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Die unsichtbaren Dichterinnen – Weibliche Präsenz im Deutschbuch

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Von Veronika Merkel

William Shakespeare, Theodor Fontane oder Friedrich Schiller. Alle kennen wir ihre Namen, einige von uns auch ihre Gedichte und Geschichten. Im Schulunterricht sind sie aus vielen Deutschbüchern kaum wegzudenken. Ich selbst bin ein großer Freund von Lyrik, Gedichten und Geschichten dieser großartigen Schriftsteller. Nur eine Gemeinsamkeit dieser Dichter und Denker, welche wir alle so gut kennen, zeigt sich deutlich. Sie sind alle Männer. Ich habe mich mit unseren Büchern aus dem Geschichts- und Deutschunterricht etwas näher befasst und erschreckend feststellen müssen, dass Frauen, wenn sie denn überhaupt erwähnt werden, nur am Rande vorkommen. Liegt es etwa daran, dass Frauen nun mal nichts schreiben, oder damit einfach nicht so erfolgreich sind wie Männer? Mit Sicherheit nicht!

 

„Wenn die Wellen über mir zusammen schlagen, tauche ich hinab, nach Perlen zu fischen“ 
– Mascha Kaléko

Ich besuchte letztens eine wundervolle Veranstaltung: Paula Quast (Schauspielerin) und Henry Altmann (Ausnahmemusiker) führten ein lyrisch-musikalisches Portrait zu Mascha Kaléko vor und schafften es, dass Mascha in Windeseile mein Herz eroberte. Aber wer ist denn diese Mascha Kaléko überhaupt? Beschämt musste ich vor der Veranstaltung bei Internetrecherchen feststellen, dass sie eine beeindruckende und äußerst erfolgreiche Dichterin mit einer einmaligen Lebensgeschichte war und ich trotzdem noch nie zuvor von ihr gehört hatte.

1907 kam Mascha Kaléko, geborene Golda Malka Aufen, im heutigen Chrzanov in Polen als jüdisches Kind eines russischen Vaters und einer österreichischen Mutter zur Welt. Mit nur sieben Jahren flüchtete Mascha zum ersten  Mal. Ihre Kindheit verbrachte sie an vielen verschiedenen Orten, stets auf der Flucht und meist ohne ihren Vater, der als russischer Staatsbürger interniert wurde. Nach Kriegsende lebte sie mit ihrer Familie in Berlin. Hier war Kaléko mit ihrer Lyrik äußerst erfolgreich bis sie 1935 aufgrund ihres Glaubens Berufsverbot erhielt. In Berlin hatte Mascha nur eine kurze Zeit das Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit genießen können, da sie 1938 schweren Herzens mit ihrem zweiten Ehemann und ihrem gemeinsamen Sohn nach New York ins Exil musste. Da ihr Mann kaum Englisch sprach, musste Mascha Kaléko ihm in seinem Arbeitsalltag stets zur Verfügung stehen. Ihrer starken Sehnsucht nach Deutschland versuchte sie mit Poesie Ausdruck zu verleihen. 1956 kehrte sie zum ersten Mal in ihre alte Heimat zurück. Als sie 1959 nach ihrem literarischen Comeback als Schriftstellerin den Fontanepreis verliehen bekommen sollte, zog sie ihre Kandidatur zurück, da eines der Jurymitglieder ein ehemaliges SS-Mitglied war, von dem sie sich den Preis nicht überreichen lassen wollte. Ihrem Mann zuliebe siedelte Mascha Kaléko 1959 nach Israel (Jerusalem) über, wo sie sich in absoluter Isolierung und Einsamkeit befand. Als 1968 ihr Sohn überraschend verstarb, verfiel Mascha Kaléko in eine schwere Depression. Nach langem Leiden fand ihr Mann nur fünf Jahre später den Tod. Von da an isolierte sich Kaléko noch stärker. Mascha Kaléko starb 1975 in Zürich, nach einem Besuch ihrer alten Heimat auf dem Weg zurück nach Jerusalem. Ihr Leben lang beherrschte Mascha Kaléko es, ihrem Schmerz, ihrer Sehnsucht und ihren Erlebnissen durch Gedichte und Geschichten auf wundervolle Weise Ausdruck zu verleihen.

Eine Frau mit einer Geschichte wie ihrer, hätte ein wunderbares Vorbild und eine Inspiration für mich während meiner Schullaufbahn sein können. Sie hätte mich auf ganz andere Art und Weise in die Welt der Dichter*innen mitnehmen können und mich mit ihrer starken Persönlichkeit, ihrem Kampfgeist und Keck auch in meiner Persönlichkeitsentwicklung vorantreiben können. Leider hatte ich, und auch viele andere junge Frauen im deutschen Schulunterricht, diese Chance nie erhalten. Für junge Menschen aller Art ist es nicht nur wichtig, immer und immer wieder starke männliche Vorbilder, sondern auch starke weibliche Vorbilder zu haben, an denen sie sich orientieren können, zu denen sie aufschauen können und die ihnen zeigen, dass es sowohl wichtige und begabte Männer als auch wichtige und begabte Frauen in unserer Geschichte gibt. Mascha Kaléko ist nur eine von vielen aus den Deutschbüchern und aus der Geschichte verbannten Frauen.

Aber wieso ist das so? Ich kann es nur schwer begreifen. Aber ich nehme es sicherlich nicht hin. Auch Frauen wie Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler oder Anette von Droste-Hülshoff müssten Teil unseres Grundwissens über bedeutende Literatur sein, denn sie verdienen es. Ich werde mich weiter mit diesen Frauen auseinander setzen und dafür sorgen, dass so viele Menschen wie möglich durch mich von ihnen hören und hoffentlich das Wort weitergeben werden. Es macht mich traurig und wütend zugleich, zu sehen, dass erfolgreiche, begabte Frauen immer noch unsichtbar gemacht werden und jungen Frauen die Inspiration und die Möglichkeit, sich positive, weibliche Vorbilder zu nehmen dadurch genommen wird. Es ist wichtig, dass jede Einzelne von uns aufsteht und zeigt, wozu sie im Stande ist und wir uns gegenseitig bestärken und unterstützen. Denn gemeinsam haben wir schon so einige Hürden geschafft.

Mehr Informationen zur Künstlerin findet ihr hier!

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