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Auf den Spuren der Bochumer Frauengeschichte

Auf den Spuren der Bochumer Frauengeschichte published on Keine Kommentare zu Auf den Spuren der Bochumer Frauengeschichte

Ein Gastbeitrag von Lene Hartlinger

Ich treffe die Leiterin des Bochumer Frauenstadtrundgangs Linda Unger an einem warmen Sonntagnachmittag im Cafe. Eben hat sie eine Gruppe interessierter Menschen durch Bochum geführt und ihnen „die Stadt der Frauen“ gezeigt.

Bochum, eine Stadt der Frauen?

Wenn mensch den Spuren folgt, die Linda Unger in ihrem Rundgang so eindrücklich aufzeigt, findet man sie: die Frauen, die mit ihrer Kraft, ihrem Engagement und viel Mut die Gesellschaft ihrer Zeit prägten. Der Bochumer Frauenstadtrundgang bietet nicht nur Gelegenheit vieles über die Lebensgeschichten der historischen Frauenpersönlichkeiten zu erfahren, sondern eröffnet den Besucher*innen auch die Möglichkeit etwas über sich selbst zu erfahren. Denn wie bemerkte die österreichische Historikerin Gerda Lerner so passend: „Jede Frau ändert sich, wenn sie erfährt, dass sie eine Geschichte hat“.

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Quelle: Auszeiten-Frauenarchiv

 

Lene Hartlinger: Vielen Dank, dass du dir heute Zeit für uns genommen hast. Erzähl uns doch erst mal etwas über den Bochumer Frauenstadtrundgang.

Linda Unger: Während des Frauenstadtrundgang wollen wir an verschiedene Frauen aus der Geschichte Bochums erinnern. Also im Prinzip ein Frauengeschichtsrundgang. Hauptsächlich geht es um Frauen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Es sind aber auch welche aus dem 18. Jahrhundert und dem Mittelalter dabei. Während des Rundgangs erfährt mensch, was die Frauen so bewirkt haben. In Bochum, aber auch an anderen Orten. Manchmal wurden sie in Bochum geboren und sind dann aber ganz woanders hingegangen. Die Frauen haben aber hier, wie dort immer eine ganze Menge guter und wichtiger Dinge getan.

 

Wie ist die Idee zum Rundgang entstanden?

Beim feministischen Archiv ausZeiten in Bochum hatten die Mitarbeiter*innen schon lange die Idee einen Rundgang anzubieten. Da im Archiv sonst immer so viel zu tun war, sind sie einfach nicht dazu gekommen. Als ich 2007 ein Praktikum im Archiv gemacht habe, wurde mir dann diese schöne Aufgabe übertragen. Ich konnte auf alle möglichen Materialien zugreifen, die es bei ausZeiten gibt. Das Archiv steckt ja voller (Frauen-)Geschichte(n).

Zuerst habe ich Texte geschrieben für ein Frauenstadtmagazin „Women in the City“ – dort gab es jeden Monat eine Historienseite. Ich habe verschiedene Beiträge verfasst und die Texte wurden teilweise in den Rundgang eingearbeitet. Außerdem mussten wir uns noch Orte überlegen, die inhaltlich zu den Frauen passten und so lagen, dass alle in einem zweistündigen zu bewältigen waren. In Kooperation mit der VHS haben wir dann im Frühling 2008 die ersten Rundgänge angeboten. 

Für diejenigen die den Rundgang noch nicht mitgegangen sind. Kannst du uns den Weg durch die Stadt skizzieren?

Linda: Wir fangen am Rathaus an, weiter geht es über eine kleine Schleife in Richtung Bergbaumuseum. Am Kunstmuseum vorbei, zurück in die Innenstadt. Da sind dann noch ein paar Stationen und das Ganze endet am Landgericht. Es sind insgesamt 10 Stationen und ein bis drei Frauen werden pro Station vorgestellt. Diese Route hat sich in den letzten sechs Jahren sehr gut bewährt.

Hast du außerdem noch ein paar Tipps, wo mensch hingehen kann, wenn noch Interesse an weiteren ‚Frauenorten‘ in Bochum besteht?

Linda: ausZeiten ist natürlich so ein Ort. Dann ist die Frauenbibliothek Lieselle an der Ruhr-Uni auch eine weitere spannende Anlaufstelle. Wenn mensch hinschaut, gibt es natürlich sehr viele Orte zu entdecken. Lustigerweise wurde der Frau, die als erste über die Bochumer Frauengeschichte recherchiert hat, Giesela Wibertz erzählt: Die Geschichte Bochums weist keine interessanten Frauen auf. Die Recherche können Sie gleich bleiben lassen!

 

Ehrlich? Wer hat das gesagt?

Linda: Ihre Historikerkollegen. Dann hat sie das aber trotzdem gemacht und wie sie strafen wir diese Herren von damals jetzt regelmäßig lügen. Die Männer haben quasi versucht, der Frau Wilbertz abzusprechen, dass sie es selbst beurteilen kann. Das ist halt auch immer eine sehr beliebt Strategie. So von wegen: Mädchen, du hast doch keine Ahnung!

 

Und Gisela Wilbertz war die erste die intensiv zu Bochumer Frauen recherchiert hat?

Linda: Meines Wissens nach in dem Unfang schon, und sie hat das zusammengetragen, was es zum Teil hier und da schon gab. Aber es ist vorher noch nie so gebündelt gewesen. In ihren Schriften werden zusätzlich viele Frauen sichtbar, die wir nicht in den Rundgang aufnehmen konnten. Irgendwann würden wir gerne noch Frauen zu anderen Schwerpunkten recherchieren und zusammentragen. Aber im Moment haben wir mit unserem Rundgang schon ganz gut zu tun. Wir haben immer drei Termine im Frühling und drei Termine im Herbst – in Kooperation mit der VHS. Es ist aber auch möglich mit einer Gruppe einen eigenen Rundgang zu buchen. Das wird zum Beispiel bei Tagungen gerne in Anspruch genommen.

 

Was bekommst du denn für Reaktionen auf den Rundgang?

Linda: In erster Linie, dass die Teilnehmer*innen vieles nicht wussten. Sie hatten das noch nie gehört und kannten die Leistungen dieser Frauen nicht. Das kann man ihnen auch gar nicht vorwerfen, denn woher sollen sie das wissen, wenn es nirgendswo Thema ist. Oder zu selten – sagen wir mal so. Es wird zum Glück auch immer mehr, aber es gehört sicher immer noch nicht zum Allgemeinwissen. Was die eigene Stadt angeht, weiß man ja meist sowieso nur knapp die Hälfte.

Zum Beispiel Elisabeth Tresko. Sie hat die verdammte Meisterschale des DFB gemacht. Und sie ist eine weltberühmte Goldschmiedin. Und ich frage jedes Mal: „Wer von Ihnen kennt Elisabeth Tresko?“ Niemand kennt sie. In Köln gibt es einen Elisabeth-Tresko-Platz. Da kennt man sie auch, weil sie dort lange gelehrt hat. Aber sie kommt auch Bochum. Sie ist hier aufgewachsen und hatte 1926 sogar eine eigene Ausstellung. Die Meisterschale gibt es immer noch – gut, in Bochum war die Schale schon länger nicht mehr. Aber man könnte ja mal damit anfangen, die Frau ein bisschen zu würdigen, die die Schale gemacht hat.

Oder auch Else Hirsch, die Lehrerin an der jüdischen Schule in Bochum war. Sie ist als letzte Lehrerin bei den Schüler*innen geblieben und ist, als die Schule 1942 aufgelöst wurde, mit den Schüler*innen nach Riga deportiert worden. Es gibt für sie einen Stolperstein, was total gut ist, aber ich fände es schön, wenn es eine Schule geben würde, die nach Else Hirsch benannt wird. Das wäre einfach angemessen! Es geht insgesamt immer noch um das ganz klassische „Sichtbar-Machen“. Mensch kann das auch noch analysieren und so weiter, aber in erster Linie heißt es eben: die kennt kein Mensch, die haben Sachen gemacht gegen alle Widerstände. Diese Widerstände waren sehr groß  – einerseits weil sie Jüdinnen waren, anderseits weil sie Linke waren und immer auch weil sie Frauen waren. Und sie haben trotzdem so viel auf die Beine gestellt.

 

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Quelle: Auszeiten-Frauenarchiv

 

Da fehlt es also an der Aufarbeitung der Geschichten von Frauen aus der eigenen Stadt, oder? Um mit offeneren Augen durch die eigene Stadt zu gehen und sie anders sehen zu können als vorher. Dabei soll dann der Rundgang helfen…

Linda: Genau.

 

Du vereinst vieles in dir, was auch den Rundgang ausmacht.

Du bist Historikerin, Feministin, feministische Aktivistin, Buchhändlerin und zudem auch Anglistik und Philosophie studiert. Hast du auch aufgrund dessen gemerkt, dass dieser Rundgang unheimlich gut zu dir passt?

Linda: Genau. Ich habe auch gemerkt, dass die vielen verschiedenen Dinge, die ich gemacht habe oder mache, sich gegenseitig überhaupt nicht wehtun. Sondern im Gegenteil: sie geben sich gegenseitig unheimlich viel.

Ich habe mal eine Zeit lang an einer Zeitschrift aus dem 19., frühen 20. Jahrhundert geforscht – den „Grenzboten“ – und habe geschaut was Frauen dafür geschrieben haben. Das waren zum Teil Themen, die ich dann im Rundgang nochmal aufgreifen konnte, wenn es zum Beispiel um Frauenbildung oder um die Berufstätigkeit von Frauen ging.

Oder jetzt gibt es immer mal wieder Momente, in denen mir Bücher einfallen mit denen ich zu tun hatte, die ich dann auch empfehlen kann. Insofern sind das alles collagenartige Bestandteile, die es insgesamt ausmachen.

Ich finde es sehr schön, dass ich mit dem Rundgang aktiv Erfahrungen für Menschen schaffen kann. Sie sind freiwillig da und gehören ganz verschiedenen sozialen Gruppen an. So kann ich auf einer offenen, kommunikativen Ebene Menschen erreichen. Mir erzählen auch immer wieder Leute während des Rundgangs Dinge, die ich noch nicht wusste. Die kann ich dann beim nächsten Rundgang einbauen. Zum Beispiel beim Kaufhaus Baltz. Dazu haben mir viele was über die Geschichte erzählt, die vielleicht ein bisschen inoffizieller ist. Oder wie es war da zu arbeiten – mit Else Baltz als Chefin. Das fanden die meisten unheimlich toll.

 

Oben im Kaufhaus Baltz sieht man heute die große Tafel – mit den Männern, die das Geschäft über die Jahre geführt und aufgebaut haben. Und sie: Else Baltz. Als einzige Frau. Sie hat das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut. Wie so viele Frauen in dieser Zeit, speziell hier im Ruhrgebiet.

Linda: Ja, genau. Die Frauen haben ihre Spuren hinterlassen. Ganz sichtbare Spuren. Wie auch die Dorfkirche in Stiepel. Die Dorfkirche in Stiepel steht dort weil die Gräfin Imma von Stiepel es entschieden hat. Sie war diejenige, die alle Strippen gezogen hat – mit ihrer Verwandtschaft und anderen bekannten Adligen. So wurde dieser Kirchenbau möglich obwohl es vom Erzbischof von Köln aus nicht gewünscht war. Sie hat aber einfach ihre guten Kontakte genutzt und die Kirche wurde gebaut.

 

Gibt es denn im Rundgang eine Frau, die dich besonders beeindruckt hat?

Linda: Erst mal beeindrucken diese Frauen mich alle. Frieda Nickel ist einfach großartig, finde ich, denn Frieda Nickel hat die AWO in Bochum mit gegründet und aufgebaut. Während der Inflation, in der Weltwirtschaftskrise nach dem Krieg hat sie vielen Menschen geholfen. Manchmal werde ich gefragt: Hat sie denn eine Familie gehabt? Und auch wenn sie nicht aus Bochum kam, denn sie stammte auch Thüringen, würde ich sagen: Bochum war ihre Familie. Sie hat einfach für alle gesorgt, als wären es ihre Kinder. Die finde ich ganz großartig.

Und die erste Frau über die ich recherchiert habe und die ich jetzt beim Rundgang immer als Letzte vorstelle, ist Nora Platiel Sie war politische Anwältin und eben auch eine ganz tolle Frau. Juristin und Politikerin. Sie hat so viel Mist erlebt und sagt kurz bevor sie stirbt zu einer Freundin: „Die Welt ist doch schön! Vergiss das nie, wenn du an mich denkst.“ Das ist der Hammer! Es ist genau das, was diese Frauen uns auch geben können: Sie können uns zeigen, was alles möglich ist!

 

Eine letzte Frage: Wenn Geld, Zeit und Personal keine Rolle spielen würden, was könntest du bzw. ihr euch noch für den Rundgang vorstellen?

Linda: Wir könnten natürlich noch weitere Rundgänge machen, denn es gibt ja noch viel mehr Frauen über die es was zu erzählen gibt – zu anderen Schwerpunkten oder in andere Gegenden der Stadt.

Oder auch eine Veröffentlichung zum Rundgang wäre denkbar. Die Veröffentlichungen, die es gibt, sind aber bereits total super. Sie sind nach verschiedenen Schwerpunkten gebündelt. Es gibt wie gesagt von Gisela Wilbertz das Buch über Bochumer Frauen. Dann gibt es eines über Widerstandkämpferinnen der Frauengruppe Courage. Es gibt ein Buch über Sinti und Roma von Frau Eiselen, was auch eine wichtige Quelle für uns war. Also da gibt es schon Einiges. Und das kann frau natürlich bei ausZeiten recherchieren lassen oder einfach hingehen und selbst stöbern.

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