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Buchrezension: Beißreflexe (Hg.: Patsy l’Amour laLove)

Buchrezension: Beißreflexe (Hg.: Patsy l’Amour laLove) published on Keine Kommentare zu Buchrezension: Beißreflexe (Hg.: Patsy l’Amour laLove)

von Martin J. Hoffmann

Freitag, 23.06. Im Kölner „Anyway“ stellt Patsy l’Amour laLove (im Folgenden Patsy) ihren Sammelband Beißreflexe: Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten vor. Der Andrang ist groß und wer zu spät da ist, muss von draußen zuhören. Das große Interesse hat seinen Grund: Patsy und ihre Mitautor*innen erheben schwere Vorwürfe an den Queerfeminismus – dass er autoritär und destruktiv auftrete, dass manche Gruppen Psychoterror ausübten, dass er den Blick von realer Unterdrückung abwende und letztlich anti-emanzipativ agiere.

Patsy l’Amour laLove

Worum geht es im Buch?

Aber ich greife vor. In 28 Beiträgen üben teils einschlägige Autor*innen harsche Kritik an Teilen des Queerfeminismus. An dem Teil des Feminismus also, der oft mit Intersektionalismus und Antiimperialismus in Verbindung gebracht wird. Erklärtes Ziel des Queerfeminismus ist dabei, Menschen verschiedenster nationaler Hintergründe und Geschlechter an Kritik teilhaben zu lassen und vor Allem auch nicht-Weiße und Transpersonen sprechen zu lassen.

Das Buch ist ein Potpourri an Textformen: Artikel, Essays, Erfahrungsberichte und ein Interview. Manches kommt klug daher, nicht alles ist akademisch zitierbar, doch es herrscht viel Einmütigkeit darüber, dass es Probleme gibt im Queerfeminismus, die zu Ausschlüssen, Bedrohungen und Feindseligkeiten führen; da wo eigentlich Solidarität gefragt ist.

So zerlegt Caroline A. Sosat „die betroffenheitsfeministische Dynamik“ geradezu als Gruppen-Psychopathologie. Hier wirft sie Aktivist*innengruppen vor, Denkansätze und Positionen immer mit denjenigen in Verbindung zu bringen, die sie äußern. Das führe zur Unfähigkeit zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit Diskussionsgegenständen und zu Mobbingverhalten gegenüber Einzelnen. Wessen Meinung nicht in die Gruppe passt, mit der*dem wird nicht diskutiert, sondern die*der wird denunziert. Sosat beschreibt, dass Äußerungen oder eigentlich harmlose Verhaltensweisen „[w]ie unter einem Brennglas […] zu Stalking, sexualisiertem Starren oder verbaler Legitimation von Vergewaltigungen vergrößert werden,“ die dazu führen, dass Einzelne aus der Gruppe ausgeschlossen werden und Rufmordpraktiken die Überhand nehmen (68). Was eigentlich konstruktiver Aktivismus sein soll wird, laut Sosat, zur Inszenierung von Allmachtsfantasien, die Opfern von Unterdrückung und Gewalt nicht zur Emanzipation verhilft, sondern die eigene Betroffenheit konserviert. Merkmale von Unterdrückung[1] würden hier zum Gegenstand eines Opferkults. In diesem Zusammenhang könne „jede individuelle Betroffenheit und Erfahrung der geschlechtlichen Sortiertheit zum Politikum verabsolutiert werden“ (78), was nicht mehr zu sinnvoller Kritik, sondern zur Zementierung des Opferstatus führe. Was schlüssig argumentiert ist,[2] macht mir als Leser aber auch klar: die Autor*innen haben keine Scheu, Missstände und soziales Fehlverhalten zu benennen.

Besonders erschreckend ist für mich der mit „Pinkwashing und Antisemitismus“ betitelte Abschnitt. Die Autor*innen finden sich in Kritik an der offenbaren Blindheit der Szene gegenüber Israel-Bashing zusammen.

Für viele Queerfeminist*innen scheint zu gelten, dass die LGBT-Freundlichkeit Israels nichts als ein „Ablenkungsmanöver“ von Siedlungs- und Kriegspolitik sei. Aber „[d]ieser kausale Zusammenhang, den Puar, Schulmann, der queere Aktivist Yossi Bartal und alle anderen in der Anti-Pinkwashing-Bewegung ständig behaupten, ist bis heute nicht ein einziges Mal belegt worden“ (Dirk Ludigs, 181), ist also ein Verschwörungsgedanke. Schlimmer noch, das Argument reihe sich ein in die lange Geschichte des Antisemitismus. Dass es sich bei dieser Kritik an Israel auch noch um eine Abwehrhaltung gegenüber tatsächlichem Schutz für LGBT handelt, die in allen umliegenden Ländern Verfolgung erfahren, macht die Sache freilich noch aufrüttelnder.

Apropos Islamische Länder: Hier zeigt der Sammelband seine Kritik am Begriff der Deutungshoheit. Wo Israel kritisiert wird, werde gleichzeitig der Islam in Schutz genommen; bis hin zu Jasbir K. Puars Interpretation des islamistischen Selbstmordattentäters als Sinnbild eines identitätszerbombenden Queers. Laut Nina Rabuza „zeigen sich [darin] die Denkstrukturen aus einem naiven Antiimperialismus, der scharf trennt zwischen den westlichen imperialen Unterdrückern […] und den Opfern der imperialen Struktur“ (201). Und Patsy stellt ihre Position klar: Deutungshoheit über Zusammenhänge wie imperialistische Gewalt dürften nicht ausschließlich diejenigen auf der Opferseite haben. Islamkritik müsse also beispielsweise auch von Nicht-Muslimen kommen und geäußert werden dürfen. Unverhohlene Religionskritik soll also Teil der feministischen Bewegung sein müssen. So erklärt sie im Vortrag, gerade Religion dürfe nicht vor Kritik in Schutz genommen werden. Ob man sich einem Gott unterwirft sei schließlich die Entscheidung der/des Einzelnen.

Was im Buch aber auch immer wieder deutlich wird: Es beschäftigt sich mit einer Denk-Bubble. Es geht um eine Art des Denkens, die sich – und da sind sich die Autor*innen einig – der Vernunft entziehen. Die Autor*innen nennen eine Vielzahl an Beispielen, wo Aktivismus schief gelaufen sei: Aberwitzige „Bußrituale“ im Kontext der Critical Whiteness; antirassistische oder feministische Veranstaltungen, die von Queerfeminist*innen verhindert werden; und einzelne Akteur*innen, die aus Gruppen und Arbeitsplatz rausgemobbt werden. Immer wieder wird auf mangelnde Differenzierung und einfaches Schwarz-Weißdenken verwiesen. Es werden viele erschreckende und eindeutige Beispiele angeführt, die aber nicht immer auf klare Akteur*innen verweisen, und die nicht eindeutig verortet sind (oft ist Berlin oder die USA als Schauplatz nur impliziert).

Das nimmt auch die Kritik an Patsys Buch vorweg; im Guten wie im Schlechten. Von den Queerfeminist*innen, denen die Kritik gilt, fühlen sich viele angesprochen, die wenigsten sich gemeint, aber erst recht keiner sich richtig verstanden. Die Nerven liegen blank und harte Kritik trifft auf das Buch.

Die Hater*innen bleiben zu Hause

Seit der Veröffentlichung des Buches sind mittlerweile drei Monate und drei Auflagen ins Land gezogen, und Patsy muss heute einiges klären. Ihres Zeichens Polit-Tunte, Geschlechterforscherin und Herausgeberin von zwei Büchern (Selbsthass & Emanzipation: Das Andere in der heterosexuallen Normalität und Beißreflexe), präsentiert sie einen Auszug aus der Einleitung und einen Vortrag über die Kernargumente der Anthologie; moderiert von Mitautorin Doloris Pralina Orgasma.

Doloris Pralina Orgasma

Zunächst macht sie klar: Die lautesten Reaktionen auf Beißreflexe finden im Internet, vor allem auf Twitter statt und sind oft Drohungen. Ganz direkt und an sie persönlich. Zum Glück ist heute keiner mit dem Baseballschläger da (mit einem solchen Angriff wurde ihr gedroht). Sicherlich, so scheint mir, weil wir offline sind. Vielleicht auch, weil wir in Köln und nicht in Berlin sind. Keine Waffen im Saal, das sei vielleicht eine Art der Feigheit und habe damit zu tun, dass kritiklose Machtausübung eben am Besten online funktioniert, meint Patsy.

Sie erzählt aber auch von vielen positiven Reaktionen: von Aktivist*innen, die gewaltvolle Dynamiken in ihren Gruppen erkannt, und sich getrennt haben; und von vielen, die Berichten, solch autoritäres Vorgehen selbst erlebt zu haben. Auch hier im Saal gibt es das ein oder andere wissende Nicken. Aber auch Kritiker  melden sich zu Wort und einer meint, „du bist der Dummheit deiner Beispiele aufgesessen“ und erntet einen kleinen Applaus. Für Patsy steht aber fest, dass, obwohl der Queerfeminismus keine einheitliche Bewegung ist, man ja irgendwo anfangen und Probleme benennen müsse. Es ginge eben nicht nur um Einzelfälle und es läge an den Queerfeminist*innen, sich von autoritären Strömungen zu distanzieren. Vielmehr bestätigten viele der Kritiken aus der Szene dieses Verhalten, das eben nicht auf Diskussion aus ist. „Kritik muss über Bauchschmerzen hinausgehen“ und man müsse immer nach dem Argument hinter der Kritik fragen, erklärt sie. Erst dann käme ein Dialog zustande.

Womit die Kritiker*innen indes Recht behalten: es kommen wenige PoC zu Wort, und keiner, den die Kritik betrifft. Für Patsy gilt indes, dass Betroffenheit und die eigene Erfahrung von Unterdrückung nicht zur Reflexion befähigen, wer Hass erlebt hat sei also keine besondere Qualifikation zum Kritisieren und Analysieren. Hetero-Männer, die nicht von Diskriminierung betroffen sind, könnten auch Schlaues zur Diskussion beitragen. Das greife ich als cis Mann und Ally vor allem als Handreichung auf und für mich bleibt die Message stehen, dass politischer Aktivismus außerhalb von Schutzräumen grundsätzlich jedem offen stehen sollte.

An den schlechtesten Stellen fordert das Buch ein Bild von Vernunft, das ein bisschen den Anspruch auf Universalität erhebt. An den Besten stellt es mit unaufgeregter Argumentation Fehlschlüsse und Irrglauben dar, die im Queerfeminismus anzutreffen sind. Für viele ist das Buch jedenfalls ein Augenöffner, der mal wieder verdeutlicht: Kritik muss der Feminismus auch in den eigenen Reihen aushalten können. Und genau dieses Fass macht Patsy auf.

 

 

[1]    Dazu können bspw. Hautfarbe oder das erlebt haben von sexualisierter oder geschlechtsspezifischer Gewalt  gehören.

[2]    Was mitnichten heißen soll, dass Sosats Ansatz nicht kritisierbar ist: An vielen Stellen argumentiert sie an den Anliegen des Queerfeminismus vorbei. So greift sie die „betroffenheitsfeministische Dynamik“ vor allem als zweigeschlechtliches Problem auf, das als Fortsetzung der „misogynen Kränkung des Individuums,“ also als eine Art konservierter und nicht bewältigter Ödipuskomplex auftritt. Das macht unsichtbar, worum es vielen Queerfeminist*innen geht: Gesellschaftliche Probleme und Formen der Unterdrückung als intersektional zu begreifen und auf Grundlage von Erfahrungen zu kritisieren. Darüber hinaus entsteht ein Bild von einem binären Geschlechterverhältnis. Was zwar in der Psychoanalyse noch üblich ist, ist vielen Kritikern, durchaus zurecht, ein vereinfachtes Bild.

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