Wir wollen wissen, was Liebe ist – 50 Grades of Shame von She She Pop

She She Pop beim Impulse Theater Festival 2016

 Judith Ouwens

She2

(c) Judith Buss

Die erste Notiz in meinem Block für diesen Abend lautet „es ist übertrieben voll”. Menschen mit Jutebeutel und Hipster-Brille drängeln sich an der Seite der offiziellen Schlange Richtung Eingang und auch an diesem Abend beweisen She She Pop, dass sie zu Recht zu den Top of the Pops der freien Theaterszene gehören.

She3

(c) Judith Buss

Drei Mitglieder der Kollektivs treten mit fünf Mitspielern auf, größtenteils aus dem Ensemble der Münchener Kammerspiele, wo die Produktion erarbeitet wurde. Sie treten uns als beispielhafter Lehrkörper gegenüber, denn wir wollen wissen, was Liebe ist und sie wollen es uns erklären und zeigen wollen sie es auch… Sie sehen seltsam verschroben aus, Kostüme, die mit Puffärmelchen an Wedekind angelehnt sind, ein flauschiger rosa 80er Jahre-Pulli und dünne Männerbeinchen in kurzen Hosen. Komische Typen. Die Mitspieler stehen für gesellschaftliche Gruppen, die innerhalb des Ensembles nicht vertreten sind: Der heterosexuelle Mann, ein älterer Mitspieler, eine echte Jugendliche. Eine ältere Frau, so um die 70, habe es auch bei den Münchener Kammerspielen nicht gegeben, denn Frauen verschwinden irgendwann von der Bildfläche, wird nebenbei bemerkt. Continue reading

Nicht-Mädchen – keep your rape culture out of my uterus

von Chiara Fabri

erst

Vergangenen Freitag bekamen wir einen Blogtext von Yuri geschickt. Sie frug uns, ob wir ihn über Feminismus im Pott verbreiten wollen. Meine Aufgabe war nun, den Text zu lesen und eine erste Einschätzung zu machen, ob der vorliegende Text in das Konzept von Feminismus im Pott passen kann und, ob es über facebook geteilt werden kann – manchmal entscheiden wir uns dagegen, weil der Text oder das Video oder das Bild zu stark triggert oder zuviel Hass enthält und wir über die bloße FacebookSeite keinen guten oder halbwegs geschützten Kontext herstellen können. Bei solchem Material lohnte sich z.B. ein Blogtext zu schreiben.

Ich las also den Text. Er ist tatsächlich sehr heftig und geht an die Substanz. Als ich an die Stelle kam, in der steht, „Freispruch“, schlossen sich affektiv meine Augen. Sie wollten nicht weitersehen. Sie wollten mich schützen. Einige Sekunden gab ich nach. Dann las ich weiter. Ein nächster Schlag war, dass der freigesprochene Täter noch die Möglichkeit erhielt, das letzte Wort in der Sache zu erhalten und diese nutzte, noch ein weiteres Mal dem Opfer weh zu tun vor aller Ohren zu sagen: „Beiß mich das nächste Mal, damit ich wirklich weiß, dass du es nicht willst.“

Der Text ist wichtig und ich schrieb der Autorin, wie wir den Text an die Leser*innenschaft weiterleiten können, wir sprachen uns ab.

dann

Dann wollte ich noch schnell schmutzige Wäsche in den Keller bringen, um sobald zu meinen Eltern zu fahren. Ich bemerkte, dass mich der Text noch eine Weile beschäftigen wird. Das machen andere manchmal auch. Eine Herausforderung bei Feminismus im Pott ist, dass es Tage gibt, an denen mensch sich den gesamten Tag mit schlechten Nachrichten und Hass befasst.

Ich sammelte die Wäsche zusammen, entschied, was dringender gewaschen werden müsste als anderes. Ich ging die Treppen hinab, ich ging in den Waschkellerraum. Ich legte die Wäsche in die Maschine, schüttete ein klein wenig Waschmittel in die Maschine. Stellte das Program ein und stützte mich mit den Händen auf die Waschmaschine und versuchte mich zusammenzureißen. Denn während ich all dies tat, soviele Mädchen und Frauen, so viele. Immer und überall. Und Freispruch. Und Vorwürfe zur Lüge. Schweigen. Das sich winden der Gesellschaft und der Gesetzgeber*innen, endlich eine rechtliche Grundlage zu schaffen, die sexualisierte Gewalt tatsächlich verurteilt. Continue reading

#rottenfruits

von Michaela Westerhoff

 

Die Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland schreibt auf ihrer Internetseite:

Alltagsrassismus ist nicht immer leicht zu erkennen. Er kann sich deutlich in Form von rassistischen Beleidigungen und herabwürdigenden Handlungen zeigen, doch erscheint er auch ganz subtil. In vielen Witzen und unbewusst geäußerten Vorurteilen, aber auch im – bewussten – “Übersehen” und Nicht-Beachten von Menschen of Color kommt Alltagsrassismus zum Vorschein. Dass Vorurteile oft unbewusst und unbedacht geäußert werden, bedeutet nicht, dass sie harmlos wären.

Wie gehen wir also mit Alltagsrassismus in Werbung um? Ich stolperte auf Facebook über Werbung der Firma „truefruits GmbH“ und musste schmerzlich feststellen, dass einer meiner früheren Lieblingsunternehmen sich diskriminierender Sprache bedient:

schwarzer1

Eine Kampagne zur Vermarktung der neuen schwarzen Verpackung einer ihrer Sorten, welche offensichtlich auf das Klischee des „Quotenschwarzen“ in der Popkultur anspielt. Dieses Klischee zu entlehnen und auf ein Produkt anzuwenden ist eine Reproduktion von Vorurteilen zu Marketingzwecken und gehört deshalb in die Kategorie “Alltagsrassismus”. Zuerst dachte ich, das Unternehmen wäre sich naiverweise dem rassistischen Unterton nicht bewusst. Ich konfrontierte „truefruits“ und kritisierte ihre Werbung in einer Nachricht, worauf sie mir ihre Absichten zu erklären versuchten:
Wir spielen mit Klischees, um den Betrachter zum [D]enken anzuregen. Dafür benutzen wir oftmals Ironie oder schocken ganz einfach. […] Aber nur mit polarisierenden Statements, die wachrütteln und anstoßen kriegen wir die Leute in Ihrer Aufmerksamkeit und spiegeln ein wenig was in unserer Gesellschaft vor uns geht. Jetzt mag man über unseren Weg streiten, wir finden ihn richtig.“.
Die meisten Leser der Beiträge applaudierten jedoch nur der „political in-correctness“ des Slogans und einige Aussagen zeugten mehr von einer Bestätigung in der rassistischen Weltansicht des jeweiligen Verfassers als von einer differenzierten Reflektion über die Thematik. Verstanden die Leser demnach nicht die Intention von „truefruits“ oder bediente sich die Firma schlichtweg rassistischer rhetorischer Mittel? Ich versuchte in meiner Nachricht an das Unternehmen zu veranschaulichen, dass in der Mehrheit der Kommentare keine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus zu erkennen war, ganz im Gegenteil…doch mit Kritik scheint „truefruits“ nicht gut umgehen zu können:

pinker1

© truefruits GmbH
Mit dem Untertitel: „Und jetzt? Rassismus entsteht in deinem Kopf.

Alles nur Flaschen bei truefruits […] nichtgleichschwarzaergern“.

Ich bin noch immer perplex, wie selbstverständlich „truefruits GmbH“ meine Kritik und die von anderen Menschen hiermit ausnutzte, um noch mehr Aufmerksamkeit zu generieren und erneut die Werbetrommel zu rühren. Das Unternehmen ist sich demnach sehr wohl bewusst, wie ihre Werbung wirkt und sie wollen sich zu keiner Schuld bekennen! Man beachte den Untertitel zur bearbeiteten Version: „Rassismus entsteht in deinem Kopf“. Wollen sie mir damit sagen, dass ich Rassismus erst konstruiere, indem ich in ihren „Witz“ etwas Rassistisches reininterpretiere? Wollen sie mir damit sagen, dass Worte bloß Worte seien und ich nur absichtlich nach etwas Anstößigem suchen müsse, um auch etwas zu finden? Demzufolge soll ich mich also nicht aufregen, weil sie eigentlich nichts Diskriminierendes sagen, richtig? Wenn man sich die Kommentare von „truefruits“ selbst auf ihrer Seite durchliest, erkennt man eindeutig, dass sie die Verantwortung über die Wirkung ihrer Wortwahl nicht bei sich selbst sehen. Diese Verantwortung abzugeben, sich aber gleichzeitig gesellschaftskritisch zu präsentieren ist paradox, denn die Reproduktion von Vourteilen fördert nur noch mehr Ignoranz. Diskriminierung bleibt nämlich Diskriminierung, auch in einem vermeintlich sarkastischen Kostüm der angeblichen „Satire“.

Dieser Vorfall hier ist leider kein Einzelfall auf der Facebook Seite der Firma, denn Lookismus und Sexismus gehört ebenfalls zu ihren Werbeinhalten. Ich gönne diesem Unternehmen ihre durchaus positive Resonanz deshalb nicht und tue ihnen nicht den Gefallen, weiterhin von mir zu profitieren.

Ich toleriere keinen Alltagsrassismus in der Werbung. #rottenfruits!

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Nachrichten-Dialog zwischen Michaela und truefruits:

1  2   3  4

Wer hat Angst vor Geisterjägerinnen? – Von Trailern und Trollen

von Jott C

3055966-gb-header-cast

quelle: gamespot.com/articles/original-ghostbusters-coming-back-to-theaters/1100-6439362/

Ich gebe es direkt zu, ich muss nicht um meine Kindheit bangen – in meinen Erinnerungen gibt es keine heldenhaften Geisterjäger, die nun von den Bildern unlustiger, fehlbesetzter Gestalten überlagert werden könnten, die sich anmaßen, ebenfalls in die sandfarbenen Ganzkörperanzüge zu schlüpfen. Oder vielmehr, deren Regisseur sich erdreistet, sie dort hineinzustecken. Nein, ich habe nie dabei zugesehen, wie Dr. Peter Venkman von grünem Schleim bespuckt oder New York von den dröhnenden Schritten des Marshmallow Man heimgesucht wurde. Ob es daran lag, dass mich ein Trupp von vier Leuten in sandfarbenen Ganzkörperanzügen als Identifikationsfiguren einer Filmhandlung nicht genügend angesprochen hat oder ich mich einfach nicht für Geister interessierte, kann ich heute nicht mehr sagen.

 

rs_1024x759-150709165347-1024.Melissa-McCarthy-Kate-McKinnon-Kristen-Wiig-Leslie-Jones-Ghostbusters.ms.070915

quelle: eonline.com/news/ghostbusters

Aber neulich sah ich einen Trailer (deutsch, english), in dem Geister und Schleim und vier Leute in sandfarbenen Ganzkörperanzügen vorkamen, und hatte plötzlich – zumindest mental – die Kinokarte schon in der Hand. Während ich noch ganz überrascht von meinem plötzlichen Interesse an dieser Art Film bin, fällt mein Blick auf die Kommentarleiste und ich erfahre: Die neuen Ghostbusters (übrigens allesamt Frauen*) stehlen die Kindheit derer, die die jetzt verstoßenen Helden des alten Films angehimmelt hatten. RIP Kindheit. Oha. Ich lese weiter: Die Legende wurde zerstört. Nur wegen der ganzen Feministinnen kommen jetzt so viele Frauen an Hauptrollen! Langsam reicht‘s aber mal mit diesem ganzen Gleichberechtigungsschwachsinn! – Was geht denn hier ab? In welchem misogynen Shitstorm bin ich gelandet? Was ist es, das so provoziert an dem Umstand, dass bei der Neuverfilmung eines (absolut fiktiven) Stoffes, die die Neubesetzung der Hauptrollen alleine schon durch die zeitliche Distanz zum Vorgänger (und das zwischenzeitliche Ableben von einem der Hauptdarsteller) nahelegt, diese Rollen nun von Frauen* gespielt werden?

Machen wir uns nichts vor, von einem Zustand, in dem es bedeutungslos ist, welchem Geschlecht sich die Hauptfiguren zuordnen lassen, sind wir noch weit entfernt, und darum will ich auch nicht behaupten, dass es egal sei, ob es sich hier um Geisterjäger oder eben Geisterjägerinnen handelt. Auch meine eigene positive Reaktion auf den Trailer ist sicherlich nicht einem plötzlich erwachten Interesse an Fantasyfilmen allgemein geschuldet, sondern hat vor allem auch damit zu tun, hier auf einmal vier eindeutig als Frauen* identifizierte Menschen in vorderster Reihe zu sehen. Es ist also nicht überraschend, dass dies bemerkt und erwähnt wird. Warum aber diese Wut, dieser Hass, diese extrem emotionalen Reaktionen? Wie kommt es, dass die Youtube-Vorschau binnen Minuten zum meistgehassten Filmtrailer überhaupt wird?

Weil es Angst einjagt, ausschließlich Frauen* als Hauptakteur_innen in einem Mainstream-Film zu sehen? Weil auf diese Weise Furcht um den Wegfall einer Männerdomäne zum Ausdruck kommt? Weil hier die diffusen Bedrohungsempfindungen, die unterschiedlichste Begriffe und Konzepte wie Gleichberechtigung, Feminismus, Gender Mainstreaming oder Quote bei vielen auslösen, kulminieren? Wahrscheinlich von allem etwas.

Liebe Hater, schon mal darüber nachgedacht, wie viele Kinder und Jugendliche dank des aktuellen Films nun, wie damals ihr, spannende Stunden im Kinosessel verbringen und Erinnerungen für später sammeln werden? Da werden endlich mal ein paar neue Identifikationsfiguren geschaffen insbesondere für diejenigen, die sich sonst mit hysterisch kreischenden Nebenrollen abfinden mussten oder – immerhin – mit der einen toughen, sexy Heldin unter vielen knallharten Kerlen. Wahrscheinlich werden viele von ihnen jetzt bei diesem schieren Überangebot an Wahlmöglichkeiten gar überfordert mit der Aufgabe, zu entscheiden, in welche der Protagonistinnen sie sich denn nun hineinversetzen wollen. Und zack, sind sie da, die vor Angst um die angestammte Platzhirschposition nur so stotternden Kommentare. Und dabei meine ich nicht die Posts, die den künstlerischen Mehrwert des kommerziell kalkulierten Remake-Hypes der letzten Jahre bezweifeln. Oder die rassistische Dimensionen des Films diskutieren und damit wichtige Auseinandersetzungen hierüber anregen. Und selbst, wenn ich auch noch die auffallend vielen Kommentierenden beiseitelasse, die es für unbedingt nötig halten, zu betonen, dass ihre Kritik am Trailer rein gar nichts mit der weiblichen Besetzung zu tun habe, finden sich leider immer noch sexistische, frauenverachtende und antifeministische Beiträge zur Genüge, deren Verfasser_innen sich einzig und allein an der Tatsache stoßen, dass die Protagonist_innen der Neuauflage ihres heißgeliebten Klassikers Frauen* sind.

Vielleicht trägt die folgende Information zur Beruhigung der von postinfantiler Sorge erhitzten Gemüter bei: Auch wenn allem Anschein nach hierüber andere Vermutungen kursieren – eure Legende bleibt weiterhin erhalten. Keine_r kommt und überspielt eure 1984er-VHS mit der 2016er-Version. Nein, Ghostbusters aus dem Jahr 1984 werden immer Ghostbusters aus dem Jahr 1984 bleiben. Alle, die um ihre Kindheit bangen, können sich also getrost in ihr Zimmer zurückziehen, die Rollläden runterlassen und Slimer gucken, so viel sie wollen. Niemand nimmt euch das weg. Oder bricht nun das ganze seit jeher und trotz Ausnahmen eindeutig männlich geprägte Action-Fantasy-Filmgefüge zusammen, weil zu den Helden auf einmal eine Handvoll Heldinnen dazukommt? Leider eben nicht. Dass das Genre in seinen patriarchalen Grundfesten erschüttert wird, dafür bedarf es noch etwas mehr als einer Franchise-Produktion, die den Bechdel-Test besteht.

Daher ein Rat an die um ihre Erinnerungen Trauernden: Locker bleiben! Wenn eure Kindheit tatsächlich von einem Film und seinem Reboot abhängt, war sie eh scheiße, und andernfalls wird sie euch durch ein paar weitere Personen in sandfarbenen Ganzkörperanzügen weder weggenommen noch zerstört.

Ich kann jedenfalls kaum den nächsten Karneval und die Schwemme an Mädchen* und Frauen* erwarten, die – zusätzlich zu den alljährlichen Winstons, Rays & Co – in beigen Overalls durch die Straßen laufen und sich mit Supersoakers ihren Weg durch die Menge bahnen.

She works hard for the money – Dokumentation des Gottesdienst zum 41. Internationalen Hurentag in Bochum

 von Chiara Fabri

Begrüßung durch Astrid Gabb, Madonna e.V.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Unterstützerinnen, ich begrüße Sie zum heutigen Gottesdienst im Namen der Beratungsstelle Madonna e.V., einer Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen hier in Bochum.

eier6

(c) Madonna e.V.

Mein Name ist Astrid Gabb und meine Kolleginnen und ich beraten seit vielen Jahren Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen, aber auch Frauen, die in die Prostitution einsteigen wollen.

Das diesjährige Thema des Gottesdienstes ist „She works hard for the money“ – und dies kennzeichnet häufig die Situation der Frauen, die ihre eigene Existenz –wie alle Menschen- sichern müssen, aber häufig auch die ihrer Familien, ob hier oder im Ausland.

In diesem Jahr jährt sich der Internationale Hurentag zum 41. Mal. Am 2. Juni 1975 verschanzten sich Sexarbeiterinnen in einer Kirche in Lyon, Frankreich. Sie wollten zeigen, wie sehr sie der Willkür der Staatsmacht ausgeliefert sind, wie sehr sie Gewalt ständig begegnen. Sie suchten einen sicheren Ort, da sie immer wieder von ihren Arbeitsplätzen vertrieben wurden. Sie sollten nicht sichtbar sein.

Dies spiegelt sich auch in der aktuellen politischen Diskussion wider. Es wird derzeit ein sogenanntes Prostituiertenschutzgesetz diskutiert, welches 2017 in Kraft treten soll. Nicht diejenigen in der Prostitution, die das Gesetz betreffen wird, wurden gehört, sondern diejenigen, die Sexarbeit nicht sehen wollen, die die Menschen in der Sexarbeit nur zu Opfern machen wollen – anstatt ihre Stärke zu sehen, mit der sie unter teilweise sicher auch schwierigen Bedingungen ihren Unterhalt verdienen.

Den Lebensunterhalt in der Sexarbeit verdienen – für viele nicht vorstellbar, jedoch ebenso für viele Realität.

Auch heute lassen wir wieder die Frauen zu Wort kommen, indem wir für sie ihre Texte sprechen, ihren Arbeitsalltag erzählen. Indem wir zeigen, daß Sexarbeit Arbeit ist, die häufig nicht gesehen wird oder nicht gesehen werden will und doch meist als schlecht angesehen gilt.

Im Folgenden sind die vier Beiträge zu lesen,

die Einblicke in die Arbeits- und Lebensituation vierer Sexarbeiterinnen in der Stadt Bochum bieten:

eier2

 

 

 

Monica

Mein Name ist Monica und ich lebe seit 5 Jahren in Deutschland. Ich wohne und arbeite am selben Ort. Während der Arbeit kennt man mich als das „kleine Mädchen“.

Wenn ich morgens aufstehe, mache ich mir erst einmal einen Kaffee und rauch eine dazu.

Dann gehe ich ins Bad und mache mich fertig. Ich selber muss mich ja auch hübsch machen für die Kunden, dafür brauch ich so ca. eine halbe Stunde. Anschließend mache ich mein Zimmer fertig, weil ich ja auch dort wohne. Meine privaten Sachen räume ich weg, und  Sachen wie Geld und Ausweis, verstecke ich vorher, damit es nicht geklaut wird.

eier1

(c) Jana Brauer

Das Bett beziehe ich jeden Tag vor Arbeitsbeginn neu und die Arbeitsmittel wie Kondome, Gleitgel, Tücher usw., kommen neben mein Bett. Auch lege ich Handtücher bereit, denn für jeden neuen Kunden leg ich ein frisches Handtuch drunter.

Dann beginnt das Warten auf die Kunden. Da höre ich Musik, surfe im Internet, spiele auf dem Handy und ich spreche mit Kunden, ob sie nicht rein kommen wollen.

Wie lange ich arbeite hängt vom Verdienst ab. Manchmal bis zu 18 Stunden, wenn es schlecht läuft und ich noch nicht einmal die Miete wieder drin habe. Ansonsten arbeite ich bis die Miete drin ist und ich zusätzlich genug zum Leben habe. Und nach Hause zu meiner Familie muss ich ja auch noch was schicken. Pro Tag zahle ich für das Zimmer an Miete und Steuern 100€.  Wie viel ich pro Kunde verdiene hängt davon ab, was der Kunde sich wünscht. Der Standard  kostet 50.

Jeden Tag denke ich als erstes an die Miete und versuche positiv zu bleiben und nicht so negativ an die Arbeit heran zu gehen. Aber die tägliche Ungewissheit „verdiene ich heute genug?, reicht es für die Miete?“ usw. ist extrem anstrengend.

Absprachen mit den anderen Kolleginnen gibt es nicht, nur an der Theke sage ich der Wirtschafterin Bescheid, wenn ich anfange zu arbeiten. Es gibt einige Kunden, die versuchen meine Sachen zu klauen oder Ihr Geld einfach wieder einzustecken.  Darum ist mir helles Licht wichtig, damit ich alles sehen kann. Aber es gibt auch nette Kunden, die mich respektvoll behandeln und gut bezahlen. Einer hat immer vorher angerufen, bevor er gekommen ist, und gefragt, ob ich noch etwas brauche, und mir eigentlich immer etwas mitgebracht

Aber ich lasse grundsätzlich keinen Kunden alleine in meinem Zimmer. Ich verabschiede sie erst, bevor ich ins Bad gehe, um mich zu waschen.

Michaela

Mein Name ist Michaela und ich arbeite und wohne seit 2011 im Bochumer Bordell.

Wisst ihr, wann mir die Arbeit Spaß macht? Wenn die Kunden freundlich sind und sich an Absprachen halten. Mich als Menschen wahrnehmen, respektvoll mit mir umgehen und genauso an Hygiene und Gesundheit denken, wie ich. Dann fällt es mir auch leicht zu lächeln und charmant zu sein.

eier4

(c) Jana Brauer

Manche Kunden denken jedoch, sie könnten mich für ihr Geld behandeln, wie ein Hund. Diese Kunden verstehen oft kein „Nein“, akzeptieren meine Grenzen nicht und wollen dann doch mehr als zuvor abgesprochen. Natürlich für das gleiche Geld.

Da versteh ich keinen Spaß. Auch wenn ich jeden Morgen mit dem Druck aufstehe, genügend Geld für mein Zimmer verdienen zu müssen, in dem ich arbeite und wohne, bestimme nur ich, was ich anbiete.

Ich habe gelernt, Kunden vorher zum Waschen zu schicken, wenn sie stinken, Grenzen zu setzen, um mich gegen aggressive und aufdringliche Kunden zu wehren, und ich habe gelernt, mich von der Arbeit zu distanzieren, um Ruhe und Pausen zu finden, auch wenn es keine räumliche Trennung gibt.

Es ist immer wieder schwer, überhaupt Pausen oder Feierabend zu machen, wenn es im Haus laut ist, weil andere noch arbeiten müssen oder Kunden ans Fenster klopfen, auch wenn die Vorhänge zugezogen sind. Trotzdem ist es mir wichtig, dass Arbeit und Privates klar getrennt sind. So habe ich zum Beispiel zwei  Paar Bettwäschen, eine für die Arbeit, die ich täglich wechsle und eine Private nur für mich.

Betty

Wir sind Betty und Sabine und wir arbeiten in einer Wohnung in Bochum.

Mein Wecker schellt jeden Morgen um 6.  Dann mache ich das Frühstück für die Familie fertig und  schmier noch ein paar Brote für meinen Sohn. Er geht dann zur Schule und mein Mann und ich machen uns gemeinsam auf den Weg zum Büro, so glaubt zumindest unser Umfeld.  Aber eigentlich mache ich mich auf den Weg in die Wohnung, in der ich zusammen mit Sabine arbeite. Mein Mann weiß natürlich, was ich dort mache. Das muss er auch, wenn mal was sein sollte… Ich weiß einfach nicht, was ich meinem Sohn sagen soll… welches Kind möchte schon gerne hören, dass die Mutter anschaffen geht… ich glaube schon, dass er es sich mittlerweile denken kann, aber solange man nicht drüber redet…

eier3

(c) Jana Brauer

In der Wohnung angekommen, mache ich erstmal die Zimmer soweit fertig, dass wir Kunden empfangen können und danach mach ich mich hübsch. Dann setzen Sabine und ich uns mit einem Kaffee zusammen und besprechen den Tag, bevor wir zwischen 10 und 8 öffnen. Was muss noch besorgt werden, gibt es schon Voranmeldungen von Kunden, … und was halt so anfällt.

Wir sind mittlerweile echt lange im Geschäft und haben daher einen größeren Kundenstamm, aber natürlich heißt es auch für uns jeden Tag neue Kunden zu gewinnen und darauf zu warten, dass sie sich auf unsere Anzeigen melden. Das kann echt ermüdend sein, gerade, wenn man lange mit neuen Kunden telefoniert, diese dann aber doch keine Termine ausmachen oder zu vereinbarten Terminen nicht kommen. Das ist Arbeitszeit, in der wir nichts verdienen…

Und immer wieder haben wir Kontrollen vom Finanzamt. Vom Bauordnungsamt und der Polizei gar nicht zu sprechen.  Kontrollen sind wir schon seit Jahren gewohnt, aber spontan vor der Tür zu stehen, uns während der Arbeit zu stören und uns und den Kunden nicht einmal die Zeit zum Anziehen zu geben, daran kann man sich nicht gewöhnen. Das ist unangenehm, peinlich und vor allem geschäftsschädigend.

Sabine

Früher war alles besser. Da konnte man noch echt gut verdienen in der Branche. Heutzutage kann man froh sein, wenn man den Club nicht verliert. Und auch das Bewusstsein für HIV und andere Krankheiten war ein ganz anderes. Da musste man sich nicht damit herumplagen, dass alle Kunden es „ohne“ machen wollen. 

eier5

(c) Jana Brauer

Aber manches ändert sich auch nicht… Zum Beispiel, wenn Kunden so was sagen, wie: “Heute verwöhn ich dich, Lass dir ruhig Zeit, ich möchte dass du es genießt“… Einfach so dämliche Aussagen, die nichts mit der Realität zu tun haben. Natürlich gehört es zu meinem Job, dem Kunden das Gefühl zu geben, dass es auch mir Spaß macht, und ihm zu schmeicheln, denn auch in diesem Job ist der Kunde König. Doch jeder Kunde muss für die Zeit mit mir und die Dienstleistung, die ich anbiete, zahlen und dabei ist es egal, ob es mir wirklich selbst Spaß bereitet oder nicht. Denn natürlich habe ich auch mal in diesem Job Spaß.

Kunden, die mich und meine Arbeit wertschätzen, meine Preise nicht in Frage stellen und mir die Möglichkeit bieten, auch Spaß an der Arbeit zu haben, sind Kunden, die ich einfach sehr schätze.

 

 

 

 

 

 

eier7

(c) Madonna e.V.

Mitwirkende am Gottesdienst:

Jana B., Maria E., Astrid G., Sarah G., Heike K., Anne M., Angela P, Taren R., Ulrike R., Sorothee S., Tamara S.  sowie Susanne K. des Frauenreferat im evangelischen Kirchenkreis Bochum, Die Pastorin der Pauluskirche Heike Lengenfeld-Brown.

Musikalische Rahmung durch Milli Häuser & Band und Charmeeli

Fotoreportage “Im roten Licht” von Jana Brauer

Tag der Offenen Tür im Bordell – ein Interview

  von Lilli Boheme und Chiara Fabri

 

Vor ziemlich genau einem Jahr veranstaltete das Bordell Secret Service in Arnsberg zum Internationalen Hurentag einen Tag der Offenen Tür, zu dem alle Interessierten eingeladen waren, hinter die Kulissen zu schauen und ein Bordell einmal von innen zu sehen.

(c) secret service

Lilli Boheme und Chiara Fabri fuhren hin und verbrachten ihren Tag dort zusammen mit der Leiterin von Madonna e.V., der Betreiberin Kerstin, die sich für ein Gespräch zu dritt bereit erklärte (DANKE dafür), Sexarbeiterinnen, die dort arbeiten und arbeiteten, sowie Bekannte, die zu Besuch kamen. Auch ein paar wenige potenzielle Freier nutzen die Gunst des unverbindlichen Veranstaltungstages. Auch mit denen saßen Lilli und Chiara zusammen mit anderen der anwesenden Frauen im Kontaktzimmer und unterhielten sich – MainsPlaining vom Feinsten, aber darin sind wir alle ja mächtig geschult. Die Küche war den weiblichen Besucherinnen vorbehalten. Und dort war es richtig spannend. Eine angenehme Atmosphäre voll von Sex, Liebe, Arbeit, Feminismus – pardon FeminismEN ;) – Dessous, Essen und alltägliches Genörgel. Herrliche Kantinenstimmung mit frechem und klugen und sanften Mundwerken und Köpfen!

Im Folgenden drucken wir das Interview mit der Betreiberin ab.

****************************************************************

Der Tag der offenen Tür findet heute zum ersten Mal statt. Wie bist auf die Idee gekommen?

Durch eine Kollegin. Sie sagte mir, dass wir demnächst den 40. Internationalen Hurentag haben und ich fand es eine gute Ideeetwas zum Thema zu planen.

Und was versprichst du dir davon?

Aufklärung. Die Menschen haben einfach ein falsches Bild von dieser Branche und die sind weit von der Realität entfernt. Ich wünsche mir dass die Leute sich hier einfinden und versuchen sich ein eigenes Bild zu machen.

Menschen haben ein Bild von Prostitution und wie das Leben einer Sexarbeiterin aussieht. Man meint, die Frauen müssen das aus verschiedenen Gründen machen, es sei ein Zwang und die Frauen haben keine anderen Möglichkeiten. Ich finde Aufklärung unheimlich wichtig. Heute kann man hier sehen, dass dieser Job so wie jeder andere sein kann bzw. zumindest sehen, wie er bei uns ist. Niemand verlangt dass es jeder gut findet. Es bedarf keiner Erklärung dass nicht jeder Beruf für jeden gleich gut ist. Ich würde gern zeigen dass wir nicht den üblichen Klischees entsprechen. Das einzige was wir fordern ist Toleranz. Das ist das älteste Gewerbe der Welt undich glaube es ist falsch zu denken, wenn man das verbietet wird es das nicht mehr geben. Mit der neuen Gesetzgebung werden nur die freiwilligen in die Illegalität gedrängt. Klar einige werden aussteigen, weil z.B. eine Anwältin sich keinen Hurenausweis „leisten“ kann. Allgemein sind wir immer „die armen Frauen“, die daran zugrunde gehen müssen. „du bist doch nicht dumm, warum machst du nicht was anderes?“ Das finde ich unmöglich. Wir kommen zum sehr großen Teil aus bestehenden Berufen und haben Ausbildungen gemacht und Kinder bekommen und waren oder sind verheiratet. Wir haben eine Wahl.

#6

(c) Hydra e.V.

Und man muss ganz klar unterscheiden zwischen Menschenhandel/Zwangsprostitution und Sexarbeit. Unsereins nimmt es eben als ganz normalen Job an. Für mich ist das kein Problem der Prostitution, sondern ein menschliches. Wieviele Frauenhäuser gibt es? Wieviele Frauen harren Jahrzehnte mit einem Mann aus, dem sie 3x am Tag das Essen auf den Tisch stellen müssen und abends nimmt er sich einfach, was ihm gehört auf seine talentfreie Art und Weise. Am Wochenende kommt er besoffen nach Hause, da ist Gewalt oft das übliche Programm. Sie bekommt Haushaltsgeld zugewiesen und muss jeden Cent nachweisen können. Von der psychischen Gewalt mal ganz zu schweigen.

Ich weiß gar nicht wie hoch die Dunkelziffer dieser Frauen ist. Und so gut wie KEINE Frau zeigt diesen Mann an oder trennt sich. Weil die Angst zu gross ist.  So ist es eben auch mit Frauen in der Sexarbeit. Sie sind verliebt und schützen ihn noch. Und wieviele Frauen lassen sich aus der Prostitution befreien? Darüber kann man sich bei Beratungsstellen informieren.

Ja und auch in dieser Branche gibt es Frauen die sich in den falschen verlieben. Und diese Typen finden es einfach mal interessant, solche Frauen zuhause zu haben. Da liegt es doch im Wesen des Mannes, was er in dieser Frau sieht und wie es weitergeht. Dominierende Männer gibt es doch überall.

Denn es gibt ganz viele Sexarbeiterinnen die in Ehe oder ähnlichem Verhältnis leben. Männer die akzeptieren was die Frau beruflich macht.

Hattest du Sorge, dass der Tag der offenen Tür nach hinten losgehen kann?

Inwiefern soll der nach hinten losgehen?

Ich hatte so einen Horror-Bild vor Augen wie bei Abtreibungs-Kliniken. Wo so eine Horde von Christen stehen und dann rufen und so.

(amüsiert) Oh mein Gott, überhaupt nicht.

Die Sorge hattest du also nicht. Vielleicht bin ich da einfach viel zu paranoid.

Nein, die hatte ich überhaupt nicht. Ich hatte eher die Sorge, dass keiner kommt, weil wir ja eh abgestempelt sind. Die Idee zum Tag der Offenen Tür war kurzfristig.

Ist der Plan den Tag der Offenen Tür jedes Jahr stattfinden zu lassen?

Ich würde ich das gern jedes Jahr machen.

Cool. (kurze Pause. Blick auf unseren Vorbereitungszettel) Wir sind ein bisschen unorganisiert.

Macht nichts.

Was ich gerne wissen möchte, ist: Wenn ich mir Photos von Bordellen oder Swingerclubs anschaue, sind viele so schrecklich eingerichtet (Zustimmung von Kerstin). Da möchte ich deswegen schon nicht hingehen, weil die Bilder so grauselig sind. Als wir vorhin den Rundgang von dir bekamen, hattest du angesprochen, dass das SM-Studio im Keller schön hell ist und nicht so düster und „dark-mäßig“, aber manche Kunden das nicht so gerne hätten.

Also unsere Gäste  nehmen das gut an, aber Geschmäcker sind unterschiedlich.

Hast du das das Bordell nach deinem persönlichen Empfinden und Geschmack eingerichtet oder nach dem der Kunden?

Nein. Wir sind zuhause auch alle anders eingerichtet. Manche meinen, ein Puff muss puffig sein. Dann hängt man rote Tücher über die Lampen oder Bling Bling und rote Herzen über den Fenstern.Manche wollen genau DIESE Atmosphäre, andere sind unauffälliger. Klar hängt man hier schon mal einen Spiegel schräg übers Bett. Zuhause brauch ich das auch nicht. Aber hier passt es. Wobei ich privat Leute kenne, die einen Spiegel über dem Bett haben.

Und wir sind ja hier in ländlicher Umgebung. Du hast vielleicht selber beim Ankommen festgestellt, dass es nicht leicht zu finden ist. Es sieht nicht nach Bordell aus. Das ist nicht nur im Sauerland so, sondern liegt an der Art des Bordells. Es gibt so viele unterschiedliche Formen der Sexarbeit. Nachtclubs haben gern eine Außenbeleuchtung. Es gibt Laufhäuser die optisch auf sich aufmerksam machen. Wir bieten hier diskreten Service ohne Aufenthalt und wir schließen um 21 Uhr. Am Wochenende auch schon um 20 Uhr.

Aber der Großteil unserer Gäste kommt seit Jahren, die wissen wo wir sind. Wer es nicht weiß bekommts einfach am Telefon erklärt. Ein Routenplaner gibt’s ja auch auf unserer Webseite. Es ist aber wohl persönliche Geschmackssache, wie jemand sein Geschäft einrichtet. Ich mein’, es ist ja auch nicht jeder Friseur gleich eingerichtet. Es gibt welche, die sind superschick, und manche sind seit 30 Jahren gleich geblieben. Das ist wie in jeder anderen Branche. Es gibt sehr stylische Lokale und manche alteingesessene Gaststätte mit entsprechendem Flair. Es ist ja auch so, dass manche Frauen teilweise wochenweise da sind und die schlafen hier.  Und wenn du dann das Licht anmachst und alles würde blinken – also meins ist es nicht. Es soll eine angenehme Atmosphäre sein, dass sich jeder wohlfühlen kann. Und jede Frau findet den richtigen Laden für sich. In unserer Branche ist es ja so dass sich Frauen aussuchen wo sie arbeiten.

Wie hast du das Gebäude hier gefunden, wie hast du danach gesucht?

Ich habe hier vorher gearbeitet und plötzlich stand der Laden zum Verkauf.

Und dann die Renovierungen und so weiter?

Ja, die Zimmer sahen vorher etwas anders aus.

In diesem Zuge auch der Namenswechsel? Auf der Homepage weist du darauf hin, dass sich der Name geändert hat. 

Nein, das hatte nichts miteinander zu tun. Der Laden wurde 2002 von den Vorbesitzern eröffnet. Den Namen fand ich nicht mehr zeitgemäß, weil sich die Sexarbeit sehr gewandelt hat. Es gibt heutzutage  viele FKK-Sauna-Clubs, mit Aufenthalt, Sauna, Alkohol und Restaurant. Teilweise mit integriertem Hotel. Da gibt es also sehr sehr große Unterschiede zwischen eben solchen riesigen Clubs mit 50 Frauen und kleinen Wohnungen deswegen fand ich einfach den Namen für uns nicht mehr passend.

Und ich wollte was finden, was uns entspricht. Secret Service war ideal.

Darf ich als Unwissende fragen, was das für Service ist, der sich von anderen unterscheidet?

Ich will nicht sagen, dass ich mich von anderen unterscheide – zumindest nicht grundsätzlich. Es oft so, dass vieles schon mit im Preis inbegriffen ist und die Frau nicht mehr bestimmen kann, was sie davon machen will. Viele Frauen werden deswegen gar nicht erst angenommen, wenn sie zum Beispiel kein Französisch ohne [Kondom] oder nicht  Küssen mag. Weil es einfach schon Standard ist und dann werden diese Frauen abgelehnt, weil es nicht dem Geschäftskonzept entspricht. Ich lehne das ab. Das ist einfach mein persönliches Empfinden und eigene Erfahrung. Und selbst dann, wenn die Frau ihren Service anbietet, steht immer noch zur Option, ja oder nein zu einem Gast zu sagen, weil es auch um Sympathie geht. Das kann jede für sich entscheiden. In der Sexarbeit gibt es kein Weisungsrecht wie in anderen Jobs. Und genauso haben die Frauen dann eben die Wahl, zu entscheiden: Ja, ich mach zwar Französisch ohne, aber du stinkst drei Meter gegen den Wind und deinen Sch…z nehme ich jetzt nicht in den Mund.

Was ist das Weisungsrecht [Erklärvideo]?

Normalerweise hat ein Chef das Recht zu sagen, was die Angestellten zu machen und zu lassen haben. In einer Firma sagt dir dein Chef das und das wird bis heute fertig. Und das geht hier eben nicht und das werde ich auch nicht. Es gibt aber eben auch welche, die das tun.

Wie viele Geschäftsführer*innen sagen, so wie du, dass es die alleinige Entscheidung der Frauen ist, in den Mund nehmen oder nicht? Gibt es da viele oder bist du da eher außergewöhnlich?

Außergewöhnlich glaube ich nicht. Eine Zahl kann ich nicht nennen. Also zum Beispiel Küssen, oder Oralverkehr ohne Schutz gehört hier nicht in den Zeitpreis.

Sauerland2

(c) sauerlandinitiative

Ach echt?

Ja. Ist schon sehr oft im Preis mit inbegriffen.

Krass.

Du wirst wirklich abgelehnt, wenn du sagst du machst das nicht. Da hast du keine Chance mehr, was zu sagen.

Ich bin aus einem Puff rausgeschmissen worden deswegen. Das war ein Pauschalclub und ich bekam ein,- zweimal gesagt „du musst das aber jetzt mal machen.“ und habe aber immer den Kopf weggedreht und gesagt „Huren küsst man nicht.“, – das war mein damaliger Standard. Und dann war es auch für mich vorbei. Ich konnte dann gehen, weil ich es nicht gemacht habe.

Wann war das? 19…?

Nein, ich bin Späteinsteigerin gewesen. Ich habe einen ganz anderen Beruf erlernt. 2005 habe ich als Quereinsteigerin begonnen. Da war es schon legal. Also ich kenne leider diese alte „illegale“ Zeit nicht. Wünsche es mir manchmal ein wenig zurück, weil die damals eine Scheiß kohle verdient haben. Heute ist das nicht mehr so üppig, wenn auch vermutlich über dem normalen Durschnitt. Aber das kann man überhaupt nicht pauschalisieren, da jede Frau ihren Einsatz selbst bestimmt. Eine Frau die in Vollzeit arbeitet und für vieles offen ist, läßt sich natürlich ihre Sonderleistungen vom Gast bezahlen. Eine Hausfrau die nur 2x die Woche für ein paar Stunden kommt, hat natürlich entsprechend weniger. Jede Frau bestimmt somit ihren Lohn.

Wie kam es zu dem Job?

Ich war nach vielen Jahren Single und habe noch„normal“ gearbeitet. Und dachte: Mensch, wie kann ich mein Geld vermehren?Ich kam mit meinem Geld immer ganz gut aus, ich hatte nie Probleme. Aber alle sprachen damals immer von diesen Ich Ag´s und ich wollte mich auch selbständig machen. Aber dafür hätte ich entweder eine neue Ausbildung/Weiterbildung gebraucht oder viel Eigenkapital. Und dann kamder Gedanke: Was kann ich eigentlich besonders gut?

[lautes Lachen auf dem Bett aller drei Anwesenden]

Ich habe früher viel „ehrenamtlich“ gearbeitet – leider [wissendes und bestätigendes Lächeln auf dem Bett vonseiten der Interviewerinnen] 

Das ist so geil: „Ich habe früher viel ehrenamtlich gearbeitet.”

Das habe ich mir aber auch schon oft gedacht – sorry – außerhalb des Interviews.

Ich habe in jungen Jahren nichts anbrennen lassen, weil ich Sex toll fand. Aber manchmal kam ich morgens irgendwo wieder raus und dachte: „Man, hätte ich dafür mal Kohle gekriegt, dann hätte sich das auch gelohnt.“ Wieviele Männer sind sowas von  talentfrei. Da kannse 10x sagen wie und wo und… es scheint als würde man chinesisch reden.  Ich ärgere mich heute um diese vertanen Jahre, in denen ich so viel…nun, ich weiß nicht, ob ich mit 18 oder 20 wirklich soweit gewesen wäre, dass ich das hätte machen können.

Ich hatte damals eine neue Arbeitskollegin und wir freundeten uns an und ich hatte das mal geäußert dass ich das gern probieren würde. Sie meinte nur: „Hey, das habe ich vor 20 Jahren auch mal gemacht.” “Ich traute mich da nur nicht hin.” Weil dieses typische Klischee im Raum stand: Ich werde vom Chef eingeritten, ich muss alles machen und erstmal zeigen, was ich alles kann – Oh mein Gott. Du steckst da gleich drin in diesem Rotlichtmilieu. Böse Menschen und Drogen und Zuhälter.

Aber ich hatte echt Bedenken und saß beim ersten Besuch schüchtern da, wobei ich nicht zu den schüchternen Menschen zähle. Ich machte auf den Chef wahrscheinlich nicht so den Eindruck, als wenn das was für mich wäre.

Ich hab dann auch zwei Tage da gesessen, hab’ Geld verdient und nichts gemacht. Und wie dann der Erste kam, der mich fragte – alle machten sich Sorgen um mich – und als ich wiederkam hatte ich so’n breites Grinsen im Gesicht und sagte: “Ist alles super!” Kann heute nicht mehr nachvollziehen warum ich mir solche Sorgen gemacht habe. Es ist ja nicht das 1.mal. [Lachen] Und dann wuppte das. So ist das bei vielen Dingen im Leben, vorher hat man Angst und hinterher weiß man gar nicht mehr warum. Natürlich kommt man mit Wünschen in Berührung die man nicht erwartet hat. Aber ich hatte gute Kolleginnen die mir einiges erklärt haben. Aber ich war wohl ein Naturtalent. [lacht]

Und dann ist man mal hier, mal da und guckt sich verschiedenen Läden an. Aber nichts war vergleichbar mit dem ersten Laden. Im ersten Laden waren wir viele „Neue“ und wir verstanden uns super, wir waren ein super geiles Team und haben uns gegenseitig geholfen. Ich bin auch der Mensch, der gerne bleibt; ich war vorher zehn Jahre in einer Firma. Und das wollte ich eigentlich nicht ändern. Und ich finde das sollte in jedem anderen Job auch so ähnlich sein -, dass man einfach mal reingeht, ausprobieren und wieder gehen, wenn es nicht passt. Unsere deutsche Bürokratie macht vieles nicht leichter. Ohne Verpflichtung, ohne Bindung, das ist einfach superpraktisch. Ich finde, da kann man sich in der normalen Welt wirklich einiges von abschneiden. Klar, es geht natürlich nicht immer so, das ist auch klar, aber es gibt doch Jobs für die man wirklich nicht immer eine 3 jährige Ausbildung braucht.

sauerland

(c) tourist-online

Und dann kamst du hierher?

Da waren noch ein bisschen Zeit dazwischen, aber ja.

Wie kam es dazu, dass du Chefin wurdest?

Als die Option kam dieses Bordell zu übernehmen, wie war deine Überlegung, das zu machen. Da hängt ja viel Organisation mit zusammen oder etwas von deinem Geschäftsmodell.

[lacht laut] Klar, Geschäftsmodell. Das bestand doch schon! Ich war noch zu blöd und hatte da die 40 vor mir. Ist ja fast so wie beim Kinderkriegen, die magische 40 schwebt da über dir und danach ist Schluss. Heute weiß ich, dass ist absoluter Quatsch. Aber damals habe ich das eben so gesehen, oder geglaubt. Aber aus dieser Branche wollte ich auf keinen Fall mehr weg, weil es mir so gut gefiel. Damals hatte ich einen Mann kennengelernt, der sagte mir „Mensch, mach das doch, warum denn nicht?“ und ich dachte „Na gut. Verdammte scheiße, dann mach ich das halt.“ [lacht]

Mir scheint, dir ist manches, was du an die Frauen weitergibst, wichtig, weil du es selber halt auch mitbekommen hast. Wenn die Frauen zum Beispiel nicht küssen wollen, dann sollen sie es von dir aus verdammt nochmal nicht tun.

Genau.

Mit Blick auf deine Homepage – ich habe sie mir komplett angeschaut, mir auch alle Frauen angeschaut – da wird angezeigt, dass noch Kolleginnen gesucht werden –

Das haben alle Webseiten dieser Art.

…Auch, dass du da geschrieben hast, wer du bist. Da ist jetzt kein Persönlichkeitsprofil von dir, aber du hast da angegeben, dass das Haus unter weiblicher deutscher Leitung steht. Dadurch beantworten sich gleich beim Lesen gewisse Fragen sofort.

Da steht „Weibliche deutsche Leitung“ vor allem deshalb, weil – und ich zähle mich dazu- schon Anfragen vom „Chef“ hatte. Nicht die üblen Übergriffe die man sich evtl. vorstellt. Aber manch Chef ist sich selbst der beste Kunde und viele Frauen wollen einfach nicht angegraben werden innerhalb der Arbeit. Das ist wie in jedem anderen Beruf auch. Wobei es, wie in vielen anderen Bereichen auch immer Frauen gibt die ihren Chef angraben um.. keine Ahnung, bessere Bedingungen(welche das auch immer sein mögen) zu erhalten.  Viele Frauen lehnen einen männlichen „Chef“ ab.

Auch das ist ja ein Klischee welches ich öfter zu hören bekomme: Ach wenn die da ist, müßen wir unsere Männer verstecken. Das ist soo ein Quatsch. Wir sind doch keine Nymphomaninnen, keine Männer schluckenden Monster, die sobald sie einen Mann sehen feucht werden und den anspringen.

Bei dir kommen auch Studentinnen zu arbeiten, ist das üblich?

Ja.

Wie oft hatte ich den Gedanken „Ich brauche Geld“.

Es ist bestimmt lukrativer, im Bordell zu arbeiten, als 80 Stunden im Monat woanders zu arbeiten.

Ja, im Vergleich zu einem Catering-Job als Student*in auf jeden Fall. Da läufst dir 10 bis 12 Stunden die Hacken ab, dir tut der Körper weh, du bist total übermüdet, hast noch den Heimweg vor dir und das für vielleicht 10€ die Stunde, aber in der Regel 8,51€.

Aber das soll jetzt kein Rekrutierungsgespräch werden.

Ja, ich habe einige Studentinnen.

Ich habe auch schon Frauen in „normale“ Jobs oder in Ausbildung gebracht. Die trauen sich nicht, sich zu bewerben aus unterschiedlichen Gründen oder wissen einfach nicht, wie sie das angehen müssen.

Bei diesem Job hier habe ist damals gedacht: Das ist meins! Ich will nichts anderes mehr.

Na gut, ein Lehrberuf kann’s nicht werden. Aber für mich war das perfekt. Ich wollte niemals mehr aus dieser Branche weg. Ich würde bleiben, egal in welcher Form.

Kannst du in Worte fassen, warum?

Weil ich einfach wie dafür gemacht bin! Ich fühle mich wohl und ich weiß gar nicht wie ich das erklären soll.

Ja, ich kann das Wohlfühlen schon verstehen. Gerade durch die Gesprächen in der Küche. Das Gefühl kommt halt so, weil man schon im Bordell ist und es hier um Sex geht und da man einfach frei darüber reden kann. Wenn du sonst – auch mit deinen Freundinnen – sonst irgendwo sitzt, kommst du an diese Grenzen und musst schauen, ob du die jetzt überschreiten kannst oder nicht. Und hier sind diese Grenzen überhaupt nicht gegeben.

Ja, genau. Und ich bin irgendwie immer schon „anders“ – offener und bei weitem nicht prüde gewesen. Ich habe damit nicht hinterm Berg gehalten, als ich damals mit der Arbeit angefangen habe. Und wenn ich durch die Stadt ging damals, betrachtete ich so die Männer und dachte „Dich krieg ich auch noch“. Weil ich diese beschissene Prüderie zum Kotzen finde. Wir alle haben Sex. Wo ist das Problem?

Wie reagierst du auf Prostitutionsgegner?

Gar nicht. [lacht]

Was würdest du denen entgegnen?

Wenn wir jetzt zum Beispiel Gegnerinnen wären – Na gut, schlechtes Beispiel. Dann würden wir wahrscheinlich gar nicht hier sitzen.

Und nicht so auf dem Bett liegen. [Wir saßen schon lange nicht mehr. Wir lagen und kuschelten uns in die Matratze und Lehnen. So ein Gangbang-Bett ist groß-artig!]

Du merkst, ob jemand offen ist für etwas oder, ob jemand ablehnend ist. Frau Schwarzer wirst du niemals davon überzeugen können, dass das  ein toller Job ist. Obwohl ich mich freuen würde wenn sie uns besucht.

Frau Schwarzer würde einfach immer Gründe finden würde, warum der Job so schlimm ist. Weil sie eine einseitige Sichtweise haben und starrsinnig sind. Sie lassen keine Änderung der Sichtweise zu. Aber auch das hat doch jeder in seiner eigenen Art.

Natürlich! Wir sagen auch schon mal hinterher „Man, was war das denn!“ [kichert] Natürlich passiert das. Manche versuchen schon über die vorher abgesprochenen Leistungen hinaus zu gehen. Darin sehe ich meine Aufgabe, gerade bei jungen oder schüchternen Frauen die gerade eingestiegen sind, zu sagen, wie es richtig geht. Nicht jede Frau bietet jeden Service an und dann soll er sich diejenige suchen die dazu bereit ist. Wer bei Aufforderung dies zu unterlassen nicht aufhört muss leider gegangen werden. UND: DAS hast du in keinem anderen Beruf. Schwierige Kunden gibt es doch überall. Man kennt die doch. Ich habe auch Anfängerinnen von bestimmten Kunden ferngehalten, weil ich wusste wie die ticken. Der soll dann eine Erfahrene nehmen, die genau weiß, wie man damit umgeht.

Natürlich hat jeder Job Vor- und Nachteile. Aber das kann ja auch jeder selber entscheiden. Die ganzen armen Frauen, die immer von ihrem großen Unglück erzählen, dass sie sich 20 Jahre ihren geschundenen Körper verkauft haben und immer dem Willen des Mannes unterlegene waren, halte ich mal für absoluten Schwachsinn. Wenn man das mit dieser Einstellung anfängt ist es doch auch schon zum Scheitern verurteilt. Also wer daran zerbricht ist einfach falsch am Platz. Ich mein, alten Männern und Frauen die Windel wechseln, waschen, Fußnägel schneiden.. ist das denn so toll? Warum werden diese Menschen bewundert? Und ich weise darauf hin dass du in unserer Branche viele Altenpflegerinnen (soziale Dienste im Allgemeinen)findest. Ich habe schon mit Ärztinnen und Polizistinnen gearbeitet. Nichts was es hier nicht gibt. Für viele ist es einfach ein spannendes und geheimes Doppelleben.

Jede ach so gepeinigte Frau kann sich auch bei Aldi an die Kasse setzten. Aber das wollen sie nicht. Sie wollen ihr eigener Herr sein und das geht bei Aldi nun mal nicht(sorry, ist das Schleichwerbung? Das ist natürlich durch viele Möglichkeiten zu ersetzten).

Viele Sexarbeiterinnen haben ja noch einen normalen Job. Ich kenne einige, die sich Ausbildungen finanziert haben oder eine kleine Boutique damit eröffnet haben, durch ihre Arbeit hier.

Worauf achtest du bei der Auswahl deiner Mitarbeiterinnen?

Das kann man so pauschal gar nicht sagen. Nett sollte sie sein, ein freundliches Wesenhaben, man verbringt ja teilweise viel Zeit miteinander. Ich verlasse mich da auf meine Intuition und auf meine Menschenkenntnis.

****************************************************************

Warum ich mich nicht Feminist nennen kann

 Von Lucas

Trigger-Warnung: Dieser Text könnte dich triggern. Die Gründe sind vielfältig: Ich schildere Dinge, die andere Leute brutal oder ekelig finden könnten, weil das für den Text wichtig ist. Ich bin ein Cis-Mann und kritisiere in diesem Text ‘den’ Feminismus, der mir bisher begegnet ist und wie ich ihn kennen gelernt habe im Bezug auf meine eigene Identität. Das macht den Text subjektiv und das ist mir bewusst, aber ich möchte mit diesem Text auch meine subjektive Meinung äußern und eine Diskussion anstoßen.

Außerdem bin ich nicht gut darin, gender neutral zu schreiben, aber versucht habe ich es natürlich.


Hand, Mikrofon, Mic, Halten, Faust, Isoliert, Schwarz

via Pixabay

Ich glaube, es ist hilfreich damit anzufangen, wer und was ich bin. Ich bin 23 Jahre alt, ein Cis-Mann, weiß und ein Kind der oberen Mittelschicht. Das sind meine Privilegien gegenüber anderen Menschen, das ist mir bewusst und das würde ich niemals bestreiten, aber ich bin der Meinung, dass das oft nicht reicht um das auszugleichen, was ich noch bin: übergewichtig und schwerbehindert. Das bin ich auch, seit meiner Geburt. Das Übergewicht teile ich mit vielen Menschen aus meiner Familie und es stört mich nicht mehr. Warum ich behindert bin, weiß kein Mensch so genau, es gibt viele Möglichkeiten für das was ich habe, einen Hydrocephalus. Bei mir ist das eine Wasserblase in der Hirnhaut, die sich immer wieder mit Liquor füllt, also der Flüssigkeit, die unser Gehirn beschützt und was potentiell zu einem Hirndruck führen kann. Das wurde bei mir dadurch verhindert, dass mir ein Shunt eingesetzt wurde, der das überschüssige Liquor aus der Blase in meine Urinblase abführt. Dazu waren bei mir 17 Operationen notwendig. Das hat viele, sehr große Narben verursacht. Die Behinderung selbst führt zu Grobmotorik, einer Gleichgewichtsstörung und diversen anderen neurologischen Besonderheiten. Im Grunde war ich also einer dieser kleinen, dicken Jungs, die bei UPS-Die Pannenshow so oft umfallen. Vielleicht hasse ich diese Sendung auch deswegen, weil ich weiß, wie der Junge sich fühlt, besonders wenn er dann noch anfängt zu weinen und ihm zum 10tausendsten Mal gesagt wird: “Die indigene Bevölkerung Amerikas kennt keinen Schmerz!” (ihr wisst was ich meine). Das ist das, was er vom Patriarchat zu spüren bekommt: Cis-Männer weinen nicht, zeigen keine Gefühle und sind hart, auch wenn die anderen Kinder nicht mit dir spielen wollen, weil sie deine Narben gruselig finden oder dich für komisch halten, weil du behauptest einen Schlauch im Kopf zu haben. Auch wenn ein Mensch, den du toll findest, dich abweist, weil dieser die Ventile an deinem Kopf eklig findet, dann bleibst du hart. Sie sind es ja nicht wert und du bist immerhin ein Mann, dich hat so etwas kalt zu lassen! Frei nach dem Motto: Wenn der Ableismus der Gesellschaft dich zu Boden ringt, kommt das Patriarchat und tritt noch auf dich ein, während du am Boden liegst.

Nur stellt sich den Lesenden natürlich die Frage: Aber warum will er sich dann heute nicht als Feminist bezeichnen, wenn er davon ausgeht, dass das Patriarchat sein Feind ist?

Das, was mich gerettet hat, was kompensiert hat, dass ich nicht die ‘natürliche’ Begabung zur Härte hatte, wie nicht-behinderte Cis-Männer, war nicht ‘der’* Feminismus. Es war Metal. Das wurde meine Welt, denn dort wurde ich akzeptiert, wie ich war. Da warst du einfach hart, denn das bist du als Metalhead per Definition, egal wie dich der Rest der Welt sieht. Du bist dick? Ach, egal, sind viele von uns auch! Narben? Total true und die sieht mensch unter langen Haaren eh nicht. Dir wurde 17mal der Schädel aufgesägt? Klingt wie ein Death Metal-Song, total true! Hier, nimm noch diese dicken Stiefel, die sind auch true (und nageln dich mit ihrem Gewicht so fest auf den Boden, dass deine Gleichgewichtsprobleme gar nicht auffallen). Metal war meine Antwort auf diese Gesellschaft, auch auf das Patriarchat. Ob ich überlegt habe, wenn mein Vater mir 50 Euro dafür bezahlen wollte, dass ich meine Haare schneide, damit ich nicht mehr wie ein Mädchen aussehe? Nicht eine Sekunde! Nie, auch nicht beim tausendsten Mal. Denn Metal hat auch dafür gesorgt, dass mir egal wurde, was andere Leute über meinen Bauch denken, Metal wurde mein Leben. Bands wie Metalium (googelt die nicht, Metalbikinis auf jedem Cover >.>) haben mir gezeigt, wie ich Drachen erschlage, die sich in meinen Weg stellen. In Flames und Insomnium haben mir einen Weg gezeigt mit meinen Gefühlen umzugehen und sie nicht runter zu schlucken oder zu verdrängen und Bands wie Death Angel haben mir erklärt, dass ich nicht schlechter bin, weil ich anders bin, sondern, dass die anderen schlecht sind, weil sie damit nicht zu recht kommen. Und irgendwann haben mir Gloryhammer gezeigt, dass ich mich nicht so ernst nehmen sollte.

Und der Feminismus? Der trat dann mit Anfang 20 in mein Leben, als ich anfing mich politisch zu engagieren und auch, wenn die Gleichberechtigung aller Menschen mein erklärtes Ziel war, begegnete mir der Feminismus meines Eindrucks nach ganz offen feindselig. Wie oft ich als männlicher Metalhead mir von Feminist*innen anhören muss, wie schlecht die Metalszene doch ist. Mir werden Vorträge über toxische Männlichkeit gehalten, darüber wie Metal Stereotype von Männlichkeiten und Weiblichkeiten reproduziert und das mensch diese Szene doch ablehnen müsse, wenn mensch sich feministisch engagieren wolle. Immer und immer wieder muss ich mir das anhören und das oft auch von Menschen, die meiner Meinung nach privilegierter sind als ich. Aber das hat für mich nie zugetroffen, denn in meinen Bezugsgruppen, meiner Echo Chamber, war das nicht so, auch weil ich erst 23 bin. Für mich sind Menschen wie Jo Bench, Rob Helford, Angela Gossow und Freddy Mercury immer da gewesen und es hat mich nie gestört, dass sie Frauen oder homosexuell waren. Das stand für mich nie in einem Gegensatz zu der Härte, die Metal definiert. Mein Metal war nicht homophob oder sexistisch, für mich war mein Metal immer tolerant, er war das, was mich akzeptiert hat, wie ich bin. Er definiert mich und verschafft mir meine Identität und gibt mir die Kraft, das Patriarchat wie einen Drachen zu erschlagen, wenn es sich mir in den Weg stellt. Und dann kommt ‘der’ Feminismus und will mir meinen Metal ausreden. Aber ich lasse mir den Metal nicht ausreden. Nicht vom Mainstream, nicht von meinem Vater und auch nicht von ‘dem’ Feminismus.

Deswegen kann ich mich nicht Feminist nennen, auch wenn ich es eigentlich will.

*: Auch ich weiß, dass es viele Schattierungen des Feminismus gibt, deswegen die Anführungszeichen. Im Text meine ich den Feminismus, den ich in der Einleitung angesprochen habe.

*²: True sein, ist das cool sein der Metalszene. Wird auch gern trve geschrieben. Auf Anfrage führe ich das genauer aus.


 

Mansplaining // Feminismus im Pott zu Gast bei Frau TV

von Lilli Boheme

Männer erklären die Welt – Frauen sollen zuhören

Mansplaining

Bild: wdr.de

Wie ihr vielleicht (durch unsere dezente Eigenwerbung) mitbekommen habt, war Laura am vergangenen Donnerstag bei Frau TV zu sehen*. Franziska und ihr Team haben sie dafür auf dem Campus der Ruhr-Uni-Bochum zum Thema Mansplaining interviewt. Das war eine ziemlich aufregende Sache für uns, denn es war unser erster Fernsehauftritt. Leider konnten natürlich nicht alle Antworten von Laura in den Beitrag einfließen und daher möchten wir euch an dieser Stelle nochmal das gesamte Interview zu lesen geben:

Mansplaining – was ist das eigentlich?

Continue reading

When MAM explained things to me

 

Emilia Marty

Letztens wurde ich verbal überfallen. Ich möchte das gar nicht groß einleiten, keinen Spannungsbogen aufbauen, der euch langsam dahin führt, dass ihr euch in mich hineinfühlt, den Kontext versteht, aus dem heraus ich mich so elendig gefühlt habe, und der euch dann berechtigen könnte zu urteilen: „Ja, aber in einem anderen Kontext…” oder „Na, das war bestimmt nicht so gemeint, der hat vielleicht halt nur eine komische Art sich auszudrücken”. Es gibt sicher Situationen, in denen es berechtigt ist, dem Sprecher gewisse Aussagen zu verzeihen. Diese war keine solche Situation.

Continue reading

In was für einer Welt Leben wir eigentlich | Waxing für 12-Jährige – ein offener Brief

von Jolki Palki

Waxing

Foto: Jolki Palki

Liebes Wax in the City Marketing-Team,

heute Morgen war ich in einem eurer Studios in Berlin* und mein Blick fiel auf eine Broschüre, die in einem Blumentopf aus Plastiksteinchen lag (dass ich diese Dekoration nicht verstehe, ist eine andere Geschichte). Auf der Rückseite befand sich euer Angebot für Teenies zwischen 12 und 17 Jahren – was genaugenommen nicht einmal ein Teenie ist, denn ein Teenie wird man erst mit 13, davor ist man also noch: Kind!

Continue reading