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Und mein Blick streift nur den dreckigen Gehweg…

Und mein Blick streift nur den dreckigen Gehweg… published on Keine Kommentare zu Und mein Blick streift nur den dreckigen Gehweg…

von Anonym

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Bild: Anonym

Fast jeden Tag muss ich an dieser Bude (Kiosk) vorbei. Meistens nicht bloß einmal, denn der Hund will ausgeführt werden. Wenn wir es also nicht in den Wald schaffen, gehen wir in den kleinen Park in dem Ratte, Taube und Karnickel (soweit ich weiß) friedlich zusammenleben. Manchmal habe ich ein Auto oder ich werde gefahren – dann bleibt mir der Moment erspart, aber in den meisten Fällen „geht kein Weg daran vorbei“.

Auf der rechten Seite befindet sich die Bude, etwas schäbig.

Ich bevorzuge eher den kleinen Laden mit dem Tante Emma-Flair, der von zwei Schwestern samt Ehemann betrieben wird. Manchmal erzählen sie mir von ihrer Katze oder einfach nur Gossip von Menschen, die ich eh nicht kenne. Das hält mich aber nicht davon ab, genüsslich zu zuhören.

Auf der linken Straßenseite befindet sich eine Trinkerhalle – ein Konzept, das ich unterstütze. Bei schönem Wetter möchte man(n) aber nicht in einem stickigen Raum sitzen – kann ich verstehen. Die meisten tummeln sich an der Straßenecke rauf zur Bude. Die meisten sind unauffällige Zeitgenossen – fast lethargisch. Sie sind eingenommen von ihrem halbleeren Hansa und dem Wortschwall des etwas munteren Kollegen. Doch einen gibt es immer, der ist ‚gut drauf‘. Ja, der ist ‚witzig‘.

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Bild: Anonym

„Na du?“ – „Schönen Tag auch die Dame – haha“ – „Ohhhh, was’n süßes Hundi“ – „Hübsch ist die, was?“ [stößt einen Kollegen an]

Scheiße, lass mich in Ruhe.

Aber es gibt auch noch den Budenbesitzer und seine ‚coole‘ Kundschaft. Machos in engen Shirts, Sonnenbrillen, die unter’m Kinn hängen und Silberketten um den Hals. (Ich kann auch nichts dafür, wenn ihr jegliches Klischee bedient.) Die hängen dann aus der Eingangstür raus. Manche stehen davor und lehnen sich mit einem Bein an die Glasfront. Ihre Lache nimmt die gesamte Straße ein. Der eine macht den anderen auf die Frau – mich – aufmerksam. Er stößt den einen mit dem Ellenbogen kurz in die Seite und signalisiert mit einem Nicken „Guck mal die da“. Daraufhin gucken sie die Frau – mich – an.

Für wenige Sekunden wird der Gehweg ganz eng, ich möchte links und rechts niemanden berühren, was an manchen Tagen schwierig ist, weil sie mir nur bedingt Platz machen und ich mich im Slalom vorwärts schiebe. Den Hund ziehe ich etwas damit er bloß nicht stehen bleibt, wenn sie mal wieder auf die Idee kommen sollten ihn anzulocken.

An schlechten Tagen starre ich auf den Boden, an guten Tagen hebe ich das Kinn und starre geradeaus. Bloß keinen Blickkontakt aufnehmen.

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Bild: Anonym

Vom Park sind es vielleicht 50-100 Meter zur Bude. Ich bin schlecht im Schätzen. Sobald das Kiosk in Blickweite ist und die Männer links und rechts davor stehen, kann ich an nichts anderes denken, als an das, was jetzt vielleicht passieren wird. Manchmal passiert nichts. Meistens aber schon. Da sind diese Blicke, die Grenzen überschreiten. Manche ziehen mich aus, andere machen sich lustig, viele sind offensichtliche Machtspielchen.

Gestern… sitzen dort zwei Männer mit ihrem Hansapils, beide schauen zu mir hoch, der eine glotzt auf meine Brust – ich trage Zwiebellook. Er glotzt auf die Rundungen, die er unter meiner schwarzen Jacke vermutet. Sein bierberauschter Blick will wohl sichergehen, ob er richtig erkennt.
Ich rausche durch die Blickkulisse hindurch. Druck fällt von mir ab, ich senke das Kinn, atme aus. Meine Gedanken lösen sich, fangen wieder an zu fließen. Ich gehe jetzt nach Hause – bis der Nächste kommt, der glotzt, bewertet, kurz abcheckt.

An schlechten Tagen starre ich auf den Boden, an guten Tagen geradeaus.

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