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Filmkritik | 12 Tage

Filmkritik | 12 Tage published on Keine Kommentare zu Filmkritik | 12 Tage

Von Ann-Katrin

12 Tage (2017) | Filmplakat

Im Rahmen der Französischen Filmtage zeigte das Odeon-Kino in Köln den Dokumentarfilm „12 Tage“ des französischen Filmemachers und Fotografen Raymond Depardon. Der Regisseur dokumentiert eindringlich die Anhörungen von zwangseingewiesenen PatientInnen in einem psychatrischen Krankenhaus in Lyon.
Hintergrund ist die gesetzliche Regelung in Frankreich, der zufolge unter Zwang in die Psychatrie eingewiesene PatientInnen innerhalb von zwölf Tagen nach der Unterbringung in die Klinik eine Anhörung vor einem/einer RichterIn bekommen müssen. Die Einhaltung der formalen Verfahrensvorschriften durch die ÄrztInnen und die Kliniken soll so durch eine neutrale und unabhängige Instanz kontrolliert und den Betroffenen eine Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben werden.

Zu Beginn der Dreharbeiten war es schwer, PatientInnen zu finden, die der Dokumentation ihrer Anhörung zustimmten. Zu groß die Angst, stigmatisiert, kontrolliert und im Kernbereich der persönlichen Lebenskrise schutzlos der Kamera ausgeliefert zu sein. Der Regisseur meistert jedoch den schmalen Grat zwischen Voyeurismus und Dokumentation und wir erfahren bei jeder Anhörung bruchstückhaft, warum die Betroffenen in der Klinik sind. Dabei behält er aber das Wesen der Anhörungen im Blick: es wird schmerzlich bewusst, dass die persönlichen Geschichten und Hintergründe der PatientInnen für die Entscheidung über ihr Verbleiben in der Klinik höchstens sekundär interessieren.

Die RichterInnen stellen streng auf den aktuellen psychischen Zustand der Betroffenen ab, der sich aus den ärztlichen Gutachten und Stellungnahmen ergibt. Der Maßstab ist, ob die PatientInnen zum Zeitpunkt der Begutachtung eine Gefahr für sich oder andere darstellen. Viele der PatientInnen erklären sich, beteuern, dass es ihnen gut gehe und sie Pläne für die Zukunft haben, aber all das verpufft in der Hoffnungslosigkeit des sterilen Anhörungssaals.
Es fehlt den RichterInnen an medizinischem Wissen, sie hangeln sich an den ärztlichen Begutachtungen entlang. Wir merken, wie sie sich beim Vorlesen der Diagnosen an die sperrigen Formulierungen und Wörter klammern, die letztendlich in allen Fällen als Argument für ein weiteres Verbleiben in der Klinik dienen.

Es wäre zu einfach, das pauschal zu kritisieren und Depardon ermöglicht den ZuschauerInnen einen wertfreien Blick auf das Vorgehen. Die RichterInnen üben geltendes Recht aus und machen es sich nicht leicht, ausnahmslos gehen sie verantwortungsvoll mit ihrer Aufgabe um und begegnen den PatientInnen respektvoll und behutsam. In dem Spannungsfeld zwischen Selbst-/Fremdgefährdung und der Freiheit der Betroffenen muss das Gesetz letztendlich Regelungen bereithalten, die objektiv-wissenschaftliche Kriterien und die gegenwärtige Verfassung der Betroffenen zugrunde legt.
Depardon ist eine vielschichtige Darstellung der Zustände in psychatrischen Kliniken gelungen. Die Dokumentation ist keine stumpfe Kritik an Psychatrien, sie zeigt gerade die Schwierigkeiten aller Beteiligten auf, einen menschlichen und grundrechtskonformen Umgang mit zwangseingewiesenen Menschen zu gewährleisten.

Hier könnt Ihr ein Interview der TAZ mit dem Regisseur Raymond Depardon zu seiner Arbeit an der Dokumentation lesen.

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