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Gedanken einer Tyrannin oder auch einer Gender-Studies-Studentin

Gedanken einer Tyrannin oder auch einer Gender-Studies-Studentin published on 1 Kommentar zu Gedanken einer Tyrannin oder auch einer Gender-Studies-Studentin

von Kira Rollsing

Ich sitze in der ersten Sitzung des Seminars „Einführung in die Geschlechterforschung“ bei Frau Prof. Sabisch. Das Seminar zu Beginn des Studiums, das mitunter sämtliche Masterstudierende in den Gender Studies belegen. Im Volksmund ist der Studiengang auch als „Pseudowissenschaft“ bekannt. Ungefähr 40 Menschen sitzen im Raum, die komischerweise auch aus anderen Instituten kommen. (Wer macht das freiwillig?!) Erstaunlich viele Männer sind zu sehen. Circa 12. Trotzdem sind die Frauen in der Überzahl. Gierig starren sie die Männer an, fantasieren mit welchen Ideen sie die Männerwelt vernichten könnten. Sie fokussieren diese 12 Männer, stellvertretend für alle Männer auf der Erde, wie eine Beute und denken darüber nach, wie sie ihr Leben noch schwerer machen könnten. Und endlich gibt es dieses Fach, Gender Studies, das sie bei ihrem Vorhaben unterstützt. Die Professorin, oder auch „Pseudoforschungsfaulenzer[in]“ genannt, steht vorne. Sie begrüßt die neu gewonnenen „Stuhlgangswissenschaftler[innen]“, den Nachschub an Tyranninnen. Ihre Hosentaschen sind voller Steuergelder.

So zumindest, scheint sich das ein großer Teil Deutschlands vorzustellen. Die stellt sich allerdings durch die „böseste Frage aller Fragen“ heraus: „Wer bezeichnet sich als Feminist oder als Feministin?“ Ungefähr ein Drittel der Studierenden zeigt auf. Männer und Frauen gleichermaßen. Das ist nicht sonderlich viel. Und auch meine Hand bleibt unten. Warum?

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Diese Situation scheint den Einfluss von Medien und Umwelt widerzuspiegeln, der auch ich ausgesetzt bin: Schließlich verbindet man mit Feminismus schon lange nichts Gutes. Heutzutage wird er als „übertrieben“ angesehen. Viele Menschen gehen davon aus, dass Frauen und Männer heutzutage doch gleichberechtigt sind, ja Frauen teilweise gar versuchen, Männer zu unterdrücken und die Skala der Ungerechtigkeit umzukehren. Wenn es um Feminismus geht, sind Abwertungen an der Tagesordnung und wer möchte schon gerne abgewertet werden? Abwertungen haben mich und viele andere Menschen dazu getrieben, Feminismus (Stichwort „Femnazi“) und Emanzipation (Stichwort „Emanze“) mit etwas Negativem zu verbinden.

Vergessen sind die Zeiten, in denen im Bürgerlichen Gesetzbuch aus dem Jahr 1900 jegliches Entscheidungsrecht in Fragen des Ehe- und Familienlebens dem Ehemann zugesprochen wurde. Vergessen ist, dass sich Frauen erst seit 1908 politischen Vereinen anschließen können, paradoxerweise selbst aber erst zehn Jahre später, 1918, wählen dürfen. Vergessen ist auch, dass Frauen und Männer erst seit 1949 vor dem Gesetz gleichberechtigt sind. Aber warum machen wir uns heute überhaupt noch Gedanken? Schließlich können wir uns sicher sein, dass alle Menschen, die das Jahr 1949 bewusst und unbewusst erlebt haben, selbstverständlich ab dem Tag des Inkrafttretens des Gesetzes Frauen und Männer als gleichwertig betrachten und auch ihre Kinder in diesem Sinne erziehen. Viele tausend Jahre wurden Frauen abgewertet und unterdrückt, okay. Aber seit 60 Jahren ist doch alles gut! Wofür brauchen wir heute also noch Feminismus oder Genderpolitik?

Kein Wunder, dass Menschen, die sich heute als Feministen „outen“ oftmals mit abwertenden Blicken gestraft werden. Schließlich sind wir in Deutschland doch alle gleich! Männer, Frauen, Trans-Menschen und intersexuelle Menschen – egal ob hetero- oder homosexuell, mit oder ohne Migrationshintergrund, behindert, krank, alt oder jung: Wir sind alle gleich. Die Welt ist so schön. So gerecht. Und keine*r hat Vorurteile. Jedermann springt und pfeift fröhlich durch die Welt.

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Nachdem ich selbst nicht zum Feminismus stehen kann, habe ich mich allerdings trotzdem für die Gender Studies entschieden, womit sich zeigt, dass ich doch für die Gleichberechtigung von Menschen bin. Mit meiner Studienwahl wurde ich, wie viele meiner Kommilitoninnen auch, mit den (ja eigentlich nicht vorhandenen) Vorurteilen von Freunden konfrontiert: „Na, bist du zur Männerhasserin mutiert?“ Oder es kommt ein Raunen: „Oh nein, du bist eine von Denen!“ Eine von Welchen?

Auch müssen meine Kommilitonen*innen und ich in einigen Zeitungsartikeln lesen, dass wir deutsche Universitäten tyrannisieren würden oder wie wenig Wert das hat, was wir machen und, dass es schließlich Schlimmeres auf der Welt gäbe. Das viele, viele Geld, das die Menschen durch ihre Steuer an die Gender Studies abgeben müssen, sollte doch lieber in „wichtigere“ Dinge investiert werden. Die Waffenindustrie würde allerdings weiterhin gerne von Steuergeldern unterstützt werden.

Abgesehen davon, dass Frauen in Deutschland erst seit knapp 40 Jahren ohne die Erlaubnis ihres Mannes arbeiten gehen dürfen, scheint also nicht schlimm genug zu sein, dass Frauen in einigen anderen Ländern der Welt heute noch nicht ohne männliche Begleitung aus dem Haus gehen, ihre Körper zeigen und von männlichen Ärzten oder Krankenpflegern versorgt werden dürfen.

Ich selbst und die meisten Menschen im Seminar „Einführung in die Geschlechterforschung“ sind in einer Zeit groß geworden, in der es selbstverständlich zu sein scheint, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Mit vielleicht einer Ausnahme: Viele jungen Frauen haben sicherlich oft zu hören bekommen, dass sie im Haushalt helfen sollen, weil sie das als Mädchen doch lernen müssen! Und viele jungen Männer haben zu hören bekommen, dass sie nicht weinen dürfen, weil sie doch Jungs (ggf. auch „Männer!“) seien. „Weine nicht, du bist doch kein Mädchen!“ – Diese Aussage erscheint nahezu absurd… Aber das ist ja alles keine Frage der Erziehung: Das ist angeboren, oder Frau Gender-Gaga Birgit Kelle?

Wie dem auch sei. Fest steht, für Menschen von heute sind Mann und Frau gleichberechtigt! Genderpolitik? Nicht nötig. Und Gender Studies schon gar nicht. Denn die haben ja schließlich nichts bewirkt. Alles entwickelt sich schließlich von alleine. Dass Frauen, wie z.B. Mach-doch-die-Bluse-zu-Kelle, ohne Erlaubnis arbeiten gehen und in öffentlichem Raum wie z.B. Talkshows ihre Meinung frei äußern dürfen, ohne geächtet zu werden. Das hat nicht die Geschlechterpolitik bewirkt. Das fiel vom Himmel!

Für die Gender Studies werde nur unnötiges Steuergeld verschwendet. Alles, was die „Pseudowissenschaft“ hervorbringe, sei nur die Idee vom Mann als Feindbild. Die Gender Studies beschäftigen sich unaufhörlich damit, wie man Frauen, und nur Frauen, besser und mehr fördern könnte. Sie denkt pausenlos darüber nach, ob es ein weibliches Ampel“männchen“ geben sollte. Sie diskutiert ständig den deutschen Sprachgebrauch oder möchte Menschen das x aufzwingen.

Dies sind alles Dinge, die in den Medien verbreitet werden und zuletzt in der Sendung „Hart aber Fair“ niveauvoll diskutiert wurden. Auf diese Weise spricht nämlich keine*r mehr ernsthaft von sozialen und kulturellen Konstrukten des Geschlechts. Keine*r spricht von der bestehenden Männlichkeitsforschung in den Gender Studies, von Intersexualität oder Intersektionalität – sonst müsste man sich womöglich auch noch mit Rassismus, Sexismus, Handicapism und Klassismus beschäftigen und beim gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeitssurvey nach Heitmeyer landen. Die Konsequenz wäre im Anschluss auch noch die Reflexion des eigenen Verhaltens. Und das will wirklich niemand. Das ist zu anstrengend. Feindbilder zu hassen und pseudointelligente und „unabhängige“ Zeitungen lesen, sind da leichtere Kost. Vorgekautes Essen. Lecker.

Doch um ehrlich zu sein: Mir fällt es auch nicht sonderlich leicht, Gender Studies zu studieren und mich tagtäglich mit der Unmenschlichkeit der Menschen (mich eingeschlossen) auseinander zu setzen. Ich würde auch lieber Ingenieurin sein, Formeln anwenden können, richtig und falsch kennen, hoch angesehen und eine staatlich gesicherte Berufsbezeichnung haben. Die Frage ist nur, wer sich als Mädchen schlussendlich dafür entscheidet, etwas Naturwissenschaftliches zu studieren, wenn es bei dem besten Physiktest zu hören bekommt, es sei sogar besser als die Jungs. In Naturwissenschaften gut sein? Ja! Aber halt nur gut für ein Mädchen…

Aber vielleicht stimmt es ja wirklich, dass nur deshalb so wenige Frauen in Führungspositionen vertreten sind, weil sie von Natur aus, nennen wir es einfach beim Wort, dümmer und „verweichlichter“ sind als Männer. Vielleicht aber auch nur, weil sie erst seit knapp 100 Jahren Hochschulen besuchen dürfen (1913 waren 4,3% aller Studierenden Frauen) und ihnen schon immer zugeschrieben wurde, weniger zu können als Männer. Es stellt sich die Frage, warum Frauen früher der Zugang zur Bildung verwehrt wurde und ob Menschen, die heute aufschreien „Genderpolitik sei Unsinn“, zur damaligen Zeit ebenso geschrien hätten „Frauen dürften nicht selbstbestimmt leben und die gleichen Chancen haben wie Männer“.

Man kann es drehen und wenden wie man möchte. Fest steht, dass die (geschlechtsspezifische) Sozialisation, welche oft auf Stereotypen beruht einen großen Faktor ausmacht, wenn es danach geht, wie sich Menschen selbst definieren. Eine geschlechtsspezifische Sozialisation ist eigentlich nicht sehr schlimm. Sie erleichtert womöglich die Selbstfindung und zeigt uns zunächst einmal, was wir alles nicht sind, zeigt uns den sicheren Weg. Ein sicherer Weg ist gut in Zeiten der allgemeinen Unsicherheit. Das Problem: Uns werden viele Wahlmöglichkeiten genommen, die wir womöglich nach dem Durchschauen des Systems gerne gehabt hätten. Oft erleidet der Mann einen Statusverlust, sollte er sich für vermeidlich „typische Frauenberufe“ entscheiden, während einer Frau nicht zugetraut wird in einer „Männerdomäne“ tätig zu sein.

Zusätzlich lässt unser System der geschlechtsspezifischen Sozialisation keinen Raum für Menschen, die nicht in die Zweigeschlechtlichkeit passen: Menschen die biologisch sowohl das eine als auch das andere Geschlecht besitzen und damit glücklich sind oder Menschen, die das Gefühl haben, körperlich in einem falschen Geschlecht zu leben. Diese Menschen werden in unserem System schlicht ignoriert, werden ausgeschlossen und als „nicht normal“ abgestempelt. Wie kann ein System human sein, das Menschen schon bei ihrer Geburt ausschließt? Ist es nicht traurig, glücklich darüber zu sein, dass man selbst in das System passt, weil es anderenfalls viel zu schwer wäre?

Es ist vollkommen unwichtig, ob Männer und Frauen von Natur aus unterschiedlich sind. Unterschiedlich ist jeder einzelne Mensch, da jeder Mensch unterschiedliche Gene, eine andere Erziehung und Sozialisation genießt. Das wichtigste in den Gender Studies ist, niemanden aufgrund von Schubladendenken und Kategorien abzuwerten und ihnen ihre Rechte abzusprechen. Niemandem, der*die weiblich oder männlich scheint, niemandem, der*die hetero- oder homosexuell ist, niemandem, der*die aus einem anderen Land kommt, als man selbst, und, und, und…

Aber was kann ich da schon sagen? Meine Worte kann man ja nicht ernst nehmen, da ich nur Gender Studies studiere, anstatt richtig hart zu arbeiten und mich mit ernsteren und wichtigen Dingen zu beschäftigen. Ich bin ja nur eine weitere Tyrannin und „Stuhlgangswissenschaftler[in]“, die nichts anderes macht, als Steuern zu vergeuden.

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1 Kommentar

Danke für diesen Artikel! Obwohl ich selber einen Anderen „geistigen Stuhlgang“ studiere, kann ich deinen Frust wirklich nachvollziehen. Wünsche dir, deinen „Waffenschwestern“ und den 12″ Exoten“ viel Kraft und Geduld in diesem mühsamen Diskurs.

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