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Buchrezension: Support your sisters not your cisters (FaulenzA)

Buchrezension: Support your sisters not your cisters (FaulenzA) published on 2 Kommentare zu Buchrezension: Support your sisters not your cisters (FaulenzA)

Von Silvana Schmidt

[In der Rezension werde ich mich bezüglich der Schreibweise rund um trans* und cis an jener der Autorin orientieren]


Wieder mal ein Buch der Kategorie „Richtig was dazugelernt“ – nur wenige Stunden brauchte ich, um die Gedanken und Ausführungen von FaulenzA zu lesen, nachdenken werde ich darüber sicher noch sehr viel länger. In dem schmalen Büchlein (knapp 130 Seiten einschließlich Abbildungen von Yori Gagarim und mehreren Songtexten) widmet sich die Musikerin den Diskriminierungsstrukturen, die das Leben von trans*Weiblichkeiten prägen. Dabei wird ein sehr persönlicher Einblick in die Lebensrealität der Autorin, selbst eine trans*Frau, geliefert. Doch beginnen wir von vorn, am besten mit einem Song.

Was ist Trans*misogynie?

Das Buch beginnt mit der Herleitung des Begriffes Trans*misogynie. Diese beschreibt FaulenzA als eine Verschmelzung von Trans*feindlichkeit, Misogynie, Klassismus und Ableismus. In einfachen Worten (so wie ohnehin das gesamte Buch in verständlicher Sprache verfasst ist und für schwierige Begriffe auf ein Glossar zurückgreift, dickes Kompliment dafür!) geht die Autorin darauf ein, was Trans*feindlichkeit und Trans*misogynie voneinander unterscheidet: Trans*feindlichkeit richtet sich gegen trans*Männlichkeiten und trans*Weiblichkeiten und wird als Hass und Ablehnung gegen trans*Menschen erklärt. Speziell bei trans*Weiblichkeiten kommt jedoch Misogynie, also Frauenfeindlichkeit, hinzu. Aufgrund der in der Gesellschaft geltenden unausgesprochenen Regel, dass Weiblichkeit eher mit Schwäche, Passivität und etwas Negativem konnotiert ist, Männlichkeit jedoch als etwas Starkes und als die Norm gilt, ergibt sich auch ein Unterschied in der Umgangsweise mit trans*Männlichkeiten und trans*Weiblichkeiten. Trans*feindlichkeit reicht also deshalb zur Beschreibung der Diskriminierung von trans*Weiblichkeiten nicht aus, weil Weiblichkeiten im Vergleich zu Männlichkeiten in einer misogynen Gesellschaft tendenziell immer als untergeordnet wahrgenommen werden; das lässt sich auch auf trans*Identitäten übertragen.

Weitere wichtige Bestandteile von Trans*misogynie sind Klassismus und Ableismus. Klassismus kann in unterschiedlichen Formen auftreten und beschreibt die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft und/oder des Bildungsstandes. Trans*Menschen sind besonders häufig von Klassismus betroffen. Das fängt schon damit an, dass möglicherweise voneinander abweichende Angaben zu Geschlecht und Name in den unterschiedlichen Zeugnissen und Nachweisen der Bewerbungsunterlagen die Jobchancen enorm verringern und Arbeitgeber*innen trans*Menschen ohnehin meist ungerne einstellen. Trans*Weiblichkeiten sind von klassistischen Ausgrenzungserfahrungen noch häufiger betroffen, denn geschlechtsangleichende Maßnahmen sind teuer und nervenaufreibend. Aber ohne Passing (also das Gelesenwerden als Frau oder Mann) sind die Jobchancen und auch die Akzeptanz auf der Straße niedrig – und ein Passing wird von trans*Männlichkeiten leichter erreicht als von trans*Weiblichkeiten.
Der Umgang mit dem eigenen trans*Sein wird aber auch durch die individuellen Bildungsmöglichkeiten beeinflusst und diese wiederum durch soziale Herkunft und Diskriminierungen aufgrund von Hautfarbe oder Nationalität. Ich finde es super wichtig, dass FaulenzA sich für die Begriffsentwicklung so stark mit Klassismus auseinandersetzt (wenn euch das interessiert, empfehle ich euch die Texte von Andreas Kemper).

©Yori Gagarim ©FaulenzA

Zuletzt wird auch Ableismus (im Buch beschrieben als „Diskriminierung von Menschen, die als ‚krank‘ gelten und Menschen, die behindert werden“, S.29) als charakteristisch für Trans*misogynie genannt. Auch hier sind die Mechanismen und Überschneidungen mit anderen Diskriminierungskategorien komplex. Das Gesundheitssystem verhält sich gegenüber trans*Personen ableistisch, weil der Weg zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen unfassbar langwierig und hindernisreich ist und zudem nur über die Feststellung einer „Persönlichkeitsstörung“ (F64-0) erreicht werden kann. Ableismus impliziert also, dass über die Stigmatisierung gewisser Personen eine gesellschaftliche Norm hergestellt wird; trans*Menschen gelten als Abweichung vom „Normalen“ und die pathologisierende Benennung des „Anormalen“ konstruiert wieder das „Normale“ – in diesem Falle ein binäres und starres Geschlechtersystem. Ableismus ist ständiger Begleiter bei den psychologischen Begutachtungen von trans*Menschen, Ableismus spielt bei trans*Menschen mit Be_hinderung eine Rolle (Stichwort: Intersektionalität), Ableismus tritt auf, wenn trans*Menschen aufgrund psychischer Belastungen oder Depressionen ausgegrenzt und erneut pathologisiert werden.
Trans*feindlichkeit, Misogynie, Klassismus und Ableismus wirken also wechselseitig aufeinander ein und werden zusammenwirkend zu Trans*misogynie.

Über den Ausschluss von trans*Weiblichkeiten aus feministischen Räumen

Im nächsten Schritt legt FaulenzA den sprichwörtlichen Finger auf die Wunde, indem sie trans*misogyne Strukturen in der (queer)feministischen Szene aufschlüsselt. Und dieser Teil hat es wirklich in sich; es schmerzt, über vermeintliche Safe Spaces zu lesen, in denen trans*Frauen wie selbstverständlich stigmatisiert werden oder gar nicht erst willkommen sind. Und es macht wütend, dass cisFrauen exklusive Communities definieren und ihre Privilegien gegenüber denjenigen ausspielen, die Schutz, Solidarität und Gemeinschaft so bitter nötig hätten. Anhand vieler Beispiele und persönlicher Erfahrungsberichte wird beschrieben, welche Gedankengänge zum Ausschluss speziell von trans*Weiblichkeiten aus (queer)feministischen Räumen führen – und warum sie Quatsch sind. Um den Rahmen nicht zu sprengen, gehe ich hier nur auf einen der genannten Aspekte ein.

Das Sozialisationsargument

Da dieser Punkt nach der aufgekommenen Debatte um Aussagen von Chimananda Ngozi Adichie zur Lebensrealität von trans*Frauen wieder sehr präsent ist, werde ich das häufig gegen trans*Frauen angewendete Sozialisationsargument hier etwas ausführlicher erklären.
Viele Frauenräume und FLT*I Räume, so berichtet FaulenzA, sind für trans*Weiblichkeiten nicht geöffnet. Der vorgeschobene Grund: weiblich sozialisierte Personen wollen unter sich bleiben (deshalb sind auch trans*Männer in diesen Kreisen lieber gesehen als trans*Frauen). FaulenzA findet klare und verständliche Worte dafür, dass diese Argumentation haltlos ist:

Je nachdem, in welchem Land mensch aufwächst und welche Privilegien mensch dort genießt, ist die Sozialisation anders. Aber nirgendwo auf dieser Welt ist eine trans*weibliche Sozialisation das gleiche wie eine männliche. (60)

Und weiter:

Viele cisMenschen denken: „Eine trans*Frau lebt in ihrer Kindheit und Jugend glücklich als cisMann und dann kommt plötzlich *Plopp*: ein Coming-out. Und von da an ist sie eine trans*Frau.“ Das ist natürlich Blödsinn. Es ist wichtig zu verstehen, dass trans*Weiblichkeiten auch vor ihrem Coming-out häufig Gewalt, Diskriminierung und Mobbing erfahren. Trans*Weiblichkeiten werden von der cis-normativen-Gesellschaft gezwungen, Männlichkeit zu performen. […] Viele Menschen sehen […] die Tatsache, dass früher Menschen von mir erwartet haben, ein Junge zu sein, als mein Privileg und nicht als Gewalt, die mir viele Jahre angetan wurde. (62)

Die sozialisierenden Erfahrungen einer trans*Person vor ihrem Passing (falls sie dieses überhaupt möchte) sind also in keinem Fall gleichzusetzen mit denen einer cisPerson. Eine trans*Frau hat nicht jahrelang von ihren cisPrivilegien profitiert, sondern hatte in der Regel schon lange vor geschlechtsangleichenden Maßnahmen oder dem Coming-out mit Diskriminierungen zu kämpfen. Die Sozialisierung einer trans*Frau leitet sich nicht durch ihre physiologischen Eigenschaften ab, sondern durch das Geschlecht, mit dem sie sich identifiziert. Trans*Frauen sind Frauen, deshalb ist auch ihre Sozialisation eine weibliche. Als Konsequenz stellt es eine doppelte Ausgrenzung dar (nämlich einmal gesamtgesellschaftlich und einmal speziell in vermeintlich feministischen Räumen), trans*Frauen auch noch den Zugang zu Safe Spaces zu verwehren.

Trans*Frauen und Gewalt, Schwanz-ab Feminismus und Menstruationsneid

©Yori Gagarim ©FaulenzA

FaulenzA macht auch auf den kaum bekannten „Trans*Gender Day of Remembrance“ am 20. November aufmerksam (hier ihr Song dazu). Trans*Menschen sind häufiger von Gewaltverbrechen und Mord betroffen als cisMenschen. Und: Trans*Frauen, besonders wenn sie gleichzeitig PoC sind, sind noch häufiger betroffen als trans*Männer – eine Tatsache, die in (queer)feministischen Gemeinschaften zuweilen ausgeblendet wird. Obwohl trans*Frauen aber häufiger diese Gewaltverbrechen erleben müssen, werden sie bei sozialen Einrichtungen wie Frauenhäusern meist abgewiesen.

Im Kapitel „Schwanz ab-Feminismus“ und Menstruationsneid spricht FaulenzA den weiteren wichtigen Punkt an, dass durch die Gleichsetzung von Frauen und Vaginas bzw. Männern und Penissen eine weitere schmerzvolle Ausgrenzung gegenüber trans*Frauen erfolgt. Beispielsweise dann, wenn gewaltvolles Verhalten mit dem Vorhandensein eines Penis‘ in Verbindung gebracht wird oder feministische Events sich unter dem Stichwort „weibliche Körper“ nur mit Vaginas, Menstruation, Eierstöcken oder Gebärmüttern auseinandersetzen (das ist übrigens auch für trans*Männer und viele cisFrauen diskriminierend).

Was kann jede*r einzelne von uns tun?

©Yori Gagarim ©FaulenzA

Was mir richtig gut gefallen hat: FaulenzA verharrt nicht in der Beschreibung des Ist-Zustandes, sondern gibt hilfreiche Tipps an die Hand, die speziell cisMenschen für die Lebenssituation von trans*Frauen sensibilisieren sollen und Handlungsmöglichkeiten bieten. Was können wir also tun, um ein respektvolles Miteinander zu schaffen, in dem trans*Frauen keine Stigmatisierung und Gewalt mehr erfahren?
Zunächst einmal: Das Problem muss ernst genommen werden. Trans*misogynie ist in unserem Alltag präsent, erscheint in unserer Sprache und in unseren Denkmustern. Darüber müssen wir reflektieren und immer wieder darauf hinweisen, dass trans*misogynes Verhalten nicht hinnehmbar ist. Das gilt besonders für cisMenschen: Äußern trans*Menschen selbst Kritik dieser Art, wird das häufig auf ihre Situation zurückgeführt (ungerecht!). Es ist deshalb wichtig, dass sich cisMen-schen für trans*Menschen stark machen.
Innerhalb der trans*Communities und ganz besonders innerhalb der cisCommunities gilt zudem immer wieder: Wir sollten uns der eigenen Privilegien bewusstwerden, die besonders dann schnell zutage treten, wenn wir unreflektiert über andere reden. Wer spricht wie und über was mit wem?

Mich hat das Buch persönlich ganz stark gefesselt. Es gab viele der bekannten AHA-Momente und die angesprochenen Punkte haben meinen Horizont um viele Perspektiven ergänzt. Ich lege „Support your sisters not your cisters“ besonders cisMenschen (wie auch ich es bin) ans Herz, denn es hält einer*einem den Spiegel vor und lädt zu einem reflektierteren Umgang miteinander ein.

„Support your sisters not your cisters. Über Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten“ erschien am 10. März 2017 bei edition assemblage, ISBN: 978-3-96042-010-1

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