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Süßer kleiner Scheißdrache

Süßer kleiner Scheißdrache published on Keine Kommentare zu Süßer kleiner Scheißdrache

Von Chiara Fabri

Anfang des Jahres 2015 las ich in einem Artikel in der mobil, dem Magazin der Deutschen Bahn. Titel „Lesen früh fördern“. Der von einem ehrenamtlichen Großprojekt berichtet(e), bei dem Erwachsene in ihrer Freizeit in Schulen und Kindergärten zu Besuch kommen und dort den Kindern ein oder mehrere Zeit- oder Schulstunden vorlesen. Super Projekt. Irgendwann einmal werde ich hoffentlich auch die Zeit dafür verschenken können, Kindern und mir beim Vorlesen eine Freude zu machen und auf beiden Seiten zu lernen. Doch. Aber. Und dennoch. Muss ich. Leider. Dort stand eingangs:

„‘Bin ich wach oder träume ich?‘ dachte Felix, als er eines Morgens aufwachte und in seinem Zimmer ein Drache saß“, ließt C[…] V[…], „ein ganz kleiner Drache, so groß wie ein Kätzchen.“ Sie hält ein Bild des Drachens in die Höhe. „Der ist süß, oder?“, fragte sie in die Runde. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 2a der […]schule in […] nicken. „Jaaaaaaa!“, ertönt es mehrstimmig.“

 
Und so lernen sie im Kollektiv, dass ein Drache, der, klein wie ein Kätzchen, süß ist. Welcher Vergleichswert wird den Kindern ohne Ausscheren geradezu vorgebetet? Dass, was klein ist, süß ist. Dass, was die Höhe eines Kätzchens – keiner Katze, keinem Kater, eines Kätzchens – hat, süß ist. Hier wird ein Adjektiv 1 zu 1 übertragen. Ein Drache in dieser kleinen Größe ist süß.
Ist das kleine Drachilein das?

Ich denke, so ein kleiner Drache kann scheißegefährlich sein. Es kann übel aus den Ohren und dem Arsch riechen, unter den Schuppen kann sich giftiger Schleim bilden, der bei Berührung und leichtem Druck dickflüssig hervorquillt. Dieser Schleim löst Quaddeln auf der Menschenhaut aus oder juckende Reizung oder Übelkeit oder Taubheit. Oder der Drache speit Feuer. Ich meine, Feuer ist immer gleich heiß. Also in seiner Mindesthitze. Nach oben offen heiß. Ich meine, es gibt kein süßes kleines Feuer. Feuer ist nie süß und auch die Romantik im Feuer ist ein kategorisches Ignorieren von Gefahr.
Also. Warum werden die Kinder suggestiv gefragt? Warum wird nicht offen gefragt?
Weil die fragende Person es nicht kann. Weil die Zeit im Konzept nicht reicht. Weil die Phantasie der Kinder nicht einzuschätzen und unter Umständen nicht aufzuhalten oder (bitte nie) zu lenken ist. Weil nicht eingeplant ist, sich in der Frage zu verlieren,

was der Drache ist,

dahingehend, was ein Drache ist,
dahingehend, was ein Drache kann,
dahingehend, ob es Drachen gibt.
(Da ist ja sogar noch eine wichtige Frage zuvor noch offengeblieben, nämlich, ob das Kind in der Geschichte wacht oder träumt – Oder etwas dazwischen? – Kann man wachträumen? – Oder traumwachen? – muss man schlafen, um zu träumen? – Sieht man im Schlaf?).

Die Kinder lernen: Was klein ist, ist süß.
Und reagieren kollektiv mit Jaaaaaa.
Da ist kein Platz für eine andere Meinung.
Wer so eine hat oder bei wem diese gerade zu keimen beginnt, aber noch nicht in vier Buchstaben gießen kann, hat eben zu schweigen. Was Nein ist, hat zu schweigen. Du siehst es anders? Schweig. Du hörst doch das viele Ja. Das ist laut, dem wird zugehört. Das war schneller. Punkt. Ein kleiner Drache ist süß. Punkt.
Klein ist süß. Pung…t

Und diese klitzikleine Minifrage Ist dieser Drache nicht…? ist gar massig nicht größer. Sie ist süß und ungefährlich, weil sie so klein ist, diese kleine Frage. Ist doch nur eine kleine Frage und die Kinder, allesamt so klein, und antworten doch so süß. So süß im Chorleini.

Ich hatte einen rosa kleinen Plüschdrachen. So groß wie ein sitzendes Katzenvieh. Es gab noch einen gelben selben Drachen. Meiner bekam irgendwann rote Ruschwangen wie ein Clown. Später ärgerte ich mich über meinen Einfall, der Drache bräuchte unbedingt geschminkte Wangen; so wie die Klassenlehrerin der Parallelklasse. Süß fand ich den nie. Ich mochte ihn. Er war harmlos. Nett. Er tat gute Dinge. Das war außergewöhnlich für einen Drachen. Das machte ihn besonders. Freundlich.

Mir fällt auf, dieser Text ist klein; im Verhältnis zu den übrigen, die ich bisher verfasste.

 

 

scheissdrache rossmann

(Süßer kleiner Scheißdrache auf Taschentuchpackung)

Die Kommunistin, die niemals lächelte

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von der Bücherhexe

Choreographie, Collage, Comaneci

1976 war ein revolutionäres und schicksalhaftes Jahr für den rumänischen Turnsport: Nadia Comaneci – Wunderkind, Ausnahmetalent, Nationalheldin – betrat mit ernster Miene die Bühne des olympischen Wettkampfes in Toronto und löste Stürme der Begeisterung aus. Wenn man Videos der damaligen Choreographien sieht, versteht man warum das Publikum zu Tränen gerührt war – tatsächlich scheint da ein vierzehnjähriges Mädchen die Schwerkraft zu überwinden und übermenschliches zu leisten. Lola Lafon hat Comaneci nun einen bemerkenswerten Roman gewidmet, in dem sie ihr Leben rekonstruiert, ohne einen Anspruch auf Wahrheit zu erheben. Beim Lesen empfand ich eine plötzliche Euphorie für das Turnen, wie sie sich bei mir sonst nur beim Mitverfolgen großer internationaler Sportereignisse einstellt. Lafons Sprache ist dabei so voller Dynamik und Schwung, dass auch sie wie eine Turnchoreographie wirkt. Ihr Sportlerinnen-Portrait ist dabei äußerst klug aufgebaut: Die Autorin stellt ihr eigenes Bild von Nadia immer wieder in Frage, indem sie fiktive Dialoge zwischen Erzählerin und Hauptfigur einstreut. Gerade das Leben eines berühmten Menschen, dazu noch in einer Diktatur, geprägt von politischer Instrumentalisierung, muss zwangsläufig in verschiedenen, teils widersprüchlichen Versionen existieren. Die sportliche Leidenschaft, gepaart einem Drill und Druck neben dem Germany’s Next Topmodel wie ein anti-autoritäres Feriencamp wirkt, das Leiden der Turnerinnen an der„Krankheit Pubertät“, Zuneigung und Psychoterror seitens des Trainers, all das erzeugt ebenfalls eine Spannung zwischen innen und außen, zwischen öffentlichen und inoffiziellen Deutungen. Unterschiedliche Perspektiven auf Rumänien früher und heute, auf Ceaucescu-Diktatur, Wende und Postsozialismus sind elementare Bestandteile dieser lebendigen Collage, ebenso wie die grenzwertige Faszination des Westens für minderjährige Mädchen. Lafons Buch macht gerade durch seinen inhaltlichen und sprachlichen Reichtum neugierig auf noch mehr – Informationen über Nadia Comaneci gibt es online genug, wie ich in meiner frisch entbrannten Begeisterung festgestellt habe. Wir alle können uns also zusätzlich zum Roman unser eigenes Bild machen – oder auch mehrere.

Die Kommunistin, die niemals laechelte

 

 

Lola Lafon
Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte
Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke
Piper
€ 19,99
9783492056700

 

 

Linkhinweis: https://www.genialokal.de/

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Mama, wie cool bist du denn?

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Frau Fuchs

Ein Rückblick: Frühlingsopfer aufgeführt von She She Pop und ihren Müttern im FFT, Düsseldorf

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Bild: Doro Tuch

Wenn man dich mal genauer betrachtet – dich und deine Geschichte, dich und dein Wesen, dich und dein Leben – dann siehst du plötzlich ganz anders aus. Das tut man doch viel zu selten: Die eigene Mama als Menschen begreifen.

She She Pop machen das. Mit ihren Müttern. Einen ganzen Abend, in fünf Akte, zwei untermalt von Strawinskys wilder Ballettkomposition „Frühlingsopfer“. Und das kann bunt, heiß und sehr konfliktgeladen werden. Denn die vier Akteur*innen des Gießener Tanztheater-Ensembles kämpfen im Bühnenlicht des Düsseldorfer Tanzhauses NRW gegen die häufig übergroß erscheinenden Schatten ihrer Kindheit. Sie rebellieren gegen die Eigenarten der Erziehungskultur ihrer Mütter. Und die Mütter, deren projizierte Abbilder auf vier riesenhaften Leinwänden allmächtig und stark wirken (weil sie Mütter sind und gestandene Frauen?), sie erzählen von ihren Erfahrungen als junge Frauen, sie sprechen über die Opfergaben, die sie ließen, um Mutter zu sein. Sie sprechen über die Teile ihrer Persönlichkeiten, ihrer Körper, Bereiche ihrer Freiheit, die sie hergeben mussten, um ein Kind groß zu bekommen.

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Liebe Ronja von Rönne…

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von Fließbandbaby

vor ein paar Tagen bin ich durch deinen Text zum Feminismus auf dich aufmerksam geworden. Ich habe mich gefragt: Warum schreibt ein offensichtlich weder dummer noch ungebildeter Mensch derart unreflektiert über ein Thema, das er nicht verstanden zu haben scheint?

Da ich mich bemühe, nicht vorschnell zu urteilen, habe ich mehr Texte von dir gelesen, um einen umfassenderen Eindruck von dem Bild zu bekommen, das du selbst von dir im Internet zeichnest. Dabei habe ich einen Text gefunden, den ich noch viel schrecklicher fand: Der, indem du mir erklärst, warum ich psychisch krank bin. Ich möchte ihn nicht mehr im Einzelnen auseinandernehmen, das hat Tobi Katze schon auf wunderbare Weise getan, aber ich kann und will ihn auch nicht unkommentiert lassen.

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Bild: pinterest.com

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Apotheke verweigert den Verkauf der „Pille danach“

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von Feminismus im Pott

In der 17. Kalenderwoche wollte unsere Kollegin* in einer Apotheke die „Pille danach“ kaufen. Dieser Erwerb wurde ihr von x diensthabenden Mitarbeiter*in verweigert. Ihr wurde die „Pille danach“ NICHT verkauft. Und dies einundvierzig Tage nach dem 15. März 2015, seit dieses Notfallkontrazeptivum in der Bundesrepublik Deutschland rezeptfrei ist.

Folgende Mitteilung sendete sie an den Apotheker[sic!]Verband Westfalen Lippe.
Bisher ohne Reaktion. Da der Dialog noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden will und in Respekt vor der betroffenen Person, die sich weigerte, die „Pille danach“ zu verkaufen, ist die Mitteilung an dieser Stelle hier anonymisiert.

pilledanach3

Sehr geehrt—————–,

am 24. April 2015 versuchte ich die „Pille danach“ in der ———–Apotheke ————- in ——– bei ———————– zu kaufen.
Auf die Frage wofür ich sie bräuchte, sagte ich, dass ich sie im Notfall einer Verhütungspanne wie beispielsweise einem gerissenen Kondom schnell und sicher zur Verfügung haben möchte (Tatsächlich riet mir die Gynäkologin ——————- genau zu dieser Handhabe).

Mit folgenden Begründungen weigerte sich ————- mir das frei verkäufliche Produkt zu verkaufen:

1. —— würde ein Medikament, das bis vor kurzem noch verschreibungspflichtig gewesen ist, nicht einfach rausgeben.
2. Die „Pille danach“ sei ein Notfallmedikament und nur für Notfälle anzuwenden.
3. —— fühle sich nicht wohl damit, mir die „Pille danach“ zu verkaufen. Ich solle mich nochmal mit anderen Verhütungsmethoden auseinandersetzen.

Ich möchte mich auf Grund dieser Begründungen bei ————- beschweren.

zu 1. Es ist irrelevant, seit wann dieses Medikament rezeptfrei verkäuflich ist. Wie Ihnen wahrscheinlich bekannt ist, musste die deutsche Blockade der Freigabe der „Pille danach“ durch EU-Rechtssprechung beendet werden. Der deutsche Umgang mit der „Pille danach“ zeugt von vielem, nur nicht von seiner Angemessenheit. Den bisherigen Umgang weiterhin implizit als normativen Maßstab zu verwenden ist schlicht falsch.

zu 2. Ich gab wiederholt an, dass ich die „Pille danach“ ausschließlich im Falle eines Notfalls nutzen werde und ich selbstverständlich alles tue, damit kein Notfall entsteht.

zu 3. Ich halte die Schlussfolgerung von ————-, dass ich, da ich die „Pille danach“ für Notfälle kaufen möchte, mich nicht um eine solide Verhütungsmethode kümmern würde, für eine unprofessionelle und grenzüberschreitende Unterstellung.
Auch dass ————— betonte, dass —- sich nicht wohl damit fühle, mir dieses Medikament zu verkaufen, ist problematisch. Als auf meine adäquaten Erläuterungen zu ihren Begründungen nichts Entsprechendes erwidert werden konnte, wurde sich auf den holzschnittartigen Zirkelschluss, dass ein Notfallmedikament ein Notfallmedikament sei, zurückbezogen.

Der Diskurs, den unsere Gesellschaft zu diesem Thema pflegt, ist von einem paternalistischen Konservatismus geprägt. Ich empfinde es als bedenklich, wie ————— diesen Diskurs zumindest in dieser Situation fortgesetzt hat.

Mit freundlichen Grüßen
————–

 

pilledanach3

Realitätscheck**
„Die Einnahme der momentan gängigen (und politisch diskutierten) Präparate auf Levonorgestrelbasis kann zwar bis zu 72 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr erfolgen, ist aber effektiver, je früher das passiert. Denn 48 Stunden verdreifacht sich bereits das Risiko, ungewollt schwanger zu werden. Auf der sichersten Seite ist die Patientin sogar nur mit einer Einnahme innerhalb der ersten zwölf Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr. Und generell gilt: Je früher desto besser, weil wirksamer.
„Ungeschützt“ hat hierbei verschiedene Bedeutungen. Die „Pille danach“ sollte als Notfallverhütung angewendet werden
• wenn es gänzlich ohne Verhütung zum Geschlechtsverkehr kam,
• wenn vergessen wurde die „Pille“ pünktlich einzunehmen,
• wenn das Kondom des Partners gerissen, ver- oder abgerutscht ist,
• wenn zu befürchten ist, dass die Spirale (Intrauterinpessar) nicht mehr wirksam ist,
• wenn das Diaphragma oder die Portiokappe abgerutscht ist oder vorher herausgenommen   wurde,
• wenn die (eh sehr unsichere) Methode des Coitus interruptus oder die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode (auch Kalendermethode genannt) versagt hat,
• wenn eine Vergewaltigung vorliegt.

Wenn sie rechtzeitig eingenommen wird, ist die „Pille danach“ jedenfalls äußerst zuverlässig und kann in ca. neun von zehn Fällen eine ungewollte Schwangerschaft verhindern.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat Anfang 2014 für die „Pille danach“ auf Levonorgestrelbasis einhellig festgelegt, dass es keine medizinischen Gründe gibt, die dagegensprechen, die Rezeptpflicht aufzuheben. Mit derselben Feststellung hatte das Institut bereits im Jahr 2003 eine Empfehlung zur rezeptfreien Abgabe der „Pille danach“ ausgesprochen und sich dabei u.a. auf die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation berufen, die ebenfalls für einen schnellen Zugang ohne Umweg über die Rezeptabgabe plädiert. Levonorstrelbasierte Pillen sind: 1. Sehr sicher, führen 2. Nicht zu einer Abtreibung oder Schäden an einem eventuellen Fötus und haben 3. Keine negativen Auswirkungen auf die künftige Fruchtbarkeit. Nebenwirkungen sind unüblich und verlaufen allgemein sehr schwach, heißt es laut WHO.“

** aus: Anne Wizorek: Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M., 2014; 46f

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