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Menancholy – Morgan Nardi

Menancholy – Morgan Nardi published on Keine Kommentare zu Menancholy – Morgan Nardi

  von Chiara Fabri

Am Freitag, denn 22.04. kam ich erneut in den Genuss, eine weitere Produktion von Morgan Nardi im FFT Düsseldorf zu sehen: Menancholy. Der zweite Spielabend von derzeit insgesamt drei Terminen im FFT (nächster Termin am Sonntag, 24.04.; ausverkauft).
Menancholy stellt eine weitere betrachtende Auseinandersetzung von Geschlechterrollen in Körper und Performance dar, der sich Morgan Nardi durch seine künstlerische Arbeit immer wieder neu stellt und auf der Bühne diskutieren lässt.

Nardi betreut kein festes Ensemble, sondern bündelt in seinen Produktionen Kompetenzen durch Künstler*innen und Denker*innen, die er entsprechend der Arbeit gewinnt. Dieses Mal standen ihm dramaturgisch Mary Shnayien und Benedict Eickhoff zur Seite, die hervorragend die Schnittstelle zwischen diskursivem Fachwissen in Medien-/Geschlechterforschung und praktischer Expertise in den Darstellenden Künsten besetzen. Auch mit Lin Verleger und Manu Kpok stehen zwei Performer* auf der Bühne, denen die Auseinandersetzung und Herausforderung von Geschlechterrollen und körperbezogenen Imperativen nicht unbekannt sind.

Ein konstruktives Team, wie sich herausstellte.

Wie sieht das überhaupt aus; dieses männliche Ich?

Die Performer* Verleger und Kpok kommen in einen Raum, den wir als Zuschauer*innen bereits einen Rahmen gesteckt haben. Sie sind uniformiert in ihren Anzügen. Im Takt der Basketbällen – fit yourself –, die sie auf den nackten Boden prallen lassen, spüren wir die ein Ahnung von aufsteigender Überforderung, die die Mantras aus dem Off verlangen.

 

Morgan Nardi_Menancholy_Credit das mechanische Auge_DSC4329
(c) Das mechanische Auge

know yourself                                challenge yourself                    be youself                  master your pain

be fearless                            be offensiv                                  take risk                     find your rules

BECOME THE REAL YOU

Wissen, Kennen, Sein, Riskieren, Kennen, Regeln, Sein, Schmerz. Anhaltspunkte der Männlichkeit, die bekannt sind aus mainstream Männermagazinen wie auch Männerbewegungen, die das „starke Geschlecht“ durch die „Krise der Männlichkeit“ leiten. Die Performer* bleiben Uniform und werden dabei subjektiviert. Das sind sie. Diese ominösen Superhelden qua Geschlecht. Der schmale Körper Kpoks bspw. ist nicht sichtbar. Der körperliche Hänftling ist kaschiert. Die beiden offenbaren keine voneinander abweichenden Charakteristika. Funktioniert also. Noch.

Im Laufe der 60 Minuten Performance stellen sich die Performer* der Brüchigkeit der materiellen und performativen Symbolik zur Aufrechterhaltung patriachaler Ordnungstrukturen; abgearbeitet an Bewegung und Materialität. Bis zuletzt die Entdeckung des Körpers erfolgt.

Dabei verfallen breitbeinige Standffestigkeit und Lässigkeit in epileptische Zuckungen, aus denen versucht wird, mit platten Sexgebärden (die aus PornoGonzos gelernt sein müssen) herauszubrechen. Das Scheitern tut beim Anblick weh. Aber kein Aufhören. Die Zuckungen, die Aneinanderreihung von männlicher Lässigkeit und Kraft bleibt gefangen und folgt der inneren Logik von hegemonialer Männlichkeit. So erfolgreich, dass sich die Performer* schlussendlich lobend in das Bild der Geburt Adams ergießen.

Es folgen körperliche Anstrengungen, die changieren zwischen Aggression und Ausbruch aus dem – was eigentlich? Immer wieder geraten sie in sich überbietende Challenge der Kraftdemonstration.

Bei all dem finden sie keine Verbindung zueinander. Scheint sie auch nicht zu interessieren, sie suchen nicht nach Kontakt zum anderen. Zum anderen Mann. Nicht einmal als sie gemeinsam Nase an Nase US-BootCamp- und Sauflieder anstimmen bzw. angrölen: Identitätsstiftende  Unterstützunghilfen zu diesem Imperativ be the real you.

Und doch. Bis hierhin bilden sie eine Einheit. Bis hierhin sind sie zwei Individuen, die dieser heterosexuellen männlichen Hegemonie zugeordnet werden können. Einheitlich.

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(c) Das mechanische Auge

Und dann entstehen Reibungsflächen. Sichtbare Reibungsflächen. Stoffe kommen hinzu, Gegenstände. Die Performer* beginnen, sich voneinander abzugrenzen. Der Eine kleidet sich um und wechselt Anzug mit breiter Jogginghose, Shirt und Mütze, sowie Turnschuhe. Er probiert sich in unterschiedlichen Spezifizierungen von erwartungsgemäß Mann – Breackdance, Akkubohrer, Männermagazin und Kalaschnikow. Während der Andere die stoffliche Darstellung von Männlichkeit ausreizt bis hin sie untergräbt. Der Anzug wird ausgetauscht mit schwanzenger schwarzer Jeans, Kunstpelz-Stola und High Heels.

Während sich der Eine dreiviertel Raum der Bühne für sich in Anspruch nimmt und von allen breit gesehen werden kann, steht der Andere in dem übrigen Platz, frontal nur zu einem Teil der Zuschauerschaft. Männlichkeit qua Geschlecht wird erweitert mit dem Aspekt „nicht männlich gelesen“ werden. Aber Pissen müssen beide. Es folgt ein DickDance zweier Performer, die sich bei selbiger Aufgabenerfüllung sexualisierter Tanz sich neu subjektivieren, festschreiben.
Die Performer sind codiert, die Performer sind durch ihre Unterschiedlichkeit von uns Zuschauer*innen kategorisiert und damit abgesteckt.

Und dann der so einfache Kniff: Kleidertausch. Die Männer, die wir eben endlich erfolgreich definiert haben, fordern uns auf, neu zu lesen. In diesem letzten Teil ist der Weg zum eigenen Körper und den eigenen Sinnen gefunden worden. Erschöpfte, verstummte Konzentration, ein Ertasten des Organs, dass den Körper von der Umwelt abgrenzt. Und letztlich, durch die Zuschauerschaft ist der Rahmen abgesteckt und auch dies bloße Performance, die sich jedoch einer Antwort verweigert.

Beinahe ist mensch geneigt noch während des Schlussapplaus denken zu wollen „So einfach ist es, das ist es doch“. Aber was ist es, was ist diese Männlichkeit, die abverlangt wird? Und von wem? Und wer hält diese eigentlich tatsächlich aus?

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(c) Das mechanische Auge

Ein gutes Gefühl hinterlässt das Stück interessanterweise nicht bei mir. Mehr eine Ahnung, wie unheimlich anstrengend das offensichtliche Erleiden von Männlichkeit(en) ist. Keine Neuigkeit für mich – aber dennoch.

 

Im Anschluss fand ein Publikumsgespräch in Anwesenheit von Morgan Nardi, Mary Shnayien, Lin Verleger und Manu Kpok in Moderation von Christoph Rech (FFT) statt. Ein ausgesprochen interessanter Austausch zwischen Zuschauer*innen und Künstler*innen auf Augenhöhe, in dem wir uns über Hintergründe und Motivation sowie Sehgewohnheiten unterhielten. Die existente Konstruierheit von Männlichkeit(en) wurde spannenderweise als solche nicht in Frage gestellt – von Anspruch auf Natürlichkeit keine Spur. Schön, festzustellen.

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1 – 1 – 1 – 1 – 1 – 1 -1 – 1 – 1 -1 – 1 – 1 -1 – 1 – 1 -1 – 1 – 1 – 1 – 1 – 1 – 1 – 1- 1 – 1 – 1 -1 – 1 – 0

Idee Morgan Nardi, Mary Shnayien, Benedict Eickhoff Regie/Choreografie Morgan Nardi  Performance Lin Verleger, Manu Kpok Dramaturgie und Beratung Mary Shnayien Kostüm Rupert Franzen Licht- und Sounddesign Tim Lenzing Musik von Arca, Peaches und Swan Produktionsassistenz Jursik Kislorod Produktionsleitung/Management Anne Kleiner, Esther Schneider Produktion Morgan Nardi

In Koproduktion mit dem FFT Düsseldorf Gefördert durch das Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf, das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW. Gefördert im Rahmen von „Take-off: Junger Tanz“ durch das Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf sowie das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kutur und Sport des Landes NRW. „Take-off: Junger Tanz“ ist eine Kooperation Düsseldorf Kultur-, Bildungs- und Sozialeinrichtungen unter der Gesamtleitung des tanzhaus nrw.

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