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NICHT MUTTER (2017) – Interview mit der Filmemacherin Kim Münster zu ihrem neuen Dokumentarfilm

NICHT MUTTER (2017) – Interview mit der Filmemacherin Kim Münster zu ihrem neuen Dokumentarfilm published on Keine Kommentare zu NICHT MUTTER (2017) – Interview mit der Filmemacherin Kim Münster zu ihrem neuen Dokumentarfilm

Feminismus im Pott

Kim Münster ist Filmemacherin. Angeregt von ihrem Vater war das Interesse an dem bewegten Bild schon in ihrer Kindheit geweckt. Mit den ersten eigenen Filmprojekten im Jugendalter festigte sich früh die Entscheidung, das Filmemachen zu studieren und zum Beruf zu machen. An der FH Dortmund studierte sie dann Kamera und Regie. Anschließend gründete sie mit Luiza Maria Budner Treibsand Film. Ihre Filme sind tendenziell politisch, begleiten den Menschen und zeigen der Zuschauer*innenschaft in ihren sowohl szenischen als auch dokumentarischen Arbeiten einen stets individuellen Einblick ins Leben.
Das Medienprojekt Wuppertal hat sie nun ein weiteres Mal mit einem Dokumentarfilm für ihre Bildungs- und Aufklärungsarbeit beauftragt. Dieses Mal begleitete Kim Münster über ein Jahr hinweg vier Menschen, die in ihrem Leben vor der Entscheidung eines Schwangerschaftsabbruch standen und diesen als schwangere Person oder als Partner durchlebten.
Am 16. Mai 2017 findet im Rex Kino in Wuppertal die Premiere statt (weitere Informationen weiter unten). Wir haben Kim Münster vorab für ein Interview über ihre Recherchearbeit und ihre Gedanken zum Thema gewinnen können.

Ein Dokumentarfilm über ein letztlich doch tabuisiertes Thema wie Schwangerschaftsabbruch zu drehen ist sicherlich keine einfache Sache. Wie bist du zu dem Thema Abtreibung gekommen oder, wie ist das Thema zu dir gekommen?

Kim Münster (KM): Das Medienprojekt Wuppertal produziert für den Bildungs- und Aufklärungsbereich Filme, unter anderem Dokumentarfilme. Ich habe bereits schon ein paar Filme im Auftrag für sie gemacht. Dieses Mal ist das Medienprojekt Wuppertal e.V. auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich meinen nächsten Film über das Thema Schwangerschaftsabbruch machen möchte.

Macht es was aus, bei diesem Thema selbst eine Frau zu sein?

KM: Ja, ich denke schon. Es ist zwar ein Thema was definitiv auch Männer angeht und eine Auseinandersetzung damit für alle Geschlechter wichtig ist. Als betroffene Frau, die eine Schwangerschaft abgebrochen hat, hat man jedoch eventuell ein größeres Vertrauen zu einer Frau, die den Film macht. Es ist ein sehr intimes, ein sehr persönliches Thema. Klar, es gibt auch Männer, die setzen ganz toll Frauenthemen um – szenisch oder dokumentarisch –, aber ich glaube schon, dass man als Frau bei diesem Thema einen schnelleren Zugang hat und teilweise dazu andere Gedanken hat. Vor allem, ich bin ja selbst Mutter und habe ein Kind.

© Treibsand Film

Warum hast du dich entschieden, den Auftrag anzunehmen und ein Dokumentarfilm über Schwangerschaftsabbruch zu machen?

KM: Ich habe mich mit dem Thema beschäftigt und dahingehend recherchiert und ich fand dieses tabuisierte Thema sofort sehr interessant. Es hat mit verschiedenen existenziellen Fragen zu tun. Nach aktuellen Schätzungen hat jede fünfte Frau in ihrem Leben einmal ihre Schwangerschaft abgebrochen und trotzdem gibt es für Betroffene wenig Raum, sich darüber auszutauschen. Es ist ein sehr sensibles und bewegendes Thema, welches nicht nur mit dem Eingriff an sich zu tun hat. Es hat auch viel mit Beziehungsperspektive, Verantwortlichkeit und Auseinandersetzung mit sich selber zu tun. Man weiß auch bei vielen nicht, wie sie zu dem Thema stehen – habe ich bemerkt. Sicher weiß die jeweilige Person erst wie sie entscheiden würde, wenn sie selber in der Situation einer ungewollten Schwangerschaft steht. Ein Schwangerschaftsabbruch ist eine schwere Entscheidung und beinhaltet so viele Facetten. Wichtig ist es, eine Haltung dazu zu entwickelt. Selbst auch für mich als Filmemacherin, die diesen Film macht.
Was ich als klare Verantwortlichkeit eines jeden Dokumentarfilmers sehe: Der Filmemacher/die Filmemacherin sollte offen sein während des Prozesses des Filmes und nicht vorher schon eine Aussage im Kopf haben und diese umsetzen.
Als Dokumentarfilmerin ist man in der Pflicht; verschiedene Perspektiven zu betrachten. Ich habe mir verschiedene Meinungen dazu angehört und war natürlich auch auf den großen Demonstrationen in Münster und Berlin unterwegs. Dort habe ich mit den Demonstranten (Abtreibungsgegnern) und den Gegendemonstranten (ProChoice) gesprochen. Letztendlich können aber nur Betroffene selber mir ein genaueres Bild geben. Ich versuche, mit meinen Filmprojekten das Handeln und Verhalten der Menschen zu verstehen. Meine Filme zeigen verschiedene Themen meist aus der Sicht der Betroffenen und ich möchte den Zuschauern das Thema über Menschen nahe bringen.
Was tatsächlich nicht geht, in 60 Minuten das breite Thema des Schwangerschaftsabbruchs mit ihren politischen und menschlichen Entwicklungen abzudecken. Es wird sich nicht jeder, der mit einem Abbruch in Berührung gekommen ist, sich wiederfinden; wobei dies auch nicht das Ziel des Filmes ist, sondern er zeigt vier individuelle, persönliche Geschichten.

Mit welcher Einstellung bist denn du anfangs in deine Arbeit gegangen und hat sich deine Sichtweise durch deine Arbeit am Thema entwickelt?

KM: Ich bin sehr offen, sehr frei an das Thema gegangen. Tatsächlich hatte ich vorher in meinem persönlichen Umfeld keine Berührung mit dem Thema. Was ich aus der Arbeit mit dem Film mitgenommen habe, dass es sehr wichtig ist, dass die schwangere Frau auf sich selber hört und letztendlich die Entscheidung selber treffen muss und sie nicht von außen kommen darf. Es ist definitiv nie eine einfache Entscheidung und es muss Raum geben, um darüber reden zu können. Hier gibt es kein falsch oder richtig und die Haltung dazu kann sich im Laufe der Jahre bei einzelnen Betroffenen ändern. Man kann auch nicht sagen, dass ein Abbruch verwerflich ist oder total gut. Wie bei so vielem gibt es in dieser Sache Zwischentöne. Ich habe mit vielen gesprochen, die sehr jung waren, als sie schwanger geworden sind und vor der Entscheidung standen, ob sie abbrechen oder nicht. Da kam dann viel von außen und die Entscheidung wurde ihnen eigentlich gefühlt nicht offen gelassen. Dies kann entscheidende Spuren bei der Verarbeitung hinterlassen. Und doch ist es wichtig, dass diese Entscheidung gefällt werden kann. Nicht nur die Schwangerschaft, sondern auch ein Kind verändert maßgebend das eigene Leben. Hier ist Toleranz zu verschiedenen Meinungen und Haltungen gefragt. Leider geht eine Diskussion zu dem Thema in bestimmten Kreisen mit Verurteilung einher. Und dazu hat keiner ein Recht. Denn jede Geschichte sieht anders aus und jede Entscheidung wird aus anderen Beweggründen gefällt.
Bei meinem Film habe ich mich auf die äußeren und inneren Abläufe bei einem Schwangerschaftskonflikt konzentriert. In Deutschland ist es verboten, abzubrechen und nur unter bestimmten Bedingungen straffrei. Das bedeutet, man muss eine Beratung in Anspruch nehmen, um die Erlaubnis zu erhalten die Schwangerschaft abbrechen zu lassen. Und die Ärzte/Ärztinnen und die Anästhesisten/innen dürfen die Beteiligung am Eingriff verweigern.
Auch die aktuellen politischen Entwicklungen in den verschiedenen Ländern sind spannend und bedürfen Diskussion in der Gesellschaft.

© Konstantin Koewius

Wie hast Du die Dreharbeiten vorbereitet?

KM: Bevor ich angefangen habe zu drehen, hatte ich eine lange und intensive Recherchephase. Ich habe zum Beispiel mit dem Familienzentrum in Hamburg gesprochen, bevor ich überhaupt nach Protagonistinnen und Protagonisten gesucht habe. Ich habe versucht, ein Bild der politischen Lage in Deutschland und anderen Ländern zu bekommen. Und ich habe mir den medizinischen Ablauf angeschaut und mit Gynäkologen gesprochen, um ein Bild der Situation, dem Weg zur Entscheidung und den verschiedenen Gefühlen dazu zu bekommen. Dann war ich auch in Wien in dem einzigen Museum in Europa zum Thema Verhütung und Schwangerschaftsabbrüchen. Und ich habe mit diversen Beratungsstellen wie profamilia gesprochen.
Danach haben wir einen Aufruf gemacht, auf den sich extrem viele Betroffene gemeldet haben. Hier bemerkten wir den hohen Bedarf, darüber reden zu wollen. Ich habe mit vielen Frauen und wenigen Männer gesprochen.
Was ich sehr interessant finde, ist, dass sich besonders viele ältere Frauen gemeldet haben; die meisten waren 60plus. Das habe ich tatsächlich auch in dem Buch von Marina Knopf und Elfie Meyer „Traurig und befreit zugleich“ (hier der pdf-Download) gelesen. Darin sind ganz viele Berichte von betroffenen Frauen, die den Abbruch vornehmen lassen haben und die Verarbeitung dazu teilweise erst sehr spät kommt. Das war bei den Frauen, die ich sprach, auch zu spüren. Das waren ganz intensive Gespräche. Man hat gemerkt, dass viele ein sehr großes Redebedürfnis hatten, weil sie teilweise ein Leben lang geschwiegen haben. Manche wurden durch unseren Aufruf angeregt, über ihre damalige Entscheidung nochmal nachzudenken, und zu überprüfen, wie sie heute dazu stehen.
Dabei ist zwischen der gefühlsmäßigen und der verstandesmäßigen Haltung zu unterscheiden. Manchmal stimmen beide Haltungen überein. Bei Manchen ist es verstandsmäßig klar, aber das Gefühl sagt was ganz anderes. Und es gibt natürlich auch den Fall, wo das Gefühl fehlt; da gibt es auch ganz viele Frauen. Die sich dann für die Schwangerschaft entscheiden, aber die Muttergefühle ausbleiben; gibt es auch. Dies ist sehr schmerzvoll.
Der Umgang mit der Entscheidung, abgebrochen zu haben, hat auch ganz viel damit zu tun, ob ein genereller Kinderwunsch besteht oder nicht. Oder, ob der eigene Kinderwunsch später erfüllt wird bzw. werden kann oder nicht. Wenn man jetzt zum Beispiel in jungen Jahren einen Abbruch vornehmen lassen hat und später einen Kinderwunsch hat, der nicht erfüllt werden kann, beeinflusst das die Verarbeitung damit. Dies muss nicht unbedingt bedeuten, dass die Entscheidung bereut wird, und trotzdem ist ein Gefühl von Trauer da. Es gibt aber auch Frauen, die den Eingriff im Nachhinein stark bereuen und darunter leiden. Keiner kann alle Frauen über einen Kamm scheren, weil jede Frau anders ist und jede Situation während eines Schwangerschaftskonflikt unterschiedlich ist.

Hattest du nach dem Aufruf auch Widerstand erfahren?

KM: Ja, ich hatte auf jeden Fall auch Anrufe oder Reaktionen per Email, die einen negativen Klang hatten. Bei einem Telefonat, an das ich mich gut erinnere, sprach ich mit einer christlichen Abtreibungsgegnerin. Sie hatte gar nicht gewusst, was ich für einen Film mache, aber hat mir ins Gewissen geredet das Thema richtig darzustellen und die Frauen nicht ermutigt werden dürfen, um eine Schwangerschaft abzubrechen. Das war von ihrer Seite ein wirklich sehr aufwühlendes Gespräch, weil sie Abbrüche generell verurteilt.
Eine andere Reaktion war: Im Aufruf stand zum Beispiel „Abtreibung“ drin. Da wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass „Abtreibung“ ein wertendes Wort ist und es deshalb wichtig sei, dass der Begriff „Schwangerschaftsabbruch“ verwendet wird. Das habe ich gerne aufgenommen.

Nach all den vielen Informationen, der langen Recherche, den vielen Gesprächen. Wie konntest du den Film schließlich für dich zufriedenstellend strukturieren?

KM: Nach der Recherchephase, nach dem Aufruf und den folgenden zahlreichen Gesprächen mit verschiedenen Menschen, die mit dem Thema zu tun hatten, habe ich angefangen zu drehen. Ich habe mit mehreren Menschen Interviews gedreht und mich letztendlich entschieden, mit drei Frauen und einem Mann eine längere dokumentarische Begleitung vorzunehmen. Daraus ist der 60 Minuten lange Film NICHT MUTTER entstanden, der am 16. Mai im Rex Kino in Wuppertal mit anschließenden Publikums-Diskussion seine Premiere haben wird und am 17. Mai im Abaton Kino in Hamburg, ebenfalls mit meiner Anwesenheit aufgeführt wird.

INFOS

NICHT MUTTER
Filmpremiere 16. Mai 2017, 19:00 Uhr, Rex Filmtheater Wuppertal
Zusatzaufführung 17. Mai 2017, 19:00 Uhr, Abaton-Kino Hamburg
Eintritt: 5€ / Schüler*innen, Student*innen Freitag
Aufführungen in Anwesenheit der Regisseurin Kim Münster
Der Dokumentarfilm ist dann zukünftig für Bildung- und Aufklärungsarbeit beim Medienprojekt Wuppertal ausleihbar oder käuflich erhältlich.

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