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Erfahrung eines medikamentösen Schwangerschaftsabbruch

Erfahrung eines medikamentösen Schwangerschaftsabbruch published on Keine Kommentare zu Erfahrung eines medikamentösen Schwangerschaftsabbruch

Am 17. März 2016 fand wieder einmal der 1000KreuzeMarsch (bäh pfui pu pu pu!) in Münster statt. Feminismus im Pott hatte den alljährlichen Protestmarsch gegen die weißen Kreuze zum Anlass genommen, auf facebook das Themenfeld Schwangerschaftsabbruch in den Fokus zu nehmen. Die Stimme digital zu erheben und darauf hinzuweisen, dass wir nicht mit unseren Erfahrungen allein sind und Keine* und Keiner* eine schweigende Ausnahme darstellen braucht, die sich schämend und schweigend in die dunkle Ecke zu stellen hätten, hat wieder einmal eine herrliche Blüte hervorgebracht: Uns erreichten Zeilen einer Frau, die ihre Erfahrung mit uns allen teilen möchte; das macht Mut und kräftigt das feministische Kämpferherz.


von [anonyma]

In den 70er Jahren ging meine Mutter auf die Straße, um Frauen das Recht auf Selbstbestimmung zu ermöglichen und dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Anfang Januar wurde bei meinem Ultraschall in der 12. Woche festgestellt, dass der Fötus in meinem Bauch eine Megazyste aufweist: Er schluckte wie jeder Föte in diesem Stadium Fruchtwasser, konnte es jedoch nicht wieder über die Harnröhre abgeben, weil diese verschlossen oder gar nicht ausgebildet war. So hatte sich seine Blase innerhalb einer Woche auf mehrere Zentimeter Durchmesser vergrößert und verdrängte alle anderen Organe, die Nieren wurden durch den Rückstau schwer geschädigt. In den darauf folgenden zwei Wochen waren wir fast täglich bei einem Spezialisten nach dem anderen und jeder hatte eine andere Meinung darüber, ob das Kind noch zu retten wäre; keiner traute sich aber eine OP in diesem frühen Stadium zu.

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(c) Chiara Fabri

Das Ganze endete darin, dass eine Ärztin zwei Wochen später eine so starke Schädigung feststellte, dass das Kind höchstwahrscheinlich noch in meinem Bauch sterben würde. Ihre Kollegin jedoch meinte, es bestünde eine (geringe) Chance, dass das Kind lebend auf die Welt käme und, dass ja auch kranke und behinderte Kinder es wert wären, für sie zu kämpfen. Wir waren also aufgrund der konträren Meinungen in der Entscheidung vollkommen auf uns gestellt.

Weitere drei Ärzte später und gefühlte 100 Stunden auf den Ultraschall und das Kind mit seiner riesigen Blase starrend, wussten wir, dass das es zu 99% im weiteren Verlauf der Schwangerschaft oder spätestens wenige Tage nach der Geburt sterben würde und waren uns einig, dass wir das nicht ertragen konnten. Ein weiterer Spezialist musste deshalb etliche Krankenhäuser abtelefonieren, denn die meisten sind kirchlich und erlauben deshalb keinen Abbruch – egal aus welchem Grund.

So musste ich wieder mehrere Tage auf einen Termin warten und nach langer Reise dort angekommen schließlich, da die Schwangerschaft mittlerweile fortgeschritten war, eigenständig alle paar Stunden Zäpfchen einführen, die mein Baby töten und zugleich Wehen auslösen würden. Nach 30 unglaublich schmerzhaften Stunden in den Wehen, denn mein Körper kämpfte gegen sie an und wollte den Muttermund nicht öffnen, brachte ich meinen toten Sohn auf die Welt.

Ich weiß nicht, wie lange es noch dauern wird, bis ich nicht mehr weine, wenn ich an diese Wochen denke, aber ich weiß, dass ich es unverantwortlich finde, dass Menschen mir zumuten möchten, ein dem Tod geweihtes Kind in mir zu tragen und von mir verlangen wollen, jeden Tag Menschen zu treffen, die auf meinen wachsenden Bauch schauen und mich anlächeln, beglückwünschen oder mir ungefragt von ihren glücklichen Erfahrungen berichten, während ich wöchentlich zum Ultraschall gehe, auf mein krankes Kind schaue und den Herzschlag suche.

 

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