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Eine bequeme Wahrheit

Eine bequeme Wahrheit published on Keine Kommentare zu Eine bequeme Wahrheit

 

Ein Gastbeitrag von Anna Schiff
(Erstveröffentlichung: ‚Wir Frauen‘ 3/2014)

Manchmal landen auf dem Redakteur*innen-Schreibtisch Bücher, bei denen mensch sich schon vor dem Lesen heimlich fragt, ob es wirklich sein musste, dass dafür ein Baum stirbt. „Tussikratie“ ist eines dieser Bücher. Aber Diskurse über Feminismus beobachten sich ja nicht von alleine, da muss sich die Feministin schon mal in den Morast begeben.

Zu meiner Überraschung konnte ich bereits im ersten Kapitel etwas Neues über mich herausfinden: Ich bin eine Tussi. Das war mir bis zum Lesen des, nennen wir es ruhig Erguss, von Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling nicht klar. Zumindest nicht so eindeutig. Zwar wurde ich durchaus schon in meinem Leben (gerade in der Pubertät) als Tussi beschimpft, aber da bezog es sich auf die mir attestierte weibliche Obsession bezüglich meines Äußeren. Jetzt aber kann ich aus vollem Herzen zustimmen. Aber nicht nur ich – die ganze Wir Frauen-Redaktion und wahrscheinlich auch Sie, liebe Leser*in, – alles Tussis:

„Die Tussi selbst ist solidarisch. Vor allem mit Frauen. Sie hat einen großen Freundinnenkreis und versucht, ein speziell weibliches Netzwerk aufzubauen. Sie hat sich auch um ein Stipendium extra für Frauen beworben […]. Unter Frauen fühlt sie sich sicherer als unter Männern, sie findet Bestätigung bei ihren Geschlechtsgenossinnen, und es ist ihr wichtig, dass die Frauen keinen Keil zwischen sich treiben lassen.“

Völlig neu war mir auch die These, dass wir Tussis die Herrschaft an uns gerissen haben – ich sollte wohl doch häufiger meine Mails checken. Kein Wunder also, dass Felix Stephan in der ZEIT das Buch für das „Intelligenteste“ hält, „was in der jüngeren Vergangenheit zum Feminismus veröffentlicht wurde“. es scheint sehr dumm von mir gewesen zu sein, Solidarität für etwas Gutes zu halten. An dem Tag, an dem ich in der Schule hätte lernen sollen, dass jedeR ganz allein selbst für seinen/ihren erfolg und Misserfolg verantwortlich ist und sich die Schuld nicht einfach auf ein „böses System“ schieben lässt (und erst recht auf kein männerdominiertes), scheine ich auch ganz klar gefehlt zu haben. Aber vielleicht war das derselbe Tag, an dem gelehrt wurde, dass junge Frauen immer dann besonders viel medialen Beifall bekommen, wenn sie sich ausdrücklich vom alten Feminismus distanzieren und betonen, dass sie es nicht nötig haben, sich auf ihr Geschlecht reduzieren zu lassen. Ich brauche ganz klar Nachhilfe in Sachen neoliberale Geschlechterdebatte.

Oder vielleicht brauchen die beiden Autorinnen auch nur ein Abo der Wir Frauen? Dann müssten sie nämlich nicht in dem Irrglauben leben, ihr Hinweis, dass nicht nur Geschlecht, sondern auch Klasse eine Rolle spielt, sei irgendwie neu oder aufregend. Sie könnten sogar eine riesige Palette an Autorinnen entdecken, die das schon eine ganze Weile lang predigen und sich sogar Inspiration für ihr nächstes Buch holen – race gibt’s nämlich auch. Aber vielleicht wollen die beiden ja nicht über Rassismus sprechen; den gibt es ja auch nur dann, wenn darüber gesprochen wird und nicht, wenn wir ihn ignorieren. Sofern man in der privilegierten Lage ist, das zu können, versteht sich.

Aber ich fürchte fast, dass die Wir Frauen den beiden nur Flausen in den Kopf setzen würde. Wie ließen sich dann noch Aussagen machen wie die folgenden: Frauen sollten aufhören, sich als Opfer zu sehen, dann würden sie auch aufhören, eins zu sein. Alle sollten aufhören, über Geschlecht zu reden, dann wäre Geschlecht auch nicht mehr so wichtig und wir alle wären einfach Menschen. Frauen sollten sich einfach für sich selbst emanzipieren und nicht den Männern die Schuld an ihren Privatproblemen geben.

Warum würdigt die Wir Frauen solchen Stuss mit einer Rezension (wohlgemerkt auf Umwelt-Papier), fragen sich jetzt vielleicht einige. Weil Bäuerleins und Knüplings Buch in jeder Bahnhofshalle zu kaufen ist und die Wir Frauen nicht. Denn hinter dem Buch mit dem saudummen Titel steckt ein großer, mächtiger Verlag und hinter den beiden Autorinnen Agenturen. Alle gemeinsam sorgen dafür, dass ein schlecht recherchiertes und uninspiriertes Buch Aufmerksamkeit erhält, das wiederum die Kasse klingeln lässt. Grundbaustein hierfür ist, dass etwas als provokant vermarktet wird, was in Wirklichkeit nur eine Ansammlung aus ganz schrecklich bequemen Polittalkshow-Wahrheiten ist. So ist es auch kaum überraschend, dass die Mainstream- Presse, von Brigitte bis FAZ, das Buch, das keinem, der Macht hat, weh tut, für gelungen hält. Denn Bäuerlein und Knüpling erzählen uns rein gar nichts über Feminismus, sind aber ein Lehrstück in Sachen Diskursmacht. Gehört und gelobt wird eben nur, wer brav (nach-)sagt, was gefällt.

Ich habe mir das Buchcover in meinen Kalender gepinnt. Immer, wenn ich mich nun frage, ob ich Energie für unentgeltliche politische Arbeit habe, werden meine müden Äuglein den Titel erspähen und dann wird frisch-wütend in die Tasten gehauen. Denn ohne eine unabhängige linke Presse gäbe es nur noch die „Wahrheiten“ à la Bäuerlein und Knüpling. In dieser bequemen neuen Welt möchte ich nur ungern (weiter-)leben.

less_stereotypes
Quelle: http://www.gwi-boell.de

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