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«Alle Frauen müssen die Chance auf einen Platz im Frauenhaus haben.»

«Alle Frauen müssen die Chance auf einen Platz im Frauenhaus haben.» published on 1 Kommentar zu «Alle Frauen müssen die Chance auf einen Platz im Frauenhaus haben.»

Autorin: Stella Venohr
Fotografin: Daniela Arndt

Inhaltshinweis: In diesem Artikel geht es um Menschen, die Schutz vor Gewalt suchen. Die Gewalt wird nicht konkret beschrieben.

Das Frauenhaus in Hagen ist oft Zufluchtsort für Frauen, die von ihren Männern misshandelt werden. Der Bedarf an Plätzen ist groß. Doch jedes Jahr muss die Finanzierung des Frauenhauses neu sichergestellt werden.

Das Frauenhaus in Hagen sieht von außen unscheinbar aus. Ein Wohnhaus wie jedes andere in der Straße. Doch hinter den Türen verbirgt sich ein Zuhause und Schutz für zahlreiche Frauen. Frauen, die von ihren Männern körperliche und seelische Gewalt erlebt haben. Leyla (Name geändert) ist eine von ihnen. Die 19-Jährige ist vor ihrem prügelnden Ehemann geflohen, gemeinsam mit ihrem einjährigen Sohn. Dafür musste sie aus einer deutschen Großstadt nach Hagen kommen, denn ihr Mann und seine Familie bedrohen ihr Leben. «Zu der Zeit habe ich mich nicht alleine nach draußen getraut», sagt sie. Inzwischen hat sie weder Kontakt zu ihrem Mann noch zu ihrer eigenen Familie, die teilweise in Afghanistan lebt: «Wenn wir sprechen, ist es einen Tag okay und am anderen Tag üben sie Druck auf mich aus und das tut mir nicht gut.» Im Frauenhaus erfährt sie nach langer Zeit wieder ein Gefühl von Sicherheit. «Ich weiß nicht, was mit mir wäre, wenn ich nicht in das Frauenhaus gekonnte hätte», sagt sie. «Ich habe hier eine Familie gefunden.»


 

Wie Leyla geht es zahlreichen Frauen in Nordrhein-Westfalen. Doch laut einer Studie der Landesarbeitsgemeinschaft autonomer Frauenhäuser gibt es für mehr als die Hälfte der Frauen keinen Platz. Im aktuell ausgewerteten Jahr 2015 seien 3800 Frauen in einem der Frauenhäuser aufgenommen worden – dem stünden aber 4700 abgewiesene Frauen gegenüber. Frauenhäuser werden in Nordrhein-Westfalen projektfinanziert. Alle paar Jahre muss die Finanzierung neu ausgehandelt werden. Hinzu kommt, dass die Gelder aus öffentlicher Hand nicht ausreichen. Die jährlichen Restkosten im Frauenhaus in Hagen betragen durchschnittlich 45000 Euro. «Wir finanzieren das über Spenden und jede Frau muss einen Tagesnutzungssatz von 31,75 Euro bezahlen», sagt Leiterin Yvonne Meyer. Dieser könne aber in den seltensten Fällen von den Frauen selbst bezahlt werden, da die Frauen entweder kein Einkommen haben oder durch den Umzug in ein Frauenhaus in einer anderen Stadt ihre Arbeitsstelle verlieren. «Außerdem hatten viele der Frauen nie eigenes Geld oder ein Konto», so Mitarbeiterin Inga Fuhrmann. In Folge muss das Amt für die Unterbringung der Frauen aufkommen und das kann dauern. «Viele der Frauen müssen ohne eigenes Geld oder viel Gepäck zu uns ins Frauenhaus fliehen», so Meyer. «Dann stellen wir den neuen Frauen einen Willkommenskorb mit dem Nötigsten wie Essen und Hygieneartikeln zur Verfügung.» Ein Kostenpunkt, den das Frauenhaus übernimmt.

 

Bei Leyla gab es zudem noch rechtliche Schwierigkeiten – die junge Mutter ist Flüchtling aus Afghanistan und durfte laut Aufenthaltsbestimmung zunächst den Wohnort nicht wechseln. «Es ist häufig ein Problem bei uns, dass Frauen die Stadt nicht verlassen dürfen, in der ein gewalttätiger Mann sie bedroht», sagt Fuhrmann. Solange der Aufenthaltsstatus nicht geklärt sei, gebe es auch Schwierigkeiten mit der Finanzierung. Bei all diesen Sorgen und Problemen unterstützen die Mitarbeiterinnen die Frauen. Jede Frau bekommt eine Mitarbeiterin, die als Vertrauensperson für sie zuständig sei. «Wir müssen Finanzexperte, Seelsorger und Anwälte der Frauen in einem sein», sagt Fuhrmann. Oft verbringe sie die ersten Wochen mit einer neuen Frau damit, die bürokratischen Hürden zu überwinden. Erst danach können die Frauen sich auf ihre seelische Heilung konzentrieren.

Inzwischen ist wenigstens dieser bürokratische Aspekt bei Leyla geklärt. Ihr Sohn und sie kommen immer mehr im Frauenhaus an. Der Junge geht in den internen Kindergarten des Frauenhauses. «Wir haben eine Pädagogin, die sich um die Kleinen kümmert», so Meyer.

Das Frauenhaus in Hagen ist auf Frauen mit Kindern eingestellt. Es gibt fünf Wohneinheiten im Haus. Pro Wohneinheit gibt es die Gemeinschaftsräume Küche, Wohnzimmer und Bad sowie einen Schlafraum pro Frau und ihre Kinder. Dieser Schlafraum ist abschließbar, um die Intimsphäre zu wahren. «Zurzeit kommen Frauen mit vielen Kindern», sagt Yvonne Meyer. «Da bekommt die betroffene Frau dann auch schon mal gemeinsam mit ihren Kindern eine ganze Wohneinheit.»

Besonders schwer einen Platz in einem Frauenhaus zu finden haben es trans Frauen und nicht binäre Menschen. «Bislang haben wir dazu noch keine landesweite Strategie», sagt Claudia Fritsche von der Landesarbeitsgemeinschaft autonomer Frauenhäuser. «Zurzeit wird in jedem Einzelfall geschaut, ob es die Kapazitäten gibt.» Doch oft seien die Frauenhäuser räumlich schlecht ausgestattet, sodass trans Frauen und nicht binäre Menschen nicht aufgenommen werden könne. Claudia Fritsche wünscht sich, dass das anders wird und in Zukunft es für mehr Menschen sichere Räume wie die Frauenhäuser gibt. Aktuell seien die Frauenhäuser jedoch bereits finanziell und durch fehlende Kapazitäten überfordert.

 

 

Der Bedarf an solchen Plätzen ist auch im Frauenhaus in Hagen groß. «Wir haben das Haus immer voll», so Meyer. «Uns fehlt es jedes Jahr an Geld, um alles zu stemmen.» Neben Personalkosten, fallen noch laufenden Kosten wie Reparaturen oder auch mal Dolmetscher für Frauen aus dem Ausland an. Doch so schwierig der Weg ins Frauenhaus auch sei kann, für viele Frauen ist es die letzte Hoffnung. Für Leyla und ihren Sohn ist es ein Ort der Sicherheit und des Schutzes geworden: «Alle Frauen müssen die Chance auf einen Platz im Frauenhaus haben.»

 

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