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Und täglich grüßt Rassismus

Und täglich grüßt Rassismus published on Keine Kommentare zu Und täglich grüßt Rassismus

von Lilli Boheme

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Heute Morgen bin ich in den Wald gefahren. Ich war gestern bis zwei Uhr nachts wach und habe mich durch Artikel und Kommentare zu #koeln gewühlt, da brauchte ich mal eine kurze Pause. Da bietet sich doch nichts Besseres an als den Kopf bei einem schönen Spaziergang freizubekommen, denke ich.
Ich nehme noch schnell die Post und Zeitung aus dem Briefkasten und werfe sie in meinen Beutel. Im Wald angekommen, laufe ich ein Stück und lese mir die Briefe durch. Dann greife ich nach der Zeitung und lese die Titelseite. Ein Mann läuft neben mir.
Er fragt: „Lesen sie immer die TAZ?“.
Ich antworte: „Ja, das tue ich. Nur nicht immer beim Waldspaziergang, aber ich wollte schauen, was heute der Schwerpunkt ist.“ Ich konnte es mir natürlich denken und deswegen interessierte es mich. Ich bin fröhlich gestimmt und denke mir nichts dabei.
Er verzieht sein Gesicht und sagt: „Na, um was wird es wohl gehen. Die Zeitungen sind voll davon. Die jungen Gockel, die zu Hause nichts dürfen und sich hier austoben.“
Ich starre auf die Titelseite. Frustration setzt ein. Der Mann biegt nach rechts. Ich gehe weiter geradeaus und schlage die Zeitung wieder auf. Bloß nicht die Laune am Morgen verderben lassen.
Ich gehe an einem Pavillon vorbei. Zwei Männer stehen drin. Ein Dackel steht davor. Der eine Mann wohnt dort und wird häufig von Spaziergänger*innen besucht. Der Bewohner sagt: „Nein, hier kommt niemand hin.“ Der andere antwortet: „ Du solltest hier ein Schild hinmachen – Deutsches Staatsgebiet.“
ARGH!
Ich gehe weiter. Lese den Aufmacher und dann den sehr guten Kommentar von Dinah Riese. Ich denke darüber nach, wie ich zu Hause schauen werde, ob er online ist damit ich ihn posten kann. Ich freue mich über den guten Kommentar und ärgere mich über die dumme Aussage von Frauke Petry.
Ich packe die Zeitung weg, spiele ein wenig mit dem Hund und wir machen uns auf den Rückweg. Ohne Brille erkenne ich den Cowboyhut direkt wieder. Mir kommt der Mann von vorhin entgegen. Ich hab‘ keinen Bock auf einen weiteren rassistischen Kommentar und springe über den kleinen Fluss und vergrößere die Runde einfach noch ein wenig.
Der Mann ruft mir entgegen: „Was schreibt die TAZ denn über den Aufschrei?
Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Muss immer an #aufschrei denken. Ich bleibe stehen. „Was meinen Sie?“
„Na ja, was schreibt die TAZ zum Aufschrei?“, fragt er erneut.
Ich antworte nicht. Nur, dass es mehrere Artikel sind, die sich mit den Vorfällen in Köln beschäftigen.
Mir ist die Situation unangenehm. Ich will weitergehen.
Er sagt: „Das ist alles eine Sache der Erziehung.“
Ich sage: „ Ja, da stimme ich ihnen zu. Es ist Erziehungssache. Sozialisation, dass Männer in einer solchen Form Gewalt auf Frauen ausüben und das jeden Tag.“
„Die Deutschen müssten doch wissen, wie es in Marokko und Co. zugeht. Weltmeisterschaften usw. Die haben doch gesehen, wie die Männer dort mit Frauen umgehen.“
„Gewalt gegen Frauen existiert in jedem Land. Es ist keine Sache der Nationalität“, sage ich.
„In Deutschland war das vor 40 Jahren noch nicht möglich. Aber dann kommen sie in Horden mit ihrem Patriarchat und jetzt ist das auch in Deutschland in aller Öffentlichkeit möglich.“, sagt er.
Ich sage: „Ich sehe keine Horden die Deutschland überrennen und ich wohne in der Dortmunder Nordstadt.“
Er triumphierend: „Dort habe ich vor 20 Jahren gewohnt. Auf dem Nordmarkt findet Dienstags und Freitags ein Wochenmarkt statt. Dort habe ich eine Frau gesehen, verschleiert und im Kinderwagen ein 6-Jähriger Pascha.“ Er macht eine komische Geste dazu. Ähnelt eher einer nackten Frau, die sich räkelt. Ich bin irritiert.
„Alles die Erziehung fährt er fort. Ich bin Geologe. Ich interessiere mich für den Ursprung, die Entstehung. Die Genesis.“
Ich sage: „Na ja, aber beim Thema Erziehung wären Ihnen mit sozialwissenschaftlicher, sozialpsychologischer und psychologischer Literatur sicher besser geholfen.“
„Wieso? Das ist doch das gleiche. Es geht um Genesis.“
„Aber hier geht es nicht um die Entstehung von Gesteinsschichten sondern um Sozialisation.“
Ich solle ihn bitte ausreden lassen. WTF?!
„Ich habe in meiner Familie noch nie gehört, dass eine Frau vergewaltigt wurde. Wir kennen das aus meiner Heimat nicht.“
„Woher kommen sie?“
„Kroatien. Die vom Balkan und aus dem Orient kamen vor 40 Jahren nach Deutschland. In der Disko da hat einer ein Messer rausgeholt, um klarzumachen, dass das seine Frau sei. Jetzt stehen die Deutschen auch mit Stechmesser in der Disko. Und meine Frau, die ist Lehrerin. 20 Kinder in der Klasse und davon 18 Türken.“
Ich weiß nicht, wie mir geschieht. So viel Scheiße in so kurzer Zeit aus nur einem Mund. Ich versuche das Gespräch zu beenden.
Er redet weiter. „Ich bin auch dafür, dass alle hart bestraft werden und die Polizisten, die sollen alle Kameras tragen. Aber wer will das nicht? Wer? Ja, die linke Regierung.“
„Ja, die linke Regierung und die Türken sind Schuld – an allem.“ Er verzieht seine Augenbrauen und sieht aus wie eine fiese Comicfigur mit Cowboyhut und schwarzen Lederhandschuhen.
Guten Morgen!

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