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Gendertalk – ein Gespräch mit Daniel Schüßler und Dorothea Förtsch vom ANALOGTHEATER Köln

Gendertalk – ein Gespräch mit Daniel Schüßler und Dorothea Förtsch vom ANALOGTHEATER Köln published on Keine Kommentare zu Gendertalk – ein Gespräch mit Daniel Schüßler und Dorothea Förtsch vom ANALOGTHEATER Köln

von Lilli Boheme

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Quelle: ANALOGTHEATER

Lilli Boheme: Lieber Daniel, liebe Dorothea, kürzlich habt ihr euer 10-jähriges Jubiläum gefeiert – wie kam es zu der Gründung des ANALOGTHEATERS?

Daniel Schüßler: Ich habe vor zehn Jahren das Analogtheater gegründet mit dem Bedürfnis einerseits Regie zu führen und andererseits meine eigenen Vorstellungen umzusetzen und selbst gewählte Themen zu behandeln. Das konnte ich an den Theatern, an denen ich bisher angestellt war so nicht verwirklichen. Unsere Gruppe wird durch Förderanträge, die wir für ein jedes Projekt stellen, finanziert – unter anderem bei der Stadt Köln, beim Land NRW und bei verschiedenen Stiftungen. Das bringt jedes Jahr neue Unsicherheit mit sich, da wir uns nie sicher sein können, ob unsere Projekte gefördert werden.

Welche Themen interessieren dich besonders? Zieht sich ein Thema durch deine Arbeit?

Daniel: In den letzten Jahren haben wir uns intensiv dem Thema Utopien|Dystopie gewidmet. Die Frage, warum Utopien scheitern und welche Gründe es dafür gibt, hat uns besonders interessiert. In den letzten Produktionen haben wir uns mit der Vergangenheit auseinandergesetzt. Wir haben die 68er untersucht, die Befreiungsbewegungen, aber auch den Nationalsozialismus. Dafür haben wir eine dreijährige Förderung erhalten. Jetzt wollen wir die Zeit, in dem wir leben erkunden, nach vorne schauen und über gesellschaftliche Zustände sinnieren. Dafür haben wir einen neuen Antrag gestellt, in dem es die nächsten drei Jahre unter dem Oberthema „The Future is Now – Was beschäftigt den Menschen im 21. Jahrhundert“ um Grenzen und (individuelle) Grenzerfahrungen geht. Das Eröffnungsstück der Reihe war „Gendertrouble in GerMANy – Eine Post-Gender-Performance“ und handelt von der Grenze zwischen den Geschlechtern. Aktuell ist es auch wieder in der studiobühneköln zu sehen. Der nächste Teil der Reihe „Unter Tieren -Eine interspezifische Versuchsanordnung“ wird im Sommer uraufgeführt und widmet sich der Grenze zwischen Mensch und Tier. Wo verlaufen die Grenzen? Wie beständig sind sie und was denkt die Gesellschaft darüber? – diese und weiterführende Fragen werden sich durch unsere Vorbereitungen ziehen. Unsere Stücke entstehen aus einem multiperspektivischen Ansatz, in den unterschiedliche Meinungen einfließen, was automatisch zu unterschiedlichen Deutungen führt und zu verschiedenen Assoziationen anregt.

Auf eurer Homepage betont ihr, wie wichtig euch künstlerische Kooperationen sind? Welche Erfahrungen könnt ihr da nennen?

Dorothea Förtsch: Kooperationen hatten wir bisher z.B. mit der Tanzkompanie Bodytalk aus Bonn, mir der Medienkünstlerin Anna Baranowski oder dem Filmemacher Holger Hahn. Oft sind Künstler*innen, Tänzer*innen oder Bands Teil der Produktion und deren Arbeit wird immer Teil des Stücks, die einen autonomen Platz einnimmt. Für „Being Philotas“ hat zum Beispiel die Audiogruppe weltAusstellung, die sich aus den unterschiedlichsten Gegenständen Instrumente schafft, den Soundtrack live gespielt.

Daniel: Wir haben immer versucht interdisziplinär zu arbeiten und haben das auch nochmal verstärkt. Die Arbeiten entspringen zwar oft meiner Gedankenwelt, aber gemeinsam als Gruppe überlegen wir uns dann mit welchen wir Künstler*innen diese Gedanken umsetzen können. Für die nächsten Jahre haben wir noch eine neue Position eingerichtet, die sich Wild-Card für Künstler*innen nennt und die interessanten Menschen die Möglichkeit bietet sich ohne Vorgabe in unsere Arbeit einbringen, u.a. Filmemacher*in, Autor*innen oder Maler*in, die eventuell während unserer gemeinsamen Zeit ein ganz anderes, eigenes Kunstwerk schaffen, das nichts mit unserem Stück zu tun hat. Was uns zudem noch besonders in den letzten beiden Stücken interessiert hat, war der Wunsch die Kunst mit der Wissenschaft auf der Bühne zu verknüpfen. Um mehr in die Materie einzutauschen, haben wir sogenannte „Bildungsreisen“ unternommen und Expert*innen des Fachs getroffen. Für „Gendertrouble in GerMANy“ sind wir zum Beispiel nach Bochum zur Ruhr-Uni gefahren und haben uns in ein Seminar von Prof. Dr. Katja Sabisch gesetzt, um uns Impulsvorträge aus der Geschlechterforschung anzuhören. Um den Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst weiter zu fördern haben wir als zusätzlichen Input Expert*innen (u.a. Giovanna Gilges und Dr. Mithu Sanyal) hinzugezogen mit denen wir Gedanken und Vorstellungen ausgetauscht haben.

Dorothea: Hierbei war das ganze Ensemble beteiligt samt Lichttechniker, Regie-Assistenz und der Bühnenbilderin.

Daniel: Das hatte den Vorteil, zu Beginn der Proben mit ganz viele Ideen zu arbeiten, die aus dem Kollektiv entstanden sind. Alle waren auf dem gleichen Stand und so war ein viel schnelleres und autonomeres Arbeiten möglich. So kommt man von dem Geniedenken weg und jede*r hatte einen gleichberechtigten Platz in dem Schaffensprozess des Stückes.

Gender-Glamour vom Feinsten!

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Wie entstand die Idee zu eurem Stück „Gendertrouble in GerMANy“, das aktuell in Köln zu sehen ist?

Daniel: Das Ziel war mal wieder das gesamte Ensemble zusammenzubringen und wir haben versucht ein Thema zu finden, das aus der Mitte der Gruppe kommt. Einige von uns haben sich bereits intensiv mit der Thematik befasst – privat, wie beruflich. So fiel uns die Entscheidung nicht schwer.

Dorothea: Und eben aus der Fragestellung heraus „Wo steht der Mensch im 21. Jahrhundert?“. Eine Inspiration kommt von Diane Torr, einer amerikanischen Künstlerin, die „Man for a day“-Workshops anbietet. In denen können Frauen erfahren, wie es ist sich als Mann zu bewegen, zu benehmen und mit den neu erlernten Skills auf die Straße zu treten. Es gibt eine Szene, dort spreche ich Texte, die wir in den Workshops erarbeiten haben.

Daniel: Eine Technik von uns ist es unsere Gespräche zu verschriftlichen, um sie in einem weiteren Verfahren zu verfeinern und Gesprächsfetzen in das Stück einzubauen.

Was macht das Stück zu einer Post-Gender-Performance?

Daniel: Da liegt die Utopie. Wenn man sich das Stück in seiner Dramaturgie anschaut, erkennt man ganz schnell, dass es nicht in einer Post-Gender-Gesellschaft beginnt. Zu Beginn bilden wir die gesellschaftliche Ordnung ab, in der wir uns gegenwärtig befinden. Die Entwicklung, die sich durch das Stück zieht, endet in einer Geburt, die die Auflösung der Geschlechter symbolisiert. Das, was zwischen den ‚Dingen‘ ist soll in den Fokus, in das Bewusstsein der Zuschauer*innen gerückt werden – das Zwittersein. Das soll sich nicht nur auf das Geschlecht beziehen, sondern umfasst das gesamte menschliche Leben. Wir möchten mit unserem Stück zu einer Auseinandersetzung mit dem Selbst anregen und wir hoffen damit mehr Akzeptanz für Grenzgänger*innen zu schaffen.

Dorothea: Aber es ist auch ein kleines Wortspiel. Performance natürlich wegen der Genderperformance, die wir dort aufführen. Im Grunde geht es uns aber um die Überwindung der Geschlechtergrenzen.

Daniel: Deutlich wird das in den Szenen, in denen wir versuchen mit gängigen Geschlechterklischees zu brechen – zum Beispiel wenn Doro als Riesenpenis die Bühne betritt. Das Stück ist ein Appell an die Freiheit. Wir wünschen uns, dass jede*r Mensch sein kann, wie es ihm*ihr beliebt und das außerhalb dieser zwar internalisierten, aber doch ständig spürbaren Grenzen, die die bipolare Geschlechterordnung uns aufzwängt.

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Ihr legt großen Wert auf die Interaktion mit eurem Publikum? Wie sind bisher die Reaktionen aus dem Publikum?

Daniel: Wir bekommen überwiegend positive Resonanz von unserem Publikum – auch mit Blick auf das Alter konnten wir keine Unterschiede feststellen.

Dorothea: Die Eltern der Regie-Assistentin sind jetzt unsere größten Fans, was sie in zahlreichen Facebook-Likes ausdrücken.

Daniel: Es freut uns, dass so viele Menschen Freude an unserem Stück finden und wir einige begeistern können, bei denen wir es gar nicht erwartet hätten. Uns war wichtig einen Diskurs auf Augenhöhe stattfinden zulassen und deswegen holen wir die Leuten auch runter von der Tribüne und zu uns auf die Bühne.

Dorothea, welchen Einfluss hatte die Rolle auf dein Selbstempfinden?

Dorothea: In der Theorie hatte sie keinen großen Einfluss, da ich mich vor dem Stück inhaltlich schon intensiv mit der Thematik beschäftigt habe. Grundsätzlich lehne ich das dichotome Denken in den Kategorien Mann und Frau ab – für mich gibt es nur das dazwischen. Aber natürlich – im Alltag definiere ich mich als Frau und lebe als Frau. Da ich aber Schauspielerin bin und mich viel mit Rollen beschäftige, reflektiere ich auch über mein Verhalten und weiß, wo ich mich klischeehaft verhalte und wo ich es vielleicht auch einsetze, um etwas zu erreichen, was aber auch unterbewusst geschehen kann. Im Gestaltungsprozess wurde mir aber nochmal bewusster, wie oft wir unser wirklich Gender performen, zum Beispiel auch durch Gestik und Mimik und dafür habe ich einen schärferen Blick entwickelt – bei mir, aber auch bei anderen.

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Foto: ANALOGTHEATER

Erkennt ihr in unserer Gesellschaft ein aufweichen der Geschlechtergrenzen? Leben wir bald in einer Post-Gender-Gesellschaft?

Daniel: Da bin ich da zwiegespalten.

Dorothea: Ich habe das Gefühl, es gibt Rückschritte und die Menschen verfallen wieder viel mehr in Rollenklischees. Das sieht man zum Beispiel auch an der Spielzeugindustrie, die Geschlechtsdichotomie als Marketingstrategie einsetzt und rosa und blau als Leifarben für die Geschlechter vorgibt. Die dann auch von Kinder und Erwachsenen übernommen werden.

Daniel: Ich finde, in den letzten Jahren hat sich so einiges immer mehr zugespitzt. Einerseits wird Conchita Wurst gefeiert und hat eine große Öffentlichkeit für Grenzgänger*innen geschaffen, aber andererseits radikalisieren sich Positionen immer mehr. Das Schwarz-Weiß-Denken, das dadurch entstehen kann, empfinde ich als gefährlich. Aber in einer Stadt, wie Köln sind die Menschen schon toleranter und die Grenzen sind aufgeweichter – das wird einem erst richtig bewusst, wenn man hier weggeht.

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