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Trans Day of Remembrance – Gedenktag für Opfer transfeindlicher Gewalt

Trans Day of Remembrance – Gedenktag für Opfer transfeindlicher Gewalt published on 1 Kommentar zu Trans Day of Remembrance – Gedenktag für Opfer transfeindlicher Gewalt

Fee_ministisch

Für euch geht es um ein komisches Gefühl beim Pinkeln. Für uns um die Luft zum Atmen.

Für euch geht es um interessante Geschichten. Für uns um Blut auf dem Asphalt.

Jeden 20. November, dem Trans Day of Remembrance, gedenken wir den in diesem Jahr verstorbenen trans Menschen. Wir erinnern uns an die Geschundenen, Ausgestoßenen und Ermordeten. Wir sammeln ihre Namen und wiederholen sie – still für uns in unseren Zimmern oder in kleinen Gruppen. Wir wiederholen sie, damit sie nicht durch die Ritzen der Welt rutschen und verschwinden. Weil wir es nicht aushalten können, so zum Verschwinden gebracht zu werden.

Die Politik wird wieder rechtpopulistischer und das gesellschaftliche Klima wird wieder gewalttätiger. Trans Menschen werden umgebracht, einfach weil sie trans sind. Immer wieder tragen sich Situationen wie folgende zu: Ein Mann schläft mit einer Frau. Der Mann erfährt, dass die Frau, mit der er geschlafen, hat eine trans Frau ist. Der Mann tötet die Frau. Die Täter sagen, sie hätten in „Panik“ gehandelt, wenn sie sich vor Gericht verantworten sollen. Und Gerichte berücksichtigen dies strafmildernd.

Einige Menschen haben neben vielen anderen Eigenschaften, auch die Eigenschaft trans zu sein. Und wir leben in Gesellschaften, in denen es vielen legitim erscheint, diese Menschen zu töten, um eine fragile Vorstellung von Männlichkeit aufrecht zu erhalten. Kann man als trans Frau wirklich frei atmen in einer Welt, in der das Lebensrecht von trans Frauen gegen das Recht aufgewogen wird, sich nicht mit der Komplexität von Sexualität auseinanderzusetzen? Mit einem erhobenen Haupt in einen Bus zu steigen erfordert Mut.

Wir wissen in Deutschland nicht, wie viele trans Personen angegriffen, verstoßen und getötet werden, denn Deutschland erfasst Hassverbrechen als solche noch nicht. Hassverbrechen gegen Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung nehmen in Deutschland jedoch zu. Doch Gewalt gegenüber trans Personen wird hier nicht erfasst. Daher stammen viele unserer Zahlen aus den USA. Wir wissen, dass die meisten dort ermordeten trans Menschen Schwarze trans Frauen waren und sind. Ihre Gefährdung steigt weiter, wenn sie arm sind und/oder Sexarbeit nachgegangen sind. Wenn wir das (Über-)Leben von trans Frauen thematisieren dürfen wir Rassismus und Klassismus nicht unangesprochen lassen.

Doch selbst wenn ein Wunder geschähe und cis Menschen (1) von heute auf morgen aufhören würden, trans Menschen, insbesondere Schwarze trans Frauen, zu ermorden – das Leiden und Sterben ginge weiter. Wenden trans Frauen sich an die Polizei, so treffen sie hier auf weitere Gewalt. Trans Frauen werden zu Sexarbeiterinnen und versuchen ihr Überleben und ihre Transition zu finanzieren. Einige erkranken an HIV. Wenn trans Menschen zu Ärzt*innen gehen, erfahren sie eine schlechtere gesundheitliche Versorgung.

Wenn trans Personen medizinische Maßnahmen anstreben, müssen sie ihr Leben vor Gutachter*innen ausbreiten, die bestimmen, wer entlastende medizinische Maßnahmen erhalten darf und wer nicht. Die cis Personen halten es für interessant und legitim darüber zu diskutieren, auf welche Toiletten trans Menschen gehen dürfen oder sollen. „Besorgte Eltern“ und „besorgte Bürger“ wollen verhindern, dass Kinder, ob trans oder nicht, erfahren, dass es okay ist trans zu sein, und dass sie sich entwickeln dürfen wie sie möchten. Der Ekel gerade gegenüber Frauen, die nicht cis genug aussehen, ist oft geradezu greifbar. Menschen, die trans sind, versuchen etwa zehn Mal so häufig, sich das Leben zu nehmen wie cis Menschen. Ihnen fällt es schwer Orte zu finden, an denen sie sie selbst sein dürfen und Menschen, die sie annehmen wie sie sind.

why trans people need more visibility, Trans Sichtbarkeit
Infografik auf der Seite transstudent.org
Design: Landyn Pan

Auch wenn wir Zuflucht in den feministischen und queeren Communities suchen, sind wir nicht immer willkommen. Menschen die sich als Feministinnen bezeichnen sprechen trans Frauen wie trans Männern das Recht, ihre Identität selbst zu entwerfen und zu deuten. Sie wollen sie aus sicheren Orten und den Diskursen verbannt wissen. Immer wieder versuchen cis Homo- und Bisexuelle, trans Perspektiven und immer wieder auch die ganze Gruppe aus der Community zu vertreiben. Diesem Trend stellen sich zum Glück die Queerfeminist*innen entgegen, doch trans Personen, insbesondere transweibliche sind an Orten, die als „feministisch“ ausgeschrieben sind nicht automatisch willkommen. Nicht automatisch sicher.

Verdrängt und vertrieben, so machen sich viele trans Personen unsichtbar so gut sie können, indem sie sich nicht outen, indem sie viel dafür tun, nicht als trans sondern als cis gelesen zu werden. Uns wird beigebracht, uns zu verstecken. Vor den cis Menschen, vor der LGB-Gemeinschaft, vor uns selbst. Mit so viel Angst und so wenig Orten verschwinden wir. Durch cissexistischen Druck (2), durch transmisogyne Gewalt (3). Durch körperliche und psychische Probleme, die uns einschränken oder umbringen. Aus Angst und verinnerlichten Vorurteilen verstecken wir uns manchmal sogar voreinander. Und so verschwinden wir doch immer wieder in den Lücken der Welt.

Viele mutige trans Menschen möchten das nicht mehr hinnehmen, nicht mehr verschwinden, sondern eine Gemeinschaft aufbauen, in der wir gemeinsam mehr können als nur zu überleben. Sie schreiben Bücher (Janet Mock). Sie sind politisch aktiv (Chelsea Manning). Sie schreiben Lieder (Laura Jane Grace). Sie gedenken (FaulenzA). Wir feiern am 31. März den Transgender Tag der Sichtbarkeit. Sichtbar trans zu sein, bleibt eine Gefahr für Beziehungen, Berufe und das Leben. Die Reaktionen auf den Schritt in die Öffentlichkeit sind nicht vorhersehbar. Aber wenn wir ein paar sichere Orte, ein paar Orte an denen wir wachsen dürfen, aufbauen können, müssen viele von uns aufstehen, aufklären und zeigen, dass wir Menschen sind.

Und jedes Jahr zum Trans Day of Remembrance am 20. November zünde ich eine Kerze an und stelle sie in mein Fenster. Meist ist es nur ein Teelicht. Ein kleines Licht in den länger, dunkler und kälter werdenden Nächten des endenden Jahres. Und jedes Jahr versuche ich an alle trans Menschen zu denken die darum kämpfen am Leben zu bleiben. Und jedes Jahr sammle ich Kraft, um mit mehr Mut bejahender zu meiner eigenen Transsexualität zu stehen. Ich will mich einsetzen, um die Welt etwas offener und etwas freundlicher für alle trans Menschen zu machen. In der verzweifelten Hoffnung eines Jahres zu hören, dass kein Mensch sterben musste, nur weil sie*er trans war.

Ich lade euch ein, mit mir zu gedenken. Ich lade dazu ein, mit mir eine Kerze anzuzünden, mit mir gegen Cissexismus jeder Art zu kämpfen und den Aufbau von Gemeinschaften von und für trans Menschen zu ermöglichen und zu unterstützen. Anfangen kannst Du, wenn Du magst, mit einer Kerze in deinem Fenster.

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Hashtag für Twitter und Instagram: #TdoR

Glossar:

(1) Cis – Bezeichnung für Personen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, dass ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde und mit dem sie sich in der Gesellschaft identifizieren sollen.
(2) Cissexismus – Glaube, dass cis-Identitäten natürlicher, legitimer sind als Identitäten und Ausdrucksformen von trans Personen.
(3) Transmisogynie – Form der Abwertung, die sich insbesondere gegen trans Frauen richtet.

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