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Warum nicht jede*r Betroffene #metoo posten kann

Warum nicht jede*r Betroffene #metoo posten kann published on 8 Kommentare zu Warum nicht jede*r Betroffene #metoo posten kann
#metoo, Kampagne, Alyssa Milano, sexualisierte Gewalt
© For All Womankind

In den sozialen Netzwerk kreist zur Zeit der Hashtag #metoo. Die ursprüngliche Kampagne wurde vor zehn Jahren von der Aktivistin Tarana Burke ins Leben gerufen und soll auf sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt aufmerksam machen.

Durch den Tweet von Schauspielerin Alyssa Milano wurde sie am Montag zur viralen Aktion in den sozialen Netzwerken:

„If all the women who have been sexually harassed or assaulted wrote „Me too.“ as a status, we might give people a sense of the magnitude of the problem.“

 

 

Insbesondere in feministischen Kreisen ist eine Diskussion entfacht über den Sinn solcher Aktionen. Interessante Beiträge findet ihr zum Beispiel hier:

 

Viele positive Reaktionen, aber…

Doch nun zu dem Punkt, auf den ich eigentlich zu sprechen kommen möchte. Auf meiner privaten Pinnwand waren gestern weit über ein Dutzend Beiträge mit dem Hashtag zu finden. Es waren auch einige Frauen (und Männer) dabei, die sich zum ersten Mal öffentlich äußerten. Hut ab dafür! Die Reaktionen waren durchweg positiv: Herzen, supportende Likes, weinende Emojis, liebe Worte. Ein sehr empowernder Newsfeed, voller Zusammenhalt und Verständnis.

In Gruppen, auf Blogs, unter öffentlichen Beiträgen und in Foren liefen derweil die Diskussionen heiß. Nicht überall waren die Antworten so positiv und harmonisch. Wo die einen, ähnlich wie in meinem Newsfeed, zustimmende Kommentare wie „Welche Frau / wer nicht?“ erhielten, wurden andere mit unsensiblen Fragen, Vorwürfen oder Wut konfrontiert.

Da private Beiträge auch privat bleiben sollen, hier einige öffentliche Kommentare, die in eine ähnliche Richtung gehen, als Beispiel. Alle wurden auf facebook gepostet unter diesem Beitrag der Zeit.

Nach dem ersten guten Gefühl kamen immer mehr Zweifel. Wenn ich als Frau Menschen wie diese in meinem alltäglichen Umfeld hätte, würde ich permanent mit solchen Aussagen konfrontiert werden. Wie würde es dann aussehen?

Würde ich mich ohne mein feministisches Umfeld trauen, #metoo zu posten?

Es war an der Zeit über meinen üblichen Tellerrand noch weiter hinaus zu spähen. Montagabend teilte ich einen Screenshot von #metoo mit dem Tweet von Alyssa Milano in einer WhatsApp-Plaudergruppe. Über 20 Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 30 sind darin. Sie wissen, dass ich bei „Feminismus im Pott“ aktiv bin. Einige finden Feminismus „irgendwie gut“ und „wichtig“, andere haben damit null Berührungspunkte. Die einen äußerten sich gar nicht, andere hatten von dem Hashtag nichts mitbekommen, manche hatten eine gespaltene Meinung dazu, nur eine fand die Aktion super. Nach kurzem Austausch gab einen klaren Konsens in der Gruppe: „Solche Erfahrungen würde ich niemals öffentlich teilen!“. Die Stimmung war irgendwie angespannt und das Thema wurde danach sehr schnell gewechselt.

Okay, noch ein Versuch. Ich schrieb eine Bekannte an. Sie teilt meine Meinung nicht immer, war aber in der Vergangenheit meist offen für meine feministische Perspektive. Sie hat einen sehr konservativen Freundes- und Bekanntenkreis und in ihrer Freundesliste sind über 300 Personen. Mit der #metoo-Kampagne konnte sie nicht viel anfangen. Ich bat sie einen Screenshot für mich aufzunehmen, um zu sehen, wie viele den Beitrag in ihrer Timeline geteilt hatten. Ergebnis? Außer mir niemand. Wären wir nicht auf Facebook befreundet, hätte sie von der Aktion vielleicht nur kurz in den Nachrichten gehört – oder vielleicht gar nicht. Den Aufruf selbst zu teilen, kam für sie nicht in Frage.

 

Natürlich zeigen diese persönlichen Beispiele und auch die Diskussionen, die ich verfolge, nur einen winzigen Ausschnitt. Aber sie haben mich zum Nachdenken gebracht. Mit diesem Beitrag möchte ich auch andere zum Nachdenken anregen.

Die Barrieren sind größer als auf den ersten Blick zu erkennen ist 

Copy, Paste & Senden. Der Zugang zu viralen Kampagnen ist vergleichsweise einfach. Theoretisch kann jede*r Betroffene #metoo posten, aber in der Praxis eben nicht alle. Im Folgenden werden nur einige Beispiele genannt, um zu zeigen, dass es viele Hürden geben kann.

Was ist mit den Menschen,

… die noch nie darüber gesprochen haben?

Stellt euch vor, ihr habt bisher geschwiegen, euch geschämt, die Vorfälle verdrängt oder nie als „nennenswert“ genug beachtet, um jemanden davon zu erzählen. Der Gedanke daran, einen Post zu verfassen und ggf. mit Fragen konfrontiert zu werden, kann ganz schön beängstigend sein.

… die mit der*n*m Täter*innen noch auf facebook befreundet sind?

Es ist kein Geheimnis, dass sexualisierte Gewalt häufig in der Familie, im Bekanntenkreis oder der Partnerschaft stattfindet. Wer in dieser Situation ist, wird wohl kaum darauf aufmerksam machen (wollen/können).

… die Angst vor der Reaktion der Eltern oder Partner*innen haben?

Von dieser Angst habe ich häufig gelesen. Oft weiß nicht mal das engste Umfeld, was eine Person in der Vergangenheit erlebt hat. Viele befürchten, dass es zu Diskussionen über Vertrauensfragen kommen wird, wenn sie den Status teilen.

… die Angst davor haben, sich als Opfer zu bekennen?

Manche befürchten, dass sie von ihrem Umfeld anders wahrgenommen werden, wenn sie offen sagen, dass sie ein Opfer von Belästigung oder Gewalt waren. Sie möchten nicht, dass es als Schwäche ausgelegt wird oder befürchten, dass sie Vorwürfe bekommen, weil sie sich nicht gewehrt haben.

… die generell ein frauenfeindliches / sexistisches Umfeld haben?

Auch das ist leider Alltag für viele: Sprüche wie „Stell dich nicht so an“ oder wie oben gesehen „Frauen wollen nur das Geld und dann heulen sie rum“. Wer ständig von solchen Menschen umgeben ist, wird sich schwer damit tun auf persönliche Erlebnisse zu sexualisierter Gewalt und Belästigung aufmerksam zu machen.

Findest du dich hier irgendwo wieder? Dann lass dir gesagt sein, dass es okay ist, solche Erfahrungen nicht öffentlich zu teilen. Vielleicht gibt dir die Aktion dennoch den Mut, ein Gespräch mit einer vertrauten Person oder, falls du niemanden zum Reden hast, einer neutralen Beratungsstelle zu suchen. Egal, wie „klein“ oder heftig dein(e) Erlebnis(se) war(en): du warst nicht schuld daran, all deine Gefühle haben ihre Berechtigung, du bist nicht alleine!

Bestimmt gibt es noch weitere (strukturelle) Gründe, warum eine Person nicht mitmacht oder mitmachen kann. Deshalb lasst uns zukünftig bei solchen Diskussionen insbesondere an die Menschen außerhalb der ‚feministischen Seifenblase‘ denken. Reflektiert weiter Aussagen wie „Das wissen doch langsam wirklich alle!“. Tun sie nicht. Oder „So etwas bringt doch eh nichts!“. Vielleicht nicht für dich, aber bestimmt für andere.

Die Gesellschaft wird sich nicht schlagartig verändern, aber für Einzelne kann es so ein bisschen einfacher werden, das Erlebte zu verarbeiten oder ein offenes Ohr zu finden.

Zu guter Letzt eine kleine Anmerkung: die kritischen Diskussionen rund um #metoo sind wichtig und richtig, denn nur so können sich Bewegungen weiter entwickeln oder neue Bewegungen entstehen. Dieser Beitrag soll keine Kritik an der Kritik üben, sondern lediglich eine weitere Perspektive aufzeigen.

Wenn du Gedanken zu dem Thema hast, lass‘ uns hier oder auf facebook gerne einen Kommentar da. Wenn du lieber anonym bleiben möchtest, kannst du uns auch eine E-Mail schreiben 🙂

8 Kommentare

Danke für den Artikel! Ich habe auch metoo gepostet. Und ich habe auch überlegt es nicht zu posten. Vorallem wegen meiner Eltern, mit denen ich nie über den betreffenden Vorfall geredet habe und es auch nicht tun würde um sie nicht zu belasten, da sie schon ziemlich alt sind. Ich habe mich dann aber dafür entschieden metoo zu posten, vorallem, weil ich so mitteilen kann, dass es einen Vorfall gab ohne dass ich explizit sage was passiert ist. Danke, dass ihr an die Menschen erinnert, die an der Aktion nicht teilhaben können.

Das schöne an solchen Aktionen im Netz ist die Tatsache, dass dieses Thema eben auch von den Medien aufgegriffen wird und somit zumindest die Möglichkeit bestünde darüber in einen ernsten Austausch zu treten. Passiert nur leider nicht.
Ich selbst nutze keinerlei soziale Netzwerke, sodass mir viele ekelhafte Kommentare erspart bleiben. Trotzdem kenne ich genug Männer wie auch Frauen die viele Dinge nicht ernst nehmen. So soll ich Sprüche von Fremden wie “ Ey, Schnucki, geiler Arsch !“ ignorieren oder mich noch über dieses „Kompliment“ freuen. Wenn mir jemand so etwas Widerliches sagt, dann muss ich sofort meine Tränen zurückhalten. Irgendwie triggern mich solche Reaktionen enorm, weil sie mich an die Tatsache erinnern, dass meine erlebte Vergewaltigung auch sehr oft als Nichts abgetan wird. „Aber ihr ward doch ein Paar, ist das dann überhaupt eine RICHTIGE Vergewaltigung?“ habe ich schon zu hören bekommen. Von Freunden & Bekannten, die ich nicht so eingeschätzt habe.
Ja, vielleicht habe ich das alles noch nicht richtig verarbeitet, aber in zu vielen Situationen will ich nur wegrennen, heulen & als Einsiedlerin irgendwo hausen wo mir niemand mit seiner Empathielosigkeit auf die Nerven gehen kann.

Verzeiht, dass ich mich jetzt mal aufregen musste, trage die Wut schon so lange in mir !

Liebe Grüße

Liebe Sophie,
vielen Dank für deine Offenheit an dieser Stelle. Du brauchst dich wirklich nicht zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Es tut verdammt gut sich Sachen von der Seele zu schreiben. Also immer raus damit, wenn du dich danach fühlst!

Und zu deinem Erlebten: ich kann mir kaum vorstellen, wie es ist sich seinem Umfeld zu öffnen und dann derartige Reaktionen zu bekommen. Wenn du deine Erfahrungen irgendwann aufarbeiten möchtest, kann ich dir nur ans Herz legen Kontakt mit einer Beratungsstelle in deiner Nähe zu suchen, z.B. über diese Seite: http://www.wildwasser.de/info-und-hilfe/beratungsstellen-vor-ort/

Es gibt je nach Einrichtung verschiedene Angebote wie z.B. Unterstützung bei der Suche nach einem Therapieplatz, Gespräche mit persönlichen Betreuer*innen oder mit anderen Betroffenen in geschützten Gruppen, usw.

Ich wünsche dir ganz viel Kraft und alles Gute!

[…] Sichtbarmachung oder Aktivismus-Sackgasse?„. Svenja von Feminismus im Pott erörterte „Warum nicht jede*r Betroffene #metoo posten kann„. Auch Hengameh befasste sich in der taz mit der Kampagne und verlagerte den Fokus von den […]

Vielen Dank für diesen Artikel, denn auch ich gehören zu den Frauen, die nicht #metoo gepostet haben.

Einige der Gründe hast du hier treffend zusammen gefasst: Obwohl ich glaube, dass mein Freundes- und Bekanntenkreis nicht mit frauenfeindlichen Kommentaren um die Ecke kommen würden, weiß ich, dass meine social media Kontakte auch Kollegen und entfernte Familienmitglieder einschließen und die Vorstellung, von diesen mit anderen Augen gesehen zu werden, macht mir große Angst. Auch habe ich sehr lange gebraucht, um die erlebten Dinge einzuordnen (von verarbeiten zu sprechen käme mir wie Protzerei vor). Ich habe erst vor ein paar Monaten zum ersten Mal mit meinem Mann (mit dem ich seit mehr als 10 Jahren zusammen bin) über meine Erlebnisse gesprochen. Einer der wichtigsten und auch der verwirrendste Grund, warum ich so lange geschwiegen habe (und ja offensichtlich auch immer noch schweige), ist, dass ich oftmals selbst das Gefühl nicht abschütteln kann, dass ich womöglich ja selbst Schuld oder zuminst Mitschuld habe. In der Theorie weiß ich, dass das nicht stimmt und jeder Frau in meiner Position würde ich heftig widersprechen und ihr Mut zureden, sich von diesem Gefühl zu befreien, aber die Wahrheit ist doch vielfach: Die schlimmsten mysogynistischen Denkmuster haben wir oft so verinnerlicht, dass wir uns auf einer persönlichen Ebene kaum davon frei machen können.
Ich könnte mir vorstellen, dass auch das ein Grund ist, warum viele Frauen bei solchen Aktionen schweigen.
In meinem Umfeld hat sich nur eine Frau, die ich auch persönlich kenne, getraut #metoo zu posten. Ich bewundere sie dafür. Und obwohl ich so ein verquere Verhältnis zu meiner eigenen Geschichte habe, bin ich persönlich dankbar, dass es dieses Hashtag und den ›positiven‹ Teil der Debatte darum gibt.

Ich habe auch nicht #metoo gepostet. Ich habe in meinem 51-jährigen Leben als Frau glücklicherweise keine körperliche Gewalt erfahren. Natürlich gab es diverse verbale deutlich sexistische Angriffe von Männern, die ich jedoch alle durch klare Körpersprache und dazu passende Worte abwehren konnte. Und ich weiß, dass ich einerseits privilegiert bin durch eine Sozialisation/Erziehung, die mich stark hat werden lassen und andererseits einfach auch nur Glück hatte. Insofern hätte ich also auch #metoo posten können. Die Kampagne ist mir jedoch zu einseitig. In meinem engeren Freundeskreis kenne ich mehrere Männer, denen von ihren Exfrauen im Scheidungskrieg und Kampf um das Sorgerecht für die Kinder sexueller Missbrauch und Gewalt unterstellt wurde, obwohl dies nicht der Wahrheit entsprach. Was das mit den Männern, den Vätern macht, kann sich jeder vorstellen. Das zu meinem persönlichen Erfahrungshintergrund. Dennoch halte ich natürlich eine Debatte über sexuell motivierte Gewalt grundsätzlich für dringend notwendig und das leistet die Kampagne. Das Thema muss offener diskutiert werden, denn es gibt Täter und Täterinnen und es gibt weibliche Opfer und männliche Opfer – viel zu viele von allen!

{Triggerwarnung – Vergew*ltigung }
.
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Und denkt Jemand an die Kinder, die aus Vergewaltigungen hervorgegangen sind?
Es ist nicht schön zu wissen, in welcher verabscheuungswürdigen Situation man gezeugt wurde.
Die Mütter sprechen nicht darüber, leiden ein Leben lang und lassen ihre Kinder unbewusst spüren, dass sie sie ablehnen.
Ein großer Konflikt.

Liebe Manuela,
vor dem Freischalten habe ich eine Triggerwarnung in deinem Kommentar ergänzt. Das Thema, das du ansprichst ist sehr sensibel und hat in Diskussionen um sexualisierte Gewalt sicherlich auch seine Berechtigung. Wenn du mehr dazu schreiben möchtest, setze dich gerne mit uns in Verbindung.

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