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Von Kindesbeinen an

Von Kindesbeinen an published on 1 Kommentar zu Von Kindesbeinen an

von pepe

Street Harrassement. Slut Shaming. Nötigung. Und das dazwischen. Chiara, schreibe darüber, denke ich. Das kennst du nur allzu gut, wie so viele andere. Genau, der nächste Beitrag hat deine Erfahrung und deine progressive Abwehr, deine innere Stärke zum Inhalt. Und so mache ich mir beim Zähneputzen, beim Buswarten, beim Spülen Gedanken über den Einstieg, den Hauptteil, Spannungsbogen und stelle genervt und ermüdend stöhnend fest: die großen Erlebnisse sind so groß und ausgestellt, so absurd, dass sie als ausgedacht erscheinen. Sie sind so arg wiederholend und so ewig gestern, weil Street Harrassement und Nötigung und all dieser Scheiß so ewig schon da sind. In meinem Fall so 1990er, dass ich von meinen Erfahrungen berichten kann aus einer Zeit, in der meine i-Punkte noch Kringel waren, ich nicht wusste, ob ich mein Abitur schaffe und das Wort Schwangerschaft unter Freundinnen noch eine schlechte Neuigkeit.

 Wie auch immer.vergessen glaubt und dann

Hashtag

Ich gehe am Abend allein von meiner Wohnung aus zum Hauptbahnhof der Stadt. Nur die Hauptstraße runter, 10 Minuten. Ich gehe an einem jungen Mann so in den 20er vorbei. Er bemerkt mich, er grüßt mich, ich schaut ihn an, um festzustellen, ob ich diese grüßende Person kenne. Kenne nicht, ich gehe weiter, wortlos, kommentarlos. Doch meine Augen waren bereits gesehen. Sie ziehen Männer an wie Scheiße das Licht. Er folgt mir, ich ignoriert, Hi und neben mir. Du siehst gut aus, Schweigen, Willst du mit mir ausgehen, Nein. Er bleibt dran. Ich äußere ihm, dass er mich in Ruhe lassen soll. Hast du etwa einen Freund, Nein, Dann können wir uns doch treffen, wo liegt das Problem, Ich interessiere mich nicht – naiver Einfall – für Männer, Bist du lesbisch, Ja, und jetzt lass mich in Ruhe, Ich kann dir zeigen, was ein Mann kann, dann bist du nicht mehr lesbisch. Auf 50m vor uns steht ein Polizeiwagen am Bürgersteig, die zwei Beamten stehen neben ihrem Wagen, Ich sage: Siehst du den Wagen dort? So lange hast du Zeit mich in Ruhe zu lassen und zu gehen, Tust du das nicht, werde ich die Polizisten um Hilfe bitten. Zum ersten Mal in meinem Leben kommt meine schneidende Ruhe zum Ausdruck. Die geführte, schmallippige, Handknöchel knackende Entschiedenheit. Ich schaue den jungen Mann während meiner Worte nicht an, fixiere die Polizisten. Deswegen kann ich nicht sagen, an welcher Stelle meiner Ansage der junge Mann mich im wohl scharfen Rechtsmanöver verlassen hat. Ich gehe alleine an den Beamten vorbei. Schweigend. Bisher.

Hashtag

Ich sitze an einer Bushaltestelle am Nachmittag in einer Stadt, die etwa 250.000 Einwohner zählt. Ich warte auf den Bus, lese ein Buch – die 1990er, da wird Buch gelesen oder Löcher in die Luft gestarrt bis der Bus kommt. Die Bushaltestelle wurde so konzipiert, dass auf der einen Seite als auch der anderen Seite für die Gegenrichtung Busse anfahren können, Die Bordsteine und Haltestelleninseln waren nur für die Bushaltestellen gebaut, Hinter mir Straße und dahinter Bordstein und Lieferanteneingang für ein Bekleidungshaus und Vordereingang eines Jugendzentrums der Stadt, Auf der gegenüberliegenden Bushaltestelle führt eine Treppe hinunter zum Kanalweg. Das alles ist im Grunde völlig unerheblich.

An dieser gegenüberliegenden Bushaltestellte sitzt auf der Wartebank ein alter Mann. Ich ihm gegenüber auf einer Wartebank. Ich lese, er starrt Löcher, sonst niemand da. Nach einer Weile kommt der alte Mann mit Stock zu mir rübergewackelt und bleibt vor mir stehen, schaut mich an. Ich schaue auf und richte mich darauf ein, sogleich nach dem Stellen seiner Frage, auf die Armbanduhr zu schauen und ihm die genaue Uhrzeit anzugeben. Es sollte nur nicht um die Uhrzeit gehen, ich blicke ihn an. Er fragt mich, ich verstehe nicht, er wiederholt sich, ich blicke ihn an, hoffe ihn nicht zu verstehen, sein Deutsch ist doch so bröckelig. Aber doch, ich musste begreifen, was ich kosten würde, er wolle mich ficken. Dieser alte Mann mit sonnengegerbter runzeliger Haut und Stützstock fragt mich in einem Alter von 16 Jahren, ein Buch lesend, auf einer Wartebank am Nachmittag, wie viel Geld ich für’s Ficken verlange. Mit einer Ernsthaftigkeit, die seine Dringlichkeit ausdrückt. Ich bin perplex, ich bin alleine, die Sommerluft um mich herum wird sepia, weil sich diese Situation schon in diesem Moment auf meine Festplatte als Nie vergessen brennt. Im Leben nicht habe ich eine Vorstellung, was der Typ da gerade macht und will. Ich sage Nein, er wird aufdringlich. Es sei egal, was ich koste, Ich sage Nein, Er zahle, Ich sage Nein, Er geht schimpfend über die Straße zurück zu seiner Wartebank. Ich will weiterlesen, zurück zu der Situation, als ich nicht gefragt war. Er schimpft laut zu mir rüber. Ich sei eine Hure, Eine Schlampe, Er wolle mich eh nicht ficken, hässlich wie ich bin. Mein Buch dient mir nicht mehr, es ist nur noch ein bei Kochwäsche eingelaufenes Schild. Ich verstehe ihn. Deutlich. Es sind deutliche Worte. Er ist nicht verwirrt. Er ist sortiert. Er ist gezielt wütend auf mich und meine Absage. Ich schweige. Mein Bus kommt, ich steige ein. Schweigend. Bisher.

 erst nichts dann 500

 

 

Das alles gibt es auch mit Kinderschuhen. 

Hashtag.

Meine Eltern sind einkaufen, ich bin allein daheim. Nachmittag. Die Nachbarskinder spielen draußen. Wenn ich allein daheim bin, soll ich drinnen bleiben. Das Telefon klingelt, ich gehe ran. Schnurtelefon. 1990er eben. Ich habe gelernt, mich am Telefon mit Hallo zu melden. Jene*r Anrufer*in weiß, wer angerufen wird.

Acht Jahre: Hallo?

Stimme: (Schweigen. Schweres Atmen.)  

Acht Jahre: (den Hörer auf das Ohr gepresst, um herauszufinden, was das für unbekannte Geräusche sind.) 

Stimme: (außer Atem, stöhnend) Ich spüre meine Hand zwischen deinen Beinen!

Acht Jahre legt auf, verwirrt, verstört, voller Angst rennt Acht Jahre aus der Wohnung, klingelt bei den Nachbarn, der Nachbar-Vater macht auf und das Kind: Am Telefon-  (Schweigen.)

Mit weit aufgerissenen Augen, offenem Mund ohne Worte, stehend da, Tränen beginnen zu fließen. Vor Scham, vor Ekel, vor Angst Schuld daran zu sein. Das Kind schweigt, zum Verrecken werde ich nichts sagen. Es ist eklig. Der Nachbar-Vater fragt nicht, holt mich rein. Ich folge ins Wohnzimmer. Die Nachbar-Mutter ist auch da, ich setze mich zu ihr. Sie nimmt mich in den Arm. Keine Fragen. Der Nachbar-Vater geht weiter in den Garten, ruft seine Jungs rein. Anweisung auf türkisch, bei denen es um mich geht. Ich werde nicht weiter gefragt, was passiert ist, warum ich weine, ich werde beschützt. Ich bleibe in Sicherheit bis meine Eltern heim und mich abholen kommen. Von der einen Sicherheit in die andere Sicherheit. Lange hatte ich das Stöhnen in der lichtleeren Leitungsstille im Ohr und hauchendes Flüstern nicht ertragen. Schweigen. Bis ich 25 war. Es tat uns allen drein gut. Mamma, Papa, Kind.

erst nichts dann 500a

Hashtag Der Sportlehrer, der bei so vielen Umkleidekabine des Gebäudes stets durch die Mädchenumkleide die Halle verließ. Hashtag Der Sportlehrer, der die Hilfestellung in besonderer Weise den Mädchen mit Brüsten gab. Hashtag Die Klassen- und Vertrauenslehrerin, die uns zu bedenken gibt, dass sie im Lehrerzimmer ganz schön blöd dastünde, wenn sie unsere kollektive Beschwerde über den Sportlehrer aufgriffe. Hashtag Die Unsicherheit, die sich über die Jahre manifestiert, ob das alles wirklich passiert ist. Hashtag Die Kollegin, die sich in dein Hotelzimmer zurückzieht, weil der Chef auf der Dienstreise vor ihrer Zimmertür steht und Einlass fordert.  Hashtag Das Schweigen mit 29, wenn der ehemalige Sportlehrer an der Aldikasse hinter dir steht. Hashtag Die Tatsache, das fehlende Kondom und der misslungene Arschfick über fünf Jahre als „glimpflich davongekommen und vergessen“ und nicht als „sexuelle Gewalt und dagegen vorgehen“ verbucht zu haben. Hashtag Die Migräne, die vorgetäuscht wurde, weil die temporäre Unlust auf Sex als „Ich liebe dich nicht“ verstanden wurde. Hashtag Die traurige und stillschweigende Überzeugung asexuell zu sein, weil Sex nichts in mir auslöste bis jemand kam und gab, anstatt sich zu nehmen. Hashtag Im Krankenhaus nicht gynäkologisch untersucht zu werden, obwohl du halbnackt und halb bewusstlos in Begleitung eines Mannes in die Notaufnahme gebracht wurde, der sich als Bekannter ausgab. Hashtag Von einer Medizinstudentin im scharfen Ton den Tipp zu erhalten, daran gut zu tun, mir Gedanken über mein promiskuitives Leben zu machen,  anstatt mich körpergekrümmt, ob der Eileiterentzündung, in die Notaufnahme zu schleppen und ihre Zeit zu stehlen. Hashtag Mit acht Jahren nicht das heiratsfähige Alter erreichen wollen, weil sich zwei Freunde der Eltern den Spaß erlaubten, dir mitzuteilen, sie würden dich heiraten, wenn du alt genug bist, so gern hätten sie dich.

Das Glück, Eltern zu haben, die nicht müde werden, mir von klein auf zu sagen, dass allein ich über meinen Körper und meinen Willen verfüge. 

Thematisch weiterlesen:

Endlich zuhause – Mille Fleur

Antanzen und Abtanzen – Dunsany

Street Harassment und mein Erfolgserlebnis – Emmi Toja

Und mein Blick streift nur den Gehweg- Philine Feline

Ein offener Brief an all die Typen, die mein “Nein” nicht respektiert haben – myendnote

Ich stehe gleich auf. Nur noch fünf Minuten – Lilli Boheme

Mein Minirock und ich – Frau Fuchs

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