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Tinder yourself

Tinder yourself published on 1 Kommentar zu Tinder yourself

von Frau Fuchs

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Lilli Boheme

Gefühlt tausendfach habe ich in diesem Jahr Männer getroffen. Begegnungen, in denen beide Gegenüber ihre Rolle spielten: Als Single, als Mann, als Frau, als interessierte Zuhörer*innen, als Selbstdarsteller*innen. „Guck mal, ich zeig‘ dir meinen Wert“. Is‘ wie in `ner Kunstauktion, alle glotzen dich an und du wirst gemäß deiner optischen Erscheinung, deines Formates, deiner Epoche und deiner Provenienz beurteilt. Ja und was war ich da bitteschön? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß bloß, dass mindestens vier der Männer, die ich traf, mit mir direkt eine feste Beziehung eingegangen wären und mindestens 9 Sex mit mir gehabt hätten, ohne wirklich dabei eine Ahnung davon gehabt zu haben, wer ich eigentlich WIRKLICH bin. Ich als Wesen. Ich als Mensch.

Hey, ich bin die Blondine von Samstagnacht.

Das ist so das, was ich bisweilen oft empfand, auch schon vor der Ära Tinder. Ihr wisst schon, dieser abartige menschenverachtende Online-Supermarkt, auf welchem man sich Menschen wie Produkte auswählt und zu Gemüte führt, wenn eine Bedürftigkeit vorliegt. Natürlich beruhend auf Gegenseitigkeit. Aber das ist nicht nur bei Tinder so. Das findet in allen Klubs dieser Stadt, dieses Landes, der westlichen Zivilisation statt, die einfach zu prosperierend lebt, unter zu viel Auswahl leidet, als dass man für irgendwen Dahergelaufenen die eigene Lebenszeit verschwenden würde. Tze. Wieso auch? Alle haben doch Probleme und was soll ich mich damit herumschlagen, wenn ich einen anderen, problemloseren Menschen haben kann? Alle wollen etwas erleben. Am liebsten ein emotional langanhaltendes Hochgefühl (um mal wieder etwas zu spüren) dicht gefolgt von hartem, hemmungslosen und erotikfilmtauglichen Sex. Egal, wer da jetzt in einem steckt bzw. in wem man steckt. Ist das die Kehrseite der Überfülle? Zuviel Auswahl, kein Ankommen? Angst vor Stillstand in einer Fortschrittsgesellschaft? Das is‘ nicht mehr so, wie früher bei Opa und Oma; früher, als die Welt noch klein war. Es ist nicht mehr so, dass es nur noch den Einen für ein ganzes Leben gibt, dem man rein zufällig an einer Straßenecke begegnete. Das Einzige, was beide Generationen, die meiner Großeltern und meine, gemein haben, das ist die Angst davor nicht durchzukommen, über die Runden zu kommen. Dass man untergeht, dass man vergessen wird. Als Mensch.

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Schöne Feiertage! <3

Schöne Feiertage! <3 published on 1 Kommentar zu Schöne Feiertage! <3

Liebe Leser*innen,

wir wünschen euch und euren Lieben (mit und ohne Weihnachten) eine erholsame Zeit. Lasst es euch gut gehen!

Wir möchten uns für eure Unterstützung bedanken und feiern eure 1000 Likes!

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Lilli Boheme

Zur Feier des Tages haben wir 10 Jutebeutel zu verschenken.

Jutebeutel

Ihr müsst nur die folgende Frage beantworten:

Was war dein feministischer Moment 2014?

Am 28.12 um 20 Uhr werden wir die 10 Gewinner*innen auswählen und auf der Seite veröffentlichen.

Wir freuen uns auf inspirierende Gedanken!

Ein Rückblick: Fantasien von Bedeutung. Bilder von Sexarbeit in Medien und Kunst

Ein Rückblick: Fantasien von Bedeutung. Bilder von Sexarbeit in Medien und Kunst published on Keine Kommentare zu Ein Rückblick: Fantasien von Bedeutung. Bilder von Sexarbeit in Medien und Kunst

von Lilli Boheme
(Erstveröffentlichung: Wir Frauen 4
/2014)

„FANTASIES THAT MATTER. IMAGES OF SEXWORK IN MEDIA AND ART“

Gemeinsam mit dem Missy Magazin schuf die Internationale Sommerkonferenz in der freien Spiel- und Produktionsstätte Kampnagel in Hamburg im Juli einen Raum, um die von Mythen, Fantasien und Projektionen durchdrungene Debatte rund um die Sexarbeit aufzuschlüsseln, neuzudenken und Platz für Heterogenität zu schaffen. Anliegen war der Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst mithilfe von Bildwissenschaftlerinnen*, Sexarbeiterinnen*, Künstlerinnen* und Medienmacherinnen*, die gemeinsam die Bilder von Sexarbeit analysierten. Das vielversprechende Programm aus Performances, Vorträgen und Diskussionen bot die Möglichkeit durch vielfältige Ausdrucksformen die brisante Thematik aus unterschiedlichen Positionen zu erfahren und zu diskutieren. Um die Vielstimmigkeit in der Sexarbeit zu umreißen, ist die Rezension mit Zitaten aus unterschiedlichen Quellen angereichert.

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Quelle: http://anniesprinkle.org/

„Was erzählt das Bild, das sich die Gesellschaft von Sexarbeit macht, über ihr Verhältnis zu Frauenarbeit, Sexualität und Sexualmoral, Gender, Migration und Armut?“, diese Frage begleitete durch das ganze Wochenende und war Antrieb für neue Denkanstöße. Trotz leichter organisorischer Pannen, die zum Teil lange Wartezeiten verursachten führten die Kulturwissenschaftlerin und Macherin des Missy Magazines Margarita Tsomou und ihr Kollege der Theaterwissenschaftler Eike Wittrock souverän durch das bunte und provokante Programm. Annie Sprinkle und Carol Leigh – zwei der bedeutendsten internationalen Figuren der Sexarbeiterinnen*-Bewegung inspirierten mit ihren Erzählungen aus ihrem Leben und ihren Kämpfen für die Selbstermächtigung von Sexarbeiterinnen*. Annie Sprinkle, die mit ihrem ausverkauften ‚Brüste-Ballet‘ den Auftakt machte, prägte die gesamte Konferenz durch ihre offene Art und ihre einnehmende Persönlichkeit. Ich bewundere ihre offene Art ebenso wie ihre klaren Urteile zu den Hintergründen der Sexarbeit:

„Ob sie eine Prostituierte, eine Stripperin, ein Porno-Star oder Leiterin eines Sex-Workshops sind, eine Sexpädagogin, Künstlerin oder ob Sie am Theater arbeiten und sich mit den Themen der Sexualität beschäftigen, es kann Ihnen passieren, daß Sie an etwas leiden, das ich Sexarbeiterinnen-Burnout nenne (SABO). Die Gesellschaft fördert die obengenannten Berufszweige/Karrieren/Menschen nicht. Es gibt bei uns allen sehr viel Voreingenommenheit und tiefsitzende Vorurteile, weil wir mit sex-negativen Haltungen aufgewachsen sind. (So wie wir auch rassistisch, homophob und klassenspezifisch erzogen wurden.)“ Annie Sprinkle*

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Rezension: Mr. Turner – Meister des Lichts

Rezension: Mr. Turner – Meister des Lichts published on

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     von Frau Fuchs

Der böse Mann

Mister Joseph Mallord William Turner war dieser eine Künstler, der im 19. Jahrhundert lebte und werkte. Wissen Sie? Umgeben von romantischer Sehnsucht und Frühindustrialisierung war er einer ambivalenten Weltauffassung ausgesetzt: Technischer Fortschrittsglaube und eine soziale Unfähigkeit jenen Fortschritt gesellschaftlich angemessen zu verarbeiten. Welch Kontrast, welch gesellschaftliche Zerrissenheit er doch miterlebte und künstlerisch verarbeitete. Wer würde seine eindrucksvolle Art der maritimen Malerei missen wollen?

Schiffe als Sinnbilder einer Sehnsucht, die nur mit dem Pinsel darzustellen war

Ein von der Natur mit dem richtigen Augenlicht und der richtigen Wahrnehmung beschenkter Mann, der sich in den südlichen Küstenörtchen des sich urbanisierenden Englands bewegte, sich mit seiner Kunst selbst finanzierte wie eine Vorform des Arbeitskraftunternehmers, seine Studienreisen zum europäischen Festland unternahm und Bilder imaginär, für die Fantasie sammelte. Ein Vorbote des Impressionismus und deshalb auf seine Weise sehr avantgardistisch. Aber was war das für ein Mann? Was war das für ein Mensch insbesondere im Kontext seiner Zeit?

Mike Leigh fängt genau dieses historische Moment, genau diesen spezifischen Bias der Zeit, diese besondere Farbgebung dieser Gesellschaft, die gerade auf dem Weg dahin ist, die Natur endgültig zu bezwingen, in seinem Film „Mr. Turner – Meister des Lichts“ ein. Mit langen aber nicht langatmigen Imaginationen finden die Zuschauer*innen Zugang zu Turners Kunst, indem sie beim Zusehen lernen, die Welt durch seine Augen wahrzunehmen, indem er es im Zusehen lernt nachzuempfinden Gesehenes in malerische Energie zu transformieren. Ein großes künstlerisches Handwerk, wenn man mal ganz von der Spucke absieht, die er seinen Farben bei Bedarf untermischt. Auch lernt der kunst- und geschichtsaffine Kinobesucher*innen Turners derb wahnhaftes Auftreten innerhalb der Royal Academy und deren internen Habitus kennen. Das zum zivilen Leben Turners. Aber so sehr legt Leigh nicht den primären Fokus auf die beruflichen Stellschrauben dieses Kunstschaffenden, laufen doch alle geschäftlichen und organisatorischen Dinge so nebenher. Der Alltag eines Künstlers im 19. Jahrhundert, das ist die subtile Grundmelodie, die Leigh imposant und in voller Breite spielt und beibehält.

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Wenn alle nur ich sind…

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… ein Rückblick auf die Ein-Frau-Performance „Imitations of Life“ (Analogtheater Köln)

  von Frau Fuchs

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Quelle: Analogtheater Köln

Das Ich als Kaleidoskop.

Ein Theaterstück mit Annika. Das ist die Schauspielerin, die sich für den Abend dem Publikum als Gastgeberin vorstellt. Auf der Bühne eine Rampe, auf welcher sie hektisch hinauf und hinunter toben wird, an der hinteren Wand links der leuchtende Schriftzug „Being natural is simply a pose“.
Annika verspricht Einblicke in ihr Persönlichstes und doch bleibt sie dabei artifiziell. Oder?
Eine Schauspielerin spielt sich selber – als Schauspielerin und Privatperson, aber wann ist sie die Eine, wann die Andere? Ich bin verwirrt. So, wie sie mit uns redet, dem Publikum, wissen wir nicht mehr, welche Annika und ob überhaupt „Annika“ vor uns steht.

„Me, myself and I“

Da sind ganz viele Annikas, wird man meinen. Obwohl nur eine Person auf der Bühne steht. Sie steht, sie tanzt, sie schlägt um sich, sie kämpft. Ein Aushandeln mit sich selber, darum WER frau ist. Diese ganzen Gesichter von Annika – wem kann der Zuschauer jetzt noch vertrauen? WER ist echt?

Und doch – trotz fehlendem Echtheitsgebot – schafft sie es, zieht uns in ihr gedankliches Labyrinth hinein, spaziert mit uns durch die philosophischen Überlegungen zum Thema Identität. Was sagt Fichte? Nitzsche? Kant? Sie diskutiert mit uns über die alten Schinken seit der Bewusstwerdung, der Erfindung des modernen Ichs. Da ist Annika plötzlich ganz privat mit uns im Kontakt, zeigt uns ihr Inneres durch ihre emotionalen Ausbrüche. Man bekommt immer mehr das Gefühl, dass man jetzt wirklich der ECHTEN Annika begegnet, ganz nah dran ist. Die Echte in ihrer reinsten Form. Wir sehen die Blöße ihrer Persönlichkeit. Sie erzählt von ihrem verstorbenen Vater, ein Mediziner, ihrer Zukunftsangst als junge Künstlerin, junge Frau in einer Welt mit zu vielen Möglichkeiten.
Ja, die Probleme kenne ich. Und du und alle. Aber…

Wenn alle nur ich sind – wo bleibt dann das wir?

Im Pausenplausch mit einem Zuschauer – so bei Wodka und Obst – entsteht noch mehr Intimität. Der Mann aus dem Publikum erzählt ihr von seinen Lebensumständen. Man könnte meinen man würde Zeuge eines Gesprächs bei der Trinkhalle, auf den Fluren der Arbeitsämter, der Bahnabteile, ja, der IKEAs dieser Welt. Eine Begegnung in einem zeitlosen Raum. Bis es weitergeht: Weiter mit dem Hadern um das Ich auf der Bühne des Alltags, das zusammengesplitterte Ganze, was immer wieder in Einzelteile zerfällt, scheiternd.

Tschuldigung, ich bin grad orientierungslos

Annika wird sich nie ganz finden, genauso wenig wie du dich, ich mich, wir uns niemals ganz finden werden. Wir begegnen nur unseren geklonten Schauspielern, viele mimetische Abbilder von dem, was im Gesamten unsere Hauptrolle, das ICH, ergibt. Da können Kant und Fichte und Nietzsche schreiben, was sie wollen. Die zu eingangs gestellte Frage, ob Annika nun die Echte oder die Schauspielerin ist…ob sie uns an der Nase herumführt, uns Nähe vorgaukelt… DAS alles ist Annika.

Ich ist ein buntes Treiben, nichts Physisches, ein ewig dynamischer Kampf der Einzelteile, um die Prägekraft in der Gesamtheit in unserem persönlichen Lebensfilm. Ich ist das, was am Ende bleibt. Ich ist alles von uns.

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