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Ein Bundesdeutsches Remake von ‚das Leben der Anderen‘ oder verdächtig queer

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Die Dokumentation “Im Inneren Kreis”von Hannes Obens und Claudia Morar

von pepe

Alle waren gekommen, die Altlinken, die Pirat*innen, Antifa und Anarchist*innen, um das sweetSixteen in Dortmund auch noch bis auf die dazugestellten Stühle zu füllen. Sie kamen ins Kino, um etwas über die möglicherweise eigene Infiltration zu erfahren. Ein Dokumentarfilm sollte aufzeigen, wie verdeckte Ermittler*innen in der linken Szene arbeiten.

Das erste Fallbeispiel zeigt die, dieser Tage oft zu sehenden Aktivist*innen der Roten Flora in Hamburg, die aufgrund ihres hartnäckigen linksradikalen Engagements – von vielseitigem Kulturprogramm begleitet – von unterschiedlichen staatlichen Organen (LKA, BKA etc.) observiert werden. Dazu wurden seit den 90ern immer wieder verdeckte Ermittler*innen eingeschleust, die teilweise viele Jahre in der Szene lebten.

Manche*r mag sich nun bequem zurücklehnen und sagen, ich bin ja nicht die Rote Flora und bei aller Solidarität so links bin ich dann auch nicht. Doch so bequem macht der Film es einem nicht, denn das zweite Fallbeispiel zeigt zwei Heidelberger Studenten, die fast konträr zur symbolisch aufgeladenen Trutzburg linken Widerstands erscheinen und nur in einem extrem wirken: extrem harmlos. Während die Rote Flora Leute mit Spitzeln schon gerechnet haben und die verdeckte Ermittlerin schon fast enttarnt hätten, so sind die Heidelberger Jungs genauso kalt von der Infamie der Bespitzelung erwischt worden, wie alle, die sich mit dem Motto „ich mach‘ ja nichts Falsches“ zufrieden geben. Der Film zeigt, dass es offenbar keiner Hausbesetzung oder gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei bedarf, um ins Visier von Überwachungsorganen zu geraten. Es reicht offenbar auch, wie der Film leider aufgrund der Informationslage nicht ausführen kann, queer zu sein. Dieser Eindruck ist zumindest bei der Frau entstanden, die ein Verhältnis mit der verdeckten Ermittlerin hatte. In ihren Schilderungen, Gedanken und Auslassungen dieser missbräuchlichen Beziehung zeigt sich der psychologische Ansatz des Filmes.

Gerade vor dem Hintergrund des Beißreflexe Buchs, das wieder verschiedene linke und feministische Strömungen gegeneinander aufbringt, bzw. die Bruchstellen sichtbar werden lässt, erscheint das gemeinsame Schicksal, überwacht zu werden, als Warnruf sich zu solidarisieren. Hier sollte an einem Strang gezogen werden.

Es geht im Film nicht nur, um einen rechtsstaatlichen Skandal, sondern um die Gefühle und Bewältigung der betroffenen Menschen. Natürlich regt es auf, zu hören, dass sechs- bis siebenstellige Summen ausgegeben werden, um eine Scheinidentität zu konstruieren, aber in solcher fiskalischer Skandalisierung erschöpft sich der Film nicht, sondern zeigt Menschen, deren Biographie und Intimität mit Hilfe eines Phantoms unterwandert wurde. Ein Phantom, das die Menschen lieb gewonnen hatten, dem sie Geburtstagstorten backen und das mit ihnen Klettern ging.

Der Film zeigt die Bewältigung als eine Art großen Gesprächskreis und obgleich Lebenswelten aufeinanderprallen, erscheinen auch der Bundesstaatsanwalt a. D. und ein Sprecher der Polizeigewerkschaft nicht als kaltschnäuzige Antipoden, sondern wie die Opfer gefangen in einem System, das offenbar immer noch Angst vor Freiheit und ‚linken Umtrieben‘ hat und vielleicht sogar in der queeren Szene ein umstürzlerisches Potential sieht. Die verdeckte Ermittlerin, die mit der Dozentin ins Bett steigt, ist die diskursive Fortschreibung (oder Banalisierung) von James Bond, vielleicht mit dem gleichen naiven Wunsch, die westliche Welt vor der roten Gefahr zu retten.

Natürlich hinkt jeder Vergleich, besonders mit Gestapo, Stasi und NSA, doch das Eingeständnis, so etwas gibt es auch – in welchem Maß auch immer – bei uns, ist schlimm genug. Wir müssen hellhörig sein, wenn sich die Überwachungsorgane immer wieder mit dem Totschlagargument der Geheimhaltung auch nach Jahren dem Zugriff der Justiz entziehen können und nur sehr selektiv Akten freigeben. Wenn die Antwort auf „warum machen sie das?“ nur „weil wir’s können!“ zu sein scheint. Der Film zeigt hier nicht nur die menschlichen und rechtsstaatlichen Verletzungen auf, sondern möchte auch, wie Hannes Obens und Claudia Morar betonten, vernetzen und Wege des Behauptens aufzeigen. Die nachfolgende Diskussion kreiste auch darum, wie dies in direkter Konfrontation mit den Ermittelnden oder auf parlamentarischem Weg versucht werden könnte und die Macher*innen versprachen hier weiter, eine Plattform bieten zu wollen. Wenn aber die staatlichen Organe die Grundrechte nicht mehr in vollem Umfang gewährleisten können und die Selbstregulation versagt, müssen Initiativen gegen die Einschränkung von Grundrechten so stark und geschlossen werden, wie etwa der Mieter- und Verbraucherschutzbund oder die Stiftung Warentest. So bestätigen sich die Linken Politikerin im Film und der Piraten Politiker auf dem Podium darin, dass die Polizei Grauzonen gezielt ausnutzt und sich immer mehr Freiräume vor dem Hintergrund diffuser Gefahrensprognosen nimmt. Hierin ist der Film eine Vorgeschichte zu den aktuellen Ereignissen des G20-Gipfels und dem Niederhalten der Gegner*innen.

Allerdings kann die Überwachungsdiskussion und selbst der Film im schlechtesten Fall dazu führen, dass die „Schere im Kopf“ uns radikale oder auch nur abweichende Aussagen und Kontakte eindämmen lässt. Das Wissen von Überwachung führt zu der seltsam ambivalenten Paranoia, die mir einerseits Angst macht schon überwacht zu werden, während ich andererseits Angst habe, als Spitzel zu gelten. Wer sich aber davon irritieren lässt, statt unerschrocken an seinen Idealen weiter zu arbeiten, hat schon ein wenig verloren. Deshalb ist uneingeschränkte Meinungsäußerung gerade jetzt wichtig.

 

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