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Ein Leben im Neutrum: Frauen mit Behinderung

Ein Leben im Neutrum: Frauen mit Behinderung published on 2 Kommentare zu Ein Leben im Neutrum: Frauen mit Behinderung

von Tanja Kollodzieyski

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Das Rollifräulein

Eine Welt, in der man als Frau immer und ständig als Projektionsfläche für sexuelle Phantasien herhält, ist anstrengend, aber die andere Seite der Münze ist auch keine gute Alternative.
Ich bin eine junge Frau in den Zwanzigern, trotzdem hat mir noch nie ein Mann hinterher gepfiffen oder öffentlich mit Attributen wie „sexy“ oder „geil“ bedacht. Eine Tatsache, die ich sehr gut finde, aber ich kenne auch die Konsequenzen, die dieses „belästigungsfreie Leben“ mit sich bringt. Mein Leben ist voller leerer Blicken. Egal, ob ich völlig ungeschminkt in Kuschelklamotten auftrete oder mein Styling reif für die nächste Oscarverleihung wäre –  die Blicke bleiben leer.

Merkmal: Frau – Geschlecht: Rollstuhl

Ich habe nicht nur die typischen körperlichen Merkmale einer Frau, ich erfülle auch noch viele der gängigen Klischees über Frauen. Meine Lieblingsfarbe ist pink, ich liebe Kleider, Röcke und natürlich Handtaschen! Außerdem gestehe ich: ja, ich wäre wirklich gerne einmal Prinzessin. Aber das ist alles nicht wichtig, weil es durch eine einzige Tatsache neutralisiert wird: Ich sitze im Rollstuhl. Der Rollstuhl ersetzt offiziell meine Beine, aber in Wahrheit ersetzt er noch viel mehr. Aus theoretischer Sicht bin ich zwar eine Frau, aus gesellschaftlicher Sicht ist mein Geschlecht aber nicht weiblich, mein Geschlecht ist der Rollstuhl.

Wo will der Rollstuhl hin?

Dass die Behinderung das Geschlecht ersetzt, wird nirgends so offensichtlich wie beim Thema Toiletten. Es gibt Toiletten für Frauen, es gibt Toiletten für Männer und es gibt Behindertentoiletten. Welches Geschlecht diese „Behinderten“ haben, ist völlig egal. Es zählt nur die Behinderung. Ähnlich verhält es sich mit den mehr oder weniger freundlichen Nachfragen, die man öfters in öffentlichen Verkehrsmittel hört: „Wo will denn der Rollstuhl hin?“ Dieser Satz ist allgemein nie böse gemeint, bringt aber das Problem ziemlich gut auf dem Punkt. Wir haben kein Geschlecht. Wir sind neutral. Wir sind ein Rollstuhl.
In Bezug auf Toiletten und Verkehrsmittel gewöhnt man sich irgendwann an die Geschlechtslosigkeit. Aber man gewöhnt sich nie wirklich daran, anhand von Blicken genau zu wissen, dass Menschen nicht eine Sekunde darüber nachdenken, ob ihnen dein Look gefällt, ob du ihnen sympathisch bist, ob sie dich auf irgendeiner Weise näher kennenlernen wollen. Du siehst ihnen einfach an, dass du für ihre Welt in keiner Weise in Frage kommst. Nicht als einfacher Freund und als Partner natürlich schon mal gar nicht.

Traumfrauen haben keine Behinderung

Dass Menschen mit Behinderung es allgemein bei der Partnersuche schwer haben, ist ja kein Geheimnis und auch eigentlich selbsterklärend. Eine Beschreibung von Traumpartner*innen, in der das Wort „Behinderung“ vorkommt, wäre schon unheimlich, selbst für mich. Allerdings habe es Frauen mit Behinderung es wahrscheinlich noch schwerer. Frauen gelten immer noch oft als Trophäen, als Schmuckstücke, die man Freunden präsentiert. Auf eine Partnerin mit Behinderung ist kein Freund neidisch. Außerdem ist die soziale Ader bei Frauen eben doch verbreiteter als bei Männer. Das alles wäre zwar schwierig und traurig, aber wenig dramatischer, wenn uns nicht gleichzeitig auch noch unsere ganze Sexualität abgesprochen werden würde.

Jede dritte Frau wird missbraucht

Frauen mit Behinderung haben Sex. Das muss einfach mal so gesagt werden, weil es für viele Menschen immer noch außerhalb des Vorstellbaren liegt. Natürlich hängt es von den persönlichen Vorlieben und von der Art der Behinderung ab, auf welche Weise und in welcher Form wir Sex haben, aber wir tun es. Aber da wir in der öffentlichen Wahrnehmung geschlechtlos sind und keine Sexualität haben, spricht auch keiner darüber, dass es nicht immer freiwillig passiert. Laut einer Studie hat jede dritte Frau mit Behinderung schon mal einen Fall von sexuellen Missbrauch erlebt. Das ist doppelt so viel wie bei Frauen ohne Behinderung. Oft sind die Täter Menschen, von denen die Frauen in ihrer Lebensführung abhängig sind und sich deswegen schwer wehren können. Aber auch wenn sie sich wehren, ist es schwierig Hilfe zu bekommen. Nur 10% der Frauenhäuser in Deutschland sind barrierefrei. Von Gebärdendolmetscher*innen und anderen Fachkräften ganz zu schweigen.

Allein schon aus diesem Grund ist es wichtig, dass die Gesellschaft endlich lernt, uns als die anzuerkennen, die wir sind: Vielseitige Frauen. Mit Behinderung. Mit Schönheit. Mit Lebensfreude. Mit Stärke. Mit Zerbrechlichkeit.

Rollifräulein – Das Handicapstyle Blog

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2 Kommentare

Ich habe schon öfter der einen oder anderen Rollstuhfahrerin hinterhergeschaut. Nur auf den Arsch schauen geht schlecht. Bin da in solchen Dingen aber auch offen. Jedem steht seine eigene Sexualität zu und ist es nicht spannend Neues kennenzulernen?

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