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Rezension: „Darling Days“ von iO Tillett Wright

Rezension: „Darling Days“ von iO Tillett Wright published on Keine Kommentare zu Rezension: „Darling Days“ von iO Tillett Wright

von Laura

„Darling Days“ ist poetisch, mitreißend und befreiend.

„In Darling Days – Zwischen den Geschlechtern“ erzählt iO Tillett Wright seine Geschichte, die sich so geistreich und stimmungsvoll liest, als schriebe hier ein 90-Jähriger Literat seine Memoiren. Aber iO ist erst 32 und die Geschichte, die er erzählt, die so voller Schmerz, Hoffnung, Irritation und Lebenserfahrung steckt, endet – das heißt beginnt mit Anfang 20.

„Ich lege mit tränenüberströmten Gesicht den Hörer auf.
Ich habe mich selbst gerettet und sie damit tief getroffen.
Jetzt wird es heftig.“

Irgendein Brownstone in New York ist iO’s Geburtsort. Umgeben von Junkies, Tänzer*innen und Künstler*innen wächst iO auf und wird von seiner stolzen, aber durch Liebe und Drogen gebrochenen Mutter von Casting zu Casting geschleppt. Vielleicht genau der richtige Ort, an dem er beginnt, die Geschlechter- und Begehrensordnung in Frage zu stellen und für sich neu zu formen.
Mit seiner unmittelbaren Art reißt uns iO mit in die Tiefe der eigenen Biographie. Die Leser*innen durchleben seine rohe Kindheit und Jugend, die geprägt ist von Mobbing, dem Gefühl der Andersartigkeit und der Suche nach Zugehörigkeit. Sein Hadern mit gesellschaftlichen Normen durchzieht sein Leben seit er 6 ist. Obwohl er kreativ und kämpferisch handelt, wird iO immer wieder von Normen überwältigt.

„Ich will nicht lesbisch sein. Ich will meine Normalitätsfantasie nicht aufgeben. Ich kann nicht damit umgehen, wie intensiv ich empfinde, wenn ich mit Frauen zusammen bin. Ich wünsche mir, dass sie mich im Sturm erobern, mich beschützen und mir ewige Liebe versprechen. Typen fühlen sich so falsch an, aber vielleicht soll das ja so sein. Flüchtig? Nein. Da bin ich mir sicher.“

Die Beziehung zur Mutter bildet einen zweiten dominanten Erzählstrang, mit dem iO die Leser*innen durch seine erste 22 Jahre führt. Die Exzentrikerin, die Wölfin, die ihr Wolfsjunges bis zum Wahnsinn liebt und es damit verwundet.

„Ich bin in der schlimmsten Lage überhaupt, gezwungen, zwischen meiner Beschützerin und meiner schlimmsten Bedrohung zu wählen, unberechenbare Bestie, mit der sie sich einen Körper teilt. Seidenweiches Fell und messerscharfe Zähne“.

Das Buch zeigt auf, wie einfach sich die Geschlechterordnung über Bord werfen und frei leben lässt, wenn man mit den richtigen Menschen zusammen ist. Es zeigt aber gleichzeitig die Brutalität derjenigen, denen Geschlecht als Orientierung in einer chaotischen Welt dient und wie diese Menschen ins Schleudern geraten, wenn man ihnen die Orientierung nimmt. Das Buch liest sich als ein Appell für die Freiheit und gegen die gesellschaftlichen Normen, die das Leben derjenigen zum Spießrutenlauf werde lassen, die diese nicht erfüllen.

„So ist mein ganzes Leben, ich tue immer nur so. Ich tue so, als verstünde ich, warum Menschen tun, was sie tun, als ob ich verstünde, warum sie sagen, was sie sagen. Ich tue so, als hätte ich eine Ahnung, wie ich allein zurechtkomme, als ob ich wüsste, worauf es ankommt; ich trete auf, als wäre ich nicht komplett fremd auf diesem Planeten, dessen soziale Regeln ich mir mit Mühe und Not aneigne.“

Darling Days – Mein Leben zwischen den Geschlechtern
iO Tillett Wright
Suhrkamp
Aus dem amerikanischen Englisch von Clara Drechsler und Harald Hellmann
436 Seiten
15,95 Euro

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