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Von Bochum nach Edinburgh

Von Bochum nach Edinburgh published on Keine Kommentare zu Von Bochum nach Edinburgh

 von Lilli Boheme

Diesen Sprung wagte die ehemalige RUB-Studentin* Alva…

Präsentation1
Fotos von Lilli Boheme

Zusammen mit ihrer Familie, die bedingt durch den Beruf des Vaters viel reiste, konnte Alva schon früh erste Erfahrungen im Ausland sammeln. In den USA, in denen sie schließlich einige Zeit lebte, hat sie schon als kleines Mädchen ihre Liebe zur englischen Sprache entwickelt. Motiviert durch die gesammelten Erfahrungen machte sie bald ihre eigenen Pläne – im Ausland studieren war ihr Ziel. Geldbedingt absolvierte sie ihr Bachelorstudium in Geschichte und Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum. Für den ersehnten Master zog es Alva dann an die Universität von Edinburgh, Schottland, wo sie das Studium der Geschlechtergeschichte (‚Gender History‘) 2009 aufnahm. Ihr Studium verlief erfolgreich – direkt nach Beendigung ihres Masters wurde Alva eine Doktorand*innenstelle angeboten, die sie noch mindestens bis zum Sommer beschäftigen wird. Wir haben Alva in Bochum getroffen und über ihre Arbeit, das feministische Leben in Edinburgh und Feminismen gesprochen.

Was bedeutet für dich Feminismus?

Feminismus geht für mich über Geschlechtergerechtigkeit hinaus. Es geht um Kyriarchie, um die komplexen Zusammenhänge von Gender, Sexualität, Rasse, Klasse, Religion, Alter, körperlicher Leistungsfähigkeit und psychische Gesundheit – und darum, wie sie interagieren und Machtsysteme (re)produzieren. Ich möchte strukturelle (Chancen-)Ungleichheit aufzeigen und helfen, Räume zu schaffen, in denen wir voneinander lernen und Solidarität aufbauen können. Bildungsarbeit ist mir enorm wichtig. Die eigenen Privilegien dabei kritisch zu reflektieren gehört genauso dazu wie Verantwortung zu übernehmen und sich einzumischen, wenn man im Alltag Sexismus, Rassismus, Homophobie etc. begegnet, auch und gerade in Situationen, in denen das nicht leicht ist. Wir sprechen hier von massiver sozialer Ungerechtigkeit und struktureller, emotionaler und physischer Gewalt, mit der Menschen sich jeden Tag konfrontiert sehen. Das geht uns alle an.

Wer sind deine feministischen Vorbilder?

Es gibt ganz, ganz viele Menschen, die mich inspirieren – ich weiß gar nicht, wie ich die alle aufzählen soll. Ich bleibe mal bei realen Personen. Es gibt viele Künstler*innen und Schriftsteller*innen, die ich bewundere, weil sie mit Leidenschaft und Scharfsinn schmerzhafte Wahrheiten artikulieren, und weil sie mir Mut machen, dasselbe zu tun. Ich liebe Angela Carter, Hilary Mantel, Alice Walker. Aktuell lese ich Toni Morrisson, den Literaturnobelpreis hat sie zu Recht erhalten. Es gibt ein ganzes Spektrum bildender Künstler*innen, die sich mit Intimität und Verlust auseinandersetzen, drei sehr unterschiedliche Beispiele wären Käthe Kollwitz, Tove Jansson und Marina Abramovic. Ich liebe die Gedichte von Andrea Gibson (z.B. Ashes, Blue Blanket) und Warsan Shire (z.B. For women who are difficult to love, Teaching my mother how to give birth).

 Ich bin den Menschen sehr dankbar, die sich in der Vergangenheit für die Rechte eingesetzt haben, von denen ich heute profitiere, die viele Türen geöffnet und kein Nein akzeptiert haben. Victoria Woodhull finde ich faszinierend, sie war die erste weibliche Kandidatin für die US-Präsidentschaft, zu einer Zeit, als Frauen noch nicht einmal das Wahlrecht hatten. Oder Bessie Coleman, das oft-vergessene Gegenstück zu Amelia Earhart, die als allererste Afroamerikaner*in einen Pilot*innenschein gemacht hat, und später als erste Frau überhaupt einen internationalen Pilot*innenschein besaß.

Dieses Frühjahr habe ich auf einer Konferenz Zainab Hawa Bangura gesehen, eine sierraleonische Politikerin, die 2012 zur Special Representative of the United Nations Secretary General on Sexual Violence in Conflict ernannt wurde. Sie hat mich auch sehr beeindruckt.

Und dann gibt es natürlich noch die Menschen in meinem direkten Umfeld, meine Kolleg*innen, gerade jene, die die undankbaren Jobs machen, die täglich im Einsatz sind und viele Menschen unterstützen, aber wenig Dank dafür bekommen und die Dinge, die sie sehen, auch nach Dienstschluss mit sich herumtragen.

Collage

Stell‘ doch mal bitte deine aktuellen Projekte in Edinburgh vor!

* Als erstes wäre da meine Arbeit mit Edinburgh Women’s Aid zu nennen. Dort bin ich inzwischen Vize-Vorstandsvorsitzende.

* Ich bin Co-Organisatorin des Edinburgh Gender History Network. Wie laden das ganze Jahr über Forscher*innen ein, die im Bereich Gender History tätig sind damit sie ihre Arbeit vorstellen. Gut die Hälfte von ihnen sind early career researchers, für die ist das netzwerken besonders hilfreich.

* Ich bin als freiberufliche Ausbilderin tätig und gebe feministische Workshops, zum Beispiel hat mich kürzlich Scottish Women’s Aid eingeladen, einen Workshop zu queer-feministischen Analysen von gender-based violence für Mitarbeiter des Stadtrates und der Polizei zu geben. Der Workshop war ein voller Erfolg und wird im Frühjahr 2015 wiederholt.

Erzähl uns doch mal etwas über deine Dissertation – dein Thema klang im Vorgespräch sehr spannend!

Das Projekt basiert auf qualitativer, narrativer Forschung. Die Interviewten sprechen über fortwährende Prozesse der Identitäts- und Labelfindung, über Aktivismus, Coming-Out, über Inklusion und Exklusion in der ‚Szene‘, Familienplanung, aber auch Erfahrungen von struktureller und zwischenmenschlicher Diskriminierung und Gewalt. Ganz besonders interessiert mich, wie umkämpft die Räume innerhalb der ‚Szene‘ sind und wie oft dort hegemoniale Machtstrukturen reproduziert werden.

Mein Arbeitstitel ist im Augenblick ‘Whit’s fur ye’ll no go past ye’ – Narrative Identity and Experiences of LGBT/Q Community in Scotland, 1980-2000. Der erste Teil ist ein Zitat aus einem der Interviews, ein schottisches Sprichwort, das ich als ‘What is meant for you will not pass you by’ übersetzen würde. Das fasst ganz gut zusammen, wie in den vielen Fällen die Identitätsfindung beschrieben und erzählt wird: Als etwas, das sich oft früh abzeichnet, aber manchmal Jahrzehnte braucht, um verwirklicht zu werden.

Ich hoffe nächsten Sommer abgeben zu können. Es ist ein ewiges auf und ab mit dem Schreiben, das geht meiner Erfahrung nach den meisten Doktorant*innen so. Ich habe gefühlt unendliche Mengen an Material und kämpfe noch ein wenig damit, die richtigen Passagen auszuwählen und sie auf die bestmögliche Art zusammen zu weben.

Über die Frage haben wir bereits diskutiert, aber nenn‘ uns doch mal deine Definition von ‚queer’. Wo siehst du den Unterschied zum Gebrauch in Deutschland?

Ich habe einen langen einleitenden Teil in der Arbeit, in dem ich  neben anderen Forschungsprojekten, die mich inhaltlich und methodisch inspiriert haben, auch die Herausbildung verschiedenen Identitätslabel und ihre Verwendung in verschiedenen Kontexten nachzeichne. ‚Queer‘ hat für viele meinen älteren Interviewees in erster Linie eine negative Konnotation, sie sind damit als Schimpfwort aufgewachsen und tun sich schwer mit dem Konzept des ‚reclaiming‘. ‚Queer theory‘ ist ja eine viel neuere Entwicklung und findet eben auch hauptsächlich in akademischen Kreisen Resonanz. Ich persönlich fühle mich mit dem Label wohl, aber ich kann es meinen Interviewees nicht aufdrücken. Ich denke, das ist vielleicht der größte Unterschied zum Gebrauch in Deutschland, wo ‚queer‘ als Fremdwort importiert worden ist, nicht diesen Bedeutungswandel durchgemacht hat und daher nicht diese Altlast mit sich bringt. Auf der anderen Seite fühlt es sich deswegen vielleicht auch nicht ganz so subversiv an.

Wie unterscheidet sich die feministische Szene im Ruhrgebiet von der in Edinburgh?

Schwer zu sagen… als ich noch in Bochum war, gab es nicht viel – zumindest habe ich davon nichts mitbekommen. Der Frauenraum an der Uni war immer leer und vom Autonomen FrauenLesbenreferat habe ich mich nicht angesprochen gefühlt. Es kann gut sein, dass sich etwas verändert hat, aber eine bessere Vernetzung ist auf jeden Fall nötig. Edinburgh hat den großen Vorteil, dass die Uni viel mehr Geld hat und den Studierenden mehr Raum und Ressourcen zur Verfügung stellen kann, was das organisieren enorm erleichtert. Außerdem hat Edinburgh als Hauptstadt natürlich Hauptsitze vieler Uni-externer Organisationen (Scottish Women’s Aid, Zero Tolerance, ScotPEP, Engender etc) und auch viele internationale Einflüsse. 

4_Rahmen
Die Bochumer Freund*innen

Wir sind ganz neugierig: wo sind denn deine Lieblingsorte im Ruhrgebiet?

  • Der Landschaftspark Duisburg Nord
  • der traditionelle Samstags-Flohmarkt an der Bochumer FH
  • der Aussichtsturm über der Ruhr bei Haus Hohenstein in Witten
  • ein kleiner Aussichtspunkt im Wald auf dem Kalwes, über der Grünen Schule, mit Blick auf’s Lottental. Letzteren kann man nur erreichen, wenn man über ein paar Zäune und Bäume klettert, und dann sitzt man oben auf einer Klippe. Sicherheitsbedenken sind vermutlich gerechtfertigt.

Und zu guter Letzt – was war für dich der entscheidende feministische Moment?

Es gibt eigentlich jeden Tag Momente, in denen mir wieder klar wird, wie viel ich noch verändern will.

 

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