Warum ich mich nicht Feminist nennen kann

 Von Lucas

Trigger-Warnung: Dieser Text könnte dich triggern. Die Gründe sind vielfältig: Ich schildere Dinge, die andere Leute brutal oder ekelig finden könnten, weil das für den Text wichtig ist. Ich bin ein Cis-Mann und kritisiere in diesem Text ‘den’ Feminismus, der mir bisher begegnet ist und wie ich ihn kennen gelernt habe im Bezug auf meine eigene Identität. Das macht den Text subjektiv und das ist mir bewusst, aber ich möchte mit diesem Text auch meine subjektive Meinung äußern und eine Diskussion anstoßen.

Außerdem bin ich nicht gut darin, gender neutral zu schreiben, aber versucht habe ich es natürlich.


Hand, Mikrofon, Mic, Halten, Faust, Isoliert, Schwarz

via Pixabay

Ich glaube, es ist hilfreich damit anzufangen, wer und was ich bin. Ich bin 23 Jahre alt, ein Cis-Mann, weiß und ein Kind der oberen Mittelschicht. Das sind meine Privilegien gegenüber anderen Menschen, das ist mir bewusst und das würde ich niemals bestreiten, aber ich bin der Meinung, dass das oft nicht reicht um das auszugleichen, was ich noch bin: übergewichtig und schwerbehindert. Das bin ich auch, seit meiner Geburt. Das Übergewicht teile ich mit vielen Menschen aus meiner Familie und es stört mich nicht mehr. Warum ich behindert bin, weiß kein Mensch so genau, es gibt viele Möglichkeiten für das was ich habe, einen Hydrocephalus. Bei mir ist das eine Wasserblase in der Hirnhaut, die sich immer wieder mit Liquor füllt, also der Flüssigkeit, die unser Gehirn beschützt und was potentiell zu einem Hirndruck führen kann. Das wurde bei mir dadurch verhindert, dass mir ein Shunt eingesetzt wurde, der das überschüssige Liquor aus der Blase in meine Urinblase abführt. Dazu waren bei mir 17 Operationen notwendig. Das hat viele, sehr große Narben verursacht. Die Behinderung selbst führt zu Grobmotorik, einer Gleichgewichtsstörung und diversen anderen neurologischen Besonderheiten. Im Grunde war ich also einer dieser kleinen, dicken Jungs, die bei UPS-Die Pannenshow so oft umfallen. Vielleicht hasse ich diese Sendung auch deswegen, weil ich weiß, wie der Junge sich fühlt, besonders wenn er dann noch anfängt zu weinen und ihm zum 10tausendsten Mal gesagt wird: “Die indigene Bevölkerung Amerikas kennt keinen Schmerz!” (ihr wisst was ich meine). Das ist das, was er vom Patriarchat zu spüren bekommt: Cis-Männer weinen nicht, zeigen keine Gefühle und sind hart, auch wenn die anderen Kinder nicht mit dir spielen wollen, weil sie deine Narben gruselig finden oder dich für komisch halten, weil du behauptest einen Schlauch im Kopf zu haben. Auch wenn ein Mensch, den du toll findest, dich abweist, weil dieser die Ventile an deinem Kopf eklig findet, dann bleibst du hart. Sie sind es ja nicht wert und du bist immerhin ein Mann, dich hat so etwas kalt zu lassen! Frei nach dem Motto: Wenn der Ableismus der Gesellschaft dich zu Boden ringt, kommt das Patriarchat und tritt noch auf dich ein, während du am Boden liegst.

Nur stellt sich den Lesenden natürlich die Frage: Aber warum will er sich dann heute nicht als Feminist bezeichnen, wenn er davon ausgeht, dass das Patriarchat sein Feind ist?

Das, was mich gerettet hat, was kompensiert hat, dass ich nicht die ‘natürliche’ Begabung zur Härte hatte, wie nicht-behinderte Cis-Männer, war nicht ‘der’* Feminismus. Es war Metal. Das wurde meine Welt, denn dort wurde ich akzeptiert, wie ich war. Da warst du einfach hart, denn das bist du als Metalhead per Definition, egal wie dich der Rest der Welt sieht. Du bist dick? Ach, egal, sind viele von uns auch! Narben? Total true und die sieht mensch unter langen Haaren eh nicht. Dir wurde 17mal der Schädel aufgesägt? Klingt wie ein Death Metal-Song, total true! Hier, nimm noch diese dicken Stiefel, die sind auch true (und nageln dich mit ihrem Gewicht so fest auf den Boden, dass deine Gleichgewichtsprobleme gar nicht auffallen). Metal war meine Antwort auf diese Gesellschaft, auch auf das Patriarchat. Ob ich überlegt habe, wenn mein Vater mir 50 Euro dafür bezahlen wollte, dass ich meine Haare schneide, damit ich nicht mehr wie ein Mädchen aussehe? Nicht eine Sekunde! Nie, auch nicht beim tausendsten Mal. Denn Metal hat auch dafür gesorgt, dass mir egal wurde, was andere Leute über meinen Bauch denken, Metal wurde mein Leben. Bands wie Metalium (googelt die nicht, Metalbikinis auf jedem Cover >.>) haben mir gezeigt, wie ich Drachen erschlage, die sich in meinen Weg stellen. In Flames und Insomnium haben mir einen Weg gezeigt mit meinen Gefühlen umzugehen und sie nicht runter zu schlucken oder zu verdrängen und Bands wie Death Angel haben mir erklärt, dass ich nicht schlechter bin, weil ich anders bin, sondern, dass die anderen schlecht sind, weil sie damit nicht zu recht kommen. Und irgendwann haben mir Gloryhammer gezeigt, dass ich mich nicht so ernst nehmen sollte.

Und der Feminismus? Der trat dann mit Anfang 20 in mein Leben, als ich anfing mich politisch zu engagieren und auch, wenn die Gleichberechtigung aller Menschen mein erklärtes Ziel war, begegnete mir der Feminismus meines Eindrucks nach ganz offen feindselig. Wie oft ich als männlicher Metalhead mir von Feminist*innen anhören muss, wie schlecht die Metalszene doch ist. Mir werden Vorträge über toxische Männlichkeit gehalten, darüber wie Metal Stereotype von Männlichkeiten und Weiblichkeiten reproduziert und das mensch diese Szene doch ablehnen müsse, wenn mensch sich feministisch engagieren wolle. Immer und immer wieder muss ich mir das anhören und das oft auch von Menschen, die meiner Meinung nach privilegierter sind als ich. Aber das hat für mich nie zugetroffen, denn in meinen Bezugsgruppen, meiner Echo Chamber, war das nicht so, auch weil ich erst 23 bin. Für mich sind Menschen wie Jo Bench, Rob Helford, Angela Gossow und Freddy Mercury immer da gewesen und es hat mich nie gestört, dass sie Frauen oder homosexuell waren. Das stand für mich nie in einem Gegensatz zu der Härte, die Metal definiert. Mein Metal war nicht homophob oder sexistisch, für mich war mein Metal immer tolerant, er war das, was mich akzeptiert hat, wie ich bin. Er definiert mich und verschafft mir meine Identität und gibt mir die Kraft, das Patriarchat wie einen Drachen zu erschlagen, wenn es sich mir in den Weg stellt. Und dann kommt ‘der’ Feminismus und will mir meinen Metal ausreden. Aber ich lasse mir den Metal nicht ausreden. Nicht vom Mainstream, nicht von meinem Vater und auch nicht von ‘dem’ Feminismus.

Deswegen kann ich mich nicht Feminist nennen, auch wenn ich es eigentlich will.

*: Auch ich weiß, dass es viele Schattierungen des Feminismus gibt, deswegen die Anführungszeichen. Im Text meine ich den Feminismus, den ich in der Einleitung angesprochen habe.

*²: True sein, ist das cool sein der Metalszene. Wird auch gern trve geschrieben. Auf Anfrage führe ich das genauer aus.


 

Mansplaining // Feminismus im Pott zu Gast bei Frau TV

von Lilli Boheme

Männer erklären die Welt – Frauen sollen zuhören

Mansplaining

Bild: wdr.de

Wie ihr vielleicht (durch unsere dezente Eigenwerbung) mitbekommen habt, war Laura am vergangenen Donnerstag bei Frau TV zu sehen*. Franziska und ihr Team haben sie dafür auf dem Campus der Ruhr-Uni-Bochum zum Thema Mansplaining interviewt. Das war eine ziemlich aufregende Sache für uns, denn es war unser erster Fernsehauftritt. Leider konnten natürlich nicht alle Antworten von Laura in den Beitrag einfließen und daher möchten wir euch an dieser Stelle nochmal das gesamte Interview zu lesen geben:

Mansplaining – was ist das eigentlich?

Continue reading

When MAM explained things to me

 

Emilia Marty

Letztens wurde ich verbal überfallen. Ich möchte das gar nicht groß einleiten, keinen Spannungsbogen aufbauen, der euch langsam dahin führt, dass ihr euch in mich hineinfühlt, den Kontext versteht, aus dem heraus ich mich so elendig gefühlt habe, und der euch dann berechtigen könnte zu urteilen: „Ja, aber in einem anderen Kontext…” oder „Na, das war bestimmt nicht so gemeint, der hat vielleicht halt nur eine komische Art sich auszudrücken”. Es gibt sicher Situationen, in denen es berechtigt ist, dem Sprecher gewisse Aussagen zu verzeihen. Diese war keine solche Situation.

Continue reading

In was für einer Welt Leben wir eigentlich | Waxing für 12-Jährige – ein offener Brief

von Jolki Palki

Waxing

Foto: Jolki Palki

Liebes Wax in the City Marketing-Team,

heute Morgen war ich in einem eurer Studios in Berlin* und mein Blick fiel auf eine Broschüre, die in einem Blumentopf aus Plastiksteinchen lag (dass ich diese Dekoration nicht verstehe, ist eine andere Geschichte). Auf der Rückseite befand sich euer Angebot für Teenies zwischen 12 und 17 Jahren – was genaugenommen nicht einmal ein Teenie ist, denn ein Teenie wird man erst mit 13, davor ist man also noch: Kind!

Continue reading

Rückblick

von Giselle Zapp

Wenn ich ihre Fotos vor meinem geistigen Auge Revue passieren lasse, so sehe ich ein Mädchen, das gefallen will. Faktisch ist sie eine Erwachsene, doch eigentlich erst in die große Welt entlassen. Sie ist begierig anzustellen, was immer sie will. Begierig, die Fesseln abzustreifen, die Tochtersein ihr hießen, sowie jene, die eine monogame Jugend-Langzeit-Beziehung, die hauptsächlich von ihrem Helferkomplex am Laufen gehalten wurde, ihr bedeuteten. Es gab somit einiges, was freigesetzt werden wollte.

Continue reading

Menancholy – Morgan Nardi

  von Chiara Fabri

Am Freitag, denn 22.04. kam ich erneut in den Genuss, eine weitere Produktion von Morgan Nardi im FFT Düsseldorf zu sehen: Menancholy. Der zweite Spielabend von derzeit insgesamt drei Terminen im FFT (nächster Termin am Sonntag, 24.04.; ausverkauft).
Menancholy stellt eine weitere betrachtende Auseinandersetzung von Geschlechterrollen in Körper und Performance dar, der sich Morgan Nardi durch seine künstlerische Arbeit immer wieder neu stellt und auf der Bühne diskutieren lässt.

Continue reading