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Über Superheldinnen, Stereotype und die Zukunft

Über Superheldinnen, Stereotype und die Zukunft published on Keine Kommentare zu Über Superheldinnen, Stereotype und die Zukunft

Ein Gastbeitrag von Ronja Mercedes Nabert

Frauen dürfen heute fast alles: arbeiten, abtreiben, studieren; wählen und gewählt werden. Eine immer breitere Akzeptanz finden auch Hosen, Miniröcke und Kopftücher. Nur dass Frauen in Comicadaptionen die Welt retten, ist noch nicht so gerne gesehen. Parodistisch und halbnackt wird ein solches Handeln schon mal geduldet, doch hinter vorgehaltener Hand hat man auch dann nur ein Naserümpfen für diesen Sittenverfall übrig. Zumindest in Hollywood. Vor einigen Tagen nun gab Marvel bekannt, dass für den Sommer 2018 ein Kinostart geplant ist. „Captain Marvel“ soll über die Leinwand laufen. Der Produktionsfirma wurde dieser große Schritt sehr oft angeraten und doch wurden Pläne in diese Richtung in den vergangenen neun Jahren immer wieder verworfen. Captain Marvel ist dieses Mal eine Frau. Die Protagonistin ist eine Frau! Ein guter Anlass, um sich mit den verschiedenen Formen der Marginalisierung von Superheldinnen auseinander zu setzen.

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Quelle: Wikipedia

Dass eine weibliche Superheldin eine Besonderheit darstellt, möchten wahrscheinlich viele Fans des Genres im ersten Moment negieren. Die Comicbücher sind doch voll damit. Zumindest die Schlechten. Aber im örtlichen Cinemax? Da waren immerhin Elektra, Vampirella und… na ja, Supergirl zum Beispiel – und die waren ja auch alle sehr sexy. Aber hatten diese 90-Minuten-Wunder irgendetwas mit klassischen Superheldenfilmen gemein? Wer an Weltretterinnen die gleichen Ansprüche stellt wie an männlich definierte Helden und sich von Filmen in diesem Genre Blut, Action, Spannung und ergänzend vielleicht noch eine wenigstens pseudowissenschaftliche Erklärung für die Superkräfte erhofft, wurde in den oben genannten Filmen immer wieder enttäuscht.

Man erinnere sich an den Kinoflop Catwoman, in dem die gleichnamige Protagonistin ihre neuen Fähigkeiten als erstes dazu nutzt, einen Konzern zu bekämpfen, der ein Schönheitsmittel vertreibt, welches ungesund ist und keine Wirkung zeigt. Wesentlich glaubhafter war auch die Auftragskillerin Elektra nicht, welche es aufgrund romantischer Gefühle nicht schaffte, den Witwer Mark Miller und seine Tochter umzubringen, die beiden am Ende nicht einmal alleine verteidigen durfte und ganz nebenbei buchstäblich „fast tot geküsst“ wurde. Starke Frauenrollen gehen anders.

 

Vorlagen theoretisch vorhanden

Superheldenfilme ohne Comicvorlagen sind rar; Superheldinnen, die es aus den Büchern herausgeschafft haben noch seltener. Für die meisten von ihnen würden Feminist*innen auch gewiss nicht kämpfen wollen. Doch zumindest was ihre Lebensgeschichten und Persönlichkeiten angeht, gab es zwischen den Stereotypen über Frauen des Alltags und der Liebeskomödie und denen, derer sich Comicbuchautoren bedienen, schon immer eine gewisse Diskrepanz. Insbesondere bei DC: In der sogenannten goldenen Ära hat man schon aus explizit feministischen Gründen die Ikone Wonder Woman geschaffen. William Marstonums Idee dabei war, den mehrheitlich männlichen Comic-Fans die moralische Überlegenheit von Frauen aufzuzeigen und etwas mehr Frieden ins DC-Universum zu bringen. Zwar ist dieser Feminismus-Begriff horrend überholt, aber auch die Figur entwickelte sich weiter und es spräche gewiss nichts dagegen beides für einen Kinofilm noch einmal zu überdenken. Unabhängig davon, sind die wiederholten und berüchtigten Fesselszenen bei Wonder Woman – die noch immer auf den Fetisch ihres Erfinders zurückzuführen sind – mehr als Sex; sie sind makellose, grafische Poesie.

Dem Beispiel dieses Charakters, der kraft der Verkaufszahlen auch die Marvel-Konkurrenz „verwunderte“, folgten unzählige weitere Versuche mehr Weiblichkeit in das Genre zu bringen. Feministische Absichten lassen sich dabei natürlich nicht immer erkennen; ein niedliches, im Kosmetiksalon jobbendes Alter Ego, eine Liebesgeschichte, in der sie erobert werden muss, und ein Sieg über das Böse nur, weil dieses sich von den meterlangen Beinen der Heldin ablenken ließ, sind selbstverständlich beliebte Klischees – und Heldinnen wie Antiheldinnen, die im Stripclub arbeiten, ebenfalls keine Seltenheit. Letztendlich jedoch sind die Listen der Comicfiguren schier unendlich und dabei ausgeglichener, als es auf den ersten Blick scheint. Die Neuerfindung der distinguierten Batwoman etwa ist ihrem männlichen Pendant – trotz ihrer „Allzweckhandtasche“ mit magischem Lippenstift – vielleicht schon mehr als ebenbürtig. Dass diese Figur (die aus der Armee geschmissen wurde, weil sie ihre Homosexualität nicht leugnen wollte) ursprünglich nur erfunden wurde, damit dieser nicht mehr allzu schwul rüberkommt, merkt man ihr jedenfalls nicht mehr an. Auch die KGB-Spionin Black Widow, die sich bereits zahlreicher Gastauftritte in Superheldenfilmen schuldig gemacht hat, hätte Hauptfiguren-Potential. Doch irgendetwas scheint bei den weiblichen Heldinnen immer anders zu sein…

 

Das Liebesleben der Maskenhelden

Um ein übergeordnetes Bild von dem Sexismus im Genre zu bekommen, lohnt sich also ein Blick auf die persönlichen Beziehungen in seinen Geschichten. Den Superhelden als Freundin, Liebschaft oder sogar Sidekick eine interessante Frau an die Seite zu stellen, wird seit einigen Jahren zu einem immer größeren Trend. Und wer früher den Anspruch an sich hatte „der tragische Held“ unter den Superhelden zu sein, hat heute einfach gleich mehrere Frauenkontakte.

Eine interessante Entwicklung dabei war es, dass Iron Man, im gleichnamigen Film von 2008, einige Jahre brauchte, um zu realisieren, dass sich Pepper weiblich definiert. Der Kuss zwischen den beiden ist darum fast schon als bahnbrechend emanzipatorisch zu bewerten. Schade nur, dass Iron Man ansonsten so ein Arschloch ist.

Beziehungen auf Augenhöhe gibt es bei Superhelden nicht. Die Frau im Leben eines Superhelden – ist er denn an traditionellen monogamen Beziehungen interessiert – bringt oftmals mehr Probleme als Bereicherung mit sich. Wahlweise ist dem so, weil sie z.B. oberflächlich ist (Hellboy), ständig entführt wird (Sprinter), stirbt (Spiderman) oder anscheinend in zu großer Gefahr ist, wenn beide zusammen bleiben… und sie diese Entscheidung natürlich nicht selbst treffen kann (ein anderer Spiderman, Hulk, Superman u.v.m.).

 

Strapse und Stereotype: Die Doppelbelastung der Stripperellas

Im Comicbuch wie im Kinosaal: In Sachen Geschlechtergerechtigkeit ist das Genre mit den vielen Superkräften einige Jahrzehnte zurück. Eine Frau in der Branche der Schurkenbekämpfung muss nicht nur fliegen oder wie ein Blitz rennen können, allen Widrigkeiten trotzen und, nun ja, eben Schurken bekämpfen, sondern dabei auch noch aussehen wie gelackt, sich regelmäßig entführen lassen, dann rumheulen und gegenüber dem anderen Geschlecht wieder 15 Jahre alt sein. Außerdem wurde zu Recht schon oft darüber gescherzt, dass es sehr anstrengend sein muss, so zu stehen, dass Brüste und Hintern aus dem Winkel der Wahl des Zeichners gleichzeitig zu sehen sind. Sogar der Schritt wird oft betont. Die Wahl ihrer Kostüme führt zwangsläufig dazu, dass der, der in Comicbüchern zwischen den Zeilen liest, beziehungsweise zwischen den Bildern, förmlich genervt davon ist, wie oft es in dieser Kleidung nötig ist die rutschenden Strümpfe wieder hoch- und den wehenden Rock herunterzuziehen.

Ihre männlichen Mitstreiter haben es da wesentlich leichter. Wenn männliche Superhelden den Untergang des Universums verhindern, einen Superschurken stoppen oder auch nur mal eine Katze retten, ist das der Ruhmhaftigkeit zumeist genug. Ihre Arbeitskleidung ist selbstverständlich so gewählt, dass sie diese Vorhaben erleichtert – anstatt sie zu stören. Wenn auch der durchschnittlichen heterosexuellen Leserin mal die Vagina austrocknet: Von noch keinem Silversurfer, Hulk, Hell Boy oder Watchman wurde je erwartet, dass er, bei all seinen erworbenen Verdiensten um das Wohle der Menschheit auch noch von stattlicher Schönheit sein soll. Der Verdacht, dass John Romita senior, mit der Erfindung des Wolverine, als einzigen wirklich sehr attraktiven Avantgarde aus Comic-Veröffentlichungen lediglich ein Versehen unterlaufen ist, liegt nah.

Ganz offensichtlich haben Marvel und DC als ihre Zielgruppe „hässliche, heterosexuelle, männliche Nerds“ definiert, die sich mit den männlichen Charakteren identifizieren und die Weiblichen ganz einfach anbeten wollen.

 

Eine diffamierende Marktsegmentierung

Bemerkenswert: Eigens Olive Byrne, die in einer Dreierehe mit William und Elizabeth Marstonum lebte und die erste Wonder Woman maßgeblich inspirierte, war 1940 noch der Überzeugung, dass dieser emanzipierte Charakter der Gesellschaft zu weit voraus sei und nicht gut ankommen würde. Die öffentliche Wahrnehmung von Menschen, die Superheld*innencomics lesen ist also immerhin nicht erst seit gestern realitätsfern.

Auch wenn sich jene Comicbücher gut verkaufen, die den auf Frauen stehenden Leser dazu verleiten sich an bestimmten Stellen anfassen zu wollen: Selbst dieser Wirtschaftsinformatik studierende Mittdreißiger, der mit seiner Mutter zusammen in der Wohnung nebenan wohnt und im Hausflur dadurch auffällt, noch immer nicht gelernt zu haben seine „Adult Mangas“ möglichst unauffällig vom Postkasten nach oben zu transportieren, macht sich irgendwann auf die Suche nach der „Einen“; einer Mutantin, die in 120 Minuten Spielzeit ihren Planeten rettet, die Thor oder Wolverine die Tür aufhält und auf der LED Wall mit dem sicheren Umgang einer Waffe beeindruckt – die auch tatsächlich wie eine Waffe aussieht.

Der vermeintlich homogenen Zielgruppe wird freilich auch nachgesagt, Star Trek zu mögen und es ist gewiss nicht davon auszugehen, dass sie Resident Evil boykottiert. Es soll sogar Menschen geben, die vorwiegend deshalb weil sie sich eine gerechtere Welt wünschen, Superheld*innen mögen; und aus dem gleichen Grunde das herrschende System hegemonialer Männlichkeit kritisieren. Diese Vorstellungen vom Konsumenten entwickelt der, der nur das Angebot vor Augen hat, tendenziell nicht. Ursächlich dafür scheint ein Unvermögen der Comicgrößen zu sein, Keynes‘ Nachfragepolitik zu verstehen. So äußerte sich auch der Marvel-Filmemacher Louis D’Esposito vor über einem Jahr: „Da ist ein eindeutiges Draufpochen und es wird lauter und lauter“, kommentierte er die Frage nach Heldinnen in einem Interview, welches er mit ComingSoon führte. Gleichzeitig gab er zu verstehenden, dass zwei Filme jährlich für Marvel schon sehr viel Arbeit sei. Was er und seine Kollegen bis gerade taten oder besser: nicht taten, ist nicht mit Unwissenheit zu entschuldigen. Es war vielmehr ein pubertäres Verharren in alten Mustern und einer Welt, die schon 1941 aufgehört hatte zu existieren, gepaart mit einem wirtschaftlichem Leichtsinn, der seines gleichen sucht. Ob es ihnen 2018 dennoch gelingen wird all die Harrenden mit ihrem neuen Captain zu begeistern, bleibt abzuwarten. Womöglich gibt es einen guten Grund dafür gleich 3,5 Jahre für dieses Projekt einzuplanen.

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