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Feminismus kommt nicht in die Tüte!

Feminismus kommt nicht in die Tüte! published on Keine Kommentare zu Feminismus kommt nicht in die Tüte!

von Lilli Boheme

Call us ugly to sell us shit_Anonym_2014
Anonym (2014)

„Zeig mir mal, wie ein Mädchen rennt!“ fordert die Frau hinter der Kamera von der Jugendlichen, die im Scheinwerferlicht steht. Sie fängt an zu tippeln, schwingt ihre Arme albern und grinst affektiert. Nur das Gackern fehlt… Niemand kauft ihr ab, dass sie sich so auch nur einen Zentimeter ohne zu fallen von der Stelle bewegen könnte. Die anderen Jugendlichen, die in den nächsten Szenen zu sehen sind, bewegen sich nicht effektiver. Sie scheinen sich lächerlich, zu machen – über Mädchen, über rennende Mädchen und die jungen Frauen letztlich auch über sich selbst. Aber dann kommt der Clou – die jungen Frauen und Männer werden durch präpubertäre Mädchen ausgetauscht. Sie bekommen die gleichen Anweisungen und siehe da, unterlegt mit pathetischer Musik rennen die Mädchen mit verbissenem Blick los und scheinen fast aus dem Bild zu stürmen. Die Zuschauer*in wird gefragt, seit wann die Beschreibung etwas „als Mädchen zu tun?“ eine Beleidigung sei. Ein weiterer Satz wird eingeblendet und weist darauf hin, dass in der Pubertät das Selbstvertrauen von Mädchen stark sinkt. Always will das ändern. Always, die Slipeinlagen-Hersteller*in, die in ihrer Werbung blaue Flüssigkeit anstatt Blut verwendet, möchte ernsthaft den Mädchen und Frauen dabei helfen, ihr Selbstbewusstsein nicht zu verlieren bzw. es zurückzugewinnen? Wie sollen Mädchen und Frauen ein positives Selbstwert- und Körpergefühl entwickeln, wenn Menstruationsblut selbst für eine Slipeinlagen-Werbung zu eklig ist? Die Marke always wird übrigens von dem amerikanischen Unternehmen P&G vertrieben, zu dem unter anderem Kosmetikartikel, wie Gilette Venus („Die Göttin in dir“), Pantene („Entschuldige dich nicht, sondern Glänze & sei stark“) und Maxfactor („Pionier der Schönheitsindustrie“) gehören. Marken mitsamt ihren Produkten ein feministisch-emanzipatorisches Image zu geben, scheint im Trend zu liegen. Auch Dove setzt diese Strategie ein, um eine Fülle von Kosmetikprodukten an die Frau zu bringen. Vielleicht hat Dove diese Strategie sogar begründet – brüsten sich die Markenbetreiber*innen  doch schon seit längerer Zeit damit, mit „normalen Frauen“ Werbung zu machen. Auch hier ein kleiner Markencheck: Dove gehört zum niederländisch-britischen Konzern Unilever, der desweiteren auch Axe (sexistische Werbekampagnen) und du darfst (abnehmen) herstellt.

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Von Bochum nach Edinburgh

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 von Lilli Boheme

Diesen Sprung wagte die ehemalige RUB-Studentin* Alva…

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Fotos von Lilli Boheme

Zusammen mit ihrer Familie, die bedingt durch den Beruf des Vaters viel reiste, konnte Alva schon früh erste Erfahrungen im Ausland sammeln. In den USA, in denen sie schließlich einige Zeit lebte, hat sie schon als kleines Mädchen ihre Liebe zur englischen Sprache entwickelt. Motiviert durch die gesammelten Erfahrungen machte sie bald ihre eigenen Pläne – im Ausland studieren war ihr Ziel. Geldbedingt absolvierte sie ihr Bachelorstudium in Geschichte und Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum. Für den ersehnten Master zog es Alva dann an die Universität von Edinburgh, Schottland, wo sie das Studium der Geschlechtergeschichte (‚Gender History‘) 2009 aufnahm. Ihr Studium verlief erfolgreich – direkt nach Beendigung ihres Masters wurde Alva eine Doktorand*innenstelle angeboten, die sie noch mindestens bis zum Sommer beschäftigen wird. Wir haben Alva in Bochum getroffen und über ihre Arbeit, das feministische Leben in Edinburgh und Feminismen gesprochen.

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Antanzen und Abtanzen

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Club Harassment oder Sprachregeln nonverbaler Kommunikation

von pepe

„Guck, die Katze tanzt allein, tanzt und tanzt auf einem Bein Kam der Kater zu der Katze, leckte ihr ganz lieb die Tatze, streichelt sie und küsst sie sacht und schon hat sie mitgemacht.“ (Kinderlied, Fredrik Vahle)

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Tanzskizze pb

Mann sein und das tanzend, das ist für viele Männer nicht so leicht. Während manche sich gar nicht trauen und ein Leben am Rande führen, trauen sich andere zu viel.

Ein Schritt vor

Bilder kommen mir in den Kopf: Wie auf der Tanzfläche eine Gasse entstand, als teilte Moses die Wasser, und der Grund mein Kumpel B. war, der sich tastend nach vorne arbeitete. Auch S. erscheint vorm inneren Auge, der ganz geschlechtsunspezifisch seine Hände überall hatte, was von den meisten vielleicht richtig aber unkritisch als eine Überdosis Empathie begriffen wurde. Natürlich hat man penetrantere Antanzszenen gesehen, wo sich Männer wie Neandertaler vorschieben. Täuschen sie ein Versehen vor oder sind sie wirklich so ungeschickt? Dann gibt es die seltenen Momente, wo man einmal selber angetanzt wird. Das Gefühl ist ein kleinwenig, wie wenn der Sessellift anschiebt und sich gleichzeitig der Haltebügel, um einen schließt. Es ist die Übernahme des Takts des anderen.

Die körperliche Erfahrung des Tanzes ist für viele zum Erlebnis des eigenen Körpers geworden. Ein fremder Oberschenkel ist da überraschend und deplatziert. Er nimmt die Freiheit der eigenen Bewegung und erzwingt einen Wechsel in den Modus des Paartanzes. Die strengen aber natürlich auch geschlechtlich problematischen Regeln der konventionellen Aufforderung zum Tanz, haben diese Intimität sorgfältig vorbereitet und der Frau* zumindest vorsätzlich die Möglichkeit einer Ablehnung gegeben, der Antanzer* übergeht das alles; erzwingt Paarsein und Körperlichkeit. Es muss eine Gegenkraft aufgewendet werden, um sich zu entziehen. Das Paarsein grenzt aber auch nach der anderen Richtung ab. Konnte sich die Tänzer*in grade noch als selbstbestimmter Teil eines tanzenden Kollektivs sehen, hat sie nun in erster Linie ein gegenüber. Wie Street Harassment scheint Antanzen in vielen Clubs eine Art Volkssport zu sein. Im Widerspruch zur Ortsbezeichnung ist gerade in der Großraumdisko oft wenig Raum zwischen den Tanzenden. Wenn immer einer angetanzt kommt, führt das zu einer bedenklichen Gewöhnung. Bedenklich, weil dieses Umgehen der Ansprache und der Start beim Körper das gegenüber schnell in einen Objektstatus versetzt.

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Gender-Glamour vom Feinsten in der studiobühneköln!

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von Lilli Boheme

Gendertouble_in_Germany_Pressebild_web

Gestern Abend folgten wir einem Hinweis nach Köln, der uns sehr neugierig machte. Dort wurden wir Teil der ‚Post-Gender-Performance‘ Gendertrouble in GerMANy, einer Koproduktion von ANALOGTHEATER und studiobühneköln.  Ein spannendes Projekt der Kölner Theater- und Performancegruppe,  in dem sich Wissenschaft und Kunst gegenseitig bereichern. Vielversprechend auch, da die Künstler*innen auf dem Felde der Geschlechterforschung von Gender-Expert*innen, wie der Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal und der Studentin der Gender Studies Giovanna Gilges bei der Entwicklung beraten wurden.

Performance in der Performance?

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Warum kenne ich eigentlich nicht…?

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Ein Gastbeitrag von Anna Schiff

Kennst du eigentlich die Künstlerin Füsün Onur? Oder was ist mit der Punksängerin Aylin Aslim? Oder Elbis Gesaratsyan, die Herausgeberin des ersten armenischen Frauenmagazins im Osmanischen Reich? Noch nie von gehört?

Mut auch zur feministischen Lücke!

Keine Panik! Ich frage hier keine feministischen Hausaufgaben ab. Nichts läge mir fernen, denn ich habe nicht vergessen, wie es sich anfühlt vor einem Raum voller Kenner*innen aufgrund des eigenen mangelnden richtigen Wissens schräg angeschaut zu werden. (Und du willst also eine richtige Linke/Antifaschistin/Feministin/… sein und kennst nicht mal…?). Und natürlich kenne ich den immensen innerlichen Druck auch im Aktivismus immer Bestnoten abliefern zu wollen nur allzu gut. (Oh Schreck! Eine Wissenslücke! Das hätte nicht passieren dürfen! Wer ihr Thema liebt, die weiß auch aaaalles darüber. Ab morgen werden ich jeden Tag … und, wenn ich schon dabei bin, dann kann ich auch gleich endlich ….). Also, liebe Mitleidenden: Mut auch zur feministischen Lücke, sonst ist die große Müdigkeit nicht mehr weit und wir müssen uns unsere wütende Puste einteilen, schließlich wird sie dem Scheißsystem bekanntermaßen nicht so schnell ausgehen.

Wissen hinterfragen anderes Wissen verbreiten

Ich hatte von diesen großartigen Frauen vor meinem Erasmussemester in Istanbul noch nie auch nur ansatzweise etwas gehört und das hat mir wirklich zu denken gegeben. Nicht aufgrund der Tatsache, dass ich den einen oder anderen Namen nicht kenne, wie gesagt, das passiert und muss passieren dürfen, und wenn ich’s mir oft genug wiederhole, dann werde ich mir auch meine eignen milden Wort irgendwann selbst zu Herzen nehmen. Nein, was mich an meinem Unwissen stört ist die Tatsache, dass es mir schlicht so schrecklich eurozentristisch aufstößt. In meinem Geschichtsstudium konnte ich mich bis kurz vor einem Masterabschluss und einem Schwerpunkt in Geschlechtergeschichte vorstudieren, ohne Nuriye Ulviye Mevlan Civlek zu kennen, immerhin die Begründerin einer der ersten frauenpolitischen Zeitschriften (Kadınlar Dünyası= Welt der Frauen) überhaupt. Auch ein Gender Studies Studium konnte ich fast abschließen, ohne mit der Nase auf Nuriye gestoßen zu werden, dafür aber das fancy Wort Eurozentrismus zu lernen. Wieso ist das so? Klar, an der Stelle kann ich es mir und euch und uns allen einfach machen und sagen, dass ich schlichtweg keine engagierte Studentin war. Selbst schuld, kein Mitleid. Aber so neoliberal will ich’s nicht halten. Statt mich selbstverantwortlich zu schimpfen, frage ich mich lieber, ob Wissenslücken vielleicht ganz einfach System haben und kenne die Antwort natürlich schon: Es ist kein Zufall warum die amerikanische, französische, englische und deutsche Frauenbewegung leichter zu finden ist als die, ihrer osmanischen Schwestern. Würde Deutschland Türkinnen eigene Geschichte(n) und noch dazu eine feministische Vergangenheit zugestehen, dann käme einem das vermeintliche Alltagswissen von der islamischen Frau (wer auch immer das sein soll) als Opfer schon sehr viel schwerer von den Lippen. Ich erzähle vielen von euch damit nichts Neues, das ist mir klar. Mir ist auch klar, dass auch noch so engagierte Feminist*innen nur sehr schwer gegen ein so stures Wissensproduktionssystem ankommen. Aber ich hege die begründete Hoffnung, dass, wenn wir zusammenhalten, wenn wir uns solidarisch zeigen mit den vielen Frauen und den vielen Bewegungen und uns gegenseitig von unseren neuen Wissenschätzen erzählen, ohne uns dabei selbst oder andere für unser Unwissen zu schimpfen, dann können wir es mit den großen Feinden Kanon, gesunder Menschenverstand und Alltagswissen aufnehmen.

In diesem Sinne stelle ich euch einen meiner heißgeliebten Wissensschätze vor, auf dass ihr dem nächsten (und der nächste ist nie weit) unterdrückte islamische Frau – Kommentar lässig anderes Wissen entgegenstellen könnt. Einfach mal einstreuen: Wusstest du eigentlich, dass es ein Frauenmuseum in Istanbul gibt? Ich bis vor Kurzem auch nicht, aber die stellen unglaublich viele tolle Frauen vor und es ist alles online! Schau dich da mal um!

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Frauenmuseum Istanbul

 

Das virtuelle Kadın Müzesi (= Frauenmuseum)

Auch diese Idee wurde aus der Not(-wendigkeit) heraus geboren. Ganz wie in Deutschland schaffen es auch in der Türkei die Geschichten von Frauen nicht in das allgemeine, öffentliche Geschichtsbewusstsein. Engagierte Frauen wie die Unternehmerin Gülümser Yıldırım und die amtierende Kuratorin Meral Akkent gründeten deshalb die Frauen Kultur Stiftung Istanbul – Frauengeschichten sollten sichtbar werden. Und wo engagierte Frauen am Werk sind, da ist das „Ehrenamt“ natürlich nicht weit. Firmen haben Geld für die aufwändige Homepage gesponsert, aber der Löwinnenanteil der Arbeit wird unbezahlt und aus purer Leidenschaft erledigt – Hilfe ist immer willkommen.

Betreten kann man das Museum momentan nur virtuell, denn die passenden Räumlichkeiten haben sich noch nicht gefunden. Das ist zwar schade, aber auch ein Glücksgriff für alle, die gerade nicht in Istanbul sind, denn so ist der Museumsgang nur ein paar Klicks entfern. Die virtuelle Ausstellung beruht hauptsächlich auf Vorreiterinnen-Biographien aus dem Bereich der Kunst und Kultur. Die erste Schauspielerin, die erste professionelle Fotografien, die ersten Frauen im Universitätsbetrieb … sich durch die einzelnen Leben zu klicken ist unglaublich beeindruckend. So viele tolle Frauen! Wer gezielt zu einem Bereich recherchieren oder den eignen Kanon etwas aufrütteln möchte, der/die kann auch gezielt thematisch stöbern und sich inspirieren lassen.

Vom 6. bis zum 9. November tagt das Symposium „100 Jahre Frauenstudium in der Türkei“. Die passende Ausstellung dazu folgt und mensch kann nur gespannt sein.

Also, liebe Mitstreitende: Lasst das Selbstgeschimpfe und gönnt euch lieber einen Nachmittag im Frauenmuseum – ihr müsst dafür nicht mal aus dem Pyjama schlüpfen und falls heute ein müder Tag ist, an dem keine Hirnaktivität menschenmöglich ist, dann vielleicht lieber morgen – mensch kann es nicht jeden Tag mit dem Feind aufnehmen 🙂

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