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Mama hasst Männer

Mama hasst Männer published on Keine Kommentare zu Mama hasst Männer

von Frau Fuchs

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Bild: http://www.fanpop.com

Wie ist es eigentlich mit einer männerhassenden Mutter groß zu werden?

Ja, diese Frage kann ich beantworten. Es ist verunsichernd, kann ich sagen. Insbesondere weil wir uns nach wie vor in vielen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens mit patriarchalen Strukturen rumschlagen. Als kleines Mädchen führen männerfeindliche Äußerungen der eigenen Mutter und die Übermittlung antiquierter Stereotype zu Irritationen.

Wie kam es dazu, dass Mama und Papa ein Paar wurden? Warum ist sie dann zu ausgewählten Männern nett, wenn doch alle Exemplare ihrer „Art“ so schrecklich sind?

Mir fallen viele Dinge im Alltag ein, die mir heute immerzu aufs Neue begegnen. Dass ich mir Gedanken darum mache, ob etwas, was ich tue, zu weiblich im Sinne von schlampig erscheinen könnte. Ob ich manchmal billig oder debil daherkomme. Das könne ja als blonde Frau bei Männern aber auch bei anderen Frauen als besonders klischeebestätigend auffallen. Dass ich mich nach einem erhaltenen Korb frage, ob nun wirklich ALLE Männer so scheiße sind und Mama damit Recht behalten würde. Dieser Satz klingt wie ein Zitat aus einer unterirdischen Frauenzeitschrift. Hilfe! „Männer kannste einfach in die Tonne kloppen“. So einfach kann man sich auch die Welt erklären.

Einmal Prinzessin sein.

Tief verwurzelt im Rheinland waren wir immer eine sehr karnevalistische Familie. Die Kostüme wurden stets in Eigenproduktion gestaltet. Mama hatte da Einiges auf dem Kasten und immer ausgefallene Ideen. Weil meine beste Grundschulfreundin in einem Jahr so ein wunderschön rosafarbenes Ballkleid, weiße Strumpfhosen, Lackschuhe und eine kleine goldenen Krone auf dem Kopf trug, wollte ich das natürlich auch. Mama verbot es mir mit den Worten „Nein, wirklich, Kind. Das hast du nicht nötig!“ Und in diesem Jahr ging ich als Rumpelstilzchen. Es war ja nicht so, dass die Mama mir untersagte weibliche Charaktere als Kostümierung zu wählen – nein – sie sollten bloß keine gendertypischen Eigenschaften wie der Einsatz einer Farbpalette von Neonpink bis Rosé aufweisen oder Assoziationen mit Sexyness oder Erotik wach rufen. Schon gar nicht bei Männern. Im Endeffekt hat meine Mutter mir dadurch einige sicherlich negativen Dinge erspart und mir bereits sehr früh etwas Wertvolles beigebracht: Mich formal gesehen eher fern von den gängigen Mädchen- und Jungenkategorien zu halten, aber gleichzeitig führte diese Erziehungsmethode dazu, dass ich vor allem dann in der Pubertät Probleme mit Weiblichkeit, dem Weiblichsein und letztlich auch mit meinem Körper hatte, weil mir in meinem nahen Umfeld schlicht und ergreifend die Vorbilder dazu fehlten. Ich sehnte mich nach Idolen und griff zu den gängigen Stars der 1990er und 2000er über die wir jetzt bitte nicht sprechen. Ich stellte plötzlich fest, dass man mit den weiblichen Reizen auch selbstbewusst umgehen konnte und entdeckte Pink aus selbstironischen Gründen als Farbe mit Potenzial. Das war so meine kleine Rebellion gegen meine Mutter, denke ich im Nachhinein.

Die Entdeckung des Lippenstifts

Und ich war neugierig darauf, was Frausein bedeuten könnte, worüber meine Mama doch nie mit mir sprach. So kam es, dass ich eines Nachmittages im Alter von ca. 11 Jahren alleine im parkenden Auto saß, während meine Mutter im gegenüberliegenden Supermarkt einkaufte. Hier wagte ich erste Farbaufträge auf meine Lippen mit Mamas teurem Stift. Dann sah ich sie im Rückspiegel durch die Schiebetüren kommen und vor lauter Schreck fiel mir der Lippenstift auf das Sitzpolster: Alles vollgeschmiert, könnt ihr euch denken. Als letzten Ausweg zur Vertuschung dieses Malheurs kam mir bloß das Draufsetzen mit dem eigenen Hintern in den Sinn. Klappte auch – vorerst – aber der Fleck blieb noch jahrelang erhalten. Dass ich den Lippenstift ausprobierte, darüber sprachen wir nicht mehr. Ich hatte jedoch das Gefühl etwas Verbotenes getan zu haben. Nach diesem und weiteren ersten heimlichen Schminkexperimenten entwickelte ich mithilfe meiner weiblichen prominenten Idole eigenständig eine Art mich anzukleiden und herzurichten. Mamas Make-Up beschränkt sich bis heute auf grünen Lidschatten, Wimperntusche und seit Jahren die gleiche Lippenstiftfarbe, Knallrot. War das ihre Art sich weiblich zu fühlen? Ich weiß es nicht, weil wir niemals darüber sprachen. Kosmetika und so ein Kram, das seien bloß solch lächerliche Dinge, mit denen sich abhängige Hausfrauen beschäftigten, die zu viel Zeit hätten, weil sie sich von ihren berufstätigen Männern aushalten ließen. Und sowieso, das Rasieren sämtlicher Körperstellen war und ist für sie absolut indiskutabel. Aber wie vieles hatte sie auch das mir gegenüber nicht begründen oder erklären können, sondern mir nur mitgeteilt, dass ich es ja selber wissen müsse, aber das Rasieren sei ja auch nicht gut für die Haut und die Haare wüchsen ja nur noch dicker nach und überhaupt solle ich doch nicht das machen, was all die anderen Mädels in der Schule machen, ich sei doch eine eigenständige Person. Ach ja, war ich das? Ich war einfach irritiert.

Wenn Mama morgens nackt aus dem Bad durch das Wohnzimmer hinauf ins Schlafzimmer eilte, rief sie mir beschämt zu, ich solle mich umdrehen, sie sei doch nun wirklich nicht gerade schön anzusehen. Irgendwie negierte sie ihren Körper und das brachte sie mir auch so bei, sicherlich nicht mit böser Absicht, denn sie konnte es halt nicht besser.

Meine Mutter ist eine ganz, ganz widersprüchliche Frau, zumal sie hinter ihrem Männerhass ihre Verletzlichkeit und ihre Angst davor den Menschen nicht zu gefallen (nicht als Frau, sondern als Mensch) geschickt verbirgt und es in der Öffentlichkeit als Rebellion, als Stärke, ja Schlagfertigkeit verkauft. Da meine Mama eine recht korpulente Dame ist, die einen Hang zu authentischer und stilvoller Mode und extravagantem Styling hat, war sie für mich immer die Amazone am schwarzen Horizont, der von den Männern so finster gemachten Welt und ich hatte in meinem Leben niemals Probleme damit die Kleidung zu tragen, auf die ich Lust hatte und rumzulaufen, wie es mir in den Sinn kam. „Du musst ja so laufen, nicht ich!“, waren ihre Worte in meiner schlimmen pubertären Gruftie-Phase. Für die Mama waren Erotik, Weiblichkeit und Intimität etwas, worüber man einfach nicht sprach, weil es sich dabei um Sphären handele, in denen Frauen als billige Objekte erschienen. Und sowieso, alle attraktiven Frauen, die bei ihrem Chef gut ankamen, mussten doch irgendetwas gemacht haben für ihr berufliches Glück. Anders war so etwas nicht zu erklären. Solche Frauen waren billig und dumm und leicht zu haben. Somit hatte ich überhaupt keine Ahnung, sondern nur eine Vorahnung, wie sich so etwas wie weibliches (Körper-) Selbstbewusstsein anfühlen könnte und welche Dinge mich da draußen als erwachsenes Menschenkind erwarten würden. Ich war irritiert – nach wie vor. Dieses selbstbewusste Gefühl ist mir wohl erst heute – im Alter von 28 Jahren – etwas näher gerückt, wobei ich mich immer noch sehr häufig in Bezug auf das Kennenlernen von Männern sehr rasch dabei ertappe mich billig zu fühlen, anstatt einfach mal anzuerkennen trotz des Frauseins ebenfalls auch manchmal ein Arschloch sein zu dürfen, weil Menschen nun einmal so sein konnten. Leben und leben lassen, oder so.

„Ach, Männer, die kannste eh in der Pfeife rauchen. Auf die ist nie Verlass, leere Versprechungen und überhaupt.“ „Kleine Männer müssen sich immer profilieren.“ „Männer sind einfacher gestrickt als Frauen. Die denken nicht so viel obwohl der Tag lang ist.“ „Die wollen sich eh doch alle bloß verlustifizieren mit und vor allem an den Frauen.“

Als Kind hätte ich niemals diese Empfindlichkeit hinter Mamas tougher Art erkannt. Und ja, überhaupt, meine Mama war die starke, unerschütterliche Frau in meinem Leben, die sich dominant, vorwitzig und mutig durch ihr berufliches und privates Leben kämpfte, wobei ersteres hauptsächlich ein sehr männerreiches Terrain darstellte. Da kam man nur mit Biss weiter und den hatte sie wirklich. Ein großes Herz, ein vermeintlich geschlechtsneutrales Verhalten, kennt man sie in ihren Rollen außerhalb des Berufslebens; die Mama sagte oft: „Ich bin ja immer der Clown, weil dicke Frauen immer lustig sein müssen.“ Nein. Die Mama ist kein lächerlicher Clown, sie ist eine tolle und mittlerweile sehr gestandene Frau, die leider zu spät mutig genug gewesen wäre um etwas in ihrem Leben zu ändern. Um wirklich selbstbestimmt und bewusst zu leben. Jedoch war und ist sie widersprüchlicher Weise ein ganz schöner Patriarch, vor allem daheim. Und auch Patriarchen müssen mal weinen und können und dürfen ganz weich sein, weil auch sie Gefühle haben.

Manchmal blinken ein kleines Fünkchen eines kokett mädchenhaften Augengeklimper und Geglitzer hier und Feenstaub da in ihr auf und sie kann plötzlich wie aus heiterem Himmel so wunderschön klischeemäßig mädchenhaft sein. Und ja, das sind dann die Momente, in denen ich spüre, dass sie sich als Frau fühlt und da beobachte ich sie besonders gern.

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