versteht sich. Dass inhaltliche Kriterien keine Rolle spielen können, wenn man sich gerade einmal 10 Minuten kennt, ist klar. Ihr merkt schon, wo das hinführt: erst das Mädchen kleinreden, um sich dann als Retter in der Not hinstellen zu können. Erniedrigung 101. Abgesehen davon, dass ich die Lösungsvorschläge völlig unpassend fand, was aber nicht gehört wurde, denn als junger Frau muss MAM mir ja nicht zuhören, MAM muss mich nur so lange vollquatschen bis ich zu allem Ja oder zumindest aus Höflichkeit nicht Nein sage – was mein Streben danach, eine Konversationskünstlerin zu sein, ausnutzt.

Über die Absichten des MAMs will ich mir im Übrigen kein Urteil erlauben. Spielt auch keine Rolle. Aber hier wurde eine weitere Grenze überschritten, von der ich bisher gar nicht wusste, dass sie existiert. Was laberst du mich über mein Leben voll, wenn du dich null mit mir beschäftigt hast? Und das auch noch als Hilfestellung verkaufen? Was du mir erzählst, weiß ich schon lange oder kann es, hätte ich einen zuhörenden Gesprächspartner, ziemlich einfach falsifizieren.

„Mansplaining“ nannte das eine Freundin am Telefon, Monologe über Monologe führen, vorzugsweise über Dinge, über die die „Gesplainte“ eigentlich besser Bescheid weiß, aber auch darüber, was für ein erfolgreicher und beliebter MAM man ist, dass MAM die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und dem unwissenden kleinen Mädchen einen Teil davon abgeben kann, wenn es lieb ist. Die oberste Regel beim mansplaining ist, dem kleinen Mädchen niemals das Redezepter zu überlassen (außer um sich aufzugeilen: „Tanz für mich! Sprich für mich!“). Mansplaining. OMG, there’s a word for it.

miss piggy

Die Liste der Erniedrigungen und Grenzüberschreitungen mir gegenüber lässt sich endlos fortführen. Ich kürze ab:Nach der Situation, in der mir meine Sprache genommen wurde, wartete ich ewige 15 Minuten lang darauf, dass der MAM sein Getränk austrinkt, bot ihm an, die Rechnung zu zahlen, er zahlte, und ich verabschiedete mich freundlichst, wie man das eben so macht und sich später darüber ärgert. Dann begann ich nachzudenken und mit Freunden darüber zu sprechen. Dabei stellte ich fest, dass ich keine Sekunde mehr mit dem MAM in einem Raum verbringen wollte.Da er als neuer Mitarbeiter für einige Zeit zu uns gekommen war, standen allerdings noch einige Zusammenstöße bevor. Auch wenn in meinem Kopf ein Haufen gut durchdachter und feministisch informierter Gedanken herumschwirrten, die ich ihm gern mal gesagt hätte, war ich mir zum ersten Mal in meinem Leben zu 100% sicher, dass hier absolut keine Interaktion mehr angebracht war. Was mich so sicher machte? Er hat offen eingestanden, dass er mir eh nicht zuhört. Was will man so einem Menschen denn noch sagen? Alles, was ich sagen würde, kommt bei ihm nur wie das dumpfe Getröte der Lehrerin bei den Peanuts an; nur eben ja auf „schöne Art“, wie ich nun weiß. Das einzige, so schlussfolgerte ich, was ihm in dieser Situation zumindest ein bisschen den Kopf zurechtrücken würde, wären keine Worte, sondern aufzuhören ihm zuzuhören. Ihm das Rederecht entziehen, genauso wie er es mir entzogen hat.Wer nicht zuhören will, dem wird nicht zugehört. Zum Schweigen gebracht zu werden fühlt sich sehr entmachtend an. Ignorieren ist in dem Fall die einzige Form von aktivem Schweigen, die mir ein bisschen Würde zurückbringen kann.

Deshalb habe ich alle anderen Kolleg*innen eingeweiht, dass ich bitte mit diesem MAM nichts mehr zu tun haben möchte. Ich werde ihn schlichtweg meiden. Ich werde mir keine Notlügen einfallen lassen und Fake-Termine ausdenken. W   enn es zur Sprache kommt, werde ich sagen, er soll mich bitte in Ruhe lassen.

 

Meine Grenze ist meine Grenze und nicht deine Grenze

Die zweite Geschichte ist die über die Anderen. Dazu muss ich nochmal klarmachen, dass ich mich hier nicht mit physischer, sondern ausschließlich mit verbaler Gewalt beschäftige, die zudem eher subtil abläuft. Was es schwer macht, darüber zu reden oder sie überhaupt nur zu erkennen.Ich tendiere in solchen Fällen erstmal dazu, an mir selbst zu zweifeln. Bin ich vielleicht zu sensibel? Übertreibe ich? Habe ich die Person falsch verstanden? Habe ich was falsch gemacht, was mein Gegenüber dazu verleitet hat, so zu handeln, wie es gehandelt hat?

Ein Weg, diese Fragen zu beantworten, ist es, andere Leute nach ihrer Meinung zu fragen. Das habe ich gemacht und überwältigend viel Bestätigung meiner Einschätzung bekommen. Vor allem der Ausspruch, der mich zum Schweigen brachte, in dem er mich zum Reden animiert hat, provoziertregelmäßig weit heruntergeklappte Kinnladen. Ich fühle mich dann verstanden. Ich leave me alonedenke: „Schön, ich hab richtig gehandelt, denn die Anderen sehen das auch so.“ Und genau da ist das Problem. Denn wenn ich die Bestätigung nicht bekomme, bin ich zurück bei den Selbstzweifeln, auch wenn mein Herz eine ganz andere Sprache spricht. Wie viele Erniedrigungen habe ich mir bisher gefallen lassen, weil ich mir von Anderen habe einreden lassen, ich solle mich nicht so haben/ das sei nicht so gemeint/ich hätte mich anders verhalten sollen? Habe ich es überhaupt nötig, mir von Anderen meine Reaktion als angemessen bestätigen zu lassen?

Die Antwort ist Nein. Ich habe viel über Gewalt gegen Frauen gelesen und über welche Kommunikationsstrukturen sie sich unbemerkt aufbaut. Diese Art von Kommunikation beobachte ich seitdem überall in meinem Umfeld. Lange bevor es handgreiflich wird, kann sich Stück für Stück ein Haufen psychischer Schmerz ansammeln, der das Opfer völlig entmachtet. Drei solche Momente habe ich nun selbst erlebt und möchte sie beschreiben:

  1. Der Wunsch nach Bestätigung:
    Wenn das Opfer die Bestätigung der Anderen sucht, weil das Selbstbewusstsein (auch bei vermeintlich standfesten Persönlichkeiten) durch Erniedrigungen geschmälert ist, und der Wunsch nach Bestätigung enttäuscht wird. Ich vertraute mich zum Beispiel einer Vorgesetzten an, die nicht so richtig verstand, wo mein Problem liegt. Ihr klappte, anders als bei anderen, weder die Kinnlade herunter noch fand sie die von mir ersehnten tröstenden Worte. Stattdessen gab sie mir Tipps, wie ich mich hätte verhalten sollen, wie wir in Zukunft mit solchen Menschen umgehen und wie wir sowas kreativ nutzen können. Ich habe mich dabei völlig unverstanden gefühlt und hätte in dem Moment etwas ganz anderes gebraucht. Dafür kann die Person nichts und in ihrer Funktion als Vorgesetzte muss sie mir vielleicht auch nicht unbedingt emotionalen Beistand leisten. Sie muss nur dafür sorgen, dass ich vor weiteren Zusammenstößen geschützt bin und auf meinen Wunsch Problemlösungen suchen. Ich war erst enttäuscht, habe mich aber damit begnügt, meinen Standpunkt klar gemacht zu haben: dass ich mit dem MAM nichts mehr zu tun haben will. Das wurde immerhin respektiert und das reicht. Ich habe meine Grenzen erkannt und brauche dafür keine Bestätigung von außen. Es muss mir nicht jede*r zustimmen, dass meine Grenzen so OK sind, denn Grenzen sind subjektiv. Die Personen, denen ich mich anvertraue, müssen nur meine Grenzen respektieren, sobald ich sie ihnen anvertraut habe.
  2. TäterSchutz:
    Bevor ich mich den Kolleg*innen anvertraute, hatte ich Zweifel, ob ich den MAM „schlecht reden“ darf. Ich hatte auch von einer Person den Hinweis erhalten, die Situation nicht zu sehr aufzubauschen oder an die große Glocke zu hängen. Der MAM hatte aber eine andere Kollegin angeschrieben, ob sie sich mal treffen und „über gemeinsame Interessen & Ziele“ austauschen könnten. Mein erster Impuls war, die Kollegin zu warnen – nicht, weil ich ihm unlautere Absichten unterstelle, sondern weil seine Art, mit jüngeren Frauen zu reden, verletzend ist und jegliche Zusammenarbeit mit ihm unmöglich macht. Feministisch bewanderte Freundinnen rieten mir, die Kollegin unbedingt einzuweihen, damit sie sich vorbereiten und ggf. schützen kann. Der Täter ist hier nicht im Sinne einer Gesichtswahrung zu schützen, sondern potentielle Opfer vor ihm zu warnen. Damit ich mich aber auch vor ihm schützen kann, ist es notwendig, andere Leute einzuweihen. Ihnen habe ich nicht die gesamte Geschichte erzählt, sondern nur meine Grenze kommuniziert.
  3. Victim-Blaming: Wie konnte ich es nur dazu kommen lassen? Warum habe ich die Situation nicht früher abgebrochen? Ich bin auf das klassische victim-blaming hereingefallen, und zwar indem ich mich selbst anzweifelte und die Schuld bei mir suchte. Auch die Frage, ob ich zu sensibel reagierte, fällt hierunter. Das würde ja im Umkehrschluss bedeuten, dass meine Grenzen erst intersubjektiv geteilt werden müssten, um legitim zu sein. Nein, meine Grenzen sind meine Grenzen und das ist OK so. Jetzt ist es an mir, diese Grenzen auch nach außen zu kommunizieren.

In Erzählungen über verbale und psychische Gewalt wird man meist aufgefordert, die Situation ganz genau zu schildern, damit sich die Zuhörer*innen und Leser*innen wie bei einem Gerichtsverfahren selbst ein Urteil bilden können und ggf. sagen können, man habe mit seiner Einschätzung falsch gelegen oder man hätte dies und das anders machen können. Ich persönlich bin sehr empfänglich für solche externen Urteile. Ich habe diese Geschichte aber nicht mit euch geteilt, damit ihr mein Urteil bestätigen oder widerlegen könnt. Daher kommt die Geschichte auch mit wenig Kontext aus. Ich hoffe, es ist angekommen, dass es hier um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, den subjektiv gefühlten Grenzen und der Kommunikation dieser Grenzen geht, und dass uns niemand anderes als wir selbst unser Urteil darüber abnehmen kann, was sich gut anfühlt und was nicht.

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