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Zwei Streifen – Zwei Seiten

Zwei Streifen – Zwei Seiten published on Keine Kommentare zu Zwei Streifen – Zwei Seiten

 

  von d.cz.

Es war April 2015.
Zwei  Streifen zeigte mir der Test an.
Zwei Streifen, noch nach drei Minuten.
Das bedeutetet: ich bin schwanger.
Zwei Streifen die in Sekunden zwei Emotionen in mir auslösten. Freude über das neue Leben in mir und die Angst um meine Zukunft, die nicht nur meine war.
Ich arbeitete zu der Zeit für einen evangelischen Träger als Inklusionshelferin und begleitete ein 9-jähriges Mädchen seit zwei Jahren in ihrem Schulalltag. Bindungsstörung und ADHS war ihre Diagnose. Meine Arbeit machte mir nicht nur Spaß, sie erfüllte mich auch. Wir hatten große Fortschritte gemacht. Sie hatte Freundschaften geschlossen, hatte Selbstbewusstsein und positive Erfahrungen mit Lehrern gemacht, was sie sehr stärkte. Ich war so ehrlich und informierte meine Koordinatorin über meine Schwangerschaft was ein großes Risiko für mich bedeutet, denn mein Vertrag ging nur bis Anfang der Sommerferien. Nach den Ferien würde ich einen neuen Vertrag bekommen. für die kleine stand ein großer Schritt an, der Schulwechsel auf die weiterführende Schule. Sie hatte große Angst vor den ‚fremden‘ Kindern und Lehrern.

Man machte mir ein Angebot.
Ich würde einen Arbeitsvertrag bekommen, der bis vier Wochen vor der Entbindung geht, damit die Kleine ab Dezember – wenn noch nötig – durch jemand anderen begleitet wird. Ich war einverstanden. Für mich stand fest, dass ich nicht nach vier Wochen nach der Entbindung wieder arbeiten werde und mit dem neuen Erdenbürger erstmal Zuhause bleiben möchte. Ich erhielt ein Schreiben, dass nach den Ferien ein neues Arbeitsverhältnis bestehen wird, damit ich diese beim Amt einreichen kann, um zu beweisen, dass ich nur vorübergehend arbeitslos sein werde.
Der letze Grundschultag war sehr dramatisch für das Mädchen. Es viel ihr sehr schwer Abschied zu nehmen, der Gedanke den neuen Schritt mit einer vertrauten Person (mir) zu machen beruhigt sie und wir gingen in die Ferien. Eine Woche vor Ferien Ende rief ich im Büro an, denn ich hatte noch keinen Arbeitsvertrag. Die Buchhalterin ging mit mir nochmal alle Daten durch: „12. Dezember ist dann ihr letzter Arbeitstag.“, sagte sie.

Zwei Tage vor Ende der Ferien hatte ich immer noch keinen Vertrag im Briefkasten.

doitmother
Quelle

Langsam wurde ich nervös und rief wieder im Büro an, erreichte aber niemanden. Erst am nächsten Tag, nachdem ich schon vier mal probiert hatte und auf den AB gesprochen hatte, erhielt ich einen Anruf von meiner Koordinatorin. ,,Frau CZ…, es tut mir leid, ich muss Ihnen eine nicht so erfreuliche Nachricht mitteilen. Die Personalabteilung hat sich leider gegen einen Arbeitsvertrag entschieden.“
Ich stand in diesem Moment draußen, als ich diese Worte vernahm. Ich wusste gar nicht wie mir geschah, dachte im ersten Moment ich hätte es falsch verstanden oder meine Koordinatorin verwechselt mich gerade. Dem war aber nicht so. Die hatten sich das anders überlegt, weil ich schwanger war. Ich lief die Straße entlang und kann mich an nichts mehr erinnern, außer dem Gefühl von verloren zu sein.

Arbeitslos, schwanger, verloren und bodenlos.
Ich war doch nicht krank oder unfähig zu arbeiten? Warum? Ich brach in Tränen aus. Ich konnte nicht verstehen, denn es ergab keinen Sinn.
Ich war bereit, nur bis zum Mutterschutz den Vertrag einzugehen, das Mädchen brauchte mich doch, um eine vertraute Person an ihrer Seite zu haben. Meine/Unsere zweijährige Zusammenarbeit wurde mit einer Entscheidung zunichte gemacht. Jetzt sollte sie zwei Tage vor dem 1. Schultag erfahren, dass sie sich auch auf eine neue Begleitung einstellen muss? War das fördern für sie??? Es war genau das Gegenteil. Ich war verletzt, traurig und enttäuscht, über die Gesellschaft in der wir leben. Ein soziales Unternehmen arbeitet für die Inklusion und geht mit Mitarbeitern um wie jedes andere kapitalistisch denkende Unternehmen. Mir wurde klar, dass es auch nur ein Unternehmen ist, was sich als sozial ausgibt aber immer noch ein Unternehmen ist, was mit Geld wirtschaftet und da hat Menschlichkeit seine Grenzen; schwanger sein wird mit Krankheit gleichgestellt.

Ich habe jetzt ein gesundes Kind, im Alter von 6 Monaten. Trotz der Enttäuschung, die immer noch tief sitzt – denn ich konnte mich nicht mal von dem Mädchen richtig verabschieden –, bin glücklich eine entspannte Schwangerschaft zu gehabt zu haben. Ich konnte mich auf das Mutterwerden konzentrieren und habe ein super entspanntes Kind. Zwei  Striche die bleiben. Die Freude und die Angst, wohin es geht in ein paar Jahren? Zwei Striche wie zwei Seiten. Die Diskrepanz zwischen Emanzipation und Abhängigkeit Mutter sein wirft alles nochmal um.

Stillende Mutter sein noch mehr.

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