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Erschöpft, aber nicht erledigt – mein Feminismus als Mutter

Erschöpft, aber nicht erledigt – mein Feminismus als Mutter published on 2 Kommentare zu Erschöpft, aber nicht erledigt – mein Feminismus als Mutter

Von: Leena

Vergangenes Jahr geriet ich in einen schriftlichen Austausch über Feminismus, genauer: meinen Feminismus. Der Anlass und die Themen des gesamten Austausches sind vielschichtig und für diesen Text unerheblich. Zwei Sätze daraus trafen mich mit der Diskrepanz zu meinem Selbstverständnis zutiefst und ich versuche seitdem, eine Replik auf dieses Bild – von mir, aber auch grundsätzlich von dem, wo und wie Feminismus gelebt und aktiv ist – zu formulieren. Das hier ist der vierte Versuch.

Aber dein Feminismus erschöpft sich doch darin, Artikel über besagten Diskurs zu lesen und zu posten und mit deinem Mann, sowie, hoffe ich, mit Freundinnen zu diskutieren. (…) Du sitzt zuhause mit deinen Kindern und steckst den Kopf per Internet in eine ambivalente Welt, deren Ambivalenz du offenbar ständig leugnen musst.“

 

Unter anderem: Mutter

Ich bin – neben all den Dingen, die für diese gedankliche Auseinandersetzung keine Rolle spielen – Mutter zweier Kinder: einer Tochter und eines Sohnes. Ich bin auch, das gebe ich zu, keine Politikerin, Aktivistin oder Demonstrantin. Ich lebe, unfreiwillig, zurzeit in einer sehr traditionellen Familienkonstellation: Mein Partner verdient das Geld, von dem ich als Ehefrau und wir als Familie größtenteils unterhalten werden. Ich habe mich zur Rettung meiner seelischen Gesundheit selbständig gemacht, aber übernehme „naturgemäß“ mehr Aufgaben im Haushalt und der Kinderversorgung, da meine „Arbeitszeit“ (sprich: mit Geld entlohnte Tätigkeit außerhalb des Haushaltes) wesentlich geringer ausfällt als die meines Partners. Mit der Enttäuschung, die meine Lebensumstände darstellen, nämlich dass die Elternschaft mich, anders als meinen Partner, das berufliche Fortkommen und finanzielle Sicherheit gekostet hat (zumindest zeitweise), ringe ich tagtäglich. Unleugbar vertieft diese eigene Enttäuschung die Verletzung, die mir diese zwei Sätze zufügen konnten, wenn sie auch in weitgehender Unkenntnis meiner Person und meines Alltags geschrieben wurden.

Es spricht aus diesen Sätzen aber nicht nur die individuelle Fehleinschätzung meiner Person, es spricht eine viel umfassendere Missachtung dessen, was Elternschaft umfasst und bedeutet. Meine persönliche Verletzung wird weit überschattet von der Wut darüber, dass nicht nur der eine Mensch, der diese Sätze geschrieben hat, mich herabsetzt, sondern dass eine ganze Gesellschaft die politische und gesellschaftliche Bedeutung der Mütter, die Kinder erziehen, herabsetzt. Dahinter steckt der so irrige Satz „Kinder bekommen, das kann jeder“, der nach sich zieht, dass ja auch, weil „jede*r“ es tut, mit Kindererziehung keine Anstrengung und kein weiterführendes Denken und Wirken verbunden ist. Auch wenn mein Lieblingsratschlag an junge Eltern der ist, das Kind einfach nicht umzubringen, ist die Realität von Eltern doch viel umwälzender, umfassender und, ja, weltbewegender als der bloße physische Akt der Versorgung. Insbesondere wenn sich, wie ich, (mindestens) ein Elternteil als Feminist*in begreift.

 

Schmerzhafte Erkenntnisse

Ich war im sechsten Monat schwanger und hatte gerade erfahren, dass wir eine Tochter bekommen würden, als ich Denis Villeneuves Polytechnique im Kino sah; eine schmerzhaft dokumentarische Nacherzählung des Amoklaufs an der Polytechnischen Hochschule in Montréal 1989, bei dem der Schütze ausschließlich weibliche Studentinnen erschoss, weil er sich von Feministinnen verfolgt und ausgegrenzt fühlte. Die Erkenntnis, vor welcher Wirklichkeit ich mein weibliches Kind nicht würde bewahren können, hat mich seitdem nicht mehr verlassen und sich in den vergangenen acht Jahren zu oft als wahr erwiesen: Dass ihr biologisches Geschlecht so viel mehr in ihrem Leben bestimmt als nur ihre körperliche Entwicklung und ihre mögliche Fortpflanzung. Und dass die Erfahrung einer bestimmten Form von Gewalt ihr absolut sicher ist: der Herabwürdigung, vielleicht sogar körperlicher Erniedrigung und Vernichtung aus keinem anderen Grund als dem, dass sie weiblich sein würde.

Die Unvermeidbarkeit geschlechtsspezifischer Verletzungen ist ebenso wahr für meinen Sohn, der vier Jahre später folgte, da wusste ich es nur bereits. Nämlich, dass unsere Kinder aufgrund ihres Geschlechts vom Tag ihrer Geburt an von der Gesellschaft – und ungewollt wahrscheinlich auch von mir – auf eine bestimmte Weise gesehen und vor allem behandelt werden, jetzt und zukünftig. Dass ihre persönlichen Eigenschaften, Interessen und Talente in das binäre System von Weiblichkeit und Männlichkeit einsortiert und nach dessen willkürlichen Regeln belohnt oder bestraft werden, auf Kosten ihres leiblichen und seelischen Wohles.

 

Körperpolitik bei 51cm

Der Versuch, dieses leibliche und seelische Wohl zu schützen, ist grundsätzlicher Teil jeder liebevollen Erziehung. Für eine liebevolle feministische Erziehung bedeutet dies eben nicht, in meiner spärlichen Freizeit Artikel im Internet zu lesen und mit anderen aufgeschlossenen Erwachsenen zu sprechen – das sind nur Fingerübungen. In der Wirklichkeit bedeutete es vom ersten Tag an, beide Kinder mit Fürsorge und Respekt zu selbstbewussten Persönlichkeiten zu erziehen. Sie mit Urvertrauen und einem Gefühl von Selbstwirksamkeit zu versehen, damit sie unter anderem auch sexistischen und misogynen Angriffen, Rollenvorschriften und gendertypischen Beschneidungen ihrer Persönlichkeiten gewappnet begegnen können. Jede Minute des Stillens und der geteilten Betten war erfüllt von dem Wunsch, sie sich wertgeschätzt fühlen zu lassen, um diese Wertschätzung wiederum anderen zu entgegenzubringen. Jeder Augenblick des achtsamen Umgangs mit den kleinen Körpern sollte sie wissen lassen, dass sie selbst über ihre Körper und ihre Grenzen bestimmen, damit sie später ihre eigenen und die Körper anderer mit Respekt und Liebe behandeln.

 

Die Welt kann nicht draußen bleiben

Es bedeutet jeden Tag, mein eigenes Verhalten gegenüber den Kindern zu überdenken, achtsam mit meinen Worten und meinem Verhalten zu sein: Um sie als Personen zu behandeln, nicht als „Mädchen“ oder „Jungen“, um ihnen nicht Scham oder Verachtung für ihren Körper, ihre Gefühle und ihre Eigenschaften einzuflößen, die sie dann unweigerlich auch anderen entgegenbringen. Es bedeutet jeden Tag mit ihrem wachsenden Bewusstsein für Verhalten und Aussagen der Menschen, ganz allgemein der Welt um sie herum, beständig abzuwägen, wo und wie ich „erziehe“, also Grenzen setze, widerspreche, erkläre und manchmal auch verbiete. Das Sprechen mit meinem Mann oder Freundinnen über Artikel, die ich gelesen habe, ist vernachlässigbar; es ist das Sprechen mit Großeltern, Kindergartenerzieher*innen, Lehrer*innen und den Eltern der Freund*innen, in dem die wirkliche Anstrengung, der wirkliche Mut gefordert ist. In einer Welt, in der die (angeblich) traditionellen Geschlechterrollen bis in die unterste Ebene der Shampoos, Zahnpasten, Plastiklöffel hinein exerziert werden, bin ich eine Nervensäge, im besten Fall. Im schlimmsten Fall könnte ich mit ein paar Worten Freundschaften meiner Kinder beenden und Konflikte auslösen, die unsere ganze Familie soziale Ressourcen kostet.

 

Ist das normal? Dürfen die das?

Mein Feminismus als Mutter heißt nicht nur, mich bei Erwachsenen regelmäßig sozial auszugrenzen und im Umgang mit meinen und anderen Kindern ständig abzuwägen, ob eine Aussage oder eine Handlung als „ganz normal“ hingenommen wird oder eine Erwiderung erfordert. „Jungs tragen kein Rosa“ (von meiner Tochter) und „dann sehe ich ja aus wie ein Mädchen“ (von meinem Sohn) sind Beispiele für die unscheinbaren, aber nachhaltigen Spitzen, die die binäre und misogyne Genderprägung in unseren Alltag setzt. Mein Feminismus als Mutter heißt aber auch, nicht auf alles einfache, endgültige Antworten zu haben. Fragen wie „Dürfen Jungs auch Jungs heiraten“ mit „Ja“ zu beantworten zu können, ist befriedigend, aber ein seltener Fall. Schwieriger sind die Fragen, die ich mir als Mutter beständig stelle und die genau in diesen Ambivalenzen navigieren, die ein intersektioneller Feminismus in den Alltag bringt. Wie gehe ich mit den Glaubenssätzen und Vorlieben um, die meine Kinder aus dem traditionell geprägten Weltbild ihrer Umwelt außerhalb des Hauses mitbringen? Vor allem, ohne die Kinder selbst mit den langwierigen, komplizierten Erklärungen zu überfordern, warum etwas problematisch ist. Wieviel vom „Jungs-und-Mädchen“-Gerede muss ich zulassen, damit meine Kinder sich nicht überfahren fühlen – und wieviel davon darf ich offen zurückweisen, damit sie diesen Unfug nicht verinnerlichen? Wo hören die individuellen Persönlichkeiten meiner Kinder auf und wo fängt die Beeinflussung von außen an? Wo hört mein Feminismus auf, Erziehung zu sein, und wo fängt er an, Indoktrination zu sein?!

 

Kein Wunder bei der Mutter…

Denn das heißt es auch, als Mutter Feministin zu sein: Sich zu dem Druck, der sowieso schon auf einem lastet, „alles richtig“ machen zu müssen, auch noch den eigenen Druck der richtigen, guten Erziehung im Sinne des intersektionellen Feminismus hinzuzufügen. Nicht nur liegt es in den Augen der Gesellschaft doch an der Mutter – Was hat sie in der Schwangerschaft getan und gegessen? Hat sie gestillt oder nicht? Ist sie überfürsorglich, distanziert, ängstlich, kalt, unentspannt, zu entspannt? – wenn das Kind an Körper oder Seele krank wird (wenn es gesund ist, stellt diese Fragen niemand). Es liegt doch, tatsächlich, auch an den Eltern, ob die späteren Erwachsenen offen, tolerant, unvoreingenommen sind oder xenophob, homophob, transphob. Bei jeder Angst oder Ablehnung, die mein Kind äußert, frage ich mich: Habe ich das vorgelebt? Oder vielleicht nur nicht im rechten Moment auf die Vielseitigkeit der Menschen und Möglichkeiten hingewiesen, nicht oft genug gesagt, „anders ist nicht schlechter“?

In meinem Leben als feministische Mutter habe ich jeden Tag Gelegenheit und Bedarf, feministisch aktiv zu sein und in das Leben anderer Menschen eine feministische Perspektive hineinzubringen. In meinem Leben als feministische Mutter muss ich die Ambivalenzen der Welt nicht im Internet suchen – auch wenn ich dort auf viel hilfreiches Material stoße und selbstverständlich auch Ambivalenzen begegne, die in unserer Realität (noch) keine Rolle spielen. Ja: Dies alles ist die Mikroebene. Aber deshalb ist es nicht weniger politisch, und meine unablässige Aktivität steht außer Frage. Ambivalenzen zu leugnen ist mir in diesem Rahmen geradezu unmöglich, wenn ich nicht nur als Feministin, sondern gleichzeitig, vor allem, nichtsdestotrotz als Mensch eine gute, liebevolle, zugewandte, aufgeschlossene Mutter sein will.

 

Zone der Urteilsfreiheit

Natürlich ist es wahr, dass alle Eltern diesen Einfluss auf ihre Kinder nehmen, manche bewusster als andere vielleicht. Die meisten tun dies mit dem Wunsch, ihren Kindern die eigenen – für richtig befundenen – Werte weiterzugeben. Es ist auch Tatsache, dass das in manchen Familien bedeutet, die Werte des intersektionellen Feminismus abzulehnen, oft in Unkenntnis, manchmal auch in vollem Bewusstsein, dass die Gesellschaft insgesamt in eine offenere, tolerantere Richtung strebt. Für immer noch zu viele Eltern wäre ein homosexuelles Kind eine Katastrophe, viele glauben immer noch, das Geschlechtsteil, mit dem ein Mensch auf die Welt gekommen ist, bestimmt für alle Zeiten und unmissverständlich die Identität des Menschen. Weil Hetero- und Cis-Normativität unseren Alltag so sehr prägen, hieß das für mich zu versuchen, zu Hause eine Zone der Urteilsfreiheit zu schaffen, schon bevor sich meine Kinder für ihre und alle anderen Genitalien bewusst interessierten (das ist etwa mit 3 Jahren der Fall), schon bevor ihre Orientierung sich in Präferenzen der Freundschaft und der Rollen im Spiel äußern konnte (auch das deutet sich schon im Kindergarten an). Es sollte in unserer Familie alles „erlaubt“, okay sein – egal, was das gesellschaftliche Bild als „normal“ darstellte. „I will not be my child’s first bully“: Ich werde nicht die Erste sein, die meinem Kind sagt, dass es nicht in Ordnung ist.

 

Laufen lassen

Gleichzeitig habe ich immer versucht, die Vielseitigkeit des menschlichen Zusammenlebens für meine Kinder sichtbar zu machen; ob es um religiösen Glauben, Geschlechterrollen und -performance oder Lebensentwürfe ging. Andersdenkende, glaubende, lebende Menschen als wir Eltern waren und sind in der Welt unserer Kinder willkommen, genau weil Toleranz nur in der Vielseitigkeit gelernt werden kann. Und ja: Manchmal bringen die Kinder dann Aussagen mit zu uns, die meinem Bedürfnis nach mehr Differenzierung entgegenstehen. Gerade bei den eher traditionell gegenderten Vorlieben – bei denen ich oftmals denke, sie sind allein dem äußeren Einfluss geschuldet – muss mein Partner mich bremsen, ihnen diese Versuche ihrer Identitätsfindung zu gestattet. Öfter als mir lieb ist, muss ich mir auf die Zunge beißen, weil ich fürchte, sie bewegen sich zu sehr in die restriktiven und binären herkömmlichen Denkstrukturen, die sie als Persönlichkeiten eher eingrenzen. Doch ihnen diese Pfade zu verwehren, hieße, dass eben nicht alles erlaubt, nicht alles okay ist. Zuzulassen, dass das Kind sich bei der Entdeckung der Welt und des eigenen Ich verletzt, und nur mit Liebe, Trost, Unterstützung jederzeit und bedingungslos zur Verfügung zu stehen, ist eine der schwersten Aufgaben für Eltern.

 

Gleich ist nicht gleich

Mir begegnen die Eltern unterschiedlichster Herkunft und Auffassungen wie auch deren Kinder und ich vertrete ihnen gegenüber meine Auffassung, denn wenn ich nicht spreche, kann es sein, dass kein Widerspruch erklingt. Und wenn das noch nicht grass roots genug ist: Ich erziehe meine Kinder, die ebenso wie ich privilegiert sind durch ihre Herkunft und Hautfarbe (und allem Anschein nach auch durch ihre cis-hetero-Identität), so gut ich kann zu Menschen, die diese Privilegien nicht als den Default-Modus annehmen. Jedes Kind stellt mich als feministische Mutter vor individuelle Herausforderungen: Meiner Tochter versuche ich vorzuleben, ihren Körper zu lieben, wie er ist, sich von vorgeblichen Hindernissen nicht aufhalten zu lassen, wenn sie ihre Träume verfolgt, und ihr mitzugeben, dass auch die Körper anderer Menschen liebenswert sind und alle ein Recht auf Selbstverwirklichung haben. Sie möge sich nicht unterdrücken lassen, negative Zuschreibungen nicht verinnerlichen, keine Scham für Körper oder Sexualität entwickeln. Meinen Sohn umarme ich, wenn er weint, lackiere ihm die Fingernägel und erlaube ihm das wilde Toben, so lange er Grenzen respektiert. Er möge sich nicht mit einem Mangel an Verantwortlichkeit einrichten, eine Anspruchshaltung entwickeln und sämtliche Gefühle zu Aggression und Wut zusammenpressen. Beide werden sie hoffentlich Ambivalenzen, Zweideutigkeit, Spektren schätzen lernen. Beiden versuche ich, obwohl ihre Mutter im Augenblick sehr nah am Hausfrau-und-Mutter-Dasein steht, mitzugeben, dass diese Verteilung nicht die „natürliche“ ist; dass Mama auch Rechte und Bedürfnisse hat, die über ihre Funktion als Versorgerin hinausgehen. Beiden versuche ich beizubringen, dass Menschen nicht nach Aussehen, Vorlieben und Lebensweisen in hierarchisch strukturierte Kategorien einsortiert sein müssen. Und diese beiden stellen einen Teil der zukünftigen Gesellschaft.

Nein, ich stehe nicht mit Plakaten auf der Straße, und nein, ich setze nicht tagtäglich mein Leben auf’s Spiel für meine Überzeugung. Aber mein Alltag als feministische Mutter ist pausenloser politischer Aktivismus.

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