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In Hamburg wurde eine Klobürste zum Symbol des Widerstandes – nur eine Frage der Aneignung

In Hamburg wurde eine Klobürste zum Symbol des Widerstandes – nur eine Frage der Aneignung published on Keine Kommentare zu In Hamburg wurde eine Klobürste zum Symbol des Widerstandes – nur eine Frage der Aneignung

von ilmesch

Am Montag postete ein*e Kolleg*in ein vierteiliges Meme, in dem eine junge Frau zu sehen und die Aussage hinzugefügt ist:

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Bemerkenswert, geradezu notwendig zu erwähnen: sie trägt ein Kopftuch.

Dieser Post hat eine Auseinandersetzung im Kommentarbereich auf der Fimpott-Seite auf facebook angeregt, die nicht ganz unproblematisch ist. Die wenigen Kommentator*innen, die seit ein paar Tagen im „Gespräch“ miteinander sind, vertreten Ansichten und beschreiben eine innere Logik, die ich für mich teils schlicht nicht nachvollziehen kann, im Sinne von nicht verstehen. Aber auch in Teilen nicht vertreten kann, weil sie rassistische, diskriminierende und sexistische Spurenelemente inne haben. Ich möchte an dieser Stelle aber keine Analyse der einzelnen Logikstränge durchzuführen.

Ich schätze, dass Feminismus im Pott die Möglichkeit bietet, sich innerhalb eines auf Vielstimmigkeit angelegten Konzepts gemeinsam mit einer Angelegenheit auseinanderzusetzen, wenn auch die Positionen manchmal unterschiedlicher nicht sein können. Das macht nicht immun gegen Anschuldigungen an das redaktionelle Team von Fimpott wie auf Twitter und facebook erhalten. Aber es lässt freundlicher mit den unfreundlichen Kritiker*innen umgehen.

Die Kopftuchdebatte ist heiß.

Aber warum schreibe ich hier.
Noch so eine, die meint, was sagen zu müssen. Nein. Ehrlich nicht, den Drang habe ich hier nicht. Ich bleibe bei der Kopftuchdebatte und bei Diskussionen darum eigentlich immer ganz gern recht passiv (was für mich ungewöhnlich ist). Weil ich zuviele Fragen habe, weil mir vieles noch nicht klar ist, um das Wort zu heben. Ich habe weder den Koran gelesen, noch mich mit „muslimischen Feminismus“ oder „muslimischer Frauenbewegung“ deutlich auseinandergesetzt. Meine Bewegung in dieser Debatte erscheint mir noch ungeordnet und entsprechend meinem Eigenanspruch nicht informiert genug.

Was nicht heißt, dass ich keine Position habe.

Positionen gab es viele in den letzten Tagen: Muslima können nicht feministisch sein, wenn sie ein Kopftuch, Hijab, Niqab oder sonst derlei tragen – Das umgebundene Stück Stoff kann bzw. darf nicht als feministisches Symbol gelten – Das Tragen dieses Tuches ist ein Schlag ins Gesicht einer jeden unterdrückten Muslima auf dieser Welt aus – Muslima, die sich für das Tragen dieses Tuches entscheiden, drücken eine Komplizenschaft mit den unterdrückenden muslimischen Männern dieser Welt aus – Muslima mit Kopftuch verurteilen „die anderen Frauen“ als sexgeile Schlampen und überheben sich selbst – und so fort.

Die Figur der kopftuchtragenden Frau widerspräche den feministischen Errungenschaften der Frauenbewegung(en); wohlbemerkt den europäischen und us-amerikanischen Frauenbewegung(en). Feministische Errungenschaften. Feministische Errungenschaften in einer (christlich) aufgeklärten Gesellschaft, in der wir uns in der BRD zu befinden behaupten. Hach, feministische Errungenschaften. Dieses Wort hat einen so bitteren Beigeschmack, wenn es ausgesprochen wird in einer Gesellschaft eines molligen neoliberalen Kapitalismus, dem die feministischen Anstrengungen strukturellen Wandels péu a peu in die Arme gestolpert sind.
Und diese oben aufgelisteten Ansichten, Einschätzungen, Meinungen, die sich auch in den Kommentaren unter unserem Post befinden. Die liegen mir einfach zu nah an einem neoliberalen Feminismus, welches das Bild des imaginierten Anderen, der islamischen Frau, die angeblich Unterdrückung, Beherrschung und Kontrolle der verschiedensten Art unterliegt, unterstützt. Das Bild der islamischen unterdrückten Frau ist so stark, dass feministische Kämpfe und Anstrengungen in muslimisch geprägten Ländern ignoriert und marginalisiert werden können. Dieses Bild der islamischen Frau ist sogar so stark, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland differenzieren zwischen den haarzeigenden Feministinnen und den tuchtragenden Feministinnen; und die mit Tuch, die gibt es nicht. Ich verstehe es nicht.

Frauen demonstrieren auf dem Tahrir-Platz Kairo Februar 2011. Urheber Joseph Hill
Demonstrantinnen auf dem Tahrir-Platz (Kairo). Februar 2011. (c) Joseph Hill

Damit behaupte ich nicht, dass keine Unterdrückung, Beherrschung und Kontrolle existiert. Jedoch ist es wichtig zwischen instrumentalisierter Figur und Individuum zu unterscheiden. Beherrschung, Unterdrückung und Kontrolle, sexualisierte und sexuelle Gewalt sind strukturelle Probleme. Wenn diese Probleme an der individuellen Entscheidung ein Kopftuch zu tragen festgemacht werden, werden strukturelle Probleme zu persönlichen Problemen gemacht, für die dann persönliche Lösungen gefunden werden müssen. Damit schieben wir nicht nur Verantwortung ab, sondern geben auch Schuld. Die feministische Muslima, der das Tragen eines Kopftuches ein Teil ihrer Identität ist, mache sich schuldig.

Und so fort. Es müsste nun noch die Definition von Symbol folgen und dann möchte ich jetzt unheimlich gern auch noch Schlaglichter feministischer Frauen mit Kopftuch vorstellen. Aber ich bin so gar nicht bewandert, wie ich bereits erwähnte. Und eigentlich wollte ich auch gar nichts dazu schreiben.

Aber dann…

Dann war ich gestern auf dem Campus der HHU Düsseldorf und während ich darauf wartetehu, abgeholt zu werden, entdeckte ich an einem schwarzen Brett ein gelbes Poster, das mitteilt, dass am 27.10.2015 um 17.00 die Vollversammlung des autonomen Frauenreferats stattfindet.

 

Da ich den gesamten Tag auf dem Campus verbringen würde, wollte ich die VV besuchen und sehen, wie das Referat denn so organisiert ist, was sie machen, welche Schwerpunkte sie verfolgen, etc. Ich war wirklich neugierig auf das kleine Grüppchen Düsseldorfer Studentinnen. Ohne große Erwartungen also ging ich hin. Und kam aus dem inneren Lachen kaum raus. Diese befremdliche Diskussion bei Fimpott wie ein Kloß also im Hals, kam ich in den Raum und sollte an diesem Abend eine von ca. fünf mitteleuropäischen, nicht muslimischen Frauen sein. Unter bis zu 40 Frauen. Und das Beste daran: Die Hälfte mit Kopftuch. Alta, was habe ich mich gefreut. Ich war völlig aus dem Häuschen.

Das autonome Frauenreferat der HHU ist unglaublich aktiv und vielseitig. Frauenbrunch, Vorträge zu „Race Class Gender“, Workshops zum Gestalten von Werbeflyer, Städtereise nach Brüssel und Brügge. Derzeit bemühen sie sich darum, dass ein städtisches Schwimmbad feste wöchentliche Zeiten für Frauenschwimmen einrichten. Es gibt das Virginia Café im AstA-Gebäuder (hinter der ULB) als Schutzraum für Frauen MIT WICKELTISCH und zweimal die Woche eine Sprechstunde, in der die zwei Referatsvorsitzenden für jegliche Belange, Sorgen, Ideen und anderes zur Verfügung stehen.

Bei der alljährlichen Wahl der Vorsitzenden, stellte sich unter anderem eine junge Frau auf, die bereits in der Fachschaft ihres Studienfachs aktiv ist. Bei der Vorstellung ihrer Person erwähnte sie, dass sie sich vor einem Jahr dazu entschieden hat, Kopftuch zu tragen und seitdem auch persönliche Angriffe erfahren hat. Sie wolle sich mitunter dafür einsetzen, dass solche Ignoranz verschwindet. Sie musste nicht viel erklären, beinahe alle wussten, wovon sie spricht. Es gab Applaus für ihre Entscheidung, die leider eine mutige Entscheidung sein muss, weil sie durch Diskriminierung mutig gemacht wird, sich dazu zu entscheiden.

Zum Ende der Vollversammlung meldete ich mich zu Wort. Ich war aufgeregt wie selten. Ich stellte mich vor und gab meine Gründe an, bei der Vollversammlung zu sein. Es war mir ein Anliegen, den Frauen davon mitzuteilen, was auf unserer Plattform seit ein paar Tagen passiert. Mir war es wichtig, nicht abgewiesen zu werden, in meiner persönlichen Unsicherheit. Ich brauchte aber ebenfalls nicht lange erklären und wir waren eine Runde. Ich brachte vorsichtig an, dass es großartig wäre, wenn wir ein Gruppenphoto der Frauenvollversammlung machen könnten, dass als Statement in den Text eingebunden wird, den ich extra dazu verfassen würde. Obwohl ich eigentlich schweigen und lieber zuhören möchte.

 

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Frauenreferat der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf nach der Vollversammlung WiSe 2015/2016. Mit auf dem Bild die Frauenreferentinnen Seda (vorne , rotes Tuch) und Mehtap (ganz links, blaues Tuch)

 

Es ist so witzig!

Ich wünsche mir mehr Erfahrung wie diese. Mehr Austausch zwischen Gruppen, deren Ziele und Werte oft gleicher sind als die Wege und Versuche zur Umsetzung. Was frau hilft und schadet kann nur individuell oder im Austausch herausgefunden werden – aber bestimmt nicht in der Pauschalisierung. Es kann viele Gründe zum An- oder Ablegen vom Kopftuch geben, wie es ähnlich viele Gründe fürs Tragen von Miniröcken gibt.

In Hamburg ist eine Klobürste zum Symbol des Widerstandes geworden. Also bitte.

 

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Kontakt zum Frauenreferat der HHU Düsseldorf hier und hier

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Life of a muslim feminist – Blog
„Das letzte aktuell erfolgreiche Twitter Hashtag #lifeofamuslimfeminist zeigt die wachsende Popularität des muslimischen Online Feminismus.
Das Hashtag entstand, weil eine muslimische Twitteruserin ihre Frustration darüber erklären wollte wie sie in einer Zwickmühle steckt zwischen Muslimen, die sagen, man brauche keinen Feminismus und dem Mainstream Feminismus der sie ablehnt.“
(Quelle: Europe News)

Twitter: Muslim Fems Project / @Muslim_Fems

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Die Türkei hat eigene Feministinnen
Warum kenne ich eigentlich nicht?

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