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Mini-Serie

Mini-Serie published on 3 Kommentare zu Mini-Serie

Frau*sein erfahren

von Lilli Boheme

Das Miteinander im Alltag lässt jede*n von uns in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Die wohl markantesten Rollen sind die des Mann*- oder Frau*seins. Meist unbewusst, da wir seit unserer Kindheit gelernt haben, was es bedeutet als Mann* oder Frau* zu leben und so ein geschlechtsspezifisches Verhalten verinnerlicht haben.

Alltägliche Wege…

Nachts_Dina_Bea
Collage von Malina und Bea

 

Unabhängig voneinander haben sich drei unserer Autor*innen in ihrem ersten Beitrag für den Blog mit ihrem Alltag als Frau* auseinandergesetzt – genauer mit einer Begegnung zwischen Männern* und Frauen*.

Alle Erfahrungsberichte handeln von ‚street harassment‘ – also einer alltäglichen Belästigung auf dem Weg zur Arbeit, in der Uni oder in der Disko. Darunter fallen zum Beispiel vermeintliche Komplimente („Lächel doch mal – dann siehst du noch viel hübscher aus.“), Beschimpfungen oder auch körperliche Übergriffe. Da wir alle nur ein Produkt unserer Erfahrungen sind und ein individuelles Gefühlsleben besitzen, wird das was als Belästigung gilt stets subjektiv wahrgenommen und die Grenzen variieren von Mensch zu Mensch.

Die Autor*innen schreiben über ihre Erlebnisse ‚im Dunkeln‘, beim nach Hause kommen und Weggehen. Sie schreiben über ihre Ängste und negativen Erfahrungen, aber auch über Möglichkeiten dieses ungleiche Verhältnis zu kippen und sich zu empowern!

 

Nachts

von Malina und Bea

Ruf an, wenn du angekommen bist!

Ein netter Kneipenabend auf der Rottstraße. Ich bringe kurz einen Kollegen nach Hause, der zu Besuch ist. Als ich mich von ihm verabschiede, fällt mir auf, dass ich ja allein zurück muss. Eigentlich dauert der Weg nicht länger als 5 Minuten, aber mir wird trotzdem mulmig bei dem Gedanken alleine unterwegs zu sein. Ich beschließe darauf zu achten, wie oft ich auf diesem kurzem Weg in Situationen gerate, in denen ich mich unwohl fühle. Beängstigender Weise habe ich auf diesem Weg dreimal das Gefühl mich umdrehen, schneller zu laufen und aufmerksam hören zu müssen.

 Diese Situation ist schon sehr oft vorgekommen und in letzter Zeit habe ich oft mit Freund*innen darüber geredet. Einige von ihnen empfinden oft ähnlich. Um sich sicherer zu fühlen, rufen sie in solchen Situationen Freund*innen an und telefonieren, oder tun nur so.  Die Idee dahinter ist, mögliche Angreifer abzuschrecken. Hier habe ich bewusst die männliche Form gewählt, denn dieses Gefühl empfinde ich nur bei Menschen, die ich als Männer wahrnehme. Weitere Vorsichtsmaßnahmen sind: die Straße wechseln, das Pfefferspray bereithalten, Haustürschlüssel in Waffenposition zwischen die Finger klemmen oder rennen.

Nicht alle meine Freund*innen empfinden diese Angstgefühle. Für viele ist es total unverständlich. Sie fühlen sich immer sicher, gehen nachts im Dunkeln joggen, finden verlassene U-Bahnstationen haben einen gewissen Charme und nicht ganz so ausgeleuchtete Bahnunterführungen wirken für sie ein bisschen romantisch. Sie argumentieren, dass Frauen, die im Dunkeln Angst haben sich freiwillig in eine Opferrolle fügen. Schließlich passieren die meisten Vergewaltigungen im Bekanntenkreis und nicht im Dunkeln auf der Straße, sämtliche Angst ist also unbegründet.

Wenn diese Angst also rational nicht erklärbar ist, wo liegt dann ihre Ursache? In unseren Diskussionen haben wir verschiedene Gründe lokalisiert. Ein grundsätzlicher Unterschied liegt in der Sozialisation. Wer von seinen Eltern vermittelt bekommt, dass die Welt voller Gefahren lauert, vor denen man sich schützen muss, bekommt schneller Angst. Ich zum Beispiel musste immer Bescheid sagen wo ich hin will und anrufen, sobald ich angekommen bin, obwohl die Strecken oft nur wenige Minuten Fußweg waren. Jedes Mal, wenn ich im Dunkeln das Haus verlassen habe, wurde mir von meinen Eltern glaubhaft vermittelt, dass ich sehr auf mich aufpassen muss. Mir wurde Handeln nach der Maxime „Lieber einmal zu viel Angst als zu wenig“ vermittelt. Neben der Sozialisation könnte Körpergröße eine Ursache sein. Kleine Frauen haben vielleicht auf Grund des Größenunterschiedes zu größeren Männern eher das Gefühl in brenzligen Situationen unterlegen zu sein.

Ein weiterer Grund für diese irrationale Angst könnte sein, dass viele meiner Freund*innen und ich so erzogen wurden, dass man keine Angst haben muss, solange ein Mann dabei ist. Dabei ist egal in welcher Verfassung dieser Mann ist, die Hauptsache ist, er ist männlich sozialisiert. Diese Beobachtung lässt sich recht gut in feministische Theorie einordnen. Schließlich wird Frauen in der Gesellschaft eher die passive Rolle zugeschrieben, während Männer oftmals als aktiv gelten. Wenn Frauen sich nicht trauen nachts alleine ohne Mann das Haus zu verlassen, wird ihre Passivität und dieses Rollenverhältnis verstärkt. Deshalb ist diese Angst hemmend und fördert den Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Nach ausgiebigen Debatten in meinem Freundeskreis haben wir überlegt, was wir tun können um diese Situation zu ändern. Da diese Angstgefühle mit weiblicher Sozialisation zusammenhängen, ist Erziehung einer der Schlüssel. Eigentlich ist langfristig das Beste was man machen kann, seinen Kindern nicht, wie oben beschrieben, diese Angst zu vermitteln. Jungen sollten so erzogen werden, dass sie Rücksicht nehmen, wenn sie feststellen, dass andere Angst haben und Mädchen sollte vermittelt werden, dass sie ohne Angst durch das Leben gehen können.

Doch auch kurzfristig benötigen wir Ansätze, um mit der Angst umzugehen. Wie ihr im Artikel verfolgen konntet, hat es mir sehr geholfen mit Freund*innen darüber zu sprechen und sich auszutauschen. Dabei wurde mir bewusst, dass diese Angst nicht bei allen Frauen* gleichstark ist und ich deswegen daran arbeiten kann, mich von meiner Angst nicht einschränken zu lassen.

Manche meiner Freund*innen machen Selbstverteidigungskurse, um sich nachts im Dunkeln sicherer zu fühlen. Sie nutzen die dort erlernten Fähigkeiten als Empowerment, und haben somit ihren Weg gefunden selbstbestimmter zu leben.

Das Ziel sollte sein, in einer Gesellschaft als Frau* ohne Angst leben zu können. Auf dem Weg dahin muss noch einiges getan werden. Feministisch ist alles was dazu beiträgt.

 

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3 Kommentare

Ich kenn das Gefühl auch und ich gehe sehr ungerne alleine im Dunkeln heim. Erst dachte ich mir, stimmt eigentlich, immer wenn ein Mann dabei ist, hat man keine Angst…stimmt, das muss wohl an der Sozialisation liegen. Aber dann kam mir der Gedanke, auch wenn eine andere Frau dabei ist, hat man keine Angst. Ich bin noch gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass mich das ja tatsächlich auch einschränkt, dieses „ich geh im Dunkeln nicht gerne alleine heim“. Also an dieser Stelle danke für den Hinweis, da sollte ich mir wohl auch mal Strategien überlegen.

Guter Beitrag, den ich leider gestern Nacht noch am Mülheim Hbf nachempfinden musste.
Worauf ich aber eingehen möchte, ist die Sache mit der männlichen Begleitung. Ich empfinde durchaus körperlichen Schutz durch die Anwesenheit meines (halt auch starken) Freundes, das sei unbestritten und mag einem Passiv-Aktivem Rollenverständnis unterliegen. Doch denke ich, dass der tatsächlich gewünschte Effekt, beim nächtlichen Anruf mit der Bitte um Begleitservice, vornehmlich auf einer Sozialisierung anderer Art basiert. Ich bin dann nämlich seine. Angeblich versteht sich. Wenn ich nachts mit einem Mann durch die Straßen Laufe sinkt die Anbagger-Quote so drastisch (gen 0), allein durch meine augenscheinliche Zugehörigkeit zu dem Mann, der mich begleitet. Funktioniert ebenfalls mit männlichen Freunden und Bekannten.
Akut bin ich natürlich sehr froh über diesen Effekt, objektiv kommt man aber ja doch nur vom Regen in die Traufe.

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