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Über die Mauer geklettert

Über die Mauer geklettert published on Keine Kommentare zu Über die Mauer geklettert

Von MsWookie

Manchmal fragen mich Freund_innen und Bekannte aus dem Hier und Jetzt, warum ich gerade da gelandet bin, wo ich nun stehe, sitze oder gehe:  Gesellschaftswissenschaftliche Studentin an einer Ruhrgebietsuniversität und – mittlerweile erklärte – Feministin. Dann erzähle ich zuerst von der Sensibilisierung für Gender-Fragen und feministische Themen zu Beginn meines Studiums, dann von den schüchternen Sympathien für die Frauen, die vor vielen, vielen Jahrzehnten für ihre Rechte auf die Straße gingen. Kenne ich den Menschen gegenüber schon etwas besser oder finde ihn_sie schlichtweg sympathisch, erzähle ich manchmal davon, wie ich aufgewachsen bin.

Als einzige Tochter von liebevollen, aber auch anspruchsvollen Eltern („Sitz gerade am Tisch!“ höre ich heute noch manchmal) bin ich in den 90ern und 2000ern in einem Dorf am Schwarzwaldrand aufgewachsen. Wert legt man darauf, dass man schwäbisch spricht, täglich mehr arbeitet als der_die Nachbar_in und mindestens einen Acker besitzt. So ist das immer gewesen, so möchte man das bewahren. Der Wohnort meiner Eltern ist das Modellland für jede_n traditionelle_n Konservative_n. Diese Gegend Heimat zu nennen fühlt sich falsch an, auch, wenn jede Begrüßung durch meine Mutter, komme ich aus dem Ruhrgebiet zu Besuch, sich immer noch nach Heimat anfühlt.

Es ist eine kleine, relativ in sich geschlossene Welt. Der kleine Zeitschriftenladen, gleichzeitig die Poststelle des Ortes, führt seit Jahren nur noch zwei Zeitungen: Die Lokalpresse und die BILD-Zeitung. Alles andere, so die Besitzerin, hätte eh niemand gekauft. Ein vorwurfsvoller, unausgesprochener Nachsatz wäre gewesen „seitdem du weggezogen bist.“ Die ZEIT bezeichnete meine Heimatregion 2013 als „Pietkong“, aufmerksam wurde man auf die überdurchschnittlich stark vertretenen Evangelikalen durch eine Petition gegen die Lehrplanreform der grün-roten Landesregierung, die von einem Realschullehrer aus dem Nachbardorf stammt. Apropos, die liebe Politik! Bei der Landtagswahl verzeichnete die AfD im Wohnort meiner Eltern 24%, die – ohne Ironie – geschwächte CDU kam auf nur noch 37% der Stimmen. Wirklich gewundert hat dieses Ergebnis in meiner Familie leider niemanden. Schockiert und betroffen gemacht irgendwie schon.

Als ich an einem frühen Montagmorgen das Ergebnis auf Kommunalebene schwarz auf weiß auf meinem Laptop vor mir sah wurde mir schlecht. Nicht nur, weil es mit 7 Uhr einfach zu früh für mich war, auch weil mich ein widerlich selbstgefälliges Gefühl von Bestätigung bei gleichzeitiger Wut überkam. „24“ – diese Zeichen manifestierten jahrelanges Bauchgefühl über rassistische und sexistische Positionen unter einem überdurchschnittlich großen Teil der Bewohner_innen. Alles, was ich lange Zeit latent gespürt hatte, oft als Teenager nicht einschätzen konnte oder vielmehr meiner inneren Stimme nicht ganz trauen konnte.

Comic Girl Gif mit Text "'Princess'. Did you just call me 'princess'?

Meine Entdeckungstour begann mit dem Kindergarten. Schnell habe ich erfahren, dass ich nichts bei Bauklötzen und Lego-Steinen verloren hatte. Ich war ein Mädchen und somit wurde ich von Erzieherin und der versammelten Macht der männlichen Kinder aus der „Jungsecke“ vertrieben. Who cares, dass mein Papa mir zuhause beigebracht hatte, wie man richtig stabile Häuser baut?!  Also ab zu Puppen und Spielküche. Aber auch in der Schule fiel mir Mathematik „für ein Mädchen sehr leicht“.

Ein wirkliches Hallo-wach-Erlebnis war aber meine Zeit im Musikverein. Da ich unbedingt ein Instrument lernen wollte, schickten mich meine Eltern natürlich in den örtlichen Verein. Dort lernte ich nicht nur ein Holzblasinstrument, sondern auch ganz neue Werte kennen, die ich von zuhause nicht kannte. Männer, die über Frauen wahlweise als Fleisch gewordenen Besitz oder eben nur als Fleisch sprachen. Die mich fragten, warum ich mich in der Schule anstrengen würde, ich wäre doch hübsch und bekäme sicherlich einen Mann. Frauen- und Fremdenfeindlichkeit aber nicht nur von Männern ausgehend, von Homophobie ganz zu schweigen. Dieses Klima erzeugt Strukturen, in denen sich nur der_diejenige behaupten kann, der_die sich anpasst. Mensch muss dem normativen Ideal entsprechen, um angesehen zu werden.

Diese engen Strukturen lösten bei mir viele Fragen und auch Verunsicherungen aus. Musste ich mich auf dieselbe Art und Weise „hübsch machen“, wie es die älteren Mädchen oder Frauen taten? Sollte ich tatsächlich weniger lesen, doch einmal an einer Tupperparty teilnehmen? Musste ich meinen zukünftigen Freund (mit damals 14 eine große Sache) tatsächlich in diesem Umfeld suchen? Ich war auf der Suche nach meiner Identität, meiner Weiblichkeit, pathetisch gesagt auf der Suche nach meiner Zukunft. Gleichzeitig gaben mir diese Strukturen auch Antworten. Klare Regeln, unausgesprochen und ausgesprochen. Ich probierte mich in dieser Fassade aus, doch fühlte ich mich nicht wohl. Scheinbar war ich mehr, doch was dann, wenn die vorhandenen Konzepte von Weiblichkeit alle nichts für mich waren? Ich sah mich weder als Haushaltswaren hortendes Mäuschen noch als jemanden, dem man auf Dorffesten Komplimente für den „geilen Arsch“ machen konnte. Trotzdem hatte ich das Gefühl damit alleine da zu stehen. Ich fühlte, dass etwas hinter dem Horizont lag, aber konnte es nicht sehen. In einer Welt, in der alle gleich bis ähnlich sind, ist es ziemlich kacke anders zu sein.

Letztendlich „rettete“ mich wohl das berstende Gefühl, immer ein Fremdkörper in diesem System zu sein. Wirklich angekommen war ich in diesen Dorfstrukturen nämlich nie. Meine kackige Andersartigkeit strahlte wohl selbst hinter einer Fassade immer durch, zumal mich Klassenkamerad_innen auf dem Gymnasium scheinbar dafür mochten. Schlecht gefühlt aufgrund der subtilen Ausgrenzung habe ich mich natürlich trotzdem.

Nun aber zurück ins Hier und Jetzt: Aus heutiger Sicht frage ich mich oft: „Warum hast du dich da nicht früher gelöst?“ Meist schiebe ich dann etwas trocken grummelnd nach: „So ne Mauer zu überblicken, wenn man direkt vor ihr steht ist relativ schwer!“ Sprich, steckt man erst in diesen Strukturen und Rollen braucht man jemanden, der einem die Hand reicht, einen über die symbolische Mauer zieht. Oder zumindest das Angebot stellt.

 

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