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Als „Die ZEIT“ den Sexismus ins Zeitalter der digitalisierten Pubertät hinüberrettete

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 ein ideologiekritisches Essay

(Triggerwarnung: verschiedene Formen von Gewaltsexualität)

Ein Gastbeitrag von Jana Klein

Unter dem Titel „Cybermobbing: Lauras Entblößung“  ist Anfang Juli in der ZEIT ein langer Artikel zum Jugend-Phänomen des „Sexting“ erschienen. Obwohl sich der Artikel darin wähnt, die Perspektive und die Leiden eines Mädchens zu schildern, dessen intime Filmaufnahmen durch einen Jungen in ihrer Schule verbreitet worden sind, reproduziert er eine sexistische Rezeption von geschlechtsbezogener Gewalt. Die einzige Perspektive, die der Artikel dadurch effektiv vertritt, ist die Täterperspektive. Im folgenden soll der beispielhaft für den jüngsten Diskurs um „Sexting“ stehende Artikel einer Kritik unterzogen und dargestellt werden, wie Erwachsene dafür Sorge tragen, dass sich ihre sexuellen Hierarchien in der Welt der Pubertierenden wiederholen.

 Eine 14jährige, von der Autorin Jana Simon „Laura“ genannt, hatte von einem ihr unbekannten Jungen über das Internet eine Videoaufnahme zugeschickt bekommen, auf der er masturbiert. Auf die Aufforderung, ein ähnliches Video zurückzusenden, filmt sich Laura 20 Sekunden bei derselben Tätigkeit und schickt sie dem Jungen zu. „Knapp zwei Wochen später kennt ihre Klasse das Video, einen Tag darauf die Parallelklasse, schließlich die ganze Schule einer norddeutschen Großstadt“.

Was folgt, nennen vermeintliche Expert_innen seit einigen Jahren „Mobbing“: Niemand möchte mehr mit Laura zu tun haben, sie wird abfotographiert, angerempelt, eine Mitschülerin eröffnet eine Hass-Gruppe auf WhatsApp. Die Autorin interviewt Mitschülerinnen: „Wie kann man so was machen? Freiwillig!?“, „Laura sei widerlich, eine Schande, ein Stück Dreck“. Als ihre Mutter erfährt, dass schon wieder jemand ein Foto von ihr weiterverbreitet hat, habe sie ihr gesagt: „Weißt du nicht, was du uns damit antust? Bin ich die Mutter der Nutte der Stadt?!“. Laura und einige Mitschülerinnen von ihr führen Gespräche mit einer Sozialarbeiterin, eine Anwältin wird in die Schule eingeladen. Laura muss sich vor unzähligen Autoritäten entblößen und rechtfertigen, Konsequenzen für die Täter gibt es keine. Sie wechselt die Klasse, in der es dann ganz langsam wieder besser wird.

Öffentlich und Privat

 „Laura und Leo waren nur zwei Wochen zusammen. Zwei kurze Wochen, deren zerstörerische Kraft bis heute wirkt“, heißt es in Simon’s Text nebulös. Der Junge, dem Laura irgendwann nach diesen zwei Wochen das Video schickt, steht ebenfalls mit Leo in Kontakt. Für ihn erfindet die Journalistin nicht einmal ein Pseudonym, er spielt kaum eine Rolle in ihrer Geschichte. „Er war total nett“, charakterisiert Laura den Jungen, zu dem sie via Facebook und Skype Kontakt hatte (von dem ich jetzt als „Thorsten“ reden werde). Thorsten fragt Laura, ob er ihr etwas schicken solle – sie bejaht – und sendet der Erzählung nach vollkommen unvermittelt eine Videoaufnahme, auf der er masturbiert. Statt aber hier schon nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen zu problematisieren, darf Lauras Mutter diese Handlung in Simons Text folgendermaßen entschärfen: „Früher hieß es: Ich zeige dir meine Plattensammlung“; doch es ist etwas fundamental anderes, sich zur Vorführung einer Plattensammlung zu verabreden und dann womöglich sexuell miteinander zu interagieren, etwa sich auszuziehen, als unvermittelt derlei Bilder gesandt zu bekommen. Die Zustimmung zur Plattensammlung ist längst keine Zustimmung zur sexuellen Interaktion. Spätestens, wenn der Plattensammler anfängt, sexuell zu agieren, besteht die Möglichkeit, Unwillen (oder Zustimmung) zu artikulieren. Laura hatte keine Möglichkeit zu „Ja“ oder „Nein“, weil sie nicht wusste, was sie urplötzlich zu sehen bekam, als sie das Video öffnete. Sie findet es zwar seltsam, aber auch spannend.Was aber, wenn Laura wie unzählige andere Mädchen in ihrem Alter die digitalen Aufnahmen von Penissen und Masturbation, die ihnen heute im Internet durch Jungs und oftmals ältere Männer unvermittelt zugesandt werden, ganz und gar nicht sehen wollte? Jana Simon jedenfalls zeigt keinerlei Sorge um Mädchen, an denen jemand sexuelle Handlungen vornimmt, ohne dass sie eine faire Entscheidungssituation eingeräumt bekommen – Ihre Sorge gilt, und das zieht sich durch ihren kompletten Artikel, etwas anderem: „Früher blieb das, was auf den Satz mit der Plattensammlung folgte, meist privat“ – so lange das Geschehene nicht in der Öffentlichkeit landet, ist also alles in Ordnung.

Rache

 Auch für Laura ist Thorstens Handlung zuallererst einmal nicht problematisch, für sie scheint es zu Jungs und zum Erwachsenwerden dazuzugehören. Sie betont, dass Thorsten nett gewesen sei, die Situation spannend – kaum ungewöhnlich für eine 14jährige. Eine Nacht später filmt sie sich also in ihrem Bett und schickt den Schnipsel an Thorsten. Jana Simon aber deutet die Situation viele Zeilen später, als es ihr um einen anderen Sachverhalt geht, komplett anders: „Das Video an Leos Freund war ihre Art der Rache“. Einen Nachweis in einem Zitat von Laura oder nur in einer indirekten Äußerung bleibt sie schuldig. Es ist allein Simons Interpretation der Tatsache, dass Leo mit Laura per SMS Schluss macht, 15 Minuten nachdem sie noch geschmust hatten, um kurz darauf mit einer Freundin von ihr zu gehen. Dass diese Version aber kaum stimmig ist, das Rachemotiv der Interpretation der Autorin entspringt, zeigt folgendes:

Noch ein Jahr nach dem Übergriff äußert sich Leo gegenüber der Journalistin: „Sie hat es verdient!“. Ihr gegenüber darf der Junge u.a. die Behauptung aufstellen, er sei zum Zeitpunkt, an dem er das Video von Thorsten erhalten habe, noch mit Laura zusammen gewesen. Rechnet man den chronologischen Ablauf durch, will Leo also mit Laura zusammen gewesen sein, als diese seinem Freund Thorsten aus Rache wegen der Trennung(!) die Aufnahmen geschickt habe. Auch noch fast zwei Wochen später, als Leo die Aufnahmen von Thorsten erhält, so behauptet er, habe er gedacht, sie seien noch zusammen. Von der anderen Freundin ist hier keine Rede mehr. Seine Reaktion rechtfertigt er daraufhin so: „Da war ich sauer, enttäuscht, dass sie einem Freund von mir so was schickt“, später fügt er hinzu „Laura wollte sich mit dem Video aufspielen. Eigentlich hätte sie sich bei mir entschuldigen müssen“ – und die Journalistin eignet sich Leos Standpunkt an: „Es ist die Geschichte von zwei gekränkten Jugendlichen, die durch das Netz außer Kontrolle gerät.“ Statt also bei Leo nachzuharken, seine Motivation für das Weiterleiten zu hinterfragen, gibt sie seine offensichtlich widersprüchliche Sichtweise einfach wieder, glaubt ihm nur zu gern die erlittene Kränkung. Außerdem bringt sie sehr implizit Verständnis auf für seine Tat, und zwar vor dem Hintergrund eines Wertes, der in unserer Beziehungsführung auch heute noch eine zentrale Rolle spielt: Treue. Hätte sich Simon nicht an dieser Stelle so bereitwillig auf das Interpretationsmuster Leos führen lassen, wäre sie womöglich auf die Fährte des eigentlichen Problems gekommen, das nämlich die Kehrseite der Treueideologie ist: männlicher Besitzanspruch am weiblichen Körper (Im europäischen Hochmittelalter etablierte sich das noch heute geltende Treueideal als Strategie, weibliche Polygamie zu verhindern und ihre reproduktive Funktion – ihren Körper – zu kontrollieren, im Zuge der Durchsetzung des bis heute gültigen westlichen Ehemodells. Treue ist kein natürliches Liebesbeziehungsideal, sie musste erst erfunden werden).

Im Folgenden werde ich kurz ausholen, um zwei Ideologiestränge vorzustellen, die dazu dienen, Sexismus nicht als solchen anzuerkennen, sondern ihn mit psychischer Erkrankung auf der einen, vermeintlicher Technologiekritik auf der anderen Seite zu überlagern. Die bekannte britische Autorin und Kolumnistin Laurie Penny hat im Mai 2014 anlässlich des Amoklaufs von Elliot Rodger in Santa Barbara analysiert, wie in einer Reihe von Amoktaten und Massenmorden an Frauen das Motiv des Frauenhasses, also die Ideologie des natürlichen männlichen Anspruchs auf Frauenkörper, nie auf mediale Resonanz gestoßen ist, selbst wenn die Täter in ihren zuvor geschriebenen Manifesten ganz explizit dieses Motiv für ihre Taten genannt hatten.  Als eine der Strategien, den Frauenhass auszublenden, hat Penny die Pathologisierung der Täter genannt, mit der sie aus der Mitte der „normalen Männer“ ausgestoßen werden: „It’s just „crazy“, lonely guys“. Die Pathologisierungsstrategie hilft eben jener „normalen Männlichkeit“, wie ich sie im Folgenden nennen werde, die ideologische Nähe zu den Tätern auszublenden, deren Mordtaten sie ablehnen. Penny: „The ideology behind these attacks – and there is ideology – is simple. Women owe men. Women, as a class, as a sex, owe men sex, love, attention, “adoration”, in Rodger’s words“. Die Konstruktion des lonely guys und seine Abgrenzung zur normalen Männlichkeit funktioniert dabei nach einem ganz ähnlichen Muster, wie Wilhelm Heitmeyer die Konstruktion des Rechtsextremismus als Abgrenzungsstrategie gegen die sogenannte „Mitte“ in seiner Forschung dargestellt hat. In seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ weist der Soziologe der Universität Bielefeld Jahr für Jahr für Jahr darauf hin, dass Phänomene der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ gerade keine Spezifika deutscher Neonazis sind, sondern die gemeinsame ideologische Grundlage von „Mitte“ und „Extrem“. In Deutschland war es sogar wieder Alice Schwarzer(!) überlassen, als erste auf die zentrale Rolle hinzuweisen, die Anders Breiviks Hass auf selbstständige Frauen und den Feminismus in seinem 1500-Seiten-Manifest bzw. in seiner nationalistischen Radikalisierungsbiographie einnimmt – ebenfalls ohne größeren Widerhall in den deutschen und internationalen Mainstream-Medien, die lieber mit dem simpleren Bild des bloß rassistischen Neonazis hantierten. Megan Murphy  wies im Zusammenhang mit der Tat von Santa Barbara auf die Ideologie des „Male Entitlement“ hin, die sie aus Rodgers Manifest hervorhob: „In a world wherein men learn they not only deserve, but have the right to women’s bodies, Rodger’s behaviour isn’t really all that surprising. From the time they are young, boys are offered women’s bodies. They are provided with pornography, told that this is what women are for: your eyes, your pleasure, your dick“.

Ganz anders der Vater eines der Opfer des Amoklaufs von Santa Barbara, der in einem Artikel auf Spiegel Online  zu Wort kommen darf: „Schuld an seinem [des Sohnes] Tod sind feige, unverantwortliche Politiker und die NRA [National Rifle Association, eine Organisation für das Recht auf Waffenbesitz]“. Während im Artikel ausführlich eine (vermeintliche) psychische Störung des Täters ausgebreitet wird und Rodger selbst nur in einem einzigen Satz indirekt zitiert wird, in dem er „sexuelle Zurückweisung“ als Motiv angeben würde (und nicht etwa ein geschlossen-frauenverachtendes Weltbild, das sich aus seinen Spuren im Netz hätte rekonstruieren lassen), verweist das Statement des Vaters auf einen weiteren ideologischen Diskursstrang, nämlich die Überblendung der sexistischen Motivlage durch die Debatte um gun control in den USA (bzw. in ihrer deutschen Rezeption). Diese Überblendungsfigur „gun control statt Sexismus“ wiederum hat starke Gemeinsamkeiten mit dem, was Jana Simon in ihrem Text zum Sexting-Übergriff in der ZEIT produziert, womit ich den Bogen zurück schlage: sie versucht, ein gesellschaftliches Verhältnis, nämlich das Geschlechterverhältnis, im Lichte einer inneren Notwendigkeit der fortschreitenden Technik zu enthistorisieren. Das heißt: Statt zu beleuchten, wie Menschen miteinander umgehen und Gesellschaft, Verhältnisse aktiv gestalten, glaubt die Autorin, dass das Böse in der Technologie sei; also in Internet, Facebook, WhatsApp etc. Menschen können in dieser Vorstellung klüger oder weniger geschickt mit den Herausforderungen der neuen Medien umgehen und auch Gesellschaften als Ganze können sich der technischen Evolution stellen. Was aber in dieser Ideologie fundamental nicht zur Debatte steht, was aus der gesellschaftlichen Verfügbarkeit entzogen wird, ist die Einrichtung der Geschlechterverhältnisse, sind ihre sexuellen Hierarchien. Die Möglichkeit, intime Aufnahmen über das Internet zu verschicken, als auch, sie gegen den Willen der Betroffenen zu verbreiten, wird als Funktion an die Technik angehängt, nicht an Gesellschaft und ihre spezifischen checks and balances, nicht an den Verantwortungsbereich der Benutzer_innen, nicht an die kulturelle Möglichkeit oder Unmöglichkeit für Täter, solche Übergriffe zu begehen. Die Technik ist aber nur eine Chiffre für „Natur“, sie ist das Produkt von Naturwissenschaften und Naturgesetzen. Die sexuelle Macht, die Jungs und Männer über Mädchen und Frauen haben, erscheint als eine naturgegebene Notwendigkeit. Dass heute Schulklassen durchgängig das Mädchen fertigmachen, dessen Nacktaufnahmen verbreitet worden sind, die Täter aber im Zweifelsfall noch gefeiert werden, sie niemals mit Konsequenzen für ihre Tat rechnen müssen, ihnen die Tat mit Verweis auf ihr gekränktes Treueempfinden obendrein als ihr Recht und Privileg zugestanden wird, ist Konsequenz aus einem Weltbild, das Geschlechterverhältnisse als Verhältnis von Natur (bzw. ihrer technischen Verlängerung) und Mensch, niemals aber als soziales Verhältnis zwischen Menschen begreift, also als Kultur. Mit der gescholtenen NRA (National Rifle Association) wäre an dieser Stelle vollkommen richtig zu entgegnen: „Guns don’t kill people, people kill people“ – Computer begehen keine sexistischen Übergriffe, Jungs und Männer begehen sie.

Niemand redet über Leo und Thorsten

 Obwohl Simon also in langen Passagen ausgiebigst über die Gefahren der Technik spricht, Lauras Gesicht als „nicht mehr Mädchen, noch nicht Frau“ beschreibt (und sich damit vielleicht empathisch und sensibel vorkommt), Lauras Familienverhältnisse auseinander nimmt (und nicht die der Täter), die Selbstzweifel ihrer Mutter ausbreitet (und nicht die Mütter der Täter konfrontiert), sogar die Geschichte vom plötzlich getrennten Vater Revue passieren lässt (und nicht nach Traumata der Täter forscht) und sie zur Erziehungsberatung in die Caritas begleitet, hat sie auch einen hellen Moment: „Es fällt auf, dass es in all den Gesprächen meist um Laura geht, selten um den Jungen, der sie aufforderte, das Video zu schicken, oder um Leo, der es verbreitete. Die Moral eines Mädchens scheint noch immer anders bewertet zu werden als die eines Jungen. Warum sind gerade die Mädchen so gnadenlos? Warum suchen sie die Schuld nur bei Laura? Vielleicht weil ihre Mitschülerin ihnen näher ist, als sie sich eingestehen mögen? Nicht nur Außenseiter sexten. Außenseiter sind durch Sexting bloß besonders verletzlich“. Diese Stelle im Text, in dem Simon ein offensichtlich irgendwo aufgeschnapptes, aber nicht verstandenes Motiv aus dem Feminismus aufgreift, ist auf eine subtile Art und Weise besonders gefährlich. Während er nämlich in einem Duktus daherkommt, der vorgibt, sich für das Leid der Betroffenen und ihre Perspektive zu interessieren, verschleiert er konsequent, woran die Mädchen leiden und verwischt die Grenze zwischen Tätern und Opfern. So wie in Erzählungen über die Deutschen und den zweiten Weltkrieg („Der Krieg brach aus“, „Das Grauen kehrte dorthin zurück, von wo es hergekommen war“ etc.) wird es für eine ideologiekritische Untersuchung immer dann spannend, wenn sprachlich plötzlich keine richtigen Subjekte mehr auftauchen – bei Simon liest sich das so: „Zwei kurze Wochen, deren zerstörerische Kraft bis heute wirkt“, „die Geschichte von zwei gekränkten Jugendlichen, die durch das Netz außer Kontrolle gerät“ usw. Ganz besonders deutlich wird diese Figur in folgendem Abschnitt: „In der Transparenzgesellschaft ist alles nach außen gekehrt, enthüllt, entkleidet und exponiert. Jeder stellt sich selbst aus und bekommt dafür: Aufmerksamkeit. Die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem verwischen“. Deutlich wird: Zwei kurze Wochen, das Netz, eine ominöse „zerstörerische Kraft“, die Transparenzgesellschaft… es sind hier niemals Jungs und Männer, die die sexuelle Integrität von Mädchen wie Laura mit Füßen treten, sondern immer äußere Umstände; sie treten sprachlich nie als Subjekte ihrer Taten auf, sondern immer als Anhang natürlicher oder technischer Tendenzen, denen sie fast passiv gegenüberstehen. Völlig schmerzfrei suggeriert Jana Simon in dieser Logik dann auch, die „Entkleidung“ finde in der „Transparenzgesellschaft“ statt, die Entkleideten wollten „Aufmerksamkeit“, von „maximaler Reaktion“ spricht sie später. Sie übergeht dabei geflissentlich, was Laura selbst zur Aufnahme sagt: „Ich wollte nie, dass jemand außer diesem Jungen was davon mitbekommt“ – und nicht zuletzt angesichts der eingetretenen Konsequenzen ist das mehr als glaubwürdig. Simon aber verfolgt ihre Version weiter und suggeriert, Laura sei selbst schuld und habe die Entblößung eigentlich gewollt. Das zeigt sich auch an anderer Stelle, als erzählt wird, wie Laura von mehreren Jungs und Männern über das Internet als Reaktion auf ihren neuen Ruf sexuell bedrängt wird und sie einem Jungen, mit dem sie in Kontakt steht, ihre Brust zeigt. Hier schließt die Autorin: „Der Junge schickt den Clip herum. Laura hat es ein zweites Mal getan.“ Nicht nur beweist sie hier das völlige Ausbleiben von Verständnis für die psychische Situation von Menschen, deren sexuelle Integrität gebrochen worden ist und die ihre Autonomie wiederherstellen wollen, was durchaus widersprüchlich vonstattengeht. Statt zu schreiben, Laura sei es ein zweites Mal widerfahren, kommt der bedrängende Junge ungeschoren davon: Laura ist die Täterin, ein zweites Mal – sie hat es ein zweites Mal getan. Die Jungs, die sie sexuell bedrängen und ihr mit dem Hack ihres Accounts und der Weiterverbreitung der Aufnahmen drohen, um von ihr weitere Aufnahmen zu erpressen: für Jana Simon ein Hintergrundrauschen, das der moralischen und politischen Bewertung entzogen ist – boys will be boys. Dass sie ihre sexuelle Integrität ein zweites, drittes, viertes und zwanzigstes Mal gebrochen haben, wird zur Randnotiz.

Obwohl Simon also formal beklagt, dass es immer um Laura und ihre Moral gehe und nie um Leo und Thorsten, atmet ihr Text aus jeder Zeile genau dieses verkehrte voyeuristische Interesse am Opfer, dem sie mal subtil, mal offen die Schuld am Geschehenen zuschreibt oder diese Zuschreibung durch ihre Protagonist_innen kritiklos übernimmt: „Es ist, als verschärften die digitalen Medien die Pubertät. Und nicht immer ist eindeutig, wer Opfer und wer Täter ist oder beides zugleich“ wähnt sich Simon tiefsinnig, ohne zu merken, dass die Verwischung von Opfern und Tätern von ihr selbst ausgeht, nicht von den Medien. Der Klassenlehrer darf sich im Text die Frage stellen: „Ist Laura ein exhibitionistisches Kind?“, den Eltern von Laura wird ein „großer Fehler“ vorgeworfen, weil sie Laura zuerst noch das Handy lassen, statt es ihr wegzunehmen. Monate später aber nimmt „Lauras Mutter ihre Tochter vom Netz: Handy- und Computerentzug. Stubenarrest auf Modern“. Stubenarrest? Was so harmlos daherkommt, ist in Wirklichkeit die versteckte Stoßrichtung der dem Artikel zugrunde liegenden Ideologie: Die Verhältnisse sind wie sie sind – Sexuelle Grenzverletzungen durch Männer an Frauen liegen in der Natur – Mädchen müssen die Natur von Jungs akzeptieren (und sie trotzdem lieben) – Frauen müssen für die sexuelle Befriedigung von Männern sorgen und sexy sein – Mädchen und Frauen fungieren als Kontrolleurinnen für männliche Sexualität und haben die Verantwortung, sie nötigenfalls zu bremsen und Situationen richtig einzuschätzen – Wenn Mädchen sich als Opfer ausgeben, obwohl sie von der männlichen Natur gewusst haben (und der Text atmet durch jede Zeile: „Wir wissen ja, wie Jungs nun mal sind“), sind sie, zumindest ein Stück weit, immer selbst schuld. Wenn vordergründig scherzhaft vom Stubenarrest die Rede ist, ist das hintergründig bitter ernst gemeint: Strafe erhält, wer Schuld auf sich geladen hat. Der moderne Stubenarrest ist keine Vorsichts- oder Schutzmaßnahme, er ist Strafe für ihre Schuld. In Lauras Geschichte stellt sich das so dar: Laura wird von allen „gemobbt“, sie muss die Klasse wechseln, darf bei Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen, ihren Eltern, der Polizei usw. vortanzen, man nimmt ihr das Handy ab, durchsucht alle ihre Online-Kontakte, macht ihre Sexualität und ihren Körper zum Gegenstand der öffentlichen Untersuchung, ihre Mutter schaut sich ein Foto von ihrem nackten Oberkörper an, ihr Stiefvater meint sogar darauf bestehen zu dürfen, sich das Video von ihrer Masturbation ansehen zu müssen (er müsse nun aber wissen, worum es gehe – darf aber beklagen: „Es hat keinen Spaß gemacht“ – freilich, bloß eine Beschreibung, was im Video zu sehen ist, reicht nicht aus).

Welche Strafe bekommt Leo? Die Anzeige gegen ihn lässt die Staatsanwaltschaft mit deutscher Konsequenz fallen („die Schuld des Beschuldigten [ist] als gering anzusehen“), die Anwältin klärt Lauras Klasse über die juristischen Konsequenzen des Weiterreichens auf, nicht aber Leos Klasse, Leo bekommt einen Tadel angedroht, der aber nicht ausgesprochen wird, auch der angedrohte Anruf zuhause entfällt. Die Sozialarbeiterin redet mit Laura und drei Mädchen aus Lauras Klasse, mit Leo redet sie nicht: „Wenn ich ihn zu einem Gespräch verdonnert hätte, was für eine Wirkung hätte das gehabt?“. Alle akzeptieren den Zwang, der auf Laura liegt, ihre Geschichte vor einer Sozialarbeiterin auszubreiten, aber den Täter mit Druckmitteln dazu zu kriegen, bloß mit eben jener Sozialarbeiterin auch nur zu reden: der Konsens, dass man die Rechte von Tätern wahren muss, ist Gemeingut. Dass das Recht von Betroffenen auf Privatsphäre nicht nur durch die Tat selber, sondern als doppelte Missachtung ihrer Integrität immer auch dadurch mit Füßen getreten wird, dass das Opfer und seine Geschichte zwischen den (vermeintlichen) Autoritäten hin- und hergereicht und seine Intimität zum Gegenstand der öffentlichen Debatte gemacht wird, fällt hinten rüber. Der Zwang, der auf der Betroffenen lastet, wird ohne Wimpernzucken als natürliche Notwendigkeit hingenommen, während schon minimale Zwänge gegen die Täter eine Verletzung des öffentlichen Empfindens darstellen. In einem Anfall von herausragendem Sexismus darf sich Lauras Klassenlehrer sogar aus der Verantwortung ziehen, als es um die Frage geht, wie er in der Situation gegenüber den Schüler_innen intervenieren könnte: „Für mich als Mann ist das schwer!“. Jana Simon protestiert auch hier nicht. Es ist einem Mann offenkundig nicht zuzumuten, über Sexualität und Respekt zu reden. Wir sind uns als Gesellschaft offenkundig einig darin, dass Männer keine glaubwürdigen Vertreter für respektvolle Sexualität sind – es ist die Verantwortung von Frauen. Doch wenn immer nur Frauen mit Jugendlichen über Sexualität reden, entspricht das genau dem oben bereits aufgeführten Muster, dass Frauen für Sexualität maximale Verantwortung tragen und Männer qua Natur nicht zur Verantwortung für (ihre) Sexualität fähig sind. Das Muster zieht sich durch bis in alle Medien: Frauen wird die Kompetenz abgesprochen, die Leser_innen und Zuschauer_innen über handfeste Außenpolitik, Sport, militärische Entwicklungen usw. zu reden. Wenn es aber um Sexualität geht, gelten Frauen als Expertinnen; Journalistinnen wie Jana Simon wird ein großer Platz in der ZEIT eingeräumt und die Leser_innen verschlingen Charlotte Roche’s „Feuchtgebiete“ oder Erika Leonard’s „Fifty Shades of Grey“.

Der eingangs in diesem Abschnitt genannten Subjektlosigkeit von geschlechtsbezogener Gewalt in der Sprache der Ideologie muss daher deutlich entgegengetreten werden, egal ob sie nun Natur, Technik, ungünstige Konstellationen, Zeitabschnitte, WhatsApp, zerstörerischen Kräften oder welche äußeren Gründe auch immer findet, derentwegen man niemals über Männlichkeitskultur, normale Männlichkeit oder Jungs und Männer wie Leo und Thorsten und ihre Verantwortung reden muss. Nicht das Internet verschickt ungefragt Nacktaufnahmen von Mädchen, Jungs und Männer verschicken sie. Nicht zwei kurze Wochen wirken bis heute zerstörerisch, wie Jana Simon behauptet: Jungs wie Thorsten und Leo, die aus der Ideologie des Besitzanspruchs auf Frauenkörper heraus handeln, wirken zerstörerisch. Vor allem: Eine Gesellschaft, die Jungs und Männern permanent mit herabwürdigenden Vorstellungen von Frauen, Weiblichkeit und ihrer Sexualität konfrontiert und insbesondere fast niemals Konsequenzen organisiert, wenn die sexuelle Integrität von Mädchen oder Frauen gebrochen wird, wirkt zerstörerisch. Nicht zuletzt liegt dieser Vorstellung auch ein männerfeindliches Bild zugrunde, das ihnen die Verantwortung für ihre Sexualität nicht zugesteht, weil es sie insgeheim für triebgesteuerte, zur Moral unfähige Tiere hält, wenn es um Sexualität geht. Ich glaube nicht an dieses Männerbild: Ich glaube an Männer, die sensibel und empathisch sind und Konsequenzen aus ihrem Verhalten ziehen können.

„Sexting“ ist böse

 „Warum hast du es getan?“, wird Laura von ihrer Mutter gefragt. Bei all der Verkehrung, die stattfindet, wenn Betroffenen immer wieder erzählt wird, wie sie in Zukunft eine ähnliche Verletzung vermeiden können, wäre ein vorsichtiges Gespräch mit Mädchen darüber, wie sie gefährliche Situationen erkennen und umgehen können, sicher sinnvoll – ohne ihnen dabei implizit die Schuld zuzuschieben, wenn sie doch Opfer werden bzw. geworden sind (zu kurzer Rock/zu spät draußen/falsche Discothek/alleine nach Hause gegangen/Jungs aufreizende Fotos geschickt/mit dem Täter vorher geflirtet). Aber darum geht es in Jana Simons Text an keiner einzigen Stelle. Ihr Problem sind das „Sexting“ und die Mädchen, die so dumm sind, sich darauf einzulassen. In der einzigen Zwischenüberschrift fragt Simon: „Wie kann man Sexualität entdecken, wenn alle dabei zusehen?“ Die Vorwürfe, die sie in ihrem Text gegenüber Erwachsenen formuliert, die sich mit neuen Medien wie Facebook nicht auskennen und deswegen zu spät eingreifen, wenn Gefahr droht, treffen vor allem auf die Journalistin selbst zu („Die Zahl der Freunde ist eine Währung, die jeder wie eine Börsenkurve im Netz verfolgen kann. Je weniger man hat, desto unbeliebter erscheint man“, weiß Simon über Jugendliche und Facebook zu berichten – mehr als solche Plattitüden aber nicht). Wie bereits ausgeführt, zieht sich durch den Text eine Form von Technikpessimismus, durch den hindurch sich eine völlige Affirmation der Geschlechterverhältnisse breit macht. Hat sich Sexualität jemals abseits des Blickes der Anderen entwickelt? Ist Sexualität ohne die Anderen überhaupt denkbar, oder nicht vielmehr fundamental auf sie angewiesen? Vor allem: Wie kommt Simon darauf, dass alle dabei zusehen und nicht vielmehr diejenigen, die eine Zustimmung zum Zusehen bekommen haben – und diejenigen, die meinen, keine Zustimmung zu brauchen, wenn sie sich die Sexualität anderer Menschen aneignen? Es sei an den Ausspruch von Lauras Lehrer erinnert: „Ist Laura ein exhibitionistisches Kind?“. Wie kommen diese Erwachsenen darauf, Mädchen, die „Sexting“ betreiben, Exhibitionismus vorzuwerfen, sie als „Nutte der Stadt“ zu beschimpfen, während sie „Ich zeige dir meine Plattensammlung“ völlig harmlos finden? Was ist exhibitionistischer, eine Videoaufnahme, auf der ein Mädchen in ihrem Bett masturbiert und sie jemandem schickt oder ein Mädchen, das sich im Zimmer eines Jungen neben der Plattensammlung auszieht und sich dort zwischen die Beine fasst? Beim „Sexting“ drohen weder Schwangerschaft, Geschlechtskrankheit, noch Vergewaltigung – die klassischen Ängste, die Eltern gegenüber ihren Mädchen hegen. Eigentlich ist „Sexting“ eine ziemlich sichere Alternative zu einer Verabredung im Zimmer eines Jungen aus der Schule, vor allem, weil die Mädchen theoretisch immer und sofort das Chatfenster wegklicken können, während sofort aufzustehen und das Zimmer zu verlassen, wenn die Situation unangenehm und der Junge aufdringlich wird, fast immer unmöglich ist. Wie bewerten Erwachsene wie Lauras Lehrer, ihre Mutter oder die Journalistin das Verhalten von Thorsten, der nicht nur die komplett gleiche Aufnahme wie Laura gemacht hat, sondern sie auch ohne vorherige Nachfrage nach sexueller Interaktion dem Mädchen vor die Augen gesetzt hat? Ist nicht gerade dieser Aspekt der Inkonsensualität bzw. der nicht stattgefundenen Aushandlung das qualifizierende Merkmal für Exhibitionismus – der klassische Exhibitionist, der plötzlich aus dem Busch gesprungen kommt und seine Jacke öffnet? Wieso problematisiert niemand, dass Laura Thorsten beim Masturbieren zusehen musste, ohne danach gefragt zu haben? Thorsten ist, in diesem Begriff von Exhibitionismus, der Exhibitionist. Laura hat konsensual sexuell interagiert. Konsequent verzerrt Simon die vorliegenden Sachverhalte, macht „Sexting“ zum Problem (und damit die Mädchen, die es tun) und ignoriert fast völlig die Frage nach der vorliegenden Zustimmung. Außer hier: auf den Satz, in dem sie das Wort„Sexting“ zum ersten mal einführt, folgt sofort folgende Feststellung: „Kriminell wird Sexting erst, wenn die Aufnahmen gegen den Willen der Protagonisten entstehen oder verbreitet werden“. Erstens tut Simon so, als würde das „Sexting“ selber kriminell und nicht etwa die Weiterverbreitung oder die Aufnahme ohne Wissen/gegen den Willen der Betroffenen. Folgt man der Logik ihres Satzes konsequent, betreibt eine junge Frau, die über die Kabinenwand der Toilette hinweg gefilmt wird, „Sexting“ – und zwar kriminelles „Sexting“. Sie kommt nicht auf die Idee, zu schreiben, dass jemand sich kriminell verhält, der diese Straftaten begeht – stattdessen bringt sie wieder einen Satz hervor, in dem das „Sexting“ die Stelle des Subjekts einnimmt, nicht der Täter. Besonders deutlich wird die irrationale Verteufelung von „Sexting“ in folgender Einordnung durch die Autorin, gleich nach der Begriffserklärung und gleich nach einem Fall, in dem ein Mann die abgepressten Aufnahmen einer 12jährigen(!) im Internet veröffentlicht: „Im Mai dieses Jahres kam der erste große Schweizer Sexting-Fall vor Gericht. Ein Mann hatte von einem 15-jährigen Mädchen 700 Nacktfotos und 100 Videoaufnahmen erpresst und es zum Sex gezwungen“. Aus einem erwachsenen Mann, der ein jugendliches Mädchen zu 700(!) Nacktfotos und 100(!) Videos erpresst, macht die Autorin einen „Sexting-Fall“, so als wäre die Gewalt in „Sexting“ selbst schon angelegt bzw. die Erpressung von Fotos und Videos eine Form von „Sexting“. Konsequent ist sie dann immerhin: so wenig, wie sie „Sexting“ von erpresserischen Zwang zur Erbeutung von hunderten Aufnahmen zu trennen bereit ist, so schmerzfrei redet sie von erzwungenem „Sex“ – so als könnte „Sex“ erzwungen werden. Aber niemand kann Sex erzwingen – es ist Vergewaltigung, kein Sex. Sex ist immer einvernehmlicher Austausch. Niemals kann es einen „Sexting-Fall“ geben: „Sexting“ ist die einvernehmliche Weitergabe von Nacktaufnahmen. Die uneinvernehmliche Weitergabe, also durch Erpressung gegen die dann Betroffene oder an Dritte ohne Zustimmung der Erstellerin, ist nicht „Sexting“. Es ist ein schwerer sexueller Übergriff, eine schwere räuberische Erpressung, eine schwere sexuelle Nötigung, ein schwerer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Wenn Jana Simon „Sexting“ quasi im selben Atemzug einführt, in dem sie von einem pädophilen Täter und einem 800fachen sexuellen Erpresser und späteren Vergewaltiger einer 15jährigen berichtet, ist klar, wie viel von der Differenzierungsfähigkeit der Autorin zu halten ist.

Voyeurismus

 Was mit dem Vorwurf des Exhibitionismus korrespondiert ist meines Erachtens nach der völlige Voyeurismus und die völlige Missachtung der sexuellen Integrität von Laura, die die beteiligten Erwachsenen anstellen. Lauras Stiefvater wusste, was auf der Aufnahme zu sehen ist: wieso glaubt er, sie sehen zu „müssen“, um mitreden zu können? Nach deutschem Recht ist die Beschaffung von jugendpornographischem Material, außer für die minderjährigen(!) Beteiligten an der einvernehmlichen Produktion des Materials, strafbar. Nichtsdestotrotz wähnt sich der Stiefvater von Laura in der Position, sich ein Video anzusehen, auf dem der Genitalbereich(!) seiner Stieftochter(!) und entsprechende sexuelle Handlungen zu sehen sind. Für ihn und die Journalistin ist das so selbstverständlich, dass er es freimütig erzählt, sie es in ihrem Artikel erwähnt und das Ganze nicht mal minimal problematisiert wird. Aber Jana Simon hat noch mehr zu bieten: sie lässt zwei (ausgerechnet) männliche Graphiker eine Illustration für ihren Artikel anfertigen, auf der eine gezeichnete Jugendliche mit tiefschwarzem Eyeliner lasziv in die „Kamera“/die Betrachter_innenperspektive blickt. Über ihre Brüste spannt sich (ausgerechnet) ein Hello Kitty-T-Shirt (wovon sich in den Privatsammlungen pädophiler Männer auf der ganzen Welt unzählige weitere Stücke finden dürften), sie spreizt die nackten Beine und masturbiert, wobei die Handlung bloß angedeutet ist, weil der untere Bildrand hier den Ausschnitt beendet. Für wen ist diese Graphik bestimmt? Welche Botschaft über Körper und Sexualität von 14jährigen Mädchen wird durch die Illustration gegenüber den Leser_innen vermittelt? Vorallem: welche Botschaft über die Zugänglichkeit und Verfügbarkeit der Körper von 14jährigen Mädchen? Durch die Illustration wird die Verletzung der Grenze, die Lauras Körper gegenüber unbefugtem Zugriff eigentlich darstellt, wiederholt, ästhetisiert und erotisiert. Und: ist es vorstellbar, dass in der ZEIT eine Illustration erscheint, auf der ein 14jähriger Junge masturbiert? Ich halte es für sehr unwahrscheinlich und denke, dass die meisten Menschen mit Restvernunft es auch tun. Wenn aber die Darstellung eines Jungen unwahrscheinlicher ist als die Darstellung eines Mädchens, wird dann nicht offensichtlich, dass die 14jährige Laura im Bild als optischer Appetizer fungiert, ihr Körper und ihre Sexualität wieder ausgebeutet und für ein erwachsenes Publikum fremdangeeignet wird? Das Bild stellt eindeutig eine sexuelle Verbindung zwischen Abgebildeter und Rezipient_innen her. Wenn Laura also Exhibitionismus vorgeworfen wird – wieso starren die Erwachsenen so lüstern? Wieso erlauben sie sich, ihre Sexualität so in die Öffentlichkeit zu zerren, während sie sich gleichzeitig davor hüten, das selbe mit Leo und Thorsten zu tun? Wieso lässt sich die Mutter ein Foto vom nackten Oberkörper ihrer Tochter zusenden – ausgerechnet noch von einem anderen Mädchen aus der Schule, statt bei ihr selbst um Erlaubnis zu fragen? Fordert die Mutter das Mädchen nicht zu einer Straftat auf – oder entspricht es irgendwie unserem common sense, dass Gesetze, die zum Schutz der sexuellen Integrität von Kindern und Jugendlichen da sind, für Mütter und (Stief)väter nicht gelten?

Erwachsene haben sich aus der Sexualität und den Angelegenheiten des (pubertierenden) Körpers von Kindern und Jugendlichen gefälligst herauszuhalten – Hands Off! Die Verantwortung, die sie damit haben, dass sie sie in die Welt setzen, beschränkt sich auf Situationen, in denen sie Hilfe zu Sexualität und Körperlichkeit brauchen (und einfordern). Und gerade wenn eine Verletzung der Integrität bereits stattgefunden hat, ist es unerträglich, wenn Erwachsene meinen, jetzt auf dem Körper noch rumtreten, ihre Nasen in jeden seiner Winkel stecken zu dürfen und zu müssen.

 

Schlussbemerkung

 Ich habe „Sexting“ im Text konsequent in Anführungszeichen gesetzt. Meines Wissens nach ist er ein von Erwachsenen erfundener Begriff, in dem sich das technische Missverständnis sowie das Desinteresse, die Einmischung und der Paternalismus gegenüber der Sexualität von Jugendlichen, vor allem Mädchen, spiegelt. Ein von Jugendlichen erfundener, unter ihnen gängiger Begriff ist mir nicht bekannt, als Jugendliche habe ich den Vorgang in meinen chats selber mit Worten umschrieben. Ich gehöre vermutlich zu derjenigen Generation, die „Sexting“ betrieben hat, lange bevor Erwachsene auf es aufmerksam geworden sind. Mein letztes Bild habe ich vor sechs Wochen verschickt – das fand ich nach Jahren der „Enthaltsamkeit“ mal wieder lustig. Ich habe mit der Person zuvor geflirtet, sie gefragt ob ich es ihr schicken darf und ihr grob beschrieben, was zu sehen ist („Wärs okay, dir ein Foto zu schicken, bei dem mein Oberkörper/eine Brust sichtbar drauf ist? Ich liebe das Foto. Und wie gesagt: ich will dass du auf mich stehst^^^^^“). Ist es so schwer, dass wir uns nicht in der Lage fühlen, Jugendlichen zu vermitteln, wie man einvenehmlich sexuell miteinander umgeht? Liegt es vielleicht daran, dass „uns Erwachsenen“ sexueller Konsens selbst ziemlich egal ist – Männern wie Frauen – und das Verständnis, dass zu Sexualität ganz notwendig Konsens gehört, nicht einmal bei uns Konsens ist?

Außerdem möchte ich noch der im Text widerspiegelnden Auffassung widersprechen, nach der die Autorin stets von „Mobbing“ spricht. Natürlich hat das, was Laura erlebt, Anteile von Mobbing. Aber so, wie dem Text von Jana Simon fundamental ein Verständnis von Gesellschaft auf der einen, von Geschlecht als sozialer, kultureller, relationaler Kategorie auf der anderen Seite abgeht, so löst sie spezifische, misogyn motivierte Angriffe, sexuelle Belästigungen, sexuelle Erpressungen und Drohungen und einiges mehr in dem Begriff des „Mobbing“ auf. Ich halte diese Begriffswahl für stark verzerrend, ein aufklärender Nutze ergibt sich aus ihr nicht. Sie macht unsichtbar, dass Menschen in entlang struktureller Hierarchien angeordneten Identitätskategorien gesellschaftlich sanktionierte Gewalt erfahren. Wenn wir Gewalt verhindern wollen, müssen wir sie verstehen. Der zugrunde liegende Text macht das genaue Gegenteil, ordnet sein Phänomen „Mobbing“ einer diffusen Konstante aus Natur, Technik und unglücklichen Konstellationen zu und wiederholt auf diese Art und Weise die Verschleierung des Wesens der Gewalt, die ihr notwendige Voraussetzung ist. Jana Simon sind die besten Absichten zu unterstellen; nichtsdestotrotz hat sie den herrschenden Sexismus in die gesellschaftliche Debatte um Übergriffe beim „Sexting“ hineingeschrieben. Die Reichweite ihres Textes ist sehr viel weiter als die meiner Gegenargumente; er ist gefährlich.

 

Laurie Penny hat vorgeschlagen: „Let’s call the Isla Vista [Santa Barbara] killings what they were: misogynist extremism“. In Anlehnung daran würde ich vorschlagen, aufzuhören, über „Sexting“ und „Mobbing“ zu sinnieren und anzufangen, Sexismus zu begreifen. Die Übergriffe beim „Sexting“, das non-konsensuale Weiterreichen der Aufnahmen geschehen fast ausschließlich Mädchen und Frauen, die Täter sind fast ausschließlich Männer und Jungs. Jedes Mädchen sollte von sich so viele Fickvideos und Nacktaufnahmen machen und weiterverbreiten können, wie es Lust hat.

Lasst uns das Problem „Sexismus“ nennen.

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