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Furzipation

Furzipation published on Keine Kommentare zu Furzipation

von Clem Entine

Jede*r hört es, jede*r riecht es, jede*r macht es. Und trotzdem ist es ein Tabuthema unserer Gesellschaft: Wenn Frauen furzen.

Illustration von Patricia Tarczynski

Es war einmal..

Eine junge Frau. Sie saß auf einem hippen Barhocker in einer hippen Bar einem hippen Pumperfisch gegenüber. Sie lauschte seinen viel zu proteinlastigen Geschichten, als sie einen inneren Druck verspürte. Dieses Gefühl kannte sie und fühlte sich zunehmend unwohl. Von links nach rechts rutschend, die Beine übereinanderschlagend und nervös auf der Lippe kauend, versuchte sie ihrem Darmtrakt eindeutige Signale zu senden.

Aber welches zwischenmenschliche Chaos kann solch ein kleiner Furz tatsächlich anrichten? Kann er beleidigend wirken, ja gar das Aus von Beziehungen bedeuten?

Die Natur des Furzes

Schließlich verspürt jeder Mensch im Durchschnitt zehnmal täglich das Bedürfnis, zu pupsen. Mensch und Tier, Frau und Mann, Erwachsener und Kind. Wir alle teilen dieses Ereignis und schenken ihm doch zu wenig (viel?) Aufmerksamkeit. Denn wenn Bestandteile unserer Nahrung sich in unserem Magen miteinander vermengen, eine Symbiose bilden und schließlich gemeinsam aufgehen, entsteht eine luftige Mischung: Ein Darmwind verlässt unseren Körper. Er setzt sich aus Stickstoff, Wasserstoff, Kohlendioxid, Methan sowie Sauerstoff zusammen. Bakterien verarbeiten schwer Verdauliches im Dickdarm weiter. Und das kann aufgrund von Schwefelwasserstoff, Mercaptanen und Indolen zum Umfallen riechen.

Frauen furzen nicht!

.. denn ist ja logisch: Frauen riechen nicht.Das ist so ein Phänomen unserer Gesellschaft. Während Männer internationale Wettbewerbe ums Darmlüften ausrufen, laufen Frauen lieber in die Tanke auf der anderen Straßenseite, in eine andere Stadt, in ein anderes Land, um ihrem Bauchgegrummel Luft zu machen. Aber ernsthaft? Wer hat mit dem Schwachsinn begonnen, dass Frauen sich fürs Furzen in Vorstadtgärten und Rollrasenanlagenschämen müssen?

Furzende Frauen fühlen fsichfbeffer

Zumindest nicht Kaiser Claudius. Der setzte sich schon um 40 n.Chr. dafür ein, dass ein jeder pupsen durfte, wann und wo er es wollte. Heute, gefangen im Mittelalter der Gleichberechtigung, furzen viele Männer leidenschaftlich gern um die Wette. Laut und leise. Geruchslos und diabolisch intensiv – immer darauf bedacht, den besten Knatterer unter seinen Kumpels zu landen. Aber kann sich unsere Gesellschaft vorstellen, dass auch Frauen untereinander gerne um die Wette pupsen? Allein der Gedanke lässt viele Augen größer werden, Augenbrauen höher wandern und die Mundwinkel angewidert nach unten rutschen.

Erfolgreicher Subventionär dieser Dämonisierung ist der Wellness-Feminismus. Den kennen wir u.a. aus Filmen und Serien wie Sex and the City: Einerseits verhalten sich Carrie und Co. wie junge Mädchen, die zum ersten Mal auf Schultoiletten knutschen und andererseits treten sie als vermeintlich erwachsen und emanzipiert vor die Bildschirme der Welt. In Jimmy Choos scheinen sie die Welt mit Anlauf zu erobern. Versinken jedoch in Selbstscham, wenn ihnen ein kleiner Ton aus dem Verdauungstrakt im Bett entweicht. Carrie Braidshaw, die Protagonistin, flüchtet überstürzt aus dem Appartement ihres Liebhabers. Sie kämpft mit Minderwertigkeitsgefühlen, befürchtet, dieser kleine niedliche Pups habe ihre gesamte Attraktivität mit einem Schlag zerstört und sie könne nie wieder ein Bett mit diesem Mann teilen. Das ist doch mal Authentizität und Glaubwürdigkeit. Made in Hollywood halt.

Dann las ich letztens in einem Online-Forum von einem Mädchen, das sich Sorgen um ihre Beziehung machte. Zwar fand ihr Freund es besonders lustig gerne und viel in ihrer Anwesenheit zu furzen, doch als sie versehentlich einen fahren ließ, zog er sich prompt angeekelt zurück und lies sie im Regen stehen – mit Selbstzweifeln, Unmut und Unverständnis. Ihrer Menschlichkeit beraubt. Jungen Mädchen wird auf diese Art und Weise ein komplett desillusioniertes und inhumanitäres Frauenbild vermittelt.

Und wenn sie (an ihrem unterdrückten Pups) nicht gestorben ist..

Dann lässt sie nun richtig einen fahren. Denn was ich sagen will ist: Es ist völlig natürlich, dass auch Frauen kacken gehen. Dass auch Frauen jeden Tag pupsen. Dass auch Frauen laut rülpsen. Dass auch Frauen schwitzen. GET OVER IT! Wir sind alle Tiere. Vielleicht sollten wir eine Steuer auf den Methanausstoß pro Kopf erlassen. Dann wäre zumindest das mal wieder gleich unfair.

 

Ihr mögt Patis Illustrationen und wollt mehr von ihrer Arbeit sehen? Dann schaut mal hier!

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