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Frau Fuchs liebt: “Komm, stell dich nicht so an”

Frau Fuchs liebt: “Komm, stell dich nicht so an” published on Keine Kommentare zu Frau Fuchs liebt: “Komm, stell dich nicht so an”

Fr.Fuchsvon Frau Fuchs

Vor kurzem schrieb ich meine Gedanken über das Konstrukt Glück nieder. Es ging unter anderem darum, wann man subjektiv etwas als Glück empfindet und welche gedanklichen Verwebungen dem vorausgehen, ein bestimmtes Ereignis als Glück anzuerkennen.

In Anbetracht der Vorkommnisse in Köln am Silvesterabend (wie unglaublich, dass nicht mehr gesagt werden muss; dass alle Bescheid wissen, wovon ich spreche) habe ich einen weiteren Bereich in meinem Leben gefunden, in dem ich Glück hatte. Insbesondere in einer Gesellschaft, in der die Konfrontation mit Sexismus zum alltäglichen Brot jeder Frau gehört; in der so viele Frauen bereits Opfer von Nötigungen, von sexuellen Übergriffen wurden. Da kann ich doch von Glück sprechen, dass ich bisweilen von körperlichen Missbrauchserfahrungen verschont geblieben bin, oder?

Wie traurig es ist, dies auszusprechen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der ich als Frau froh sein kann, eine der wenigen Ausnahmen zu sein, die es nicht betrifft. Vielleicht, weil ich immer unscheinbar war, vielleicht weil ich aus Glück oder Zufall oder beidem den Tätern nicht begegnet bin? Vielleicht, weil ich immer zu selbstbewusst wirkte (das wäre eine recht billige Erklärung)? Weil ich mich zufällig an einem anderen, einem sichereren Ort befand oder an einem Ort, an dem es zufällig keine Menschen gab, die sich aus unterschiedlichen Gründen, aus unterschiedlichen sozialen Dynamiken heraus dazu entschieden Frauen sexuelle Gewalt anzutun? Ich spreche von Entscheidung, weil ich von mündigen Erwachsenen ausgehe, die Verantwortung für sich übernehmen (können) und demzufolge auch in einer Situation bestialischster sozialer Aufheizung immer noch einen Bezug dazu haben sollten und können, welche Konsequenzen ihr Handeln, auch im betrunkenen Zustand, haben wird. Infolgedessen sind diese Personen auch durchaus zurechnungsfähig und bestrafbar.

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Szene aus „Lost River“ (2014)

Selbstverständlich aber bin ich wie alle Frauen auch Opfer von Sexismus und von Missbrauch in anderen Konstellationen gewesen. Es sind die Kleinigkeiten, diese Mikrogeschichten von unangenehmen und betäubenden Begegnungen mit Männern, tagein tagaus und alle Frauen wissen ganz genau, was ich meine, während einige Männer gar keine Ahnung von diesem kranken Mikrokosmos haben und wenn man ihnen davon erzählt, auch nur ausschnittsweise, dann sind viele ganz schockiert. “Ich wusste das ja alles gar nicht.” Nein, woher auch? Es wird ja auch totgeschwiegen, weil das offene Ansprechen dieser Vorkommnisse uns einerseits leicht mit dem “übergeschnappte Feministin”-Label abspeisen lässt, sowohl von Frauen als auch von Männern, da tun sich beide nichts. Andererseits wird uns schnell vorgeworfen, wir seien zu sensibel, zu zerbrechlich, zu dünnhäutig. “Stell dich nicht so an” ist kein Argument. Ich kenne es aus anderen Kontexten. Zum Beispiel aus Situationen, in denen ich mich als Jugendliche mit dem unangenehmen Verhalten meines alkoholisierten und derb werdenden Vaters auseinandersetzen musste. Da weinte ich oft, aus Wut und Verletzung; deshalb, weil ich diese Derbheit, diese Abgestumpfheit gegenüber der Mitmenschen, sehr verletztend und erschreckend fand. Er belästigte mich nicht sexuell und schlug mich auch nicht, um Himmels Willen, aber er konnte und wollte meine Verletztheit über sein für mich entsetzendes Verhalten nicht verstehen oder ertragen. Und dann sagte er oft mit lallender Stimme: “Stell’ dich doch nicht so an.” Ich wurde wütend, denn natürlich hatte ich ein Recht darauf zu sagen: “Papa, du verhälst dich wie ein asozialer Besoffski und es hat mir seelisch wehgetan, dass du vor den Augen unserer Nachbarn an Bäume pinkelst, dass du morgens aus dem Schlafzimmerfenster auf die Fensterbank unserer darunterliegenden Küche kotzt und Mama das wegmachen muss, dass deine Hose dir an Weihnachten vor allen Gästen herunterrutscht, weil du so breit bist, dass du nichts mehr checkst oder dass du nach der zehnten Flasche Bier mit deinen dreckigen Händen, mit denen du dir vorher vielleicht einige Male den Hintern abgewischt und in den Schritt gegriffen hast, das Essen für morgen meinst zuzubereiten. Dass du mit dem Telefon in der Hand am Küchentisch sitzt und alles zuqualmst, weil du meinst, du müsstest im besoffenen Kopf über die Welt nachdenken und Menschen am späten Abend anrufen und sie zulabern mit Unsinn, mit kranken Sachen”. “Stell’ dich nicht so an, ich tu’ dir doch nichts.” klingt da wie ein zynisches Statement, was jegliche Bedürfnisse und Emotionalitäten deiner Tochter und der anderen dir nahestehenden Personen ignoriert.

Ich habe unter anderem aus diesen Erfahrungen gelernt, dass ich mich nicht anstelle, in keiner Situation meines Lebens. Weder, wenn ich mit einer unfreundlichen Verkäuferin in einem Laden konfrontiert werde und mich nicht gut fühle mit in ihre alltägliche Wut auf die Welt einbezogen zu werden, noch wenn ich merke, dass mich mein Gegenüber auf subtile oder offensive Weise schikaniert, mobbt. Wenn es mir seelisch oder körperlich oder auf beiden Ebenen wehtut, dann stelle ich mich nicht an, sondern bin reif und mutig genug es deutlich anzusprechen und mein Gegenüber aufmerksam darauf zu machen, welche Konsequenzen sein Handeln hervorruft. Vielleicht lernt der*diejenige daraus, vielleicht wird er*sie künftig zweimal darüber nachdenken, ob er*sie einer anderen Person den ein oder anderen Spruch drückt oder sich in der oder der Weise verhält. Natürlich wird ein Mann, der eine Frau vergewaltigt hat, vor jener Tat nicht so klar vor Augen gehabt haben, was er tut. Aber genau das ist der springende Punkt: Unmündigkeit aufgrund von situativen Besonderheiten ist keine Entschuldigung, ist keine Ausrede für grenzüberschreitendes, straffälliges und gewaltvolles Verhalten, durch das andere Menschen – auf welcher Ebene auch immer – verletzt werden.

Ich werde mich nicht abspeisen lassen mit dem Argument “Stell dich nicht so an”, wenn ich mich unwohl, angegriffen, belästigt oder verletzt fühle; weil es nicht angeht, dass ich morgens von Müllmännern angegafft und angemacht werde; dass mir Typen im Vorbeigehen hinterherschnalzen; dass ich denke mich normal und auf Augenhöhe mit einem Mann unterhalten zu können, bis er mir ins Ohr flüstert, dass ich schöne Beine hätte und dass er sich gerade vorstellen müsse, wie es wäre mit mir zu schlafen, diese Beine anzupacken, in diese Oberschenkel zu kneifen. Das sind ganz normale Erlebnisse einer Frau, die Glück hatte keine weiteren insbesondere körperlichen Übergriffe erlebt haben zu müssen.

Wenn wir wirklich diesem schlechten Richtungsweiser folgen würden und uns selber vorwerfen würden uns anzustellen, uns anziehen zu empfindsam zu sein, immer aus einer Mücke einen Elefanten machen zu müssen, in welcher Welt würden wir dann leben?

Selbstverständlich schweigen wir nicht, sondern sind laut.

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