Gewalt gegen Frauen ist (Staats-)grenzenlos

Anonym

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Die sexuellen Übergriffe von Männer auf Frauen an Silvester schockieren mich – aber gleichzeitig verspüre ich ein dumpfes Gefühl wenn ich mich durch die Berichterstattung lese. Das Gefühl der Abgestumpftheit ist größer als der Schock über die Gewalttaten.

Alle Zeitungen berichten, mal mehr, mal weniger nach journalistischen Standards. In den Kommentarspalten wird an mancher Stelle diskutiert, aber in den meisten Fällen wird auf widerliche Weise gehetzt und die Menschen, die diese Hetze und Scheinheiligkeit nicht hinnehmen wollen, argumentieren gegen die fast durchweg rassistischen Kommentare anstatt ihre Zeit und Energie darauf zu verwenden, Ziele zu fassen, zu handeln, sich zusammenzuschließen und zu überlegen, was gegen Gewalt an Frauen getan werden kann.

Scheinheilig deshalb weil diese Gewalt an Frauen instrumentalisiert wird. Instrumentalisiert in und für die „Flüchtlingsdebatte“. „Die Frau, die geschützt werden muss. Die Frau, die nach außen geschützt werden muss. Die Frau, die vom weißen Mann vorm schwarzen Mann geschützt werden muss.“

In der Form instrumentalisiert, dass es den meisten Menschen, die sich gegen diese rassistische Logik zu Wehr setzen wollen fast unmöglich macht mit gutem Gewissen, mögliche Informationen zu den Tätern nachzugehen. Es ist wichtig zu wissen, wie die Männer aussahen, die die Frauen sexuell belästigt und Menschen am Kölner HBF bestohlen haben. Es ist für die Polizei wichtig, da sie die Vorfälle aufklären müssen. Für mich ist es auch wichtig, denn ich möchte der Sache auf den Grund gehen. Ich möchte erfahren, ob soziale Umstände der Grund sind, warum die genannten Gruppen stehlen. Hier geht es vielleicht weniger um Religion, Kultur und Ethnizität sondern um Soziale Ungleichheit und erschwerte Lebensbedingungen. Denn nach einer ersten Sichtung der Artikel liest es sich als ob die sexuellen Übergriffe Mittel zum Zweck waren. Der Zweck war Diebstahl.  Die sexuelle Belästigung für die Täter ein ‚positiver Nebeneffekt‘? Eine Taktik? Ich weiß es nicht, aber es ist wichtig dem nachzugehen.

Was ich aber weiß ist, dass diese Form der Gewalt gegen Frauen: begrapschen, umkreisen, bedrohen, einschüchtern, vergewaltigen – jeden Tag passiert. Ich will das Ausmaß, das sich an Silvester zugetragen hat nicht kleinreden, ganz im Gegenteil. Ich will nur deutlich machen, dass es jeder Frau passieren kann männliche Gewalt in ihren Facetten zu erfahren.

In meinen 24-Jahren wurde ich schon oft beschimpft. Einfach so oder weil ich meine Nummer nicht rausgeben wollte, weil ich mich gegen dumme Anmachen gewehrt habe. Ich wurde auf Konzerten, in Clubs oder in ähnlich großen Menschenmassen angefasst, an den Haaren, an der Schulter, am Po, zweimal zwischen die Beine. Mir sind auch schon mal ein paar Männer gefolgt, haben mir „Komplimente“ – und ebenso viel Angst gemacht. Sie hatten Spaß dabei.
Es gab schon viele solcher Vorfälle, wo fremde oder mir bekannte Männer mir Angst gemacht und/oder meine Grenzen überschritten haben. Und es waren Männer jeglichen Alters, Hautfarbe und Nationalität.

Was würde passieren, wenn alle Frauen jeden Tag bei jeder sexuellen Belästigung oder bei jedem sexuellen Übergriff Anzeige erstatten würden? Lasst es uns auf einen Versuch ankommen.

Ich kotze, wenn ich lesen muss, wie Menschen, die sich sonst nie aufschreien, wenn Frauen öffentlich von ihren Gewalterfahrungen berichten, die den Frauen wohlmöglich vorwerfen, dass sie selbst Schuld sind, was tragen sie auch ‚nen Minirocken und laufen so spät draußen rum oder ihre Erfahrungen relativieren („War doch nur Spaß“), sich als Verfechter*innen der Frauenrechte aufspielen.

Jetzt, wo es sich um eine Gruppe von Männer handelt, die „nordafrikanisch und/oder arabisch“ (dunklere Haut und dunkle Augen, oder was?) aussehen, schreit ihr auf? Berichtet in allen Zeitungen über männliche Gewalt? Und keine schafft es eine größere Debatte aufzumachen? Eine Debatte um Männergewalt ohne Alters- und Herkunftsgrenzen? Und nein, nicht alle Männer üben Gewalt an Frauen aus – aber ich halte es für nicht wegzudiskutieren, dass strukturelle Gewalt an Frauen von Männer begangen wird und ein riesiges Problem darstellt!

Es ist gut, dass die Frauen, die die sexuellen Übergriffe angezeigt haben, ernstgenommen werden, aber ihre Anzeigen dürfen nicht benutzt werden, um Rassismus zu nähren.

Ich möchte nichts relativieren, aber es handelt sich hierbei auch nicht um eine „Situation, die es so in Deutschland wohl noch nie gab“ (Focus, 05.01.2016, 07:42 Uhr von Kendra Stenzel).

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Linksammlung

 

Mädchenmannschaft:  http://maedchenmannschaft.net/zu-gewalt-legitimierender-gewalt/

Betül Ulusoy: https://www.facebook.com/betuel.ulusoy/posts/569454863208054?hc_location=ufi

Heise: http://www.heise.de/tp/artikel/47/47030/1.html

Netz gegen Nazis: http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/silvesternacht-k%C3%B6ln-organisiertes-verbrechen-nicht-enthemmte-fl%C3%BCchtlinge-10812

Anje Schrupp: https://www.fischundfleisch.com/anje-schrupp/die-gewalt-von-koeln-und-was-jetzt-zu-tun-ist-14437

Prinzessinnenreporter:  http://www.prinzessinnenreporter.de/silvester-in-koeln-einige-anmerkungen/

Menschenrechte.eu: http://menschenrechte.eu/index.php/meldung-im-detail/items/sexualstraftaten.html

 

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3 thoughts on “Gewalt gegen Frauen ist (Staats-)grenzenlos

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