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„Nicht nur Mütter waren schwanger“ | Rezension

„Nicht nur Mütter waren schwanger“ | Rezension published on Keine Kommentare zu „Nicht nur Mütter waren schwanger“ | Rezension

von Silvana

„Nicht nur Mütter waren schwanger“ – ein Buchtitel, bei dem die ein oder andere Person vielleicht zunächst einmal aufhorcht und den Satz im Kopf rätselnd wiederholt. Denn, so könnte sich vielleicht der naive Gedanke aufdrängen, wer, außer Müttern, könnte bzw. kann denn sonst noch schwanger sein bzw. gewesen sein?

Wer sich diese Frage stellt, ist mit dem Buch gut beraten. Und alle anderen auch; diese queerfeministische Annäherung an das komplexe, emotionale, medial und gesellschaftlich verdammt aufgeladene Thema der Schwanger- und Elternschaft ist wirklich jeder Person ans Herz zu legen – egal ob Mutter, Vater, (schein-)schwanger, kinderlos, mit oder ohne Kinderwunsch oder etwas Dazwischenliegendes. Denn eines wird schnell klar: Das Thema ist ein kompliziertes, ein schwieriges und ein sehr persönliches; gleichzeitig ist es hochpolitisch und geht in gewisser Hinsicht alle an.
 
Der 2018 in der edition assemblage erschienene Sammelband von Alisa Tretau bietet Platz für, so beschreibt es der Untertitel, „[u]nerhörte Perspektiven auf die vermeintlich natürlichste Sache der Welt“. Unerhörte Perspektiven sind dabei jene Blickwinkel, die in der gesellschaftlich geläufigen Erzählung von Schwangerschaft (=heterosexuelles, cisgeschlechtliches, weißes und monogam lebendes Paar wünscht sich Kind(er) und bekommt dieses/diese) keinen Raum finden. Sie bleiben unsichtbar und somit auch die mit ihnen zusammenhängenden Ängste, Sorgen und Hoffnungen der Menschen, die sie betreffen.
 
Der Sammelband ist ein Ort, der laut übertönten Stimmen Raum zur Äußerung bietet. Der Platz schafft, um Gefühle zu äußern, die innerhalb der Debatte zu Schwanger- und Elternschaft scheinbar niemand hören will und die (wortwörtlich) so unerhört zu sein scheinen, dass sie auszusprechen einem Tabu gleichkommt. Es ist ein Ort, der

… zum Nachdenken über queere Familienkonstellationen und den Begriff der Familie selbst anstößt.
… innere Widersprüche und Gedanken des Zweifels und der Zerrissenheit offenlegt und uns sagt: „auch das ist okay!“
… Narrative aufbricht und alternative Erzählarten präsentiert: Welche Körper werden als ‚normal‘ und welche als abweichend wahrgenommen? Welche Biografien und welche Beziehungs- und Lebenssituationen sind ‚geeignet‘ dafür, dass sie einen Kinderwunsch beinhalten?
… mit einer transmännlichen Perspektive aufs Langzeitstillen oder Elternschaft in linken Communities auch innerfeministische Kontroversen und Strukturen aufgreift.
… Rassismen im Schwangerschaftsdiskurs klar aufzeigt.
… eine ganze Menge wissenswerter Informationen gut verständlich aufbereitet, zum Beispiel zu künstlicher Befruchtung, Fehlgeburten und Pränataldiagnostik.

Die Beiträge sind dabei so vielfältig wie ihre formale Gestaltung: Illustrationen (von Pia Eisenträger), Gedichte und Interviews sind ebenso vertreten wie persönliche Gedankenspiele, die den eigenen Zugang zu Thema Elternschaft beschreiben oder Erfahrungsberichte, die Situationen mit Mediziner*innen schildern. Die unterschiedlichen Autor*innen des Bandes setzen sich, jede*r auf eine eigene Art, mit dem Thema auseinander – Ausgangspunkt ist jedoch ein gemeinsamer (politischer) Konsens; ProChoice (für die vollständige Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen), die Notwendigkeit eines antiableistischen Vorgehens in der Beratung schwangerer Personen sowie eine strikte Ablehnung des Ausspielens der beiden Bereiche gegeneinander sind Grundsätze, die von allen geteilt und vertreten werden.

Das Buch ist in drei inhaltliche Teile – Wünsche, Katastrophen und Umgänge – unterteilt, die sich mit unterschiedlichen Facetten des Themas Schwangerschaft auseinandersetzen; einige der Beiträge sind in sich abgeschlossen, andere begleiten den*die Leser*in während der gesamten Lektüre und bauen aufeinander auf. Wieder andere Beiträge sind in wenigen Minuten gelesen, die Auseinandersetzung und die persönliche Verbindung mit dem Text bleibt aber langfristiger bestehen (okay, das trifft eigentlich auf alle Beiträge zu). Der Band endet mit einem Manifest, zu dem alle Autor*innen ihren Teil beigetragen haben. Das „Nicht nur Mütter Manifesto“ betont dabei die Dinge, die den Beitragenden des Sammelbandes beim Sprechen über und im Umgang mit Schwangerschaft und Elternschaft besonders wichtig erscheinen: Zum Beispiel gegenseitige Solidarität, die Überwindung eines vergeschlechtlichten Denkens über Schwangerschaft, das Erschaffen alternativer Narrative zur heteronormativen Kleinfamilien-Idylle, die Beendigung von Pathologisierungen oder die notwendige Politisierung des Themas.
 
Der Sammelband leistet einen wichtigen Beitrag zur queerfeministischen Debatte und erforscht eine Lücke, indem er die Möglichkeit schafft, in andere Richtungen zu denken, gängige Familienvorstellungen zu hinterfragen und unerhörte Perspektiven zuzulassen, die viel zu oft untergehen. Es gibt nicht nur diese eine Erzählung von Schwangerschaft. “Nicht nur Mütter waren schwanger“ – sondern zum Beispiel auch Väter, Kinderlose oder Eltern von Sternenkindern. Oder kürzer: Menschen. Mit all ihren komplexen Eigenarten, Hoffnungen, Träumen, Wünschen und Sorgen.

 

„Nicht nur Mütter waren schwanger.
Unerhörte Perspektiven auf die vermeintlich natürlichste Sache der Welt“
Alisa Tretau (Hg.)
edition assemblage
2018
ISBN 978-3-96042-041-5
Selbst gekauftes Buchexemplar

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