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„Eine Community für alle?!“ – Ein Erfahrungsbericht

„Eine Community für alle?!“ – Ein Erfahrungsbericht published on Keine Kommentare zu „Eine Community für alle?!“ – Ein Erfahrungsbericht

von Silvana Schmidt

anders und gleich – Nur Respekt Wirkt

Geflüchtete Menschen, Studierende, Akteur*innen in diversen Vereinen, Mitarbeiter*innen in queeren und antirassistischen Organisationen und Anlaufstellen, Engagierte im Bereich Anti-Gewalt-Arbeit – die Gruppe, die sich am 28. Januar im Bahnhof Langendreer zur Fachtagung „Eine Community für alle?!“ zusammenfindet, ist heterogen und bunt. Die Akzeptanz-Kampagne „anders und gleich – Nur Respekt Wirkt“, die Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule NRW, BACK UP – Beratung für Opfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt, die Fachstelle Queere-Jugend. NRW – junge Geflüchtete, Rosa Strippe e.V. und SLADO e.V. haben eingeladen , um über Gemeinschaften zu sprechen. Andere Perspektiven sollen ermöglicht, neue Konzepte zur antirassistischen, integrativen Arbeit gemeinsam erarbeitet werden. Der Fokus liegt dabei auf den häufig verknüpften Erfahrungen von Rassismus und Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zur LSBTIQ*-Gemeinschaft.

Schon beim Eintreten macht sich ein Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit breit – viele optimistische, lächelnde Gesichter kreuzen mein Blickfeld und ich fühle mich gleich aufgenommen. Ausschluss wird auch bei ganz einfachen Dingen, wie den Toiletten, vermieden. Die Veranstalter*innen haben sich bewusst dazu entschieden, die drei Toiletten für alle zu öffnen. Da es so viele Geschlechter wie Menschen gebe und diese unmöglich alle auf dem erklärenden DIN-A4-Blatt Platz gefunden hätten, habe man sich kurzerhand für eine Toilette für alle entschieden, erklärt die verantwortliche Person bei der Begrüßung. Auch die Kommunikation wird möglichst barrierefrei gestaltet; am Anfang wird darauf hingewiesen, dass mitten im Publikum Übersetzer*innen zur Verfügung stehen, die einigen Personen durchgehend eine Übersetzung bieten. Auch arabische und englische Diskussionsbeiträge sind – durch die ehrenamtlichen Übersetzer*innen – kein Problem.

Die Veranstaltung wird von Hala Zhour moderiert, die dem Event eine sehr persönliche Note gibt und immer respektvoll auf Beiträge eingeht Die vier Inputs stellen nur den thematischen Rahmen der Tagung dar, die hauptsächlich auf Interaktion und Austausch ausgelegt ist.

Die Basics

Das erste Input gibt Saideh Saadat-Lendle von der migrantischen Selbstorganisation LesMigraS in der Lesbenberatung Berlin. In knappen Worten erläutert sie, wie vertikale und horizontale Definitionsansätze von Diskriminierung arbeiten und warum sie eine Abgrenzung empfiehlt: Diskriminierung ist nie eine eindimensionale Angelegenheit. Es ist demnach sinnlos, diskriminierende Vorgänge nebeneinander und voneinander getrennt zu betrachten. Der von der Referentin vorgeschlagene Ansatz der Mehrdimensionalität ermöglicht es jedoch, sich überschneidende und sich gegenseitig beeinflussende Ebenen zu sehen und so adäquat entgegenzuwirken. Wie aber kann es möglich gemacht werden, dass all diese Perspektiven in der Arbeit mit Menschen berücksichtigt werden und wie können sichere Räume für alle geschaffen werden? Die Antwort wird sich zu einem Schlüsselbegriff der Tagung entwickeln und lautet PARTIZIPATION. Saadat-Lendle empfiehlt zudem eine Fokussierung auf die Bereiche Rassismus, Trans*Thematiken und den Aspekt der sozialen Ungleichheit.

Speakerin: Saideh Saadat-Lendle / © Javid Nabiyev / Queer Refugees for Pride

Innerhalb der nun folgenden Diskussion sind viele sehr selbstreflektierte Stimmen zu vernehmen. Im Mittelpunkt steht die Frage danach, wie wir (teils marginalisiert, teils privilegiert) dafür sensibel bleiben können, dass wir auf unterschiedliche Weise diskriminieren können.

Eine Community mit parallelen Welten?

Mit Gema Rodriguez Diaz, die bei der Integrationsagentur rubicon e.V. und baraka in Köln tätig ist, sprechen wir über Empowerment. Es geht um Abgrenzungsmechanismen verschiedener Gruppen voneinander und wie dahingehend das Bewusstsein verändert werden könnte. Und es geht um negative und traumatisierende Erfahrungen, die auf doppelte Diskriminierungserlebnisse zurückzuführen sind. Der ganze Raum hält spürbar die Luft an, als ein Übersetzer die schrecklichen Erfahrungen eines Geflüchteten für alle übersetzt – als schwuler Geflüchteter musste er gleich auf mehreren Ebenen strukturelle Diskriminierung über sich ergehen lassen. Dass er sich trotzdem der Community mit seinen Sorgen anvertraut und sich nicht unterkriegen lassen möchte, bewegt und lässt die Suche nach Antworten, Reaktionen und geeigneten Gegenstrategien noch dringlicher werden. Wie können wir Menschen bestärken? Was ist mit diskriminierenden Verhaltensweisen geflüchteter Menschen untereinander? Wie sollen wir handeln, wenn die Ungerechtigkeit schon im Gesetz verankert zu sein scheint?

Geflüchtete LSBTIQ* in NRW

Emotional und persönlich wird es spätestens mit dem Input von Dzevad Burdalic aus Bielefeld. Unfassbar offen und vertrauensvoll berichtet er von den Erlebnissen, die ihm als schwulen Geflüchteten in Deutschland widerfahren sind. Die nächtliche Todesangst in der Unterkunft, das Unverständnis der Behörden, die Untätigkeit der Polizei – all diese (eigentlich bekannten) Mechanismen bekommen noch einmal eine ganz andere Bedeutung, hört man sie direkt von einer betroffenen Person. Burdalic plädiert für die dringend notwendigen Schutzräume für queere Geflüchtete, sie müssen seiner Ansicht nach unbedingt getrennt untergebracht werden, damit ihre Grundrechte auf Sicherheit und Privatsphäre gesichert sind.

Es entbrennt eine lebhafte Diskussion. Problematisiert wird unter anderem, dass immer nur die Resultate, nicht aber die Wurzeln diskriminierender Verhaltensweisen bekämpft werden; diesem Argumentationsgang folgend, sollten rassistische und ausgrenzende Strukturen dahingehend bekämpft werden, dass Betroffene überhaupt keinen Bedarf spezifischer Schutzräume entwickeln. Sehr erhellend wirkt dabei auf mich der Hinweis, es müsse ein besonderer Fokus auf die Schulung der Multiplikator*innen (beispielsweise der Mitarbeiter*innen der Unterkünfte) gelegt werden. Unbedingt vermieden werden müsse es – da scheinen sich alle einig zu sein – mit einer Argumentation des „Othering“ rassistisch gegen bestimmte Gruppen zu argumentieren (beispielsweise bei der ausschließlichen Thematisierung rassistischer Strukturen bei Geflüchteten) und dabei die eigenen Rassismen aus den Augen zu verlieren. Die Devise sei es daher, die eigenen (behaupteten) Werte auch zu leben und bei sich selbst anzusetzen, wenn es um die Bekämpfung von Ungleichheiten, Diskriminierungen und Rassismen gehe. Doch wie? Empowerment-Workshops, sensibilisierende Arbeit, Integrationskurse – das sind einige der Vorschläge, die genannt werden. Besonders stark scheint das Bedürfnis nach Vernetzung: So wird zum Beispiel die Frage nach einer Website formuliert, auf der vorbildliche Einrichtungen und Projekte gesammelt und weitere Informationen zur Verfügung gestellt werden.

Homosexuelle AfD-Wähler*innen

Mit dem zunächst unauflösbar klingenden Widerspruch zwischen „der Alternative für Deutschland die eigene Stimme geben“ und „eine LSBQTI*-Person sein“ setzt sich Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung und dem Netz-gegen-Nazis in ihrem Input auseinander. Ihre Ergebnisse: Die AfD arbeitet mit homo- und transfeindlichen Narrativen und möchte laut Wahlprogramm Gender Forschung abschaffen und stattdessen wieder für die traditionelle Kernfamilie eintreten. Trotzdem gelingt es der Partei, homosexuelle Personen oder Trans*Personen in die Wähler*innenschaft zu locken, indem der Hass und der Zorn durch erneute alterisierende Prozesse auf „die Anderen“ (die Geflüchteten, der deutschen Kultur „Fremden“) umgeleitet wird. Demnach sind Homo- und Trans*feindlichkeit (folgt man der Argumentation der AfD) „nicht wirklich“ bei „uns“ zu bemerken, sondern bei „den Eindringlingen“, die ihre die deutsche Demokratie gefährdenden Werte in „unser Land“ schleppen.

Das Thema AfD polarisiert beinahe am meisten an diesem Tag. Wie könnte es auch anders sein in einer Zeit, in der prominente Parteimitglieder antisemitische Parolen verbreiten dürfen und dabei auf große Zustimmung stoßen. Die sich anschließenden Fragen konzentrieren sich besonders auf das Problem, wie man Menschen, die sich in eine rechte politische Richtung bewegen auffangen kann und ihnen neuen Glauben an ein Miteinander ohne Feinseligkeiten und Diskriminierungen geben kann. Wo liegt unser Fokus bei der Arbeit? Angehende „Wutbürger*innen“ auffangen und ihnen Alternativen aufzeigen? Uns auf die von Diskriminierung, Homo- und Transfeindlichkeit (oder einer Mischung) betroffenen Menschen konzentrieren?

Sind wir eine Community für alle? Nein, für Rassist*innen möchten wir keine Community sein, so viel ist klar. Aber, und diese Frage rückt immer mehr ins Zentrum, welche parallelen Strukturen bilden sich dann und (wie) können wir sie unterbinden?

Wie eine große Familie

Die Veranstalter*innen haben sich für die letzte offizielle Stunde etwas besonders Schönes überlegt: Im Rahmen einer Fishbowl-Diskussionsrunde kommen am Ende all jene Teilnehmer*innen zu Wort, die noch etwas auf dem Herzen haben. Es wird noch einmal richtig emotional, in der Luft ist ein schwer in Worte fassbares Gefühl des Miteinanders. Auch wenn ich sonst nicht an solche Dinge glaube, ist da das Gefühl von Energie, Kraft und Motivation, hervorgebracht durch viele unterschiedliche Menschen, die an eine Gesellschaft ohne Feindschaften, ohne Rassismen und ohne LGBQT*-Feindlichkeiten glauben möchten und dafür kämpfen wollen. Doch, so wird es von Dzevad Burdalic treffend formuliert: „Wir sind nicht nur hier, um Spaß miteinander zu haben. Ich möchte morgen etwas Neues erzählen können“. Wieder geht es in die Diskussion.

Die Moderatorin Hala Zhour bittet am Schluss um einige abschließende Eindrücke. Es wird noch einmal das Schlüsselwort der Partizipation aufgegriffen und auf die Wichtigkeit hingewiesen, Räume zu öffnen. Es bleibt auch die Einsicht, dass es nicht nur „die eine“ Strategie, sondern viele unterschiedliche Lösungsansätze gibt, die ein gemeinsames Problem bekämpfen können. Jede*r sollte sich in dem Bereich engagieren, in dem er*sie helfen kann und will. Wir kämpfen nicht gegeneinander, sondern Seite an Seite. Eine angehende Sozialarbeiterin meldet sich zu Wort und erzählt, sie wolle das heute Gelernte an ihre Hochschule bringen und auch dort für eine Bewusstseinsänderung sorgen. Schließlich bleibt die Erkenntnis, dass wir nicht haltmachen dürfen, sondern uns immer weiterbilden sollten, um in Zukunft weitere wichtige Impulse in die Praxis tragen zu können.

Und was bleibt?

Es bleibt das motivierende und aufbauende Wissen, dass da so viele tolle Menschen sind, die gemeinsam anpacken und etwas bewirken wollen. Und wie so häufig heißt es wieder: Eine Veranstaltung später, um tausend Inspirationen und Ideen reicher. Lasst uns also loslegen!

Glossar

Integration: Einbeziehung (zum Beispiel bisher gesellschaftlich eher ausgeschlossener Gruppen)

Toiletten für alle: Gemeint ist, dass die unterschiedlichen Toilettenräume nicht nach Geschlechtern getrennt werden (gewohnt sind wir eine binäre Einteilung in Männer- und Frauentoilette und manchmal noch eine zusätzliche Toilette für Menschen mit Behinderung), sondern ausdrücklich für alle Gender zugänglich.

Barrierefreiheit: Für alle zugänglich und damit frei von Hindernissen oder ausschließenden Faktoren.

Mehrdimensionalität: Nicht nur auf eine Kategorie fokussierend, sondern auf viele miteinander verbundene (Zum Beispiel auf Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe und Behinderung).

Partizipation: Teilhabe

Trans*: Transidente Menschen (Personen, die sich mit dem ihnen nach der Geburt zugeteilten Geschlecht nicht oder nicht gänzlich identifizieren)

Marginalisierung: Sozialer Vorgang, im Rahmen dessen es zu einer Verdrängung bestimmter Bevölkerungsgruppen an den Rand der Gesellschaft kommt. Die Folge ist, dass diese Gruppen im öffentlichen Bewusstsein weniger präsent sind und eine geringere Teilhabe an kulturellen und sozialen Ressourcen haben.

Privilegierung: Bestimmte Personengruppen können aufgrund spezifischer Eigenschaften gesellschaftliche Vorteile in Anspruch nehmen. Zum Beispiel haben weiße Menschen in Deutschland schon deshalb Privilegien, weil ihnen durchschnittlich mit weniger Vorurteilen begegnet wird und sie unter weniger Diskriminierungen leiden.

Multiplikator*innen: Personen, die aufgrund ihrer Positionen die öffentliche Meinung und Wahrnehmung stark prägen können

Othering/Alterisierung: Vorgang, der gewisse Charakterzüge oder Taten ganz allgemein einer bestimmten (von der eigenen Gruppe differenzierten) Gruppe zuordnet und dabei ähnliche Phänomene bei sich selbst oder der eigenen Gruppe ausblendet. Zugrundeliegend ist außerdem das Denken in voneinander abgegrenzten Gruppen.

Fishbowl-Diskussion: Diskussionsorganisation, die möglichst vielen Sprecher*innen eine Beteiligung am Gespräch ermöglichen soll. In der Mitte des Raumes werden einige Stühle als Gesprächskreis aufgestellt. Im Umkreis werden die anderen Stühle in Kreisform aufgestellt. Jede*r, der etwas zu sagen hat geht von seinem ursprünglichen Platz in den inneren Gesprächskreis und beteiligt sich. Nach dem Gesprächsbeitrag macht er*sie Platz für die nächste Person.

Rassismen (Plural): Rassismus kann (implizit und explizit) in unterschiedlichen Formen auftreten, die sich voneinander je nach Situation unterscheiden. Deshalb kann auch von Rassismen im Plural gesprochen werden.

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